Diesseits und jenseits des Jordan
Autor: Heller, Adolf | Kategorie(n): Andachten | 625 x gelesenIn 5. Mo. 12, 7-10 lesen wir: “Ihr sollt vor dem Herrn, euerm Gott, essen und euch erfreuen, ihr und eure Häuser, an allem Geschäft eurer Hand, worin der Herr, dein Gott, dich gesegnet hat. Ihr sollt nicht tun nach allem, was wir heute hier tun, ein jeder, was irgend recht ist in seinen Augen; denn ihr seid bis jetzt noch nicht zu der Ruhe und zu dem Erbteil gekommen, das der Herr, dein Gott, dir gibt. Seid ihr aber über den Jordan gezogen, und wohnet ihr in dem Lande, das der Herr, euer Gott, euch erben läßt, und er schafft euch Ruhe vor all euern Feinden ringsum, so wohnet ihr sicher.”
Wenn uns das siebenfach geläuterte Gotteswort in seiner prophetischen und symbolischen Bedeutung aufzuleuchten beginnt, dann verstehen wir, daß das Gesetz ein Schattenriß zukünftiger Wohltaten Gottes ist (Hebr. 10, 1). Die ganze Geschichte Israels ist ja nach 1. Kor. 10 ein Abbild von uns oder ein warnendes Vorbild für uns.
Nun ist der Jordan, wörtlich: der Hinabstürzende, ein Bild des Todes. Deshalb singen auch viele christlichen Lieder, besonders solche aus dem Englischen, vom Todesjordan. Er trennt die Wüste ruheloser, gefahrvoller Wanderung von dem gesegneten Land der Verheißung und der Ruhe. Der Übergang über den Jordan spielt unter den Israel gegebenen Gotteszusagen eine wichtige Rolle. Das geht auch aus dem oben angeführten Wort hervor. Wie das Volk irdischer Wahl während seiner Wüstenwanderung noch nicht zur Ruhe Gottes und seinem Erbteil gekommen war (Vers 9), so sind auch wir, die Gemeinde des Leibes Christi. solange wir im Fleische wohnen und wandeln, noch nicht am Ziel unsrer Hoffnung und Sehnsucht, nämlich bei dem Herrn. Darum sehen wir in vielen Zusammenhängen in dem irdischen Kanaan ein Abbild der himmlischen Regionen, wohin wir bis jetzt erst im Geiste und im Glauben versetzt sind (Eph. 2, 6), wohin wir aber bald mit verwandeltem Herrlichkeitsleibe durch die wirksame Kraft unsres Herrn und Hauptes hinaufgenommen werden (Phil. 3, 20. 21).
Gleichwie Israel auf seiner Wüstenwanderung so handelte, wie es ihm recht dünkte in seinen eigenen Augen (Vers 8) und sich dadurch viel Gericht und Plage zuzog, so daß von den ausgezogenen, waffenfähigen Männern nur zwei das Ziel erreichten, so sind auch wir in einem Leibeszustand der Unvollkommenheit und des Noch-nicht-vollendet-seins und leiden oft unter unserm eigenen Fleisch und Blut. Wir brandmarken den Eigenwillen als Götzendienst (1. Sam. 15, 23) und sind dabei noch selber hartnäckig und eigensinnig, ohne daß wir es merken. Und die es sehen und darunter leiden, weil sie uns lieben, getrauen sich vielleicht nicht, es uns zu sagen.
Oder wir verkünden die Armut Christi und seiner Gemeinde und gehören doch zu denen, die unbedingt reich werden wollen und dadurch vor einem Fall stehen (1. Tim. 6, 9). Wieviele herrschsüchtige, durch und durch ichhafte Menschen rühmen sich ihrer Selbstlosigkeit und ihres Edelmutes und wissen nicht, wie es in Wahrheit um sie sieht. Ja, auch wir sind noch nicht zu der Ruhe und dem Erbteil gekommen, das Gott uns geben will und geben wird. Immer noch stehen wir diesseits des Todesstromes im Finsterniswesen einer Welt voll Sünde und Selbstbetrug, in die wir stärker hineinverflochten sind, als wir zu glauben und zuzugeben geneigt sind.
Die Verheißung, die Israel im 10. Vers von 5. Mo. 12 gegeben ist, wird sich gewiß in ihrer Vollerfüllung wunderbar bewahrheiten. Denn was Israel damals erlebte, war mir eine armselige Vorerfüllung und Teilerfüllung. Jede Verheißung wird aber einmal vollerfüllt werden. Wir wollen hier nicht von der Vergangenheits-, oder Gegenwarts-, oder Zukunftserfüllung aller Gotteszusagen reden. Nur soviel sei in unserm Zusammenhang gesagt: wie Israel ein mahnendes und ermunterndes Vorbild für uns ist, so ist Kanaan ein Abbild der Himmelsregionen.
Wie sich nun im Lande der Verheißung einmal das wunderbare Wort erfüllen wird: “Du sollst dich vor dem Herrn, deinem Gott, erfreuen in allem Geschäft deiner Hand” (Vers 18b), so werden auch wir in den Vollendungsäonen einmal erleben dürfen, daß wir uns “an allem Geschäft unsrer Hände” erfreuen werden. Denn das ist in der Jetztzeit keineswegs der Fall. Alles Geschöpfliche führt, nach außen gesehen, in den Zerfall und schließlich in den großen Weltenbrand, in dem alles aufgelöst wird, was kein Leben aus Gott hat. Von innen und in der Gegenwart geschaut, endet alles in unerfüllter und unerfüllbarer Sehnsucht, Schwermut und Verzweiflung. Wer das leugnet, kennt weder sich noch das Leben. Wesenhafte und bleibende Freude gibt es hienieden nirgends als in Christo Jesu, unserm Herrn.
Wir werden “diesseits des Jordans” innerlich nichts anderes erleben, als was Israel nach außen erduldete durch eigene und fremde Schuld. Daß jedoch bei aller Trauer der Seele und Schwachheit des Fleisches unser Geist voll heiliger Freude und Anbetung ist, ist eine andere Sache, wie es ja auch bei Israel einen Josua und einen Kaleb und viele ungenannte Heilige und Treue gab. Aber auch unser persönliches Leben steht unter dem prophetischen Christuswort, das sich an dem Herrn vollzog und auch an der Gemeinde, an Israel und am Weltenall erfüllen wird in immer größeren Kreisen: “Er geht hin unter Weinen und trägt den Samen zur Aussaat; er kommt heim mit Jubel und trägt seine Garben” (Ps. 126, 6).
Noch sind wir “Hingehende”, Wanderer zwischen zwei Welten, Pilger zur oberen, wahren Heimat. Aber wer weiß, wie bald wir, die wir noch weinend auf dem Nachhauseweg sind, heimgekommen sein werden, wo unsre Tränen in Jubel und unser Leid in Herrlichkeit verwandelt werden.
Laßt uns nie vergessen, daß wir jetzt noch diesseits des Todesstromes in der Wüste wandern, aber bald jenseits des Jordans sein werden, wo wir im ewigen Frieden Gottes sicher wohnen, unser unbeschreiblich köstliches Losteil in Christo besitzen und genießen werden und uns mit verherrlichter und unbeschreiblicher Freude an all dem freuen werden, was wir als Glieder des Christus zum Heil der ganzen Schöpfung tun und sein dürfen!
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 1954; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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