Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Was bedeutet die Entrückung der Gemeinde?

Autor: Heller, Adolf  |  Kategorie(n): Entrückung, Gemeinde  |  616 x gelesen

(Nach einer Tonbandaufnahme; man lese vorab 1. Thessalonicher 4, 13-18)

Wir wollen heute, meine Brüder und Schwestern, ihr Heiligen und Geliebten Gottes, auf das Thema eingehen: Was bedeutet die Entrückung der Gemeinde?

Ich bin überzeugt, daß viele unter uns den Text von 1. Thessalonicher 4, 13-18 auswendig gelernt haben und oft in ihren Gebeten benützen. Und doch, so möchte ich sagen, stecken in diesem Wort noch tiefe, uns kaum enthüllte Geheimnisse, von denen uns Gott vielleicht das eine oder andere zeigt.

So klar und einfach dieses Wort zu sein scheint, so schwer und tief und vieldeutig ist es. Man kann da manche Frage anschneiden. Doch ich möchte zunächst heute einen Überblick geben darüber, was denn die Entrückung eigentlich ist. Es gibt ja mehrere Entrückungen. Denn auch aus Israel wird ein Teil entrückt werden, der “männliche Sohn” (Offb. 12, 5). Das ist eine Gruppe aus Israel! — Und auch die beiden Zeugen der Endzeit, Mose und Elia, werden entrückt werden, nachdem man sie umgebracht hat und ihre Leichname dreieinhalb Tage lang auf der Straße gelegen haben (Offb. 11, 11 bis 12). Es gibt also mindestens drei Entrückungen, und wir sollten wissen, zu welcher wir gehören. Denn wir wollen doch solche sein, die in der lebendigen Erwartung stehen, die in dem Liedvers zum Ausdruck kommt, den wir sicher alle schon einmal gehört haben:

    Und kehr in den Himmel ich ein durch Sein Blut,
    ich werde kein Fremdling dort sein!

Die Dinge, die wir dort erleben werden, sollen uns bekannt sein, so daß uns zumute ist wie einem Heimkehrer, und nicht wie einem Fremdling, der angsterfüllt ein völlig fremdes Land betritt. Wir werden kein Fremdling dort sein, sondern “einheimisch” (2. Kor. 5, 8 Elbf. übs.; Phil. 3, 20). Darum gilt auch für uns: “Schick’ das Herze da hinein, wo du ewig wünschst zu sein!”

Entrücken heißt herausreißen

Entrücken heißt eigentlich “herausreißen” und hat eine doppelte Bedeutung:

  1. daß jemand, der in Gefahr schwebt, dem etwas Schweres begegnen könnte, wenn er an dem Ort bliebe, wo er ist, aus dieser Gefahr herausgerissen wird; und
  2. daß jemand, der herausreißt, für sich etwas haben will: er reißt etwas an sich.

Beides gilt in, wunderbarer Weise für uns:

1. Wir werden entrückt, weil die Drangsalszeit im Begriff steht, mit furchtbaren Auswirkungen, die niemals vorher so erlebt wurden, über die Erde zu kommen; und damit wir da nicht hineinkommen, damit wir nicht — ich will mich einmal ganz vorsichtig ausdrücken — den Höhepunkt dieser Drangsalszeit erleiden müssen, die zweiten dreieinhalb Jahre der letzten Jahrwoche, die schlimmste Gerichts- und Drangsalszeit, werden wir heraus oder hinweg von (ek oder apo; 1. Thess. 1, 10 Grundtext) der Drangsal entrückt. Das ist der eine Zweck der Entrückung. Der Herr Jesus will nicht, daß wir in diese furchtbare Drangsal hineinkommen, weil wir ja die Drangsal der Jetztzeit durchleben, indem wir “täglich sterben”; daher sollen wir nicht in die Drangsal der Letztzeit hineinkommen. Wir sterben in der Jetztzeit freiwillig, täglich; die anderen sterben in der Letztzeit unfreiwillig, gezwungen — nicht alle, aber sehr viele, auch unter den Nationen.

