Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Acht gewaltige Gebete der Schrift, die aus nur zwei Worten bestehen

Autor: Heller, Adolf  |  Kategorie(n): Anbetung, Wort Gottes (Bibel)  |  598 x gelesen

(Wortdienst in Stuttgart-Heslach am 03.10.1971)

Meine Brüder, meine Schwestern,
Ihr Heiligen und Geliebten und Ersehnten Gottes,

das Thema, das ich Euch heute bringen darf, werdet Ihr vielleicht als eigenartig empfinden. Wenn Ihr aber bedenkt, daß der Herr Jesus davon redet, daß Pharisäer und Schriftgelehrte meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen (was aber nicht der Fall ist), während auf der anderen Seite die Schrift in wunderbaren, herzergreifenden Zusammenhängen ganz kurze Gebete enthält, die nur aus zwei Worten bestehen, die tatsächlich erhört werden, dann ist das Thema wohl gerechtfertigt.

Dabei sind die meisten dieser Gebete, die ich Euch jetzt nennen möchte, dem Liederbuch des Alten Testaments entnommen — dem Psalter. Es ist immer wieder ergreifend, zu beobachten, daß Gott nicht auf die Länge unserer Gebete oder die Wucht unserer Worte, sondern auf die Stellung unserer Herzen sieht. Zwei Worte — nur zwei Worte — können Gewaltiges aussagen und die Verheißung haben, daß sie erhört werden. Ich möchte Euch darauf hinweisen, daß in diesen acht kurzen Gebeten, über die ich sprechen möchte, die Entwicklung unseres Glaubenslebens von den Anfängen — den Fundamenten — bis hinein in die Vollendung dargestellt wird.

1. Rette mich!

Wir finden diesen Gebetsruf in Ps. 6, 5, wo es heißt: “Kehre um, HERR (oder: Drehe dich um — zu mir — Jahwe); befreie meine Seele, rette mich um deiner Gnade (oder: Güte) willen.”

Meine Lieben, die meisten Menschen wissen nicht, daß man errettet werden muß, weil man von Natur aus verloren ist. Das glaubt auch die offizielle, moderne heutige Theologie nicht. Man sagt: Wir sind doch nicht verloren! Wir haben doch einen Anspruch an das Leben und an die Freuden und Genüsse dieser Welt! Wieso müssen wir errettet werden? Inwiefern sind wir verloren?

Und doch ist es so! Zu Recht singen wir im Weihnachtslied:

“Welt ging verloren, Christ ist geboren.
Freue, freue dich, o Christenheit!”

Und wir haben das heilige Vorrecht und die heilige Pflicht, es nicht nur selber zu erfahren: Er hat mich errettet (herausgerissen, herausgezogen aus dem Verderben), sondern es auch anderen Verlorenen weiterzusagen.

Wir alle sind — zunächst ohne unsere Schuld — dem Verderben ausgeliefert, das darin besteht, daß wir als Sünder gezeugt und geboren worden sind (Ps. 51, 7) und in einer Welt der Sünde leben und unter dem “Gesetz der Sünde und des Todes” stehen (Röm. 8, 2). Dazu können wir persönlich nichts. Unsere Schuld beginnt in dem Augenblick, wo wir die Möglichkeit sehen, daß wir herausgehoben werden aus Schuld und Not und Sünde und Schmutz und Tand und Vergänglichkeit, und dieses Gnadengeschenk nicht annehmen, die ausgestreckte Retterhand nicht ergreifen, uns nicht bergen in den starken Händen Gottes und Christi. Da beginnt unsere Schuld — bei dem bewußten “Nein” Gott und Christus gegenüber.

Deshalb ist ein kleines Kind, das da in seiner Wiege liegt (zwei, drei Wochen oder zwei, drei Monate alt) zunächst unschuldig und gilt vor Gott als unschuldig und hat ein Engelgeleit. Erst wenn das Kind zu Gott hin gerufen wird und sich für oder gegen Gott und Christus frei entscheiden kann — wenn es spürt: Mit mir müßte es anders werden — und es sagt nein und will lieber in Lüge und Trotz und Bosheit verharren, da zieht sich die Engelschar zurück, und das Kind ist nicht mehr unschuldig. Es hat Schuld auf sich geladen durch sein “Nein” gegen Gott. Vorher war das Kind unschuldig — doch ein sündloses Kind war es nie! Sündlose Kinder gibt es nicht, wohl aber unschuldige Kinder. Denn daß das Kind in Sünden gezeugt und geboren wurde, dazu kann es nichts. Doch daß es, vor die Entscheidung gestellt, nein sagt zu Gott, das ist eine ernste Sache, und eine solche Entscheidung kann ein ganzes Leben gestalten.

Ich weiß aus seelsorgerlicher Erfahrung, daß ein Mensch eine solche Entscheidung unter Umständen schon mit fünf Jahren treffen kann — oder mit sieben, zwölf, vierzehn oder zwanzig Jahren. Ich weiß von Kindern, die schon mit fünf Jahren eine Entscheidung für Gott und Christus trafen, die ein ganzes Leben lang Bestand hatte! –

Vor sechs Tagen habe ich aus irgendwelchen Gründen bei fremden Leuten einen Besuch machen müssen. Der Mann war gerade nicht da, und ich kam mit der Frau ins Gespräch. Sie machte einen guten, gediegenen Eindruck, obwohl sie Zigaretten rauchte und vor dem Fernseher saß. Sie erzählte mir, daß sie während des Ersten Weltkrieges zusammen mit anderen Frauen und Mädchen hart arbeiten mußte, und weil die anderen alle rauchten, hat sie auch dann und wann einmal eine Zigarette geraucht, und das hatte sie bis jetzt, bis zu ihrem 72. Lebensjahr, beibehalten. Das erzählte sie mir, und es klang fast wie eine Entschuldigung. Ich hatte ihr die Zigarette zuerst angelastet — ich Pharisäer. Wir sind ja alle von Natur aus Pharisäer, wir Frommen! Ich dachte: Zigarette, Fernseher, und dazu ein großes Stück Fleischwurst vor sich auf dem Tisch — was ist das für eine Hausfrau! Ich habe aber umgelernt und während des Gespräches innerlich Buße getan. — Doch ich will Euch die Hauptsache sagen. Die Frau, die einen guten Eindruck auf mich machte, je länger ich mit ihr sprach und ihr ins Herz und ins Auge sah, erzählte mir folgendes: Als ich ein Kind war, wollte ich etwas Böses tun (wie alt sie war, sagte sie mir nicht; ich vermute aber, sie war fünf oder sechs Jahre alt). Aber in dem Augenblick, wo ich das Böse tun wollte, da streckte sich eine Hand nach mir aus und warnte mich. Ich war zutiefst erschrocken und sagte mir: Diese Hand — drohend, warnend, mahnend — das ist Gottes Hand! (Zwischenfrage: Finden wir so etwas auch in der Bibel, daß sich — wie aus dem Nichts — eine Hand ausstreckt und irgend etwas unternimmt zur Warnung? Ja, bei dem König Belsazar, Buch Daniel, Kapitel 5! Da hat sich plötzlich eine Hand ausgestreckt und Buchstaben an die Wand geschrieben: Gezählt, gezählt, gewogen und zu leicht erfunden!) Die Frau fuhr fort: Ich bin damals so erschrocken, daß ich mir vorgenommen habe: Ich möchte in meinem Leben nichts Böses tun, ich möchte davor bewahrt bleiben, und ich habe auch seitdem nichts Böses mehr getan!

Ich habe dann nicht gedacht: Was für eine Pharisäerin! Ich stand wirklich unter dem Eindruck: Diese Frau hat in ihrem Leben nie die Ehe gebrochen, hat nie bewußt gelogen oder gestohlen. Soviel Menschenkenntnis glaube ich zu haben, nach über 40 Jahren Tätigkeit als Lehrer.

Nun frage ich Euch: Dieses Geschehen, daß man durch ein Wunder, gleichsam durch die ausgestreckte Hand Gottes, zutiefst erschrickt und vor dem Bösen bewahrt bleibt und ein Leben lang nicht in schwere Sünde gerät — gehört das auf die Reichslinie Israels oder auf die Gemeindelinie des Leibes oder Körpers Christi, oder gehört das zu dem äonischen (ewigen) Evangelium von Offenbarung 14, 6.7, worin den Menschen gesagt wird, daß Gott der allmächtige Schöpfer ist, den man fürchten und dem man gehorchen soll? Auf welche Linie gehört das, auf die erste oder zweite oder dritte? (Antwort der Hörer: auf die dritte!) Jawohl, auf die dritte! Und deshalb sage ich: Die verschiedenen Evangelien (von denen ich die drei hauptsächlichen jetzt genannt habe) laufen ineinander und nebeneinander und miteinander. Das habe ich schon lange gewußt (nach der Schrift), aber dieses Erlebnis hat es mir praktisch bestätigt.

Ich habe dann zunächst nichts weiter gesagt. Ich habe nicht gesagt: “Was sagen Sie da, Sie haben nie gesündigt? Sie haben ja keine Ahnung! Ich will Ihnen jetzt einmal beweisen und Sie überführen, daß Sie gesündigt haben!” So hätte ich es vor 50 Jahren gemacht. Heute mache ich das nicht mehr so. Ich habe gelächelt und gesagt: “Gott segne Sie! Ich werde Sie demnächst wieder besuchen!” Ich will ihr dann das Evangelium sagen.

Solche Erlebnisse sind wunderbar, und auch dafür enthält die Schrift eine ganze Reihe von Anweisungen. Es gibt viele Menschen, die sind noch nicht gläubig, aber sie sind manchmal viel anständiger, edler und selbstloser als viele Fromme aus unseren Kreisen. Jawohl, das ist die Wahrheit! Aber Gott wird einmal gerecht sein in allen Seinen Wegen. Ich möchte darauf hinweisen, daß die acht Gebete, die wir jetzt betrachten, alle ihre Aufgabe haben — ein jedes an seinem Platz. Wir aber dürfen mit dem weiten Herzen Gottes, dessen Liebe alle umspannt und umfaßt, eine arme, verblendete Welt lieben — einen jeden da, wo er innerlich steht.

“Rette mich!” Es gibt für dieses “Retten” in den biblischen Ursprachen verschiedene Ausdrücke, die z. B. bedeuten: herausreißen — einhüllen, um bewahrt zu bleiben — zum Ziel führen. Und ich hoffe und glaube, daß sich unter uns kein einziger befindet, der nicht schon einmal gerufen hat: “HERR, errette mich von meinen Sünden! Ich möchte ein Mensch sein, der Dir gehört! Ich schlage ein in Deine ausgebreiteten Retterhände! So nimm denn meine Hände — und mein Herz und mein Alles dazu!” Und wenn einer hier wäre oder eine, die noch nicht errettet ist: Lernt einmal dieses Gebet sprechen: “HERR, rette mich!” Denkt einmal darüber nach, daß Ihr Verlorene seid und errettet werden müßt und errettet werden könnt und — seit dem Kreuzestod und der Auferstehung Jesu Christi — im Grunde schon errettet seid! Eure Errettung ist schon längst geschehen; Ihr müßt sie nur nehmen und glauben.

2. Erforsche mich!

Erforschen ist etwas ganz anderes als retten. Wer zu einem Ertrinkenden ins Wasser springt und ihn festhält, der hat ihn errettet; ein Chemieprofessor aber, der vor seinem Mikroskop sitzt, verrichtet eine Forschungsarbeit. Wir hören dazu Ps. 139, 23: “Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz! Prüfe mich und erkenne meine Gedanken!”

Viele erschrecken zutiefst, wenn sie als Errettete erkennen: Ich habe jetzt Jesus angenommen, aber mein Herz ist ja gar nicht anders geworden! Da kommen ja nach wie vor böse Gedanken hoch — des Neides, des Geizes, der Lüge, der Fleischeslust, des Hochmutes, der Unversöhnlichkeit, des Hasses! Wer das erlebt, denkt vielleicht: Ich bin wohl noch gar nicht bekehrt, sonst könnten mir nicht solche Gedanken kommen! Das muß man einmal erleben, und das haben wohl auch die meisten unter Euch erlebt — oder werden es noch erleben! Dann betet man nicht mehr: “Rette mich!” Wir sind ja errettet. Jesus hat uns ja gezeigt, daß Er mit Seinem Blut für alle unsere Sünden bezahlt hat, daß Er auferstanden ist und uns eine Heimat bereitet hat im Licht. Da betet man dann: “Erforsche mich, o Gott”, Du Starker, Allesvermögender! Erforsche mich, denn ich kann mich selbst nicht verstehen. Du aber kennst mein Herz. Schau hinein! Erforsche meine Gedanken, die sich jagen und einander widersprechen — die einerseits sagen: “Du wärest ja dumm, wenn du das nicht machen würdest!”, und andererseits: “Halt, das ist nicht recht!”

Wir müssen einmal eine Zeit durchleben, wo wir an uns selber verzweifeln und sprechen: “Wie ist das nur möglich, daß es das noch in meinem Herzen gibt — soviel Bosheit, soviel Widerspruch, soviel Ungehorsam und Trotz!” — Kommt es vor, daß Gläubige noch stehlen? Wir Pharisäer sagen sehr schnell: Nein. Aber ich will Euch einen sehr verbreiteten Diebstahl nennen: Wir stehlen anderen die Zeit! An einem Telefonhäuschen habe ich gelesen:

“Sag, was du willst, kurz und bestimmt!
Laß alle schönen Worte fehlen!
Wer unnütz unsre Zeit uns nimmt,
bestiehlt uns, und du sollst nicht stehlen!”

Also habt Ihr alle schon gestohlen, und wenn Ihr nur anderen die Zeit gestohlen habt! Aber wir haben noch viel mehr getan. Es würde zu weit führen (ich würde dazu wohl acht Tage brauchen), um uns zu beweisen, daß wir (du und ich) alle Zehn Gebote schon übertreten haben!

Erforsche mich! HERR, zeig mir, wie ich bin! Zeig mir die ganze Tiefe meines Verlorenseins! Zeig mir den ganzen Schmutz in meinem Unterbewußtsein, der immer wieder durchbrechen und in mir lebendig werden will! Erforsche mich, Jesu, mein Licht!

“Entdecke alles und verzehre,
was nicht in Deinem Lichte rein!
Wenn mir’s gleich noch so schmerzlich wäre,
die Wonne folget nach der Pein!”

3. Wasche mich!

Ich lese aus Ps. 51 die Verse 4 und 9: “Wasche mich völlig von meiner Schuld und reinige mich von meiner Sünde … Entsündige mich mit Ysop, und ich werde rein sein; wasche mich, und ich werde weißer sein als Schnee!”

Psalm 51 ist ja das bekannte Bußgebet des Königs David, nachdem er zum Ehebrecher und Mörder geworden war. Er hat dann aber den Mut gefunden, vor dem Propheten Nathan ein Sündenbekenntnis abzulegen: “Ich habe gesündigt!” Darum konnte dann Nathan zu ihm sagen: “So hat der HERR deine Sünde hinweggetan (vergeben).” Die Sünde wird in dem Augenblick vergeben, wo wir den Mut haben, zu sagen: “Ich habe gesündigt.” Warum? Weil Christus alle unsere Sünden an Seinem Kreuz und durch Seine Auferstehung erledigt und den Schuldbrief zerrissen hat (2. Sam. 12; Kol. 2, 13.14).

“Wasche mich, und ich werde weißer sein als Schnee!” — Was ich jetzt sage, mag manche überraschen: Wer nach schwerer Versündigung die Erlösung und Vergebung erfaßt hat, ist in den Augen Gottes reiner als einer, der nie gesündigt hat! Ich wiederhole: Wer gesündigt hat und hat seine Sünde Jesus gebracht, wer Buße getan und sie unter das sündenauflösende Blut Christi und unter die Zucht des Heiligen Geistes gebracht hat, ist reiner, als wenn er nie gesündigt hätte! — Nehmen wir einmal an, wir haben vor uns ein Stück Papier, schneeweiß, das frisch aus der Papierfabrik gekommen ist, und daneben ein anderes Stück Papier, das in den Dreck gefallen war und wieder gereinigt worden ist, nachdem es über und über von Schmutz bedeckt war. Und nun soll das Verschmutzte und wieder Gesäuberte reiner sein als das, was nie verschmutzt war? Ist so etwas möglich? Beim Papier wohl nicht, wohl aber beim Menschenherzen! Aber diese Wahrheit dürft Ihr nie mißbrauchen, indem Ihr etwa sagt: “Sollten wir, wenn es sich so verhält, nicht in der Sünde verharren, kräftig sündigen, damit die Gnade noch herrlicher erscheint?” Dazu sagt Paulus sehr deutlich nein (Röm. 6, 1.2)!

Mir sagte einmal ein Pfarrer, ein begnadeter Evangelist: “Weißt Du, als ich heiratete, da wollte ