Christusämter nach Jesaja und dem Buch der Sprüche
Autor: Heller, Adolf | Kategorie(n): Das prophetische Wort, Erkenntnis & Wesen Gottes, Wort Gottes (Bibel) | 389 x gelesenA) Christus im Deuterojesaja
Im Deuterojesaja, wie man die Kapitel 40-66 des Propheten Jesaja nennt, wird das Lied der Größe und Erhabenheit Gottes in herrlicher Sprache und mit wunderbaren Worten gesungen. So wird z. B. Gott als gewaltiger Weltenschöpfer und allmächtiger Lenker der Menschheitsgeschichte dargestellt wie sonst kaum irgendwo in den heiligen Schriften.
Immer wieder hat man gestritten, wer wohl der Knecht des Herrn sei, von dem der Prophet so oft redet. Die einen sehen in ihm eine unbekannte geschichtliche Persönlichkeit aus der Zeit der Gefangenschaft, und andere glauben den treuen Kern innerhalb des Volkes Israel darin zu erkennen. Beide Auffassungen mögen richtig sein. Aber damit ist die eigentliche zentrale prophetische Bedeutung nicht aufgehoben, von der wir in Apg. 8, 26ff. lesen.
Philippus deutet dort Jes. 53, 7.8 auf den Herrn (vgl. Vers 34.35), und Jesu eigene Worte bestätigen uns, daß alle heiligen Bücher, also auch der Deuterojesaja, zutiefst von Ihm Selber handeln. So sagt Er in Joh. 5, 39 von den Schriften, also dem ganzen Alten Testament, daß sie von Ihm zeugen. Vgl. damit Lukas 24, 27.44!
Darum sieht der christozentrische Glaube auch im schlichten Gewand biblischer Persönlichkeiten und geschichtlicher Ereignisse die erhabene Gestalt des Sohnes Gottes aufleuchten in ihren verschiedenartigen Würden und Ämtern, Aufgaben und Diensten an Israel, den Nationen und dem Weltenall.
Wir wollen im Deuterojesaja den Christus Gottes in achtfacher Hinsicht betrachten und einen Blick für Seine Niedrigkeit und Seine Herrlichkeit, für Sein Dienen und Dulden, Sein Rächen und Retten und wunderbares Vollenden gewinnen.
1. Christus der Knecht
In Jes. 50, 5.6 lesen wir: “Der Herr, Jehova, hat mir das Ohr durchgraben (durchbohrt), und ich, ich bin nicht widerspenstig gewesen, bin nicht zurückgewichen. Ich bot meinen Rücken den Schlagenden und meine Wange den Raufenden, und mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.”
Was bedeutet das geöffnete (durchgrabene oder durchbohrte) Ohr? Es muß von tiefer Bedeutung sein, denn Gott stellt seinen Wert über den von Schlacht-, Brand-, Speis- und Sündopfern (Ps. 40, 6)! 2. Mose 21, 2.5.6 gibt uns die Antwort. Dort steht geschrieben: “So du einen hebräischen Knecht kaufst, soll er sechs Jahre dienen, und im siebenten soll er frei ausgehen, umsonst. Wenn aber der Knecht etwa sagt: Ich liebe meinen Herrn, … ich will nicht frei ausgehen, so soll sein Herr ihn vor die Richter bringen und ihn an die Tür oder an den Pfosten stellen, und sein Herr soll ihm das Ohr mit einer Pfrieme durchbohren; und er soll ihm dienen auf ewig.”
Das durchbohrte oder durchgrabene Ohr bedeutet also aus der Liebe geborene freiwillige Hingabe zu gehorsamem Knechtesdienst. Wer könnte in solch vollkommenem Umfang sagen, daß er sich das Ohr durchbohren ließ, wie Christus?
Jes. 55, 11 redet von dem “Wort”, welches das ausrichtet, was Gott gefällt, und das durchführt, wozu es gesandt wurde. Dieses Wort ist nicht nur das geschriebene, sondern auch das fleischgewordene Wort Gottes. Denn Joh. 1, 14 bezeugt: “Das Wort ward Fleisch und zeltete unter uns, und wir haben Seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als eines Eingeborenen vom Vater, voller Gnade und Wahrheit”, und Offb. 19, 11b-13 sagt von Christus, dem “Treu und Wahrhaftig” (vgl. Offb. 3, 14): “Er richtet und führt Krieg in Gerechtigkeit. Seine Augen aber sind eine Feuerflamme, und auf Seinem Haupt sind viele Diademe, und Er trägt einen Namen geschrieben, den niemand kennt als nur Er Selbst; und Er ist bekleidet mit einem in Blut getauchten Gewande, und Sein Name heißt: Das Wort Gottes!”
Wohl uns und aller Schöpfung, daß Christus, das wahrhaftige Wort Gottes, als treuer und gehorsamer Knecht jegliches Wohlgefallen Jehovas glücklich zum Ziele führen wird (Jes. 53, 10b)!
Wie umfassend der Dienst dieses Gottesknechtes ist, ersehen wir u. a. aus Jes. 49, 6: “Er (Gott) spricht: Es ist zu gering, daß Du Mein Knecht seiest, um die Stämme Jakobs aufzurichten und die Bewahrten von Israel zurückzubringen; Ich habe Dich auch zum Licht der Nationen gesetzt, um Mein Heil zu sein bis an das Ende der Erde.” Die Stämme Jakobs sollen wieder aufgerichtet und Israel zurück- und zurechtgebracht werden. Das ist aber nur ein Teil Seiner Aufgaben. Denn Christus soll auch das Licht der Nationen sein, um das Heil Gottes bis an das Ende der Erde zu tragen.
2. Christus das Lamm
Christus ist nicht nur Knecht, der sich in hingebendem Gehorsam verpflichtete, allen und jeden Willen Gottes zu tun; Er war auch das Lamm, das sein Leben als Sühnopfer und Lösegeld zum Heil der Welt freiwillig darlegte. Er, der “Fürst des Lebens” (Apg. 3, 15), war von dem verblendeten Volk Israel und den Nationen, denen Er überliefert worden war, nicht wert geachtet zu leben. So lesen wir in Jes. 49, 7: “Es spricht Jehova, der Erlöser Israels, sein Heiliger, zu dem von jedermann Verachteten, zu dem Abscheu der Nation, zu dem Knechte der Herrscher.”
In der folgenden Vershälfte bekommen wir einen Hinweis, daß der, der wie ein Lamm erwürgt wurde, weil man Ihn verabscheute und nicht des Lebens wert achtete, dereinst angebetet werden wird.
Gilt diese herrliche Verheißung nicht auch uns, Seinen jetzt noch verachteten und geschmähten Gliedern? Wieviel Herrlichkeit und Freude ausgleichender Gerechtigkeit wird es dereinst geben, wenn die Millionen unbekannter Christen, die von den römischen Kaisern als Staatsfeinde hingeschlachtet wurden, die auf den Scheiterhaufen und unter den Foltern der Inquisition ihr Leben ließen und die bis in unsere Zeit zu Tode gequält wurden, in strahlender, christusgleicher Auferstehungsherrlichkeit enthüllt werden!
Wohl die ergreifendste Darstellung von Christus, dem Gotteslamm, lesen wir in Jes. 53, 5-7: “Um unserer Übertretungen willen war Er verwundet, um unserer Missetaten willen zerschlagen. Die Strafe zu unserem Frieden lag auf Ihm, und durch Seine Striemen ist uns Heilung geworden. Wir alle irrten umher wie Schafe wir wandten uns ein jeder auf seinen Weg; und Jehova hat Ihn treffen lassen unser aller Ungerechtigkeit. Er wurde mißhandelt, aber Er beugte Sieb und tat Seinen Mund nicht auf, gleich dem Lamme, welches zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Schaf, das stumm ist vor seinen Scherern; und Er tat Seinen Mund nicht auf.”
Hier sehen wir das Kreuz im Lichte der Prophetie hell erstrahlen und lernen den Opfertod Jesu begreifen und darüber anbeten.
Christus war aber nicht nur Lamm und Schuldträger, sondern Er wurde für uns zur Sünde gemacht (2. Kor. 5, 21), so daß unsere Last die Seine, unsere Bedrängnis Seine eigene wurde. Was von dem Herrn im Blick auf Israel geschrieben steht, daß Er Selbst in all ihrer Bedrängnis bedrängt war (Jes. 63, 9), gilt in noch viel erhabenerer Weise im Blick auf uns, Seinen Leib oder Körper, mit dem Er auf das engste und innigste verbunden und zur Einheit geworden ist.
3. Christus der Erhöhte
Die Erniedrigung Jesu war nur etwas Vorübergehendes und Zeitweiliges, das wohl um des Heils der Schöpfung willen nötig war, aber im tiefsten Grunde nicht dem Wohlgefallen Seines Vaters entsprach. Wenn schon ein irdischer Vater Schmerz über das Leid und Weh seines Kindes empfindet, wieviel heiliger und reiner, stärker und tiefer muß da das Mitgefühl Gottes mit den Qualen Seines Sohnes gewesen sein!
Darum rückt auch Paulus nicht in erster Linie den Erniedrigten und Leidenden, sondern den erhöhten, verklärten und verherrlichten Christus ins Blickfeld unseres Glaubens und unserer Zukunftserwartungen. So spricht auch der inspirierte Apostel von dem in Herrlichkeit wiederkommenden Herrn weit häufiger als von den Todesleiden Seiner Niedrigkeit.
Nicht als ob die Erniedrigung Christi etwas Nebensächliches wäre! Hat er doch den Galatern Jesus Christus als gekreuzigt vor Augen gemalt. Aber die Erniedrigung des Herrn ist nicht das Bleibende und Zielmäßige, sondern nur Voraussetzung Seiner künftigen Würden und Gewalten, Seiner kommenden Gnadenentfaltungen und Vollendungsdurchführungen.
Schon im Deuterojesaja finden wir eine Reihe von Zeugnissen, die uns die Erhöhung des Herrn vor Augen stellen. Wie gewaltig ist z. B. das Wort, das Jehova-Christus in Jes. 43, 11-13 von Sich Selber sagt: “Ich, Ich bin Jehova, und außer Mir ist kein Heiland. Ich habe verkündigt und gerettet und vernehmen lassen, und kein fremder Gott war unter euch; und ihr seid Meine Zeugen, spricht Jehova, und Ich bin Gott. Ja, von jeher bin Ich derselbe, und da ist niemand, der aus Meiner Hand errette. Ich wirke, und wer kann es abwenden?”
Welch eine Majestät und Macht spricht aus Jes. 46, 9b-11, wo wir lesen: “Ich bin Gott, und sonst ist keiner; Ich bin Gott, und gar keiner wie Ich, der Ich von Anfang an das Ende verkünde, von alters her, was noch nicht geschehen ist; der Ich spreche: Mein Ratschluß soll zustande kommen, und all Mein Wohlgefallen werde Ich tun; der Ich einen Raubvogel rufe von Osten her, den Mann Meines Ratschlusses. Ich habe geredet und werde es auch kommen lassen; Ich habe entworfen und werde es auch ausführen.”
Selbst die bösen Mächte und Gewalten — wir dürfen unter dem “Raubvogel” geschichtlich Nebukadnezar, prophetisch und symbolisch aber den Antichristen bzw. Satan verstehen — benützt der Herr ohne deren Wissen und Wollen zur Ausführung Seiner zuvor geplanten Heilsgedanken. Wie sollten wir uns da noch vor Menschen und Verhältnissen fürchten? Kommt nicht alles doch so, wie Gott es vorherbestimmt hat? Dient letztlich nicht alles, aber auch alles zu unserm Besten? Wie hoch ist unser Herr erhöht, wie allumfassend und gewaltig ist die Macht Seiner Gnade und Liebe!
Noch ein letztes Wort von der Erhöhung des Gottesknechtes sei hier angeführt: Jes. 52, 13-15. Dort lesen wir: “Siehe, Mein Knecht wird einsichtig handeln; Er wird erhoben und erhöht werden und sehr hoch sein. Gleichwie sich viele über Dich entsetzt haben — so entstellt war Sein Aussehen, mehr als irgendeines Mannes, und Seine Gestalt, mehr als der Menschenkinder –, ebenso wird Er viele Nationen in Staunen setzen (aufbeben oder frohlocken machen), über Ihn werden Könige ihren Mund verschließen.”
Die Nationen, die gegen den Gesalbten Gottes tobten (Ps. 2, 1-3) und Ihn in den Seinen verwarfen und auszurotten suchten, werden dereinst staunen, vor Bewunderung beben oder frohlocken. Denn in Ihm wird all ihr Sehnen restlos erfüllt sein, und was sie aus eigener Kraft trotz aller Mühen und Opfer niemals zustande brachten, nämlich Frieden und Gerechtigkeit, wahre Freiheit und wesenhafte Glückseligkeit auf dieser armen, verfluchten, staubgebundenen Erde zu schaffen, wird Er dann in unbeschreiblicher Fülle und Klarheit wirken und schenken.
Wohl uns, daß wir als Errettete und Erwählte jetzt schon von den Lichts- und Liebeskräften Christi leben lernen und im Geist das schauen und genießen, was dereinst in der Vollendung aller Teil sein wird!
4. Christus der Rächer
Im Laufe der Kirchengeschichte hat man die göttliche Harmonie des Christusbildes je und je verzerrt und nach der einen oder anderen Seite umgebogen. Während die einen in Ihm nur das göttliche Kind der reinen Maria und den liebevollen, demütigen Heiland der Niedrigkeit sahen, war Er anderen der furchtbare Richter, der den größten Teil Seiner Geschöpfe in endlose Verdammnis zu werfen trachtete. Je nach der Geisteshaltung einer Zeitepoche wird der heldische Christus oder der gefühlvoll mitleidende, liebend wartende “Bräutigam” überbetont.
Da ist es von Wert und Wichtigkeit, das heilige Ebenmaß, das harmonische Gleichgewicht des biblischen Christusbildes schriftgemäß zu erfassen und gehorsam und treu festzuhalten. Wir sehen darum unter den Ämtern und Würden des Messias auch das des Rächers und Richters, der um der Gerechtigkeit und Heiligkeit Gottes willen mit Seinen Feinden ernst und scharf abrechnen wird. Diese Seite vernachlässigen oder verneinen, hieße die heilige Harmonie im Wesen und Charakter Christi trüben und stören.
In Jes. 49, 25b.26 bezeugt Jehova-Christus: “Ich werde den befehden, der dich befehdet; … und Ich werde deine Bedrücker speisen mit ihrem eigenen Fleische, und von ihrem Blut sollen sie trunken werden wie von Most. Und alles Fleisch wird erkennen, daß Ich Jehova, dein Heiland bin, Ich, der Mächtige Jakobs, dein Erlöser.”
Durch Rache und Gericht führt der Herr “alles Fleisch” zur rettenden Heilserkenntnis Seiner Selbst. Das deckt sich ganz mit dem Wort aus dem hohepriesterlichen Gebet: “Gleichwie Du (d. i. Gott) Ihm (d. i. Christus) Gewalt gegeben hast über alles Fleisch, auf daß Er allen, die Du Ihm gegeben, ewiges Leben gebe” (Joh. 17, 2).
Der geisterfüllte Prophet fordert Christus, der auch “der Arm Jehovas” genannt wird, auf: “Wache auf, wache auf; kleide Dich in Macht, Du Arm Jehovas! Bist Du es nicht, der Rahab zerhauen, das Seeungeheuer durchbohrt hat?” (Jes. 51, 9). Er erinnert an die Gerichtstaten Gottes an Ägypten, das manchmal im Bild eines Wasserungeheuers dargestellt wird.
Wie im Irdischen zu verschiedenen Tätigkeiten oft verschiedene Gewänder angezogen werden — wir denken etwa an die Berufskleidung der Polizei, Post, Eisenbahn, Rechtspflege usw. –, so ist es, bildlich gesprochen, auch im Geistlichen. Als der Herr Seinen Jüngern die Füße wusch, trug Er einen leinenen Schurz (Joh. 13, 4). Aber in Seiner richterlichen Herrlichkeit hatte Er einen goldenen Gürtel an, während Seine Stimme rauschte, Seine Füße glühten und ein zweischneidiges Schwert aus Seinem Munde hervorging (Offb. 1, 12-16).
So sagt auch Jes. 59, 17.18 von dem Arm Jehovas, dem Christus Gottes: “Er zog Gerechtigkeit an wie einen Panzer und setzte den Helm des Heils auf Sein Haupt, und Er zog Rachegewänder an als Kleidung und hüllte Sich in Eifer wie in einen Mantel (oder Priesterrock).”
Unter den acht Aufgaben und Ämtern, die uns in Jes. 61, 1-3 aufgezählt werden, wird auch der “Tag der Rache unseres Gottes” genannt. Er ist nicht das Letzte und Abschließende, wie manche meinen, sondern Vorbereitung und Einleitung für das Trost- und Erstattungsamt, das ihm nachfolgt. Denn Gericht und Rache sind nie Ziel und Ende, sondern immer nur Vorbedingung und Anbahnung kommender Segnungen und Wohltaten.
5. Christus der Retter
Das wichtigste und wesentlichste Amt Christi ist das des Retters. Seine Erniedrigung und Seine Erhöhung, Seine Tätigkeit als Knecht Gottes und “Diener der Beschneidung”, als Richter und Rächer für die Abtrünnigen und Gottlosen, zielen doch letztlich auf Heil und Rettung aller Geschöpfe. In sieghaften Worten und packenden Bildern schildert der “Evangelist des Alten Bundes” die Rettermacht des Jehova-Christus.
So lesen wir z. B. in Jes. 41, 17-20: “Die Elenden und Armen, welche nach Wasser suchen, und keines ist da, deren Zunge vor Durst vertrocknet: Ich, Jehova, werde sie erhören, Ich, der Gott Israels, werde sie nicht verlassen. Ich werde Ströme hervorbrechen lassen auf den kahlen Höhen und Quellen inmitten der Talebenen; Ich werde die Wüste zum Wasserteich machen und das dürre Land zu Wasserquellen … damit sie sehen und erkennen und zu Herzen nehmen und verstehen allzumal, daß die Hand Jehovas dieses getan und der Heilige Israels es geschaffen hat.” Dieses herrliche Verheißungswort wird sich irdisch und geistlich erfüllen; dann erst wird das wahre Wesen Gottes in dankbarer Beugung erkannt und gepriesen werden.
Oder schlagen wir Jes. 42, 1.7 nach, wo Gott sagt: “Siehe, Mein Knecht, den Ich stütze, Mein Auserwählter, an welchem Meine Seele Wohlgefallen hat: Ich habe Meinen Geist auf Ihn gelegt, und Er wird den Nationen das Recht kundtun … um blinde Augen aufzutun und Gefangene aus dem Kerker herauszuführen und aus dem Gefängnis, die in der Finsternis sitzen.” Der Vater hat an Seinem Sohn, den Er hier Seinen Knecht und Auserwählten nennt, Wohlgefallen und betraut Ihn mit gewaltigen Rettungsaufgaben. Wer dächte da nicht an neutestamentliche Stellen wie Matth. 3, 17; 17, 5 u. a., wo Gott vom Himmel her bezeugt, daß Er an Christus Wohlgefallen hat und daß die Menschen ihn hören oder Ihm gehorchen sollen?
In Jes. 45, 17 steht geschrieben: “Israel wird gerettet durch Jehova mit ewiger Rettung; ihr werdet nicht beschämt und nicht zuschanden werden in alle Ewigkeiten.” Es gibt verschiedene Rettungsmethoden und Heilsziele Gottes; aber Christus ist der Retter für alle und jede Kreatur. Es steht nicht nur geschrieben, daß Er alle retten will (1. Tim. 2, 4), sondern auch, daß Er aller Menschen Reiter ist (1. Tim. 4, 10).
Der Herr weiß die Müden durch ein Wort (oder zur rechten Zeit) aufzurichten (Jes. 50, 4) und wird, jetzt noch im Verborgenen an wenigen wirkend, dereinst vor den Augen aller Nationen enthüllt werden, damit alle Enden der Erde die Rettung unseres Gottes sehen (Jes. 52, 10). Selbst der Feind, der Gesetzlose, wird von dem inspirierten Propheten aufgefordert, seinen falschen Weg zu verlassen und seine frevelhaften Gedanken aufzugeben, um den Reichtum der Erbarmungen des Jehova-Christus an sich zu erfahren (Jes. 55, 7).
6. Christus der Angebetete
Christus ist nicht nur der gehorsame Knecht, das verachtete, geschlachtete Lamm, der hoch erhöhte Herr, der strenge Rächer und Richter und der allmächtige Erlöser und Retter — Er ist auch der einst von allen Angebetete, das Ziel jeglicher Sehnsucht, der Erfüller aller bewußten und unbewußten Wünsche und Hoffnungen, die je die Kreatur durchpulsten.
Zur gottverordneten Zeit und Stunde wird einmal “alles Fleisch” die geoffenbarte Herrlichkeit Jehovas sehen (Jes. 40, 5). Dann werden wegen der Tilgung der Übertretungen und Sünden die Himmel jubeln und die Tiefen der Erde jauchzen (Jes. 44, 22.23).
In wunderbarem Vollumfang wird sich dann das Wort aus Jes. 45, 22.23 erfüllen, wo wir lesen: “Wendet euch zu Mir und werdet gerettet, alle ihr Enden der Erde; denn Ich bin Gott und keiner sonst. Ich habe bei Mir Selbst geschworen, aus Meinem Munde ist ein Wort in Gerechtigkeit hervorgegangen, und es wird nicht rückgängig werden, daß jedes Knie sich vor Mir beugen, jede Zunge Mir schwören wird.”
Wie einfach der Weg zur Erlangung des Heils ist, sagt uns der Anfang dieser Verheißung. Wer irgend sieh zum Herrn wendet, oder, wie die englische Übersetzung “look unto me” sagt, wer auf Ihn schaut, der darf Gottes Heil erfassen und erfahren. Das ist nicht nur ein Vorrecht einiger weniger, sondern das gilt für “alle Enden der Erde”!
Gottes heiliger Eidschwur aus Seinem eigenen Munde, der nicht rückgängig gemacht werden kann, versichert ausdrücklich, daß sich jedes Knie vor Ihm beugen und jede Zunge Ihm schwören wird. Wer wollte da wagen, an diesem Gottesschwur zu zweifeln? Wäre das nicht Lästerung der Liebe und Allmacht des Vaters, der doch aufs deutlichste bezeugt, daß “alle, die wider Ihn entbrannt waren”, zu ihm kommen, sich schämen und Seine Gerechtigkeit und Stärke erfassen (Vers 24)?
Daß aber nicht nur “die Enden der Erde”, sondern sogar die überirdischen und unterirdischen Wesen und Welten anbetend und lobpreisend vor dem Christus Gottes niederfallen werden, bezeugt aufs klarste Paulus in Phil. 2, 9-11, wenn er schreibt: “Darum hat Gott Ihn (d. i. Christus) auch hoch erhoben und Ihm einen Namen gegeben, der über jeden Namen ist, auf daß in dem Namen Jesu jedes Knie sich beuge, der Himmlischen und Irdischen und Unterirdischen, und jede Zunge bekenne, daß Jesus Christus der Herr ist, zur Verherrlichung Gottes des Vaters.”
Welch ein Vorrecht, daß wir das, was die übrige Kreatur erst nach vielen Irr- und Umwegen, nach Gerichtsleiden und Verdammnistiefen erleben wird, jetzt schon besitzen und genießen dürfen! Laßt uns nie müde werden, das Gold der Glaubenstreue, den Weihrauch des Dankes und der Fürbitte und das fröhliche Lob der Anbetung darzubringen, wie es im irdisch-prophetischen Vorbild in Jes. 60, 5. 6 von den Nationen für das messianische Königreich verheißen ist!
7. Christus der Erstatter
Unter den mancherlei Ämtern unseres Herrn ist wohl die Erstattung eines der köstlichsten, wenn auch weniger bekannten. Christus ist der große Wiedergutmacher, der jeglichen Schaden der Schöpfung heilt und von dem im Vollumfang das davidische Wort gilt: “Was ich nicht geraubt habe, muß Ich alsdann erstatten” (Ps. 69, 4 Elbf. Übs.). In Jes. 55, 13 lesen wir hinsichtlich des messianischen Reiches die Verheißung: “statt Dornsträucher: Zypressen … statt Brennesseln: Myrten”. Das Zypressenholz war wegen seines Wohlgeruchs bekannt und wurde im Tempel verwandt, während die Dornen ein oft gebrauchtes Bild des Fluches und der Unfruchtbarkeit sind. Die Myrte wurde beim Laubhüttenfest als Schmuck benützt (Neh. 8, 15), und ihre wohlriechenden weißen Blüten findet man bei vielen Völkern als Hochzeitsgabe. Wir erkennen also unschwer die sinnbildliche Bedeutung der Verheißung, daß statt der Dornsträucher Zypressen und statt der Brennesseln Myrten sprossen werden.
Eine weitere Erstattung des Christus in Seinem kommenden Königreich finden wir in Jes. 60, 17-20. “Statt des Erzes werde Ich Gold bringen und statt des Eisens Silber bringen, statt des Holzes Erz und statt der Steine Eisen.” (Vers 17a.) Er gibt also statt der Steine Eisen und statt des Eisens Silber. An Stelle des Holzes reicht Gott Erz und an Stelle des Erzes Gold dar. Wenn wir bedenken, daß Steine ein Bild für die Engelwelt und Holz ein Symbol der Menschheit ist, daß ferner Eisen die Sünde und Erz das Gericht vorschattet, während Silber so viel wie Erlösung und Gold Glauben oder Treue bedeutet, so vermögen wir hier gewaltige, wunderbare Perspektiven zu sehen, wo der Unglaube nur törichte orientalische Übertreibungen zu erblicken imstande ist.
Auch Jes. 61, 3 spricht von Erstattungen, deren Jehova-Christus Sein zurechtgebrachtes Volk dereinst teilhaftig werden läßt. Dann gibt es “Kopfschmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer und ein Ruhmesgewand statt eines verzagten Geistes.”
Wenn schon ein Dieb, der Mundraub begeht, siebenfach erstattet (Spr. 6, 30.31) und jeder, der um des Herrn willen etwas entbehrt und verliert, es hundertfach wiedererhält (Mark. 10, 30) — wie überströmend muß da die Gnaden- und Liebeserstattung sein, mit der uns unser Herr und Haupt dereinst unsre Drangsal der Gegenwart (2. Kor. 4, 17) und all unsre jetzige Notdurft (Phil. 4, 19) vergelten wird! Schreibt Paulus nicht von einer über alle Maßen überschwenglichen Herrlichkeit (2. Kor. 4, 17) und von dem Reichtum der Herrlichkeit in Christo Jesu (Phil. 4, 19)? Bezeugt er uns nicht, daß wir zur ganzen Gottesfülle gelangen dürfen (Eph. 3, 19) und der Vater über unser kühnstes Bitten und Denken weit hinaus zu tun vermag (Eph. 3, 20)?
Wie viele bisher noch nicht enthüllte Segnungen und Wohltaten, Gnadenerweisungen und Herrlichkeitsreichtümer wird der Christus dereinst entfalten und wirksam werden lassen, wenn Er Sein Amt als Erstatter antritt!
8. Christus der Neuschöpfer
Noch eine letzte Aufgabe, eine herrliche Vollendungsarbeit des Sohnes Gottes sei hier angedeutet. Wir lesen davon in Jes. 65, 17: “Siehe, Ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde; und der früheren wird man nicht mehr gedenken, und sie werden nicht mehr in den Sinn kommen.” Unser Herr wird nicht eine notdürftig ausgebesserte Schöpfung voll unerfüllter Hoffnungen und Sehnsüchte, voll Gebrechen und Mängel, voll Mißerfolge und unüberwundener Feinde Seinem Gott und Vater vors Angesicht stellen — nein, Er wird das All zu Sich emporhaupten (Eph. 1, 10), denn Seine Liebes- und Gnadenkräfte reichen aus, Sich das ganze All gehorsam zu machen (Phil. 3, 21). Und wenn Er das Reich Seinem Vater übergeben hat, wird Gott nicht etliches in einigen und auch nicht alles über oder neben allen, sondern vielmehr alles in allen sein (1. Kor. 15, 28).
Dieses hohe und herrliche Ziel wird man nicht auf dem Weg mühseliger Verbesserungen, sondern durch Neuschöpfung erreichen. Dann wird alles Alte, Gottwidrige nicht nur völlig beseitigt sein, sondern man wird seiner nicht einmal mehr gedenken. Selbst alle Todes-, Sünden- und Gerichtstiefen werden dann irgendwie als heilsnotwendige Zubereitungswege erkannt werden, so daß auch “alle Tiefen” Gott loben werden (Ps. 148, 7).
Der neue Himmel und die neue Erde werden nicht mehr vergänglich sein, sondern Bestand haben. Denn alles Erste endet mit einem Zerbruch und scheinbaren Mißerfolg Gottes, um dem Zweiten, dem Wahren, Wesenhaften und Bleibenden Raum zu machen. Darum sagt der Herr Jes. 66, 22: “Der neue Himmel und die neue Erde, die Ich schaffe, bestehen vor Mir.” Glückselig, wer im Geist und Glauben jetzt schon dieser zerfallenden Scheinwelt entrückt ist und als einer, auf den die Enden der Äonen gekommen sind (1. Kor. 10, 11) und dessen Leben mit Christus in Gott verborgen ist (Kol. 3, 3), auf das sinnen lernt, was droben ist (Kol. 3, 2), und von den Kräften und Segnungen der kommenden Herrlichkeiten lebt! –
Die Schrift treibt Christus! Das war eine der grundlegenden Erkenntnisse der Reformation. Wieviel mehr sollten wir, die wir kurz vor dem Abschluß dieses Zeitalters stehen und dementsprechend mehr Licht und Klarheit haben dürfen als unsere Väter, die Ämter und Würden, die Zukunftsdienste und Vollendungsaufgaben unsres erhöhten Herrn und Hauptes verstehen, genießen und anbeten!
B) Acht Christusämter nach Jesaja 61, 1-3
“Der Geist des Herrn, Jehovas, ist auf Mir, weil Jehova Mich gesalbt hat, um den Elenden frohe Botschaft zu bringen, Mich gesandt hat, zu verbinden, die zerbrochenen Herzens sind, Freiheit auszurufen den Gefangenen und Öffnung des Kerkers den Gebundenen; um auszurufen das Jahr der Annehmung Jehovas und den Tag der Rache unseres Gottes, und zu trösten alle Trauernden, um den Trauernden Zions aufzusetzen und ihnen zu geben Kopfschmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer, ein Ruhmesgewand statt eines verzagten Geistes” (Jes. 61, 1-3a).
Von den mannigfaltigen und vielfachen Ämtern und Aufgaben des Christus sind in dem oben angeführten Schriftwort acht zusammengefaßt. Wenn wir von den Diensten “des Christus” sprechen, so will das besagen, daß sie sich in Art und Umfang von den Taten und Wundern des als Menschensohn erniedrigten Jesus der Evangelien unterscheiden. Denn der ganze Christus Gottes besteht aus dem Haupte, dem verklärten, zur Rechten des Vaters sitzenden Sohn, und den Gliedern, Seinem Körper oder Leib, der auch Christi Fülle oder Vollmaß genannt wird. Das lehrt Paulus in seinen Briefen klar und unzweideutig. Wenn Christi Jesu Erbe das unsre ist (Röm. 8, 17), wenn wir wirklich Seiner Verheißung teilhaftig sind, d. h. wenn all das, was Ihm verhelfen ist, auch uns gilt (Eph. 3, 6), so ist es durchaus begreiflich, daß die Zukunftsaufgaben des Christus die unsren sind. Zwar ist “der erwachsene Mann, das Maß des vollen Wuchses der Fülle des Christus” (Eph. 4, 13) noch nicht in Erscheinung getreten, aber in Gottes Vorsatz und Gedanken ist der Christus bereits vollendet (Kol. 2, 10) und im Geiste in die Himmelswelten oder unter die Himmelswesen versetzt (Eph. 2, 6).
Erst in diesem Lichte, daß wir als Glieder und Organe Christi Jesu nach unserer Vereinigung mit Ihm an allem beteiligt sein werden, was Er ist und tut, werden uns die Zukunftsaufgaben des Sohnes Gottes zur allerpersönlichsten Angelegenheit, zu unserm lebendigen Hoffnungsgut, das unser Sinnen und Trachten gefangen nimmt und umgestaltet.
Alles, was der Sohn Gottes in Seiner Erniedrigung auf Erden, also vor Seiner Vereinigung mit Seinem Leib, Seiner Fülle und Vollendungsgemeinde tat, war nur anbruchhafter Anfang, allerdings Anfang von tiefer prophetischer und symbolischer Bedeutung. Was gewesen ist, wird wieder sein (Pred. 1, 9), aber in höheren Sphären, in herrlicherer Entfaltung und in umfassenderem Umfang.
So sehen wir auch in den acht Christusämtern von Jes. 61, 1-3 nicht nur etwas, das sich im irdischen Niedrigkeitsleben Jesu dereinst erfüllte, sondern etwas, das nach diesen Andeutungen, Proben und Mustern nach der Vollendung des Christus Gottes in umfassender Herrlichkeit an der ganzen Schöpfung ausgeführt wird.
Wir wollen diese beiden Arten der Schau, den Rückblick auf das Erdenleben Jesu und den Ausblick auf Seine kommende Herrlichkeit, die auch die unsre ist, uns immer wieder vor Augen stellen.
Daß dazwischen in der Gegenwart innerlich und geistesmäßig diese Dinge in unserm Herzen, in unserm Glaubens-, Hoffnungs- und Liebesleben verborgen und unerkannt sich gewissermaßen in kleinster Zelle vollziehen, ist eine Wahrheit, die wohl nicht besonders betont zu werden braucht. Es ist die persönliche Gegenwartserfüllung, die praktische Lebensauswirkung eines jeden Gotteswortes. Das gilt auch dann, wenn ein Wort in heilsökonomischer Hinsicht, d. h. bezüglich der verschiedenen Haushaltungen und Körperschaften, sich nicht auf uns, die Gläubigen der Jetztzeit bezieht.
1. Elenden frohe Botschaft bringen
“Jehova hat Mich gesalbt”, lesen wir im ersten Vers. Wer wurde denn damals gesalbt? Könige, Priester, Propheten und — geheilte Aussätzige! Das Salböl ist ein Symbol des Heiligen Geistes. Unter den vier Aufgaben des Geistes Gottes, die in 2. Kor. 1, 21.22 aufgezählt werden, wird uns als zweites Stück die Salbung genannt.
Salbung befähigt und verpflichtet zum Dienst. Deshalb fährt der prophetische Schreiber mit dem wichtigen Wörtlein “um” (auf daß oder damit) fort und sagt: “…gesalbt, um den Sanftmütigen (genauer Elenden) frohe Botschaft zu bringen.” Nicht zum persönlichen Genuß und Gewinn, nicht zur Sicherstellung des eigenen Ichs und zur lustbetonten Selbstherrlichkeit, sondern zu Aufgaben und Diensten an anderen Geschöpfen verleiht Gott Seine Gaben.
Elende sollen frohe Botschaft bekommen. Wir wollen nicht im einzelnen betrachten, wer alles die Elenden sind, ob damit nur das unter Gericht stehende Israel, ob die gottfernen Nationen oder ob noch andere Wesen und Welten gemeint sind.
Wir möchten nur auf ein gemeinsames Kennzeichen aller Elenden hinweisen: es sind Geschöpfe “außerhalb des Landes” oder “Verbannte”. Das ist der eigentliche Sinn unseres althochdeutschen Wortes “elilenti”, von dem das mittelhochdeutsche “ellende” (= im fremden Land befindlich) abgeleitet ist.
Der Mensch ist geschaffen auf Gott hin. Solange er aber nicht am Herzen des Vaters ruht, ist er ein “Elender”. Sowenig sich ein Fisch auf dem Baum oder ein Singvogel unter dem Wasser in seinem Element fühlt, sowenig fühlen wir uns in dieser Welt der Sünde und des Todes heimisch.
Wenn nun ein Geschöpf in die Erkenntnis dieses inneren Elendes, in die Not des von Gott Getrenntseins geführt wird, dann ist es reif für das Evangelium, für die frohe Botschaft von dem, was Gott will und wie und wer Er ist. Es gibt ja verschiedene Evangelien für die verschiedenen Heilskörperschaften. Doch soll hiervon in unserm Zusammenhang im einzelnen nicht die Rede sein. Nur soviel sei gesagt: Elende, Ausheimische oder Verbannte bekommen durch den Christus frohe Botschaft. Sie sehen in dem Gottgesalbten den Weg der Rettung, die Quelle ihres Heils und das Ziel jeglicher Kreatur.
Weil nun der ganze Christus all das wiederholt und in Fülle und Herrlichkeit ausführt, was der Herr während Seines Erdenlebens im kleinen andeutete, nur anbruchhaft vollzog, so muß auch das angstvolle Harren der Schöpfung auf den ganzen Christus gerichtet sein. Nicht nach dem “lieben Heiland”, dem erniedrigten Menschensohn, sondern nach der Offenbarung der Söhne Gottes, der Entschleierung des ganzen Christus, zu dem ja auch Sein Körper, Seine Vervollständigung oder Fülle (Eph. 1, 23) gehört, sehnt sich das heilsverlangende Harren der Kreatur (Röm. 8, 19).
Wer von uns wagte ohne dieses Schriftwort daran zu glauben, daß sich die Schöpfung in sehnsüchtigem Verlangen nach dem Augenblick ausstreckt, da wir den Todesleib unsrer Erniedrigung ablegen und in herrlicher Christusgleichheit und Gottesklarheit enthüllt werden? Welch ein Ansporn ist uns diese Erkenntnis, daß wir auf jenen Augenblick fertig und bereit werden, damit der Vater verherrlicht und die Kreatur durch den Christus Gottes errettet und beseligt werde!
Wer vermag in unserm Zeitlauf das Evangelium in seiner ganzen Fülle zu fassen? Nur Elende, in sich Entwurzelte, die davon überführt sind, daß ihre eigentliche Heimat nicht in dieser nichtigen, flüchtigen Welt des Scheins und der Sünde sein kann. Frohe Botschaft ist für Elende; Evangelium ist für solche, die da lechzen nach Licht und Erlösung und sich heimsehnen ans Vaterherz Gottes.
2. Verbinden, die zerbrochenen Herzens sind
Die zweite Aufgabe, zu der Christus gesandt ist, lautet: “Zu verbinden, die zerbrochenen Herzens sind”. Es gibt wohl viele gebrochene, aber nur wenig wirklich zerbrochene Menschen. Denen, die zerbrochenen Herzens sind, die sich von Gott verstoßen wähnen, ist Er nahe (Ps. 34, 18). Nicht ein starker, stolzer Geist, sondern ein entleerter, zerbrochener Geist ist ein Ihm wohlgefälliges Opfer, wie wir in Ps. 51, 17a lesen. So verächtlich ein gedemütigtes und zerbrochenes Herz auch erscheinen mag — Gott verachtet es keineswegs (Ps. 51, 17b).
Unser wunderbarer Vater in Christo Jesu, dem nichts unmöglich ist, der auch “unheilbare” Wunden zu heilen vermag (Jer. 30, 12.17), verbindet voll Liebe die Wunden derer, die zerbrochenen Herzens sind (Ps. 147, 3). Wie vielen zerbrochenen Menschen hat der Herr während Seines Erdenlebens doch zurechtgeholfen! Und wie herrlich hilft Er seitdem allen, die Ihm mit zerschlagenem Geiste nahen und sich trotz Furcht und Mißtrauen dennoch von Ihm finden lassen!
Welch eine köstliche Segenszeit wird es dereinst sein, wenn sieh die Verheißung von Hes. 36, 26-28 erfüllt, wo wir lesen: “Ich werde euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euer inneres geben; und Ich werde das steinerne Herz aus euerm Fleische wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Und Ich werde Meinen Geist in euer Inneres geben; und Ich werde machen, daß ihr in Meinen Satzungen wandelt und Meine Rechte bewahrt und sie tut … Und ihr werdet Mein Volk und Ich werde euer Gott sein.” Das ist die prophetische Erfüllung auf messianischer Königreichslinie.
Im Vollumfang aber wird dieses Christusamt erfüllt, wenn das “gewisse und wahrhaftige” Wort des Herrn wahr wird, daß Er “alles neu” macht (Offb. 21, 5). Dann werden alle ehemals zerbrochenen und zerschlagenen Herzen und Geister im weiten Weltenall geheilt, erneuert und beseligt.
3. Freiheit ausrufen den Gefangenen
Das dritte hier angeführte Christusamt besteht darin, Gefangene in die Freiheit zu führen. Die Schrift spricht in vielfacher Hinsicht von Gefangenschaft und Gefängnis. Jedes Getrenntsein von Gott ist ein Gefangensein durch Satan und Sünde. Weil aber der Herr der Feindzerstörer, Loskäufer und Wiederbringer ist, so will und wird Er alles, was Ihm der Vater gab, zu Ihm zurückführen.
Wie aber geschieht das? Von den falschen Propheten lesen wir in Klagelieder 2, 14: “Sie deckten deine Ungerechtigkeit nicht auf, um deine Gefangenschaft zu wenden.” Wenn eine wirkliche Befreiung aus der Gefangenschaft der Sünde erfolgen soll, dann muß die Ungerechtigkeit zunächst aufgedeckt werden. Die erste Aufgabe des Heiligen Geistes besteht immer darin, von der Sünde zu überführen (Joh. 16, 8). Falsche Prophetie sucht Wunden leichthin zu heilen und spricht “Friede, Friede!”, wo doch kein Friede ist (Jer. 6, 14; 8, 11). Echte Liebe aber ist immer mit Wahrheit gepaart (Eph. 4, 15) und unterschlägt keine Seite des Wesens und Charakters Gottes. So beruht auch jede Freilassung von Gefangenen auf einem Akt unbedingter Gerechtigkeit. Sie gründet nicht auf einem noch so gut gemeinten menschlichen Erlösungsversuch, sondern auf dem allgültigen Gotteswerk auf Golgatha und der Auferstehung Jesu Christi aus den Toten.
“Freiheit den Gefangenen!” Das ist ein gar gewaltiges, umfassendes Gottesprogramm. Wer sind die Gefangenen? Welcher Art ist ihr Gefängnis? Wann, wie und wozu werden sie befreit? All das sind Fragen, deren Beantwortung im Gesamtplan der Schrift enthalten und klar niedergelegt ist. Doch bedarf es zu ihrem Verständnis “erleuchteten Augen des Herzens” (Eph. 1, 18a). Dann erst kann man die Hoffnung des Christusberufes und den Reichtum der Herrlichkeit Seines Erbes erfassen (Eph. 1, 18b).
Wenn wir von Gefangenen lesen, so erkennen wir zuerst kraft des Gesetzes der Ichbezogenheit, dem wir alle in irdischer und geistlicher Hinsicht unterworfen sind, uns selbst als Gefangene der Welt, des Fleisches und der Sünde. Der Geist Gottes ruft uns zuerst zu: “Du bist der Mann” (2. Sam. 12, 7). Er stellt uns zunächst immer persönlich unter den Ernst eines jeden Gotteswortes, ehe Er uns dessen prophetische und symbolische Tiefen erschließt.
Einst sprach ich in einer Kirche über den verlorenen Sohn. Am Schluß der Abendstunde kam ein russischer Kriegsgefangener, ein Lehrer aus der Ukraine, auf mich zu und sagte mit bewegter Stimme: “Sie mich helfen müssen, ich in Sünden stecken, ich verlorener Sohn!”
Hätte ich nun dem Mann erklären sollen, daß er ja gar nicht gemeint sei, sondern daß der verlorene Sohn, prophetisch gesehen, auf die Nationen im Gegensatz zum Volk der Wahl deute, während der symbolische Sinn auf andere Wesen und Welten zielt? Das wäre doch ganz verkehrt gewesen! Den Russen hatte der Geist Gottes davon überführt, daß er verloren war, und da galt es, ihm in der Zielrichtung des Heiligen Geistes weiter zu dienen. Das geschah denn auch; der Mann kam zum lebendigen Glauben und schrieb später aus seiner Heimat, in die er bald zurückkehrte, wie ihn der Herr für seine Umgebung zum Segen setzen konnte und es eine Erweckung in seinem Dorfe gab.
Nicht seine Kriegsgefangenschaft und die Erlangung der äußeren Freiheit, sondern seine Gefangenschaft unter Satan und Sünde und seine innerliche Befreiung waren diesem Mann das Wichtigste. Er bezog das gehörte Wort Gottes auf seinen persönlichen inneren Zustand und hatte zunächst weder Bedürfnis noch Verständnis für die tieferen, weiteren Bedeutungen des Gleichnisses vom verlorenen Sohn.
Aber nicht nur wir persönlich sind unter die Sünde versklavt, auch Israel, das Fluchvolk und abschreckende Beispiel für alle Völker (Sach. 8, 13), liegt im Gefängnis des Unglaubens einerseits und der Zerstreuung unter die Nationen andererseits. In diesem doppelten Sinn, dem geistiggeistlichen und dem völkisch-irdischen, redet die Bibel oft von dem Gefängnis Israels. Lesen wir nur folgende Schriftzusammenhänge nach: Ps. 14, 7; 85, 1; Jer. 29, 14; 30, 3; 32, 44; 33, 7.11.26; Hes. 39, 25; Joel 3, 1; Amos 9, 14; Zeph. 2, 7 (Verszählung nach der Elbf. Übs.).
4. Öffnung des Kerkers ausrufen den Gebundenen
Gottes Wort spricht nicht nur von Gefängnissen, sondern auch von Kerkern. Weil Paulus “allen alles” wurde (1. Kor. 9, 22), so sind auch die verschiedenen Grade seiner äußeren Gefangenschaft von vorbildlicher prophetischer Bedeutung. Die erste Zeit seiner Gefangenschaft in Rom war durchaus erträglich. Blieb er doch “zwei Jahre in seinem eigenen, gemieteten Hause und nahm alle auf, die zu ihm kamen, indem er das Reich Gottes predigte und die Dinge, welche den Herrn Jesum Christum betreffen, mit aller Freimütigkeit ungehindert lehrte” (Apg. 28, 30.31).
Später wurde er in Fesseln gelegt (Phil. 1, 12-14), wurde er ein “desmios”, ein als Schwerverbrecher Gebundener (Eph. 4, 1). Nach außen gesehen war das eine scheinbare Hemmung für die Verbreitung des Evangeliums. In Wirklichkeit aber bedeutete es nach den Worten des Apostels eine “Förderung des Evangeliums” (Phil. 1, 12). Denn einmal gewannen andere Freimütigkeit, selbst die Frohe Botschaft zu verkündigen; zum andern wurden dem Apostel Paulus tiefere, herrlichere Geheimnisse bezüglich der Gemeinde aus den Nationen anvertraut, deren Höhe und Vollumfang ihm vorher verborgen waren.
Das vierte Christusamt unsres Schriftwortes lautet darum, vom Gefängnis zum Kerker weiterführend, “Öffnung des Kerkers auszurufen den Gebundenen”. — “Die Heerschar der Höhe in der Höhe”, also Engelgewalten, werden nach Jes. 24, 21ff. dereinst in den Kerker eingeschlossen, in den tiefsten Abgrund hinabgestürzt, Ketten der Finsternis überliefert (2. Petr. 2, 4), ja, mit ewigen Ketten “unter” der Finsternis verwahrt (Jud. 6).
Gilt auch diesen Gefesselten und Gebundenen die Verheißung der Kerkeröffnung von Jes. 61, 1? Der Gesetzlose, der Feind glaubt ja nicht an eine Rückkehr aus der Finsternis (Hiob 15, 22a), er schaut nur bis zum Gericht und kann und darf nicht weiter sehen. Aber die Schrift bezeugt, daß auch die eingekerkerte Heerschar der Höhe nach vielen Tagen “in Gnaden heimgesucht” werden soll (so Jes. 24, 22 wörtlich).
Wer wird diesen gewaltigen Dienst der Befreiung tun? Nicht der ganze Christus, dessen Körper und Vollmaß wir sein dürfen, der alles — also auch jene gefesselten Finsternismächte — in allen Stücken in die Fülle führt? Einst rief der Herr einen gebundenen Lazarus aus dem Verwesungszustand des Todes heraus. Wieviel größer, gewaltiger und wunderbarer wird aber das sein, was der verherrlichte und durch Seinen verklärten Fülleleib zur Vollendung gebrachte Christus Gottes dereinst an aller und jeder Kreatur auswirken wird!
“Öffnung des Kerkers den Gebundenen” verkündigte Jesus während Seines Erdenlebens, läßt uns der zur Rechten Gottes sitzende Herr über das All jetzt dem Geiste nach erfahren und vollführt solches dereinst im Vollumfang, wenn Er nach Jes. 53, 10b u. a. Stellen das “Wohlgefallen Jehovas” zum Ziele bringt.
Dann dürfen wir Seine Herolde und Boten sein, Seine ihm gleichgearteten und gleichgestalteten Werkzeuge und Ausführungsorgane. Wie wunderbar und beseligend das sein wird, wie über alle Maßstäbe unsres kühnsten Hoffens weit erhaben, vermögen wir uns jetzt noch nicht vorzustellen. Denn einmal fehlt uns der Blick in den überströmenden Reichtum der Liebe und Gnade Gottes, und zum andern haben wir keinen klaren, umfassenden Begriff jener gewaltigen Wesen und Welten, denen wir bis jetzt meist nur unbewußt ein Schauspiel und Zeugnis sind (Eph. 3, 10).
Als Kriegsgefangener bekam ich einst einen Vorgeschmack davon, was es heißt, Gefangenen die Freiheit und Gefesselten die Öffnung des Kerkers auszurufen. Als schon niemand mehr mit einer baldigen Heimkehr rechnete, überraschte uns eines Tages der Lagerkoch beim Essenholen mit der Botschaft, daß in der englischen Lagerverwaltung gerade ein Telegramm angekommen sei, wonach wir in der nächsten Nacht nach Hull gebracht werden sollten, um von da aus nach Bremerhaven verschafft zu werden.
Im Sturmschritt eilten wir in die Baracken zurück, um die frohe Botschaft zu verkündigen. In meiner Hütte saßen und lagen die Kameraden umher; die einen spielten Karten oder lasen, andre drohten und fluchten oder erzählten schmutzige Dinge, und wieder andre hielten die Bibel in Händen und sannen betend über Gottes Wort.
“Kameraden, heute nacht werden wir frei! In wenigen Tagen landen wir in Bremerhaven!” rief ich ihnen zu, indem ich die Gefäße mit den Lebensmitteln wie gewohnt in der Mitte der Baracke niedersetzte. Im Nu war ich von schreienden, rufenden Männern umdrängt, die von Erregung und Furcht zugleich gepackt waren. Sie glaubten, ich wolle sie täuschen, und drohten, mir alle Knochen im Leibe zu zerschlagen, wenn ich wagte, Schabernack mit ihnen zu treiben. Erst nach mehrmaliger Versicherung, daß dem wirklich so sei, schenkte man mir Glauben. Dann aber brach eine nie gekannte Freude durch! Mit einem Schlag wurden die verbitterten Angesichter leuchtend; man drückte sich die Hände, warf seine wenigen lächerlichen Habseligkeiten übermütig in die Luft und vergoß Tränen der Freude. Als sich dann das knarrende, rostige Stacheldrahttor öffnete, um sich nie wieder hinter uns zu schließen, und wir unter dem sternenklaren Himmel in die langersehnte Freiheit marschierten, da hörte man kein Wort in unseren Reihen. Nur Tränen rannen über manches Gesicht. Wir waren wie Träumende und bekamen einen sehr lebensnahen Vorgeschmack von Ps. 126.
Und doch war das nur ein ganz kleines, schwaches, armseliges Abbild dessen, was wir einst gefangenen und eingekerkerten Wesen und Gewalten vermitteln dürfen und was diese erleben werden, wenn wir als Körper des Christus, als Seine Glieder und Organe die Welt und die Engel richten und befreien werden (1. Kor. 6, 2.3; Röm. 8, 19).
“Öffnung des Kerkers den Gebundenen!” Wer könnte ausdenken und aussprechen, welche Tiefen und Höhen göttlicher Heilswege und Gnadenerweise, Rettungen und Herrlichkeiten in diesen wenigen Worten enthalten sind? Wohl uns, daß wir solches dem Geiste nach jetzt schon erleben, für das ganze All glauben und fassen und dereinst, wenn wir mit unserm Herrn und Haupt vereint sein werden, all das auch vermitteln und ausführen dürfen zur Verherrlichung Gottes des Vaters und zur Beglückung aller und jeder Kreatur!
5. Ausrufen das Jahr der Huld Jehovas
Das fünfte der hier genannten Christusämter redet von dem Jahr der Annehmung oder der Hulderweisung Jehovas. Mit dem Kommen des Herrn in Niedrigkeit brach erstmalig diese Gnadenzeit an. Darum verlas auch Jesus diese Schriftstelle in der Synagoge zu Nazareth, als Ihm dort die Buchrolle des Jesaja gereicht wurde. Vergl. Luk. 4, 16-22! Weil nun aber der Tag der Rache noch in der Zukunft lag, brach der Herr nach der Verlesung des fünften Punktes ab und rollte das Buch zu. “Heute ist diese Schrift (nämlich die Frohbotschaft an Elende, das Heil und die Freiheit für Zerschlagene und Gefesselte und das Gnaden- und Huldjahr des Herrn) vor euren Ohren erfüllt”, fuhr der Herr fort.
Die eigentliche Heilszeit des messianischen Reiches war in ihrer Fülle noch nicht da, aber in der Person des Herrn war doch ein Anfang geschehen. Darum sprach Jesus von der Erfüllung dieser Verheißung “vor euren Ohren”. Wer hörte und glaubte, der empfing das Heil. Das waren vorläufig nur Einzelne. Wenn es aber erst vor aller Augen offenbar wird, also mit all seinen irdischen Segnungen sichtbar in Erscheinung tritt, dann kommt die Erfüllung dieses Wortes auf höherer Stufe. So weit war es damals aber noch nicht, und so weit ist es auch heute noch nicht.
Heute haben wir das Gnaden- und Huldjahr Gottes für die Nationen, aus denen eine Auswahl als Christuskörper zubereitet und vollendet wird. Aber auch die andern Körperschaften haben ihre besonderen Gnadenzeiten. Das geht so lange, bis Gott alle erfaßt, bis der erhöhte Herr alle zu Sich gezogen hat (Joh. 12, 32).
Lob und Preis sei Gott, daß wir in einer Zeit wunderbarer Gnade leben dürfen! Jetzt bereitet der Heilige Geist das Höchste und Herrlichste zu, was es unter allen Geschöpfen gibt: den Leib des Christus, die Fülle des Sohnes Gottes, das Vollmaß dessen, der das Haupt jeden Fürstentums und jeder Gewalt ist und das All in die Gottesfülle gestaltet (Eph. 1, 23).
6. Ausrufen den Tag der Rache unseres Gottes
Dem von der weitaus größten Masse aller Menschen verworfenen Gnadenangebot Gottes folgt der Tag der Rache. Dieser Gerichtstag wird auch Drangsalszeit genannt. Erleben nicht auch wir jetzt schon im Geist solche Zeiten des Zerbrochen- und Gerichtetwerdens? Geht es innerlich nicht auch bei uns oft durch Nacht und tägliches Sterben?
Aber die geschichtliche, sich vor aller Augen vollziehende “Drangsal für Jakob” (Jer. 30, 7) wird “ein Tag des Grimmes” sein, “ein Tag der Drangsal und der Bedrängnis, ein Tag des Verwüstens und der Verwüstung, ein Tag der Finsternis und der Dunkelheit, ein Tag des Gewölks und des Wolkendunkels, ein Tag der Posaune und des Kriegsgeschreis” (Zeph. 1, 15.16a). “Dies sind Tage der Rache, auf daß alles erfüllt werde, was geschrieben steht … Jerusalem wird zertreten werden von den Nationen, bis daß die Zeiten der Nationen erfüllt sein werden … auf der Erde Bedrängnis der Nationen und Ratlosigkeit … die Menschen werden verschmachten vor Furcht und Erwartung…” (Luk. 21, 22-26).
Die Schrift behandelt diesen Gerichtstag breit und ausführlich. Außer den angeführten Stellen können wir noch eine große Reihe von Zeugnissen über die Drangsalszeit nachlesen. Besonders wichtig sind die einschlägigen Schriftzusammenhänge aus dem Propheten Daniel und der Offenbarung. Sie fallen jedem aufmerksamen Bibelleser hinsichtlich ihrer genauen Zeitangaben auf.
7. Trösten alle Trauernden
Der Rachetag Gottes ist nicht das letzte. Denn Gericht und Strafe sind nie Endzweck, sondern immer nur Durchgangsstation, Rettungsmethode und Mittel zu göttlichen Heilszielen. Der siebente Punkt der Christusämter lautet deshalb: “Zu trösten alle Trauernden”.
Wer sind die Trauernden, denen Gottes Trost verheißen ist? Auch dieses Wort dürfen wir zunächst persönlich erfassen und durchleben. Dann erst erkennen wir seinen prophetischen Gehalt im Blick auf das erste Kommen Jesu in Niedrigkeit und Sein zweites künftiges Kommen in Herrlichkeit. Äußerst wichtig ist die Unterscheidung zwischen der kleinprophetischen und der großprophetischen Erfüllung, zwischen der anbruchhaften Erfüllung im Leben Jesu und der Vollerfüllung in der Zukunft.
Nur Getröstete können trösten; nur Zurechtgebrachte vermögen an der Zurechtbringung anderer mitzuhelfen. Darum schreibt Paulus in 2. Kor. 1, 3.4: “Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesu Christi, der Vater der Erbarmungen und Gott alles Trostes, der uns tröstet in all unserer Drangsal, auf daß wir die trösten können, die in allerlei Drangsal sind, durch den Trost, mit welchem wir selbst von Gott getröstet wurden.”
Nicht in erster Linie um unsres Genusses willen, sondern um unsrer Rettungsaufgaben und Zurechtbringungsdienste willen, die wir jetzt im kleinen innerhalb der Gemeinde und als Anschauungsgegenstand der Engel und später im großen im ganzen weiten Weltenall haben, ward uns Gottes Trost zuteil.
Nach der Drangsalszeit wird sich Jes. 12, 1 erfüllen, wo geschrieben steht: “An jenem Tage wirst du sagen: Ich preise Dich, Jehova, denn Du warst gegen mich erzürnt: Dein Zorn hat sich gewendet, und Du hast mich getröstet.” Oder denken wir an die wunderbaren Worte von Jes. 40, 1.2: “Tröstet, tröstet Mein Volk! spricht euer Gott. Redet zum Herzen Jerusalems und rufet ihr zu, daß ihre Mühsal vollendet, daß ihre Schuld abgetragen ist, daß sie von der Hand Jehovas Zwiefältiges empfangen hat für alle ihre Sünden”.
Dann wird Jes. 49, 13 — wenn auch erst teilweise — Wahrheit geworden sein und Jes. 51, 3 herrliche Erfüllung finden. Dort lesen wir: “Jubelt, ihr Himmel, und frohlocken du Erde; und ihr Berge, brechet in Jubel aus! Denn Jehova hat Sein Volk getröstet, und der Elenden erbarmt Er Sich … Jehova tröstet Zion, tröstet alle ihre Trümmer; und Er macht ihre Wüste gleich Eden und ihre Steppe gleich dem Garten Jehovas. Wonne und Freude werden darin gefunden werden, Danklied und Stimme des Gesanges.”
Der Gott alles Trostes wird dereinst zur rechten Zeit und Stunde und auf die rechte, Ihm gemäße Art und Weise “alle Trauernden” trösten. Das Kindlein in Christo mag dieses Wort nur auf sich beziehen; wer aber die Schrift prophetisch und symbolisch zu lesen versteht, der sieht hier gewaltige Verheißungen verborgen und herrliche Vollendungsziele angedeutet.
Spricht doch Gottes Wort von der Trauer des Landes (Jer. 12, 4), von der Trauer des Erdbodens (Joel 1, 10) und von der Trauer der Erde (Jer. 4, 28). Wenn aber nach Offb. 21, 4 dereinst keinerlei Trauer mehr sein wird oder, nach Jes. 60, 20, die Tage des Trauerns ein Ende haben, dann wird die Seligpreisung von Matth. 5, 4 für alle und jede Kreatur voll und ganz Wahrheit geworden sein.
8. Kopfschmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer und ein Ruhmesgewand statt eines verzagten Geistes geben
Ein letztes Christusamt wird im dritten Vers angedeutet. Dreimal lesen wir dort das kleine bedeutungsvolle Wörtlein “statt”:
- Kopfschmuck statt Asche;
- Freudenöl statt Trauer;
- ein Ruhmesgewand statt eines verzagten Geistes.
Hier ist der wichtige Grundsatz der Erstattung angedeutet. Christus ist nicht nur Erlöser, Richter und Herr — Er ist auch der Erstatter alles dessen, was je irgendwie geraubt wurde. “Was ich nicht geraubt habe, muß ich alsdann erstatten”, sagt David als Vorbild des Herrn in Ps. 69, 4. Wir wollen hier nicht die Maßstäbe der Erstattung betrachten, das Einundeinfünftelfache, das Vierfache, das Hundertfache und die Erstattung über alle Maßen, also das Unendlichfache. Hier sei nur auf die drei Punkte hingewiesen, die in unserm Text genannt sind.
“Kopfschmuck statt Asche”. Asche ist ein Bild der Vergänglichkeit, der Trauer, des Elendes. Der Dulder von Uz saß in der Asche und streute sich Asche aufs Haupt (Hiob 2, 8). Auch bei der alttestamentlichen Buße spielte die Asche eine symbolische Rolle. Nun aber verheißt Gott Kopfschmuck statt Asche. Der Kopfschmuck oder Turban wurde in der Regel nur von Königen und Priestern getragen. Also soll der, der vorher in Trauer und Elend war, in eine hohe Ehrenstellung gleich einem König oder Priester versetzt werden.
Dürfen wir nicht, die wir einst zerbrochene und verzweifelte Sklaven der Sünde waren, nun königlich über sie herrschen und in priesterlicher Gesinnung für andre vor Gott einstehen? So wird Sich der Herr auch ein irdisches Königspriestervolk zubereiten, dem Er nach seiner Zurechtbringung aus Fluch und Gericht Kopfschmuck statt Asche gibt.
Wenn am Ende aller Wege Gottes keinerlei Fluch mehr sein wird (Offb. 22, 3), dann wird alle Asche der Angst und Sündennot durch den Kopfschmuck verherrlichter Erhöhung ersetzt sein. Wohl dem, der diesen Durchblick haben darf!
“Freudenöl statt Trauer” ist die zweite hier angedeutete Erstattungslinie. Zunächst war es nur Christus, der von Gott mit diesem Freudenöl gesalbt wurde (Hebr. 1, 9). Dieses Freudenöl soll aber allen Traurigen zuteil werden, soll, im Bilde des 133. Psalms geredet, herabfliegen bis auf den Saum, also die äußersten Randgebiete, der Kleider Aarons, der ein Vorbild auf den wahren Hohenpriester Christus ist. Welch eine gewaltige Prophetie liegt in solch kurzen, knappen Andeutungen der Schrift!
Schließlich will Gott einen verzagten oder verglimmenden Geist durch ein Ruhmesgewand ersetzen. Wer dächte dabei nicht an den bunten Rock Josephs, der ihn vor seinen Brüdern auszeichnete und zum besonderen Liebling des Vaters erklärte? Gewänder sind oft Bilder der Leiblichkeit. Wer ist nun, um gleich auf die letzte und tiefste Deutung zu sprechen zu kommen, das Ruhmesgewand Christi? Sind nicht wir es, wenn wir 1. Thess. 2, 19 lesen und in Paulus einen Darsteller Christi sehen, der von sich sagen durfte, daß Christus in ihm wohnt (Gal. 2, 20) und er nur das redet, was Christus in ihm gewirkt hat (Röm. 15, 18)?
Der verzagte, verglimmende Geist wird durch ein Ruhmesgewand ersetzt; unsre Niedergeschlagenheit und unsre seelisch-natürlichen Minderwertigkeitsgefühle werden verschlungen von der wunderbaren Erkenntnis, was wir in Gottes Augen sind und wozu Er uns in Seiner überschwenglichen Gnade und uferlosen Liebe zuvorbestimmt und berufen hat.
Solche Erstattungen führt der Herr an allen Geschöpfen, Wesen und Welten durch, bis daß alles neu geworden und Gott alles in allen ist.
Wie weit und umfassend, wie gesegnet und beseligend sind die Aufgaben und Ämter, mit denen Gott der Vater Seinen Sohn betraute! Welch ein unfaßbares Vorrecht ist es doch, mit dem Christus als Glied aufs engste und innigste verbunden zu sein! Möchten wir uns in Treue zubereiten lassen, damit wir fähig und fertig werden auf jenen Augenblick, da wir mit unserm erhöhten und verherrlichten Haupte auf immer vereinigt sein werden, um, teilhaftig Seiner Verheißung, mit und in Ihm alle Gottgedanken auszufahren zum Preise der Herrlichkeit Seiner Gnade!
C) Christus im Buch der Sprüche
Die Schriften, d. h. alle heiligen Bücher, zeugen von Christus. Er ist Mittelpunkt und Ziel des Gesetzes, der Propheten und der Psalmen (so teilte man damals das Alte Testament ein).
Darum konnte der Herr nach Seiner Auferstehung Seinen erschreckten, ungläubigen Jüngern sagen: “Dies sind die Worte, die Ich zu euch redete, als Ich noch bei euch war, daß alles erfüllt werden muß, was über Mich geschrieben steht in dem Gesetz Moses und den Propheten und Psalmen” (Luk. 24, 44). Daß wirklich “alle Schriften” Ihn betreffende Zeugnisse enthalten, auch wenn wir dies auf den ersten Blick nicht erkennen, ersehen wir aus dem 27. Vers, wo geschrieben steht: “Von Moses und von allen Propheten anfangend, erklärte Er ihnen in allen Schriften das, was Ihn betraf.” Wenn alle heiligen Bücher von Christus handeln, dann auch die Sprüche. Dieses Buch scheint, oberflächlich betrachtet, nur geringen geistlichen Offenbarungswert zu haben. Man sieht in ihm meist eine Sammlung nützlicher Anweisungen und Verhaltungsmaßregeln für das tägliche, praktische Leben.
Das sind auch die Sprüche ohne jeden Zweifel!
Aber darüber hinaus sind sie, wie jedes Buch der Schrift, Christusenthüller und Zeugen Seines Wirkens und Wesens. Das soll an einigen Punkten dieses von vielen vernachlässigten Teiles des Wortes Gottes gezeigt werden.
Das Wesen einer Person oder Sache erstrahlt auf dem Hintergrunde ihres Gegenteiles um so klarer und deutlicher. Darum finden wir auch vielfach das Wesen und Wirken des Herrn und das des Feindes gegenübergestellt. Das ist in besonderer Weise in den Sprüchen der Fall.
1. Der Hunger des Gerechten und die Gier der Gesetzlosen
In Spr. 10, 3 lesen wir: “Der Herr läßt die Seele des Gerechten nicht hungern, aber die Gier der Gesetzlosen stößt Er hinweg.”
Ohne Zweifel darf unter dem Gerechten ganz allgemein irgendein Gottesfürchtiger verstanden werden, dessen Begehren Gott erfüllt. Wenn aber, wie wir sahen, die Schrift auf Christus zielt, dürfen wir da in dem Gerechten nicht den Herrn sehen? Ist Er doch in Wahrheit der einzig vollkommen Gerechte, den niemand einer Sünde zeihen konnte. Er ist das völlig fehlerfreie Gotteslamm (Joh. 1, 29), in dem der Fürst dieser Welt nichts fand (Joh. 14, 30). So nennt die Frau des Pilatus den Herrn “jenen Gerechten” (Matth. 27, 19), und auch der Landpfleger selbst sagt zur aufrührerischen Volksmenge: “Ich bin schuldlos an dem Blute dieses Gerechten” (Vers 24). Petrus bezeichnet in Apg. 3, 14 den Herrn als den Heiligen und Gerechten, und auch Stephanus spricht von Christus als dem Gerechten (Apg. 7, 52; vgl. auch Jak. 5, 6; 1. Petr. 3, 18; 1. Joh. 2, 1; Röm. 10, 4; 1. Kor. 1, 30).
Was sagt nun unser Schriftzeugnis von der Seele des Gerechten, des Christus? Nichts Geringeres, als daß Gott sie nicht hungern lässt; mit andern Worten: ihr Begehren erfüllt. Das Liebesverlangen des Herrn bleibt nicht in endloser, ungestillter Spannung, sondern wird zur gottgegebenen Zeit und Stunde völlig befriedigt.
Das stimmt überein mit dem Zeugnis von Hiob 23, 13b, wo bezüglich Gottes geschrieben steht: “Was Seine Seele begehrt, das tut Er.” In noch vielen andern Schriftzusammenhängen wird uns gesagt, daß der Herr das, wonach Er Sich sehnt und was das Begehren Seines Herzens ist, schließlich trotz aller Hemmungen und Widerstände auch aus- und durchführt.
Dem Hunger des Gerechten wird die Gier der Gesetzlosen gegenübergestellt. Während der Hunger etwas Normales und Gottgewolltes ist, kennzeichnet Gier unbeherrschtes, gottwidriges Lustverlangen.
So spricht Hiob 38, 39 von der Gier der jungen Löwen, Ps. 27, 12 redet von der Gier der Bedränger, und in Ps. 41, 2 lesen wir von der Gier der Feinde der Gottesfürchtigen. Schlagen wir noch Spr. 11, 6 und Hes. 16, 27 nach, wo von der Gier der Treulosen und der Hasser geschrieben steht, oder denken wir an Eph. 4, 19, wo Paulus bezüglich der Nationen schreibt, daß sie alle Unreinigkeit mit Gier ausüben. Schließlich sei noch daran erinnert, daß Ps. 8, 2 vom “Feind und Rachgierigen” redet, der — wie wunderbar sind doch Gottes Mittel und Methoden! — durch das Lob Unmündiger zum Schweigen gebracht wird.
Aus all diesen Zusammenhängen erkennen wir, daß Gier gottwidriges Lustverlangen der Gesetzlosen ist. Aber diese Gier, so gewaltsam und drohend sie sich auch gegen Gott und die Seinen wendet, vermag sieh nicht durchzusetzen, kann ihre Bosheits- und Racheziele nicht erreichen. Gott stößt sie zur gegebenen Zeit und Stunde zurück, beseitigt sie oder, paulinisch gesehen, setzt dereinst alle Feindschaft, Macht und Gewalt in Untätigkeit oder außer Funktion (1. Kor. 15, 24).
Aller Christushunger wird gestillt. Aber alle Feindesgier wird abgetan, werden. Wohl dem, der das glauben und fassen darf!
2. Das Harren der Gerechten und die Hoffnung der Gesetzlosen
“Das Harren der Gerechten wird Freude, aber die Hoffnung der Gesetzlosen wird zunichte.” (Spr. 10, 28).
Vom Harren oder Ausharren lesen wir oft in der Schrift. Es ist ein vertrauendes Drunterbleiben unter auferlegten Lasten, ein gläubiges Ausschauen nach einem Ziel der Vollendung, von dem noch nichts in die Erscheinung getreten ist.
Darum ermahnt Paulus in 2. Thess. 3, 5: “Der Herr aber richte eure Herzen zu der Liebe Gottes und zu dem Ausharren des Christus!” Die Liebe Gottes ist die Quelle, das Ausharren des Christus der Weg zur Erreichung alles Heils und jeglicher Rettung.
Das Ausharren des Glaubens ist durchaus nicht etwas Weibisches und Erbärmliches, sondern vielmehr männliche Standhaftigkeit, heldenmütiges Erdulden. Das erkennen wir vielleicht am deutlichsten, wenn wir die heldenhafteste Tat betrachten, die je geschehen ist: das Erlösungswerk auf Golgatha. Das Kreuz Christi scheint völlige Passivität zu sein. War doch der Herr wie ein Lamm, das seinen Mund nicht auftat.
Und doch war dieses Versöhnungswerk höchste Aktivität. Denn es war nichts Geringeres als das “Auflösen” der Werke Satans (1. Joh. 3, 8 wörtlich) und das Entwaffnen von Fürstentümern und Gewalten (Kol. 2, 15).
Noch heute ist der Herr ein zur Rechten Gottes Wartender, wie Hebr. 10, 13 bezeugt, und noch ist von der Unterwerfung des Alls unter Seine Füße nichts zu sehen, obwohl sie grundsätzlich vollzogen ist (Hebr. 2, 8).
Aber wir dürfen zuversichtlich glauben, daß Sein Harren Freude wird, daß Seinem weinenden Hingehen auf den Acker der Welt ein jauchzendes Heimtragen Seiner Garben folgen wird (Ps. 126, 6).
Wie unser Herr und Haupt in dieser Weltzeit kein königlich Regierender, sondern ein Harrender und Wartender ist, so auch wir, Seine Glieder. Auch wir harren und warten voll Sehnsucht und Freude auf jenen Augenblick, da wir mit Ihm vereinigt werden. Darauf zielt Sein brennendes Liebesverlangen. Denn erst dann, wenn Christus Seine Fülle, Sein Vollmaß angezogen hat, in den Besitz Seiner Glieder gekommen ist, vermag Er Seine wunderbaren, weltallweiten Aufgaben zu lösen, die der Vater Ihm im Blick auf alle und jede Kreatur gegeben hat.
Dann wird die große Freude nicht nur Ihn und Seine Glieder erfüllen und beseligen, sondern letztlich die ganze Schöpfung durchdringen und beglücken. So ist das Harren Christi Ursache und Brunnquell heiliger Gottesfreude für Ihn und alles, was der Vater Ihm übergeben hat.
Anders ist es mit der Hoffnung der Gesetzlosen! Sie wird zunichte. Denn jede wahre Hoffnung, die ihrer Erfüllung gewiß sein darf, ist an Gottes heiliges Wort gebunden. Hoffnung außerhalb göttlicher Verheißungen und Zusagen gibt es nicht. Darum ist eigentlich “Hoffnung der Gesetzlosen” ein Widerspruch in sich selbst. Denn die Erwartungen und Ratschlüsse der Gottlosen werden zunichte (Hiob 5, 12; Ps. 33, 10; Spr. 11, 7). Gott läßt Sich nichts abtrotzen und lacht über die Spötter, die Sein Weltregiment nicht anerkennen wollen. Wo immer Geschöpfe, es seien Engel oder Menschen, in lästerlichem Größenwahn den Himmel zu stürmen suchen, läßt Gott sie zunichte werden (1. Kor. 2, 6; 2. Tim. 1, 10; Hebr. 2, 14).
Daß dieses Zunichtewerden nicht das Endgültige, sondern vielmehr nur die notwendige Voraussetzung zur Erlangung des Heils ist, gehört nicht in unsern Zusammenhang und sei daher nur angedeutet (1. Kor. 1, 28).
Laßt uns solche sein, die nicht auf dem Flugsand menschlicher Meinungen und ungewisser Erwartungen stehen, sondern in das gottverordnete und gottgeschenkte Harren des Christus glaubend, hoffend und liebend hineinwachsen!
3. Das Begehren der Gerechten und die Hoffnung der Gesetzlosen
Spr. 11, 23: “Das Begehren der Gerechten ist nur Gutes; die Hoffnung der Gesetzlosen ist der Grimm (oder die Vermessenheit).”
Was begehrt Christus? Wozu ist Er gekommen? Welches ist das tiefste und letzte Verlangen Seines Herzens? Doch nicht zu richten und zu strafen und bedient zu werden, sondern zu suchen und selig zu machen, was verloren ist! Sein Begehren ist “nur Gutes”!
So ist auch das Begehren aller wahrhaft Gerechten nicht Rache und Vergeltung, obwohl sie diese als heilsnotwendige Teilziele in der Durchführung der Rettungsprogramme Gottes ausüben werden! Wer wirklich Gottes Güte geschmeckt hat und von Seiner Gnade lebt, der wird selbst seinen erbittertsten Feinden nicht endloses Gericht und unaufhörliche Verdammnis wünschen. Sein Begehren, seine letzten innersten Herzensgedanken sind nur Gutes.
“Nur Gutes!”
Wie sind in diesen beiden Wörtlein die tiefsten Bedürfnisse aller Gottesmenschen enthüllt! Wer einmal in Gottes Vaterherz hineingelauscht und hineingeschaut hat, der weiß, daß Er immer und überall, auch da, wo Er zürnt, straft und richtet, nur Gutes im Sinne hat, nur das Heil und die Herrlichkeit Seiner Geschöpfe erstrebt.
Denn Tod, Gericht und Verdammnis sind nie das letzte, sind nie Ziel und bleibender Zustand, sondern nur Durchgangsstation und Mittel zum seligen Endzweck.
Während das Begehren der Gerechten nur Gutes ist, ist die Hoffnung der Gesetzlosen Grimm oder Vermessenheit. Edom bewahrte seinen Grimm immerdar und erstickte sein Erbarmen. Gott aber verurteilt diese Herzenseinstellung und verhängt deshalb ein strenges Gericht über das Volk (Amos 1, 11.12).
Immerwährender Grimm und endlose Pein ist nicht nur dem genauen Wortlaut der Schrift, sondern auch dem Herzen unseres Vaters völlig fremd. Die Gesetzlosen jedoch wissen nichts von Gottes Gnadenabsichten und Heilsgedanken. Darum sahen auch die Dämonen im Herrn nicht den Heiland und Retter, sondern den Rächer und Quäler (Matth. 8, 29). Sie erwarteten vom Sohne Gottes nichts Gutes, sondern Grimm.
Man kann das durch Grimm wiedergegebene Wort auch mit Vermessenheit übersetzen. Was heißt “vermessen”? Doch nichts anderes, als einen falschen Maßstab anlegen! Wer kein rechtes Maß hat, der vermißt sich.
Zehnmal spricht Gottes Wort sehr ernst von Vermessensein und Vermessenheit. Wenn Gott verstößt und richtet, so handelt Er “mit Maßen” (Jes. 27, 8), und wenn Er mit Zähren tränkt, so tut Er es auch “maßweise” (Ps. 80, 5).
Wenn Er aber Seine Gnade überströmen läßt (1. Tim. 1, 14), unsere Bitten und Gedanken durch Liebeserweise übertrifft (Eph. 3, 20) und ein überschwengliches, ewiges Gewicht von Herrlichkeit enthüllt (2. Kor. 4, 17), so handelt Er “über die Maßen”! Welch ein wunderbarer Gott, der in Christo unser liebender Vater ist!
Möchten wir nie vergessen, daß wahrhaft Gerechte “nur Gutes” begehren! Andererseits wollen wir uns davor bewahren lassen, daß Grimm und Vermessenheit, die das finstere Hoffnungsgut, die furchtvollen Erwartungen der Gottlosen bilden, unser Glaubens-, Hoffnungs- und Liebesleben beeinflussen und gestalten.
4. Der Ausstreuende und der Geizige
In Spr. 11, 24 sind zwei Männer gegenübergestellt: “Einer, der ausstreut, und er bekommt noch mehr”, und “einer, der mehr spart als recht ist, und es ist nur zum Mangel”.
Wer ist der Ausstreuende, von dem hier die Rede ist? Dürfen wir in diesem Säemann nicht Christus sehen, der zugleich Säemann und Saatgut ist? Nennt Er Sich doch Selbst Säemann (Matth. 13) und Weizenkorn (Joh. 12, 23.24). Der Herr streut aus. Er hält Seine Gottgleichheit nicht gewaltsam fest (Phil. 2, 6), sondern “entleert Sich Selbst” oder “gießt Sich Selbst aus” (Phil. 2, 7 wörtlich). Sich Selbst gab Er dahin! Niemand zwang Ihn dazu. Deshalb konnte Er in Joh. 10, 17.18a sagen: “Darum liebt Mich Mein Vater, weil Ich Mein Leben lasse, auf daß Ich es wiedernehme. Niemand nimmt es von Mir, sondern Ich lasse es von Mir Selbst. Ich habe Gewalt, es zu lassen, und habe Gewalt, es wiederzunehmen.” Was ist die Frucht und Folge der heiligen Aussaat? Christus ward durch die Dahingabe Seiner Selbst nicht ärmer, sondern reicher. “Er bekommt noch mehr”, sagt die Schrift.
“Wenn Seine Seele das Schuldopfer gestellt haben wird, so wird Er Samen sehen … Von der Mühsal Seiner Seele wird Er Frucht sehen und Sich sättigen”, lesen wir in Jes. 53, 10.11.
Die Erstlingsfrucht Seiner Dahingabe wird die Gemeinde Seines Leibes sein, jene wunderbare, Ihm gleichgeartete und gleichgestaltete Körperschaft, die Seine Fülle, Sein Vollmaß ausmacht (Eph. 1, 23), deren Verwaltung dem Apostel der Nationen anvertraut wurde. Aber das ist nicht alles; “Er bekommt noch mehr”!
In immer weiteren Sphären der Schöpfung wirkt sich das allgenugsame Werk der Erlösung aus. In der heiligen Unruhe suchender Hirtenliebe geht Christus dein Verlorenen in nimmermüder Geduld nach, “bis daß Er es findet” (Luk. 15, 4).
Dem Ausstreuenden wird ein Geiziger gegenübergestellt. Was ist die Folge seines ängstlichen Sparens? Nur Mangel! Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren. Wer es aber um Gottes und Christi willen hingibt, der wird es in vermehrtem und verklärtem Maße wiederfinden.
Wem gleichen dein und mein Leben? Sind wir von Herzen bereit, alles, was wir sind und haben, in dankbarer Hingabe auf den Altar zu legen?
Dann, aber auch nur dann gilt uns das wunderbare Verheißungswort: “Er bekommt noch mehr!” Wenn wir aber in ungläubiger und habgieriger Sorge Gut, Ehre und Leben bewahren wollen, so sind nur Mangel und Not das Ergebnis unsres Handelns.
Auf welcher Linie laufen wir: auf der Christuslinie der Hingabe, die in Gottes Reichtumsfülle führt, oder auf der Selbsterhaltungslinie des Unglaubens und Mißtrauens, die in Armut und Elend endet?
Gott gebe, daß wir uns in allen Stücken unserm herrlichen Haupte gleichgestalten lassen!
5. Der Kornzurückhalter und der Getreideverkäufer
In Spr. 11, 26 steht geschrieben: “Wer Korn zurückhält, den verflucht das Volk; aber Segen wird dem Haupte dessen zuteil, der Getreide verkauft.”
Von Fluch und Segen handelt unser Wort. Fluch ruht auf dem, der Korn zurückhält. Wer ist wohl der, dem daran gelegen ist, daß das Brot des Lebens knapp werde und die Geschöpfe Gottes darben und hungern? Wir dürfen doch wohl darin den Feind sehen, der mit allen Mitteln, gottlosen und frommen, einer nach Erlösung lechzenden Welt Christus vorzuenthalten sucht.
Gewaltig waren von Anfang an seine Anstrengungen, das Heilsprogramm Gottes zu unterbinden und die Hinausführung Seiner Gnadenabsichten zu hintertreiben.
In 1. Mose 6, 1-4 lesen wir von Finsterniseinbrüchen in diese Erde. Satan besetzte durch seine Dämonen Kanaan, ehe Abraham dorthin kam. Immer wieder rief er Hungersnöte in den Ländern hervor, die Gott als Offenbarungsstätten ausersehen hatte.
Nicht nur die königliche Linie, aus der der Messias kommen sollte (2. Chron. 21, 4-7.17; 22, 10 - 23, 3), sondern die ganze Nation suchte er immer wieder zu zerstören (2. Mose 1, 15.16; Esther 3, 6).
Und als der Herr geboren war, verursachte Satan den furchtbaren Kindermord durch Herodes (Matth. 2, 16), suchte er Jesus auf alle Weise umzubringen (Matth. 4, 6; Luk. 8, 22-24).
Schließlich wollte er Ihn, damit das Erlösungswerk nicht zustande komme, in Gethsemane töten (Hebr. 5, 7). Auch seine letzten Bemühungen, den Herrn im Tode zu halten, nämlich die Versiegelung des Grabes (Matth. 27, 66), wurden von der siegreichen Auferstehungsmacht des Sohnes Gottes zersprengt.
Selbst jetzt noch, da Christus als Herr der Herrlichkeit hoch über alle Mächte und Gewalten erhöht ist, sucht Satan das große Heil von Golgatha zu verneinen, vorzuenthalten, oder doch wenigstens zu verkleinern. Er will nicht, daß einer hungernden Menschheit das Brot des Lebens gebrochen werde; durch den Betrug der Sünde und der Scheingüter einer sterbenden, verderbenden Welt sucht er das Lechzen nach Licht und Erlösung zu stillen. Aber bald kommt die Stunde, da er für sein Zurückhalten des “Kornes” den Fluch der Betrogenen und das heilige Gericht Gottes ernten wird.
“Segen aber wird dem Haupte dessen zuteil, der Getreide verkauft.”
Wer dächte hier nicht an Joseph in Ägypten, dieses wunderbare, fleckenlose Vorbild auf Christus? Joseph erhielt den Namen Zaphnath-Pahneach, zu deutsch: Retter der Welt oder Erhalter des Lebens. Er wurde von allen gesegnet, weil er Getreide verkaufte.
So verteilt auch Christus, doch “ohne Geld und ohne Kaufpreis” (Jes. 55, 1.2), den Wein der Freude, die Milch der Kraft und das Brot des Lebens. Und dafür wird dem Haupt des Christus, dem verherrlichten Sohn Gottes, Segen zuteil.
Wer vermöchte im Vollumfang auszudenken, was in diesen wenigen Worten verborgen liegt? Nur wer das heilige Frohlocken, die brünstige Freude von Eph. 1, 3: “Gesegnet ist der Gott und Vater unsres Herrn Jesu Christi, der uns gesegnet hat mit jeder geistlichen Segnung inmitten der Himmelswesen!” mit dem Gehör des Herzens erlauscht, durch den Glauben verstanden und durchlebt und durchliebt hat, vermag zu ahnen, was in dem schlichten Christuszeugnis von Spr. 11, 26b enthalten ist.
Gott schenke es uns, daß wir solche Gesegneten seien, die “Getreide verkaufen”, die ihr Brot auf die Fläche der Wasser werfen (Pred. 11, 1) und durch ihr Christuszeugnis im Schweigen und Reden, im Lieben und Leiden, im Hoffen und Harren schon jetzt in Niedrigkeit und dann als mit ihrem Haupt vereinigte Vollendete ihrem Vater für die gegenwärtigen und zukünftigen Weltzeiten zur Verfügung stehen!
6. Der Arme und der Reiche
“Da ist einer, der sich reich stellt und hat gar nichts, und einer, der sich arm stellt und hat viel Vermögen”, lesen wir in Spr. 13, 7.
Der Feind betrügt und blendet. Er stellt sich reich, tut, als ob ihm alles gehöre und er das dürstende, hungrige Menschenherz, die unruhigen, beladenen Völker völlig befriedigen und beglücken könne.
Was aber sagt die Schrift? “Er hat gar nichts!”
Auf Golgatha wurde er besiegt und samt seinen Helfershelfern an den Pranger gestellt (Kol. 2, 15). Alle Gewalt im Himmel und auf Erden, die Schlüssel des Todes und des Abgrundes befinden sich in den heiligen Händen des Sohnes Gottes, unsres Herrn und Hauptes.
Satan stellt sich reich. Aber in Wirklichkeit ist er arm. Er schweift umher nach Brot (Hiob 15, 23a) und weiß, daß er wenig Zeit hat (Offb. 12, 12). Darum hat er, auch wenn er sich in einen Engel des Lichts zu verstellen vermag, große Wut (2. Kor. 11, 14; Offb. 12, 12b).
Seine Gedanken sind uns nicht unbekannt (2. Kor. 2, 11). Es sind Gedanken der Auflehnung, des Hasses und der Furcht. “Die Stimme von Schrecknissen ist in seinen Ohren … er glaubt nicht an eine Rückkehr aus der Finsternis. Er weiß, daß neben ihm ein Tag der Finsternis bereitet ist … Angst und Bedrängnis schrecken ihn, sie überwältigen ihn wie ein König … weil er seine Hand wider Gott ausgestreckt hat und wider den Allmächtigen trotzte” (Hiob 15, 21-25).
Lassen wir uns nicht durch die Lockungen des Feindes verführen noch durch seine Drohungen einschüchtern! Denn Christus ist stärker. Unser Herr hat ihn besiegt und entwaffnet, so daß er uns, sofern wir im Glauben verharren, nichts anhaben kann noch darf.
Der Sohn Gottes geht den umgekehrten Weg wie Sein Feind und Gegenspieler. Christus wurde arm, entkleidete Sich Seiner Gottgleichheit und hüllte Sich in das Staubgewand eines armen, jüdischen Handwerkers. Er hatte weder Gestalt noch Pracht und war verachtet und verlassen von den Menschen (Jes. 53, 2.3). Was aber sagt unser Wort von Ihm? “Er hat viel Vermögen.” Das will sagen, daß Er viel vermag, viel zustande bringt, viel auszurichten in der Lage ist. Seine Fähigkeiten, Sein Können sind in erster Linie gemeint, wenn davon die Rede ist, daß Er viel Vermögen hat.
Darüber, was Gott in und durch Christus zu tun vermag und tun wird, wäre Hohes und Herrliches zu sagen. Nur einige wenige Schriftzeugnisse seien hier angedeutet.
- Er vermag denen zu helfen, die versucht werden (Hebr. 2, 18).
- Er vermag völlig zu erretten, die durch Ihn Gott nahen (Hebr. 7, 25).
- Er vermag aus Steinen (ein Bild für Engelmächte!) dem Abraham (der Typ des Glaubens!) Kinder zu erwecken (Matth. 3, 9).
- Er vermag alles, und kein Vorhaben kann ihm verwehrt werden (Hiob 42, 2).
- Er vermag über alles hinaus zu tun, über die Maßen mehr, als was wir erbitten oder erdenken (Eph. 3, 20).
Laßt es uns immer wieder fassen und festhalten, wenn uns Angst und Armut, Nacht und Not bedrucken und bedrängen wollen: “Da ist einer, der sich reich stellt und hat gar nichts, und einer, der sich arm stellt und hat viel Vermögen.”
7. Der Verächter und der Erbarmer
“Wer seinen Nächsten verachtet, sündigt; wer aber der Elenden sich erbarmt, ist glückselig” (Spr. 14, 21). Hier haben wir es wiederum mit zwei grundsätzlich und völlig verschiedenen Charakteren zu tun. Der eine ist ein sündiger Verächter und der andere ein glückseliger Erbarmer. Auch hier sieht das Auge des Glaubens zwei Typen, die einerseits im Feind und andererseits in Christo ihre klarste Prägung haben.
“Wer seinen Nächsten verachtet, der sündigt.” Verachtung, das Gegenteil von Liebe, Gnade und Erbarmen, ist so recht ein Merkmal des Feindes und der von ihm Inspirierten.
Der erste Verächter, von dem die Schrift berichtet, war Esau (1. Mose 25, 34). Lesen wir ferner die ergreifenden Zeugnisse nach, wo Gott davon redet, daß Sein Volk Ihn und Seine Satzungen und Rechte verachtet (3. Mose 26, 15.43; 4. Mose 11, 20; 14, 11.23; 15, 31; 16, 30; 5. Mose 31, 20; 32, 15 u. a. m.)!
Wer ist der Nächste? Wir dürfen diesen Ausdruck örtlich und zeitlich fassen. Örtlich betrachtet, ist es derjenige, der unmittelbar bei mir steht. Zeitlich gesehen aber ist mein Nächster der nach mir Kommende. Weil nun Gottes wunderbares, unerschöpfliches Wort nicht logisch-eindeutig, sondern geistlich-vieldeutig ist, weil es je nach dem inneren Reifegrad des Lesers und Hörers verschiedene Erfüllungen hat und in immer höhere Sphären der Erkenntnis der Wege und des Wesens Gottes führt, so dürfen wir auch immer klarere Durchblicke bekommen, wer der Nächste ist.
Ohne Zweifel ist mein Nächster zunächst der, mit dem ich Umgang habe, dem ich durch Bande der Verwandtschaft, des Blutes und des Volkstums verbunden bin. Ihm gegenüber habe ich besondere Pflichten. Darum ist es auch in Gottes Augen ein großes Unrecht, sich nicht um den Nächsten zu kümmern und ihn zu verachten. Die natürlichen Bindungen an Familie, Sippe und Volk verpflichten uns zu gottgewollter Opferbereitschaft.
Aber dieses Wort hat wie jedes andere in der inspirierten Urkunde Gottes auch einen prophetisch-symbolischen Sinn. Der Nächste, der nach dem Feind Kommende ist Christus. Diese Welt ist den Engeln unterstellt (Hebr. 2, 5); Satan ist der Gott und Fürst des jetzigen Zeitlaufs (2. Kor. 4, 4; Eph. 2, 2). Aber der kommende Äon ist dem Sohn Gottes unterworfen (Hebr. 2, 7.8), der ja Erbe über das All ist (Hebr. 1, 2).
Der Feind verlangt von Christus, daß Er vor ihm niederfallen und ihn anbeten solle (Matth. 4, 9). Satan versagte dem Sohn Gottes die Anbetung und verachtete so seinen “Nächsten”. Das ist seine Erz- und Ursünde, wie denn überhaupt Sünde im eigentlichen Grunde darin besteht, nicht zu glauben (Joh. 16, 9), d. h. sich nicht in dankbarem, freudigem Gehorsam Christus zu unterwerfen.
Es ist allein das Werk der Gnade Gottes, daß wir, die wir glauben, den “Nächsten”, den bald wiederkommenden Herrn aller Herren und König aller Könige, nicht wie so viele andere verachten, sondern lieben und anbeten.
Dem Verächter wird der Erbarmer gegenübergestellt. Während das Verachten des Nächsten eine Sünde ist, ist die Erbarmung eine Quelle der Glückseligkeit. Wir sind in der Betrachtung der Pläne und Ziele Gottes meist nur selbstsüchtig und egozentrisch (ichhaft) eingestellt. Wir denken nur daran, daß der Begnadigte glückselig, daß der, der Barmherzigkeit erfuhr, voll Freude ist.
Die Schrift lehrt aber in mancherlei Zusammenhängen, daß nicht nur der Begnadigte, sondern auch der Begnadiger, nicht nur der, an dem Barmherzigkeit erwiesen wurde, sondern auch der, der die Barmherzigkeit ausübt, glückselig sind. Wir denken nur an die Freude der erretteten Sünder und erwägen nicht, daß der rettende Gott, der begnadigende Vater, der segnende Erbarmer doch noch viel glückseliger ist. Denn auch in dieser Hinsicht ist Geben seliger als Nehmen.
Die Glückseligkeit Gottes liegt in Seinem Erbarmen, das Er mit uns Elenden hat. Dadurch, daß wir ein Gegenstand zum Erweis Seiner Barmherzigkeit sind, erhöhen wir, rnenschlich-töricht gesprochen, die Glückseligkeit unseres Vaters. Nicht widerstrebend und voll Groll und Grimm, sondern in heiliger Freude und Wonne betätigt Gott an uns den überschwenglichen, unausforschlichen Reichtum Seiner Liebe und Güte. Wohl dem, der sich allezeit darin geborgen weiß!
8. Der Werkmeister und das Werkzeug
Spr. 16, 4: “Der Herr hat alles zu Seiner Absicht gemacht, und auch den Gesetzlosen für den Tag des Unglücks.”
In diesem schlichten Zeugnis wird uns der letzte Zweck alles Seins enthüllt. Es gehört zu der tiefsten Tragik des Menschen, der Krone der Schöpfung, daß er nicht weiß, wozu er eigentlich da ist. Jedwedes Ding auf dieser Welt hat seinen Zweck: Erde und Acker, Haus und Hof, Reif und Regen, Tisch und Stuhl, Buch und Brille. Selbst das kleinste Schräublein an irgendeiner Maschine ist nicht umsonst da, sondern erfüllt eine Aufgabe.
Wozu aber ist der Mensch auf der Welt? Warum wird er unter Schmerzen geboren, geht eine kurze Zeit mit viel Weinen und Wehklagen, mit hungrigem Herzen und unstillbarem Sehnen durch das dunkle Erdental und verläßt dann, meist ohne etwas Großes und Bleibendes geschaffen zu haben, diese unverstandene Welt der Wirrnis? Warum? Das niederdrückende Bewußtsein, die schmerzliche Erkenntnis des eignen Unwertes, die im tiefsten Innern verborgen gehaltene Klage, zu gar nichts zu taugen, entmutigt und quält die meisten Menschen.
In heiligem Frohlocken ruft der Apostel der Christusfülle den Heidengemeinden zu, wozu sie, die meist aus Sklaven und Arbeitern, aus einfachen, “ungebildeten” Leuten bestehenden “Sekten”, da sind: “zur Sohnschaft durch Jesum Christum” (Eph. 1, 5), “zum Preise der Herrlichkeit Seiner (d. i. Gottes) Gnade” (Eph. 1, 6), “damit wir zum Preise Seiner Herrlichkeit seien” (Eph. 1, 12) und wiederum “zum Preise Seiner Herrlichkeit” (Eph. 1, 14)!
Welch ein wunderbarer Beruf, Künder und Darsteller der Gnade und Herrlichkeit des unfaßbar großen Gottes aller Barmherzigkeit und Vaters der Geister sein zu dürfen!
Ganz ähnlich, wenn auch nicht auf dieser hohen paulinischen Stufe, spricht unser Gotteswort. “Der Herr hat alles zu Seiner Absicht gemacht.” Der Absicht Gottes, dem Plan und Programm Seiner Gedanken, dient alles, was irgend ins Dasein gerufen ist.
Wem sollte da nicht das Herz in heiligem Begehren brennen, um die Absichten Gottes, um Seine Wege und Ziele zu wissen? Wie könnte da ein denkender und fehlender Mensch, der offenen Auges und aufgeschlossenen Sinnes durch diese Schöpfung geht, keine Anteilnahme haben an der Zweckbestimmung alles Bestehenden? Sollte man glauben, daß es sogar Fromme gibt, die in scheinbarer Demut von Gottes Gedanken und Absichten nichts zu wissen begehren, sondern sich mit der Erkenntnis und Pflege des eignen Heils begnügen?
Gott hat alles erschaffen zur Durchführung und Erfüllung Seiner Absichten und Pläne. Er hat das All durch und für Seinen Sohn ins Dasein gerufen (Joh. 1, 3; Kol. 1, 16). Christus ist darum Gottes Werkmeister (Spr. 8, 22). Ihm dient, bewußt oder unbewußt, das ganze All (Ps. 119, 91).
Ist aber auch der Feind und Gottlose ein Werkzeug Gottes und Christi? Hat auch er irgendwelche Aufgaben im Gesamtplan Gottes durchzuführen? Unsere menschliche Vernunft ist geneigt, diese Fragen entschieden zu verneinen. Anders aber redet das Wort Heiliger Schrift!
“Auch den Gesetzlosen!” Der Feind darf und kann nicht tun, was er in der Bosheit seiner eignen Gedanken beabsichtigt. Auch dann nicht, wenn er seinem eignen verwerflichen Gutdünken zu folgen wähnt. Er ist immer und unbedingt, wenn auch wider Wissen und Wollen, ein Gerichtswerkzeug Gottes und Christi.
Doch nicht immer und endlos! Die Tätigkeit des Gesetzlosen ist beschränkt. Seine Zeit wird bald abgelaufen sein. Darum fügt unsre Schriftstelle hinzu: “Für den Tag des Unglücks.” Am Tag des Heils und der Gnade ist Christus der Wirkende und Segnende. Aber am Tag des Unglücks und Gerichts ist der Feind das Werkzeug des heiligen Zornes Gottes.
Christus und Satan — der Werkmeister und das Werkzeug! Dieses Bewußtsein läßt uns stille und glückselig werden in allen Lagen unsres Lebens. Letztlich geschieht ja doch nur Gottes Liebeswille, und Seine Heilsgedanken führt Er nicht nur trotz aller dunklen Gewalten, sondern sogar durch und vermittelst dieser Widerstände aus. Das ist ja gerade der Triumph der Gnade, daß nicht nur nichts sie hindern kann, sondern ihr alles, einschließlich der Mächte der Gesetzlosigkeit, dienen muß, damit die über alle Maßen herrlichen Vollendungsziele Gottes mit Seiner ganzen Schöpfung erreicht werden.
9. Der einsichtige Knecht und der Sohn der Schande
“Ein einsichtiger Knecht wird über den Sohn der Schande herrschen und inmitten der Brüder die Erbschaft teilen” (Spr. 17, 2).
Dieses Gotteswort stellt zwei Männer gegenüber: einen einsichtigen Knecht und einen Sohn der Schande. In dem einsichtigen Knecht erkennen wir den Herrn. Sagt doch Jes. 52, 13 von Ihm: “Siehe, Mein Knecht wird einsichtig handeln; Er wird erhoben und erhöht werden und sehr hoch sein.”
Christus ist in vollkommenster Weise der Knecht Gottes. Er ist natürlich nicht nur Knecht, Er ist auch Sohn des Vaters, König Seines Volkes, Haupt der Gemeinde, Retter, Richter, Herr und Wiederhersteller des Alls. Aber zunächst hat Er in heiligem Gehorsam als Knecht die Befehle Gottes erfüllt, gab Sich zu freiwilligem Dienst, zu selbsterwähltem Sklaventum hin, indem Er Sich entsprechend der Anweisung des Gesetzes das Ohr am Türpfosten durchbohren ließ (vgl. 2. Mose 21, 1-6 mit Ps. 40, 6!).
Jes. 42, 19 spricht von dem Vertrauten Gottes, Seinem Knecht, und in Jes. 53, 11b lesen wir das wunderbare Christuszeugnis: “Durch Seine Erkenntnis wird Mein gerechter Knecht den vielen zur Gerechtigkeit verhelfen, und ihre Missetaten wird Er auf Sich laden.”
Dem einsichtigen Knecht steht der Schande bereitende Sohn gegenüber. Dürfen wir in diesem Schandsohn den Feind sehen? Vielleicht wird mancher meinen, man könne doch Satan nicht als “Sohn” bezeichnen. Wenn wir aber Hiob 1, 6 und 2, 1 nachlesen, so finden wir, daß auch der Feind zu den Söhnen Gottes gerechnet wird. Diese Sohnschaft beruht allerdings nicht auf Liebeszeugung, wie die Sohnschaft auf paulinischem Offenbarungsboden, sondern ist vielmehr nur eine natürliche und schöpfungsmäßige. Wird doch sogar der reiche Mann in der Qual von Abraham mit “Kind”, (Nachkomme oder Sohn) angeredet! (Luk. 16, 25).
Bis zur gegenwärtigen Stunde rebelliert der Sohn der Schande gegen den Gesandten Gottes, verfolgt Seine Gemeinde und schmäht Sein Wort. Aber die Zeit kommt, da Christus, der zukünftige König über alles, auch über den Schandsohn herrschen wird. “Denn Er muß herrschen, bis Er alle Feinde unter Seine Füße gelegt hat” (1. Kor. 15, 25).
Diese Herrschaft Christi über Seine Feinde dürfen wir durch den Glauben jetzt schon erfahren, indem wir durch Seine Auferstehungs-, Lichts und Liebeskräfte vor Ihm und in Ihm leben und wandeln. In Christo können und dürfen wir schon jetzt über alle Mächte und Gewalten der Finsternis und Schande Sieger sein und königlich herrschen.
Unser Wort spricht nicht nur von der Beziehung des einstigen Knechtes zum Sohn der Schande, sondern auch von Seinem Verhältnis zu Seinen Brüdern. Es ist die Rede von einer Erbschaft, die Christus mit Seinen Brüdern teilt. Man mag diese Verheißung in ihrer irdischen Königreichsbeziehung für die Erde und die Völker oder in ihrer himmlischen Bedeutung hinsichtlich des ganzen Alls, wie sie Paulus verkündigte, nehmen in wunderbarer, alles Sinnen und Denken weit übersteigender Weise wird dereinst Christus inmitten Seiner Brüder die Erde und ihre Fülle und mit Seinen Gliedern das himmlische Los oder Erbe teilen.
Wir finden in diesem kurzen, unscheinbaren Zeugnis große Gottesprogramme ausgesprochen. Mag der Unglaube achtlos daran vorbeigehen wer von den leuchtenden Liebesgedanken und herrlichen Vollendungsabsichten des Vaters erfaßt und erfüllt ist, der findet überall große Beute und freut sich von Herzen über jedes neue Licht, das ihm über Gott und Seinen Christus geschenkt wird.
10. Der Begehrer und der Geber
Ein letztes Wort aus den Sprüchen sei noch genannt: 21, 26. Dort lesen wir: “Den ganzen Tag begehrt und begehrt er; aber der Gerechte gibt und hält nicht zurück.”
Werden wir, wenn wir wissen wollen, wer der Begehrer ist, nicht unwillkürlich an das Zeugnis Jesu erinnert: “Siehe, der Satan hat euer begehrt” (Luk. 22, 31)? Ein andermal sagt Er den Pharisäern das ernste Wort: “Ihr seid aus dem Vater, dem Teufel, und die Begierden eures Vaters wollt ihr tun” (Joh. 8, 44a).
Während der Begehrer nur besitzen und genießen will, steht von dem Gerechten geschrieben, daß Er gibt. Und zwar gibt Er nicht Sachen und Dinge, sondern Sein eignes Leben, Sich Selbst. Unfaßbar und unerforschlich ist die Fülle dessen, was der Vater in Seinem Sohne der Schöpfung schenkt. Wir wollen nur einige wenige Punkte aus dem hohepriesterlichen Gebet in Joh. 17 herausgreifen, um zu verstehen, wie groß und wunderbar die Gaben sind, die Gott in Christo gibt.
- Ewiges Leben für alle, die dein Sohn übergeben sind (V. 2).
- Offenbarung des Namens Gottes an die Seinen (V. 6.26a).
- Die Aussprüche (oder Mitteilungen) des Vaters an den Sohn für die Seinen (V. 8).
- Die Freude Jesu in den Jüngern (V. 13).
- Die gottgegebene Herrlichkeit des Sohnes des Vaters für die Jünger (V. 22).
- Die Vaterliebe zum Sohn in den Jüngern (V. 26a).
- Der Sohn Gottes Selbst in den Jüngern (V. 26b).
Das sind sieben Gaben aus einem einzigen Kapitel der Evangelien. Wenn wir nun erst noch die Briefe, sonderlich die paulinischen Briefe hinzunähmen — hätten wir es dann nicht mit einer unerforschlichen Fülle zu tun?
Aber nicht die Aufzählung dessen, was der Herr schenkt, gibt uns einen umfassenden Begriff der überschwenglichen Größe Seiner Gaben und Segnungen, sondern die Betrachtung dessen, was Er zurückhält. Denn es kommt ja, von uns aus gesehen, nicht darauf an, wieviel Zeit, Kraft, Geld und Liebe wir Gott geben und weihen, sondern wieviel wir dem Vater grundsätzlich vorenthalten und verweigern, um es unlauteren, Ihm nicht wohlgefälligen Interessen zu widmen.
Hier ist das Zeugnis unsres Schriftwortes ebenso knapp und klar wie umfassend: “Der Gerechte gibt und hält nicht (oder nichts) zurück.”
“Über alle Maßstäbe hinaus” (Eph. 3, 20), “ein über die Maßen überschwengliches, ewiges Gewicht von Herrlichkeit” (2. Kor. 4, 17), ja, “das All” (Röm. 8, 32) schenkt uns der Vater in Seinem Sohne, “bis zur ganzen Gottesfülle”! (Eph. 3, 19).
“Gott der Herr ist Sonne und Schild; Gnade und Herrlichkeit wird der Herr geben, kein Gutes vorenthalten” (Ps. 84, 11). Welch ein wunderbarer Geber, der nichts zurückhält und Sich Selbst ausgießt, Sein innerstes, ureignes Sein und Wesen im Sohne mitteilt und darreicht!
Möchte doch unsre Hingabe an Ihn ebenso vollkommen, restlos und inbrünstig sein wie die Seinige an uns! –
Wir haben nur einige wenige Worte der Sprüche betrachtet, wo etwas von Christi Weg und Wesen hindurchleuchtet. Es gibt deren natürlich viel mehr. Wenn der Geist der Weisheit und der Erkenntnis die Augen unsres Herzens völliger zu öffnen vermöchte, so könnten wir verborgene Christusherrlichkeiten sehen, wo, oberflächlich betrachtet, nur belanglose und nebensächliche Dinge zu stehen scheinen.
Gott wolle auch an uns Wahrheit werden lassen, was wir hinsichtlich der Emmausjünger in Luk. 24, 15 lesen, wo es von dem Herrn heißt: “Darauf öffnete Er ihnen das Verständnis, um die Schriften zu verstehen.” Dann könnte sich auch Vers 31 an uns erfüllen: “Ihre Augen wurden aufgetan, und sie erkannten Ihn”, und wir würden zueinander in heiliger Freude sagen: “Brannte nicht unser Herz in uns, als Er uns die Schriften öffnete?”
Gelobt und gepriesen sei unser großer Gott und Vater, der uns in Seinem Sohn so unaussprechlich Großes und Herrliches geschenkt hat!
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Gott gibt gern im Überfluß, Daß auch wir die Fülle haben; Ohne Mißmut und Verdruß Schenkt Er uns die größten Gaben, Opfert liebend Seinen Sohn Uns als Weg durchs Kreuz zur Kron’. |
Gott gibt gern im Überfluß, Und es war schon vor den Zeiten Seiner Gnade Heilsbeschluß, Daß nach allen Ewigkeiten Seine Schöpfung froh und frei Und in Ihm glückselig sei. |
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Gott gibt gern im Überfluß Und läßt nie es Sich gereuen, Daß in heiligem Genuß Wir uns Seiner Güte freuen. Die wir oft das Ziel verfehlt, Hat zur Rettung Er erwählt. |
Gott gibt gern im Überfluß. Wer Ihm glaubt, der lernt Ihn loben Und empfängt der Liebe Kuß, Daß, im Geist zum Herrn erhoben, Er den Vater preist und ehrt, Der die Welten einst verklärt. |
(Quelle: “Für Leben und Glauben”; Paulus-Verlag; Heilbronn)


Jeden Sonntag ab 10:00 Uhr von der 