Wir müssen unterscheiden zwischen der Jetztzeit (das ist die ganze Zeit dieses bösen Äons) und der Letztzeit (das sind die 7 Jahre der Endzeit, auch genannt “jene Tage” oder “der Tag des Zornes” oder “die bestimmte Zeit des Endes”). Es gibt etwa acht verschiedene Benennungen für diese Drangsalszeit. In diese Zeit sollen wir nicht hineinkommen, weil wir vorher schon gestorben sind, täglich sterben. Wir sagen ja täglich der Welt und der Sünde und dem eigenen Ich ab und geben uns täglich neu dem Herrn. Das gelingt uns nicht immer, das ist ein Kampf; doch der Herr sieht die Herzen an und wertet die Entschlüsse unserer Herzen!

2. Entrückung bedeutet also das Herausgerissenwerden durch den Herrn aus einer furchtbaren Gefahr, damit wir in dieser Gefahr nicht umkommen. Er reißt uns aber auch deshalb heraus, damit Er, der Herr, endlich zu Seinem plärooma, d. h. zu Seiner Fülle oder Vervollständigung oder Ergänzung, komme, indem Er Sein sooma, Seinen Leib, an sich zieht (Eph. 1, 23). Denn wir bilden ja mit dem Haupte zusammen “den Christus”; denn “wie der Leib einer ist und viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich viele, ein Leib sind: also auch der Christus” (1. Kor. 12, 12). Und deshalb ist die Entrückung sowohl etwas, das uns aus großer Angst und Not und Schrecken (in die wir geraten können, wenn wir sehen, wie sich alles entwickelt und zuspitzt) herausreißt, als auch etwas, das um Seinetwillen geschieht; denn Er möchte endlich Seinen Körper, Seinen Leib, die gleichgestalteten, gleichgearteten Söhne und Erben Gottes (Röm. 8, 17. 29) und Ausführungsorgane Seiner kommenden Machttaten in Gericht und Gnade, bei sich haben. Wenn wir wüßten, mit welch einer Sehnsucht sich der Herr Jesus nach uns sehnt, würden auch wir uns mit größerer Sehnsucht nach Ihm sehnen!

Entrückung ist also sowohl ein Hinweg- oder Herausgerissenwerden aus dem, was als Gericht über Israel und die Nationen und die Erde hereinbricht, als auch ein Befreitwerden für Ihn, der sich nach uns sehnt, weil Er ohne uns ein “gliederloses Haupt” und somit nicht vollständig wäre! Meine Brüder, das müssen wir einmal durchdenken und durchdanken und durchbeten; dann wird es uns Besitz und Kraft und Freude und Auftrag. Das Wissen allein genügt nicht!

Was geschieht bei der Entrückung?

Wenn ein König zur Inthronisation oder zur Siegesfeier nach schwerem Kampf in das Königsschloß einzog, unter Glockengeläute und festlichen Gesängen, unter Jubelrufen, Kommandorufen und Fanfarenstößen, so begab sich der König vorher, am Abend oder in der Nacht oder am frühen Morgen, ganz persönlich zu seinen Lieben, die ihm am nächsten standen und denen er am nächsten stand; danach erst trat er im königlichen Schmuck, vielleicht mit seinen Lieben, auf den Balkon oder auf eine aufgestellte Bühne, um vom Volk begrüßt zu werden; da gab es dann Posaunenstöße und Kommandorufe der Generäle an die aufmarschierten Truppen und das Jauchzen des Volkes. Und genauso geht es auch bei der Entrückung! Da kommt der Herr zunächst nur bis in die Luft, und wir werden zu Ihm hinaufgehoben, und Er vereinigt sich mit uns, und dann erst kommt Er herab vom Himmel, mit uns, den Gliedern Seines Leibes.

Und deshalb ist die Entrückung nicht nur für uns eine Befreiung, größer und schöner und strahlender und beglückender, als ich es mit Worten sagen kann, sondern auch für Ihn ein Ereignis von größter Tragweite: nun bekommt Er Seine Glieder, Seine Ausführungsorgane, ohne die Er die zukünftigen Aufgaben am Weltenall in Gericht und Gnade nicht erfüllen kann und nicht erfüllen will. (Zwischenbemerkung von Arthur Muhl: “Das ist auch die Antwort auf die Frage, weshalb in den vergangenen 2000 Jahren, was ein Reich Gottes auf Erden betrifft, fast so gut wie nichts geschah: weil die Ausführungsorgane des Erlösers noch nicht da waren.”)

Wenn also der König kommt, dann kommt Er zunächst ganz privat zu den Seinen, zu Seinen Angehörigen, Seinen allernächsten Vertrauten, und dann erst kommt Er offiziell für alle — mit Musik und Paraden und Fahnen und Lampions und Fackelzügen und allem Zubehör. Das alles ist bei den Seinen nicht nötig. “Der Herr selbst wird kommen” (1. Thess. 4, 16). Er selbst wird ganz persönlich die wunderbarsten Dinge ausführen, die Er keinem Engel anvertraut. Die Errettung Israels hat es mit Engeln zu tun (Matth. 24, 31), um aber uns abzuholen, kommt “Er selbst”. Das ist der erste Teil Seines Kommens, im Lufthimmel, ganz persönlich und verborgen. Dann wird im Radio bekanntgegeben: “Geheimnisvolles Verschwinden vieler Menschen — unerklärlich.” Niemand hat etwas gesehen oder gehört. Aber wenn Er dann wiederkommt, um Sein Reich aufzurichten durch Gericht und Gnade, dann tritt das in Erscheinung, was hier in einem Atemzug genannt wird: dann wird die “Stimme eines Erzengels” gehört werden, und die “Posaune Gottes” wird geblasen werden; dann geht es um Israel! Dann wird auch wieder das erste Bild unseres Textes weitergeführt: Auferstehung der Toten und Verwandlung der Lebenden. Dann kehrt die Schilderung wieder zu dem ersten Stück zurück. Wir finden das öfter in der Bibel, denn die Bibel spricht nicht nur chronologisch, indem sie ein Ereignis nach dem anderen schildert, sondern in Zyklen, in Kreisen. Als ich das verstand, fing ich auch an zu begreifen, warum die Bibel oft Dinge zusammen nennt, die in Wirklichkeit weit voneinander entfernt liegen. Und so glaube ich auch, daß die Stelle 1. Thessalonicher 4, 13-18 eine Synopsis ist, d. h. eine Zusammenschau von Ereignissen, die verschiedener Art sind und doch eine Einheit bilden. Dazu noch ein zweites, viel einfacheres Bild:

Wer wird entrückt werden?

Ein Schuhmachermeister räumt abends seinen Tisch auf, auf dem eine Menge von Nägeln liegen, Holznägel, alte und neue, Eisennägel, krumme und gerade, alles durcheinander. Nun will er diese Nägel sortieren und die Holznägel in einer Schale sammeln und die Eisennägel in einer anderen Schale. Wollte er sie alle einzeln aussortieren, so würde das sehr lange dauern! Das macht er anders: Er fährt mit einem starken Magneten zwei- bis dreimal über den Tisch und streift alles, was an den Magneten gesprungen ist, ab in die eine Schale. Die Holznägel bleiben übrig, und sie sammelt er in die andere Schale.

Die Holznägel sind ein Bild für die Unerretteten, die nicht in Christo sind, die nicht den Heiligen Geist und eine neue, göttliche Natur besitzen; die Eisennägel sind solche, die dieselbe Natur haben wie der Magnet. Eisen springt an Eisen, aber Holz springt nicht an Eisen. Und so haben wir in dem darüberfahrenden Magneten ein Bild auf den wiederkommenden Christus, der alle an sich zieht, die gleicher Natur, gleichen Charakters, gleicher Gesinnung mit Ihm sind, die Ihm gehören, die das Leben aus Gott haben. Diese springen Ihm geradezu entgegen — wie die Eisennägel an den Magneten.

Nun aber kommt eine interessante Frage. Die schönen, neuen, geraden Eisennägel springen an den Magneten. Da liegen aber auf dem Schustertisch auch alte, krumme, rostige, verschmutzte Eisennägel — springen die auch an den Magneten? — Jawohl! — Aber sie sind doch so rostig und schmutzig? — (Arthur Muhl: “Die springen höchstens nicht so rasch!”) ­Da liegen aber auch ganz neue Holznägel, beste Qualität, teuerste Sorte; nimmt der Magnet auch diese mit? — Nein, nein, sie bleiben liegen; denn sie sind Holz und nicht Eisen! Die Eisennägel, auch wenn sie vielleicht angerostet sind, unschön, verbogen, unbrauchbar, so daß sie erst eingeschmolzen werden müssen, damit dann neue Eisennägel aus ihnen werden — sie springen an den Magneten.

Das ist nun ein treffendes Bild für die Entrückung. Entrückt wird, wer Seines Geistes, Seines Charakters teilhaftig ist, auch wenn in seinem Leben noch manches “verbogen” ist. Sind wir nicht alle miteinander noch in manchen Dingen verbogen, schief gewickelt und krumm? (Einschub von Arthur Muhl: “Dazu sagt Salomo in Pred. 1, 15: ‘Das Krumme kann nicht gerade werden’, d. h. auf dem Boden der Schöpfung. Was einmal krumm ist, das ist und bleibt krumm; nur Gott selber kann durch Einschmelzen etwas ganz Neues daraus machen.”)

Die große, zunächst einzig wichtige Frage ist die: Bin ich ein Eisennagel oder Holznagel? Die Frage ist nicht: Bin ich schön und gerade und fleckenlos — das ist nicht die erste Frage. Bin ich erblich belastet, habe ich Charakterschwächen, habe ich Depressionen, habe ich noch böse Neigungen — das ist nicht die primäre Frage, sondern allein: Bin ich Holznagel oder Eisennagel? Bin ich Jesu Christi Eigentum geworden, indem ich mich und meine Sünden losließ und hergab und einen Schritt der Ganzhingabe vollzogen habe? Das ist die entscheidende Frage. Und da mögen noch so schöne “Holznägel” da draußen spazieren gehen, moralisch sauber, anständig, intelligent und wertvoll — wer nicht Eisennagel ist, wer nicht Seines Charakters teilhaftig wurde, wer nicht hineingestorben ist in Ihn, kann nicht entrückt werden, er sei noch so nett und fromm und anständig!

Entrückt wird, wer dem Herrn gehört, wer ein Eisennagel ist, auch wenn er noch in seinem Wesen und Charakter Dinge feststellt, die noch nicht gottgemäß sind. “Nicht, daß ich es schon ergriffen habe oder schon vollendet sei” (Phil. 3, 12), sagt selbst Paulus. Daß so ein krummer, rostiger Eisennagel nicht gleich wieder benützt werden kann, daß er erst eingeschmolzen und neu gegossen werden muß, das ist eine zweite Sache (1. Kor. 3, 15). Das sind Dinge, die an der Preisrichterbühne Christi (bäma; 2. Kor. 5, 10) erledigt werden. Dann wird auch der letzte Rost beseitigt werden, dann macht Gott alles gerade. (Zwischenbemerkung von Walter Becker: “Das darf aber, Geschwister, keinen falschen Trost für uns bedeuten, das darf uns nicht davon abhalten, den Rost hier unten schon abzulegen. Wir dürfen uns nicht damit trösten: Droben wird das alles in Ordnung gebracht — wollen wir doch versuchen, den Rost hier schon im Selbstgericht wegzutun!”) — Ja, wir gehen vieler und schwerwiegender Dinge verlustig, wenn wir das versäumen: Wir verlieren Lob, Lohn und Krone (1. Kor. 4, 5; 3, 14; 9, 25); außerdem entscheidet sich daran, welchen Rang und welche Würde wir einmal einnehmen dürfen; denn es gibt ja Sterne von ganz unterschiedlicher Leuchtkraft (1. Kor. 15, 41). Welche Funktion im Leibe Christi wir einmal einnehmen dürfen, ist von solchen Dingen der Treue abhängig! Aber wer wirklich dem Herrn gehört, wird sich nicht damit trösten: Ach, mein “Rost”, den ich eben an mir habe, der stammt von meiner Oma; die war auch schon so — sondern er wird im Glauben damit rechnen: Die Kraft des Heiligen Geistes ist stärker als die Erbanlagen. Gott ist stärker als die Erbanlagen, Er ist stärker als die tief eingewurzelten Sünden. Gnade ist stärker als die Sünde. “Wo die Sünde mächtig geworden, ist die Gnade noch überströmender geworden” (Röm. 5, 20). Das sagt die Schrift, und das dürfen wir erlauben und erfahren.

Meine Lieben, das sind ganz ernste Dinge, und ich muß jetzt die Frage stellen: Ist hier noch ein “Holznagel”? Oder haben wir alle unser Leben so total dem Herrn gegeben, haben uns zu Ihm ziehen lassen, daß Seine Liebe in uns erglüht ist und wir nur noch wünschen, alles daranzugehen, um Ihm ganz zu gehören und verklärt und vollendet zu werden in Sein Bild? Wer so innerlich steht, ist ein “Eisennagel”; wer aber meint, mit seiner Bravheit und Frömmigkeit könne er auch noch den Himmel erreichen, der ist ein “Holznagel”! Und ich bin überglücklich, sagen zu dürfen, was ich jetzt behaupte: Ihr könnt in dieser Stunde — in dieser Vormittagsstunde — aus einem “Holznagel” in einen “Eisenriagel” verwandelt werden, wenn ihr euer Leben dem Herrn gebt und von dem himmlischen “Magneten” euer Herz zu Ihm ziehen laßt!

Was bedeutet die Entrückung?

Und nun möchte ich wenigstens eine Aufzählung geben zu der Frage: Was ist die Entrückung? Und was bedeutet die Wahrheit von der Entrückung?

1. Die Wahrheit, daß wir vom Herrn entrückt werden, wenn wir Ihm gehören, ehe die Drangsalszeit kommt, daß wir herausgerissen werden ­weg von der Drangsal an Sein Herz — diese Wahrheit ist uns in der Endzeit, der wir entgegengehen und in deren Anfängen wir stecken, ein starker Trost. Deshalb lasen wir auch in 1. Thess. 4, 18: “Tröstet einander mit diesen Worten!” Es ist der einzige, stärkste, bleibende und durchschlagende Trost. Ob wir Angehörige verloren haben, ob wir auf Erden zu kurz gekommen sind, ob wir in Leiden stehen — unser Trost ist: Der Herr kommt wieder und reißt uns aus allem heraus, nimmt uns zu Sich, zieht uns an Sein Herz und vollendet uns.

2. Die Entrückung ist ein Geheimnis. “Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden” (1. Kor. 15, 51). Wir denken zurück an das Bild vom König, der, ehe er vor die Öffentlichkeit tritt, insgeheim zu seinen nächsten Angehörigen eilt, zu seiner Frau, zu seinen Kindern und vielleicht zu seinen nächsten Freunden. — Das Wiederkommen des Herrn zum Gericht dagegen ist kein Geheimnis! Da sehen Ihn aller Augen, da stehen Seine Füße auf dem Ölberg, da kommt Er mit richterlicher, kriegerischer Gewalt.

3. Die Entrückung ist, das habe ich bereits angedeutet, ein gewaltsames Hinwegreißen, weg von der Welt und ihrer Drangsal (oder nach anderer Lesart: aus ihr heraus) und hin an Sein Herz! (1. Thess. 1, 10).

4. Die Entrückung ist ein Versammeltwerden zu Ihm hin (2. Thess. 2, 1) und damit zugleich auch ein Versammeltwerden aller Kinder Gottes. Auch die Gläubigen aus fernen Erdteilen werden wir dann sehen und zusammen mit ihnen vor Ihm stehen, vor Seiner Preisrichterbühne. Indem wir zu Ihm kommen, kommen wir auch untereinander zusammen! Es ist wie bei einer Bergbesteigung: Die Leute steigen von ganz verschiedenen Seiten den Berg hinauf, aber je mehr sie sich der Spitze nähern, kommen sie auch untereinander näher zusammen, und ganz oben auf dem Gipfel sind sie alle beisammen. Und so werden dann alle Gläubigen äußerlich und innerlich zusammengekommen sein, wenn sie vor Ihm stehen. Dann endlich ist die Einheit der Kinder Gottes erreicht!

5. Die Entrückung ist eine Verklärung, ein Verwandeltwerden (1. Kor. 15, 51). In dem Augenblick, wo der Herr uns holt und wir mit magnetischer Liebesgewalt “emporgehauptet” werden (um dieses biblische Wort aus Eph. 1, 10 zu gebrauchen), in diesem Augenblick besteht unser Körper aus anderen Substanzen; dann ist alles, was uns jetzt beschwert: Schwachheit, Krankheit, Schwerkraft, Undurchdringlichkeit, abgetan. Gerade die beiden zuletzt genannten physikalischen Gesetze machen uns ja heute schwer zu schaffen: wir möchten uns in die Lüfte erheben, fliegen können wie ein Vogel, und fallen doch immer nach unten — das Gesetz der Schwerkraft. Und das Gesetz der Undurchdringlichkeit sagt uns: Wo ein Körper ist, kann nicht gleichzeitig ein anderer Körper sein. Dieses Gesetz gilt aber für unseren Auferstehungskörper nicht mehr; denn der Herr Jesus ist als Auferstandener durch die verschlossenen Türen hindurchgegangen, und wenn wir einmal hinaufgenommen werden, brauchen wir nicht erst zum Fenster oder zur Tür zu gehen; denn die Materie kann uns dann nicht mehr halten. Dann sind wir von allen Gesetzen des Irdischen, der Niedrigkeit, der Schwachheit, der Hinfälligkeit, von Krankheit, Sündenmöglichkeiten und Sündenerinnerungen auf einmal befreit, und zwar “en atomoo”, in einem Nu, in einem Augenblick, beim Zwinkern eines Auges. Das ist eine Verklärung: Er wird unseren Leib der Niedrigkeit verklären bis hinein in die Gleichförmigkeit mit Seinem Leibe der Herrlichkeit (Phil. 3, 21 und 1. Joh. 3, 2). Das ist unvorstellbar! Nie mehr Schmerzen, nie mehr Leid, nie mehr Übelkeit, nie mehr Mißmut, Gereiztheit, Neid, Streit, Bosheit, Hochmut — nie mehr, diese Dinge sind dann gar nicht mehr möglich, denn wir sind verklärt in die Gleichheit Seiner Herrlichkeit.

6. Die Entrückung ist ein Triumph, ein Sieg ohnegleichen. Schneller als eine Rakete wirst du die Himmel durcheilen, und nie mehr hat deine Laune, hat die Sünde, hat der Teufel einen Sieg über dich. In der Freude Seines Sieges sind auch wir Sieger.

7. Die Entrückung ist eine Verheißung für die ganze Schöpfung; denn damit beginnt die Verheißung von Römer 8, 19-22 sich zu realisieren. Die ganze Schöpfung wartet ja auf unsere Enthüllung, während wir heute noch Verhüllte sind, in, Angst, in Schwachheit, in Niedrigkeit, in Armut, in Sünde, in Not, in Grauen. Dann aber werden wir enthüllt, offenbar, Ihm gleich, und nach diesem Augenblick sehnt sich die ganze Schöpfung (1. Joh. 3, 2; Röm. 8, 19). Du sehnst dich vielleicht nicht danach, aber der Herr sehnt sich danach, und ebenso die ganze Schöpfung. So steht es geschrieben, und darum glauben wir es. Die Bäume und die Berge da draußen, die Wolken, die den Himmel wechselnd überziehen, die Sonne und der Mond und die Sterne, die Totenreiche und die Geisterwelten, alles, alles, was ist, sehnt sich nach der Enthüllung der Söhne Gottes in Herrlichkeit! Und davon ist die Entrückung der Auftakt. Brüder, Schwestern, uns steht unsagbar Großes bevor, und es ist eine Sünde und Schande, wenn unser Herz darob nicht entflammt ist in heiliger Liebe und Dankbarkeit und in brennender Sehnsucht nach der Vollendung und wir nicht rufen: “Komme bald, Herr Jesus, daß die Sehnsucht der Schöpfung und des Herzens des Vaters und Deines Herzens gestillt wird!” Brüder, das ist das Ziel! Es ist gewaltig und umfassend. Und dazu ist die Entrückung der erste Schritt. Es dauert nicht mehr lange — ob es 2 oder 3 oder 16 oder 18 Jahre sind, spielt keine Rolle –, und dann geschehen die Dinge, die ich jetzt versuchte mit schwachen, armen Worten darzustellen, die aber in Wahrheit viel größer und gewaltiger und beseligender sind, als es ein Menschenmund auszusagen vermag!

Amen.

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 1982; Paulus-Verlag; Heilbronn)

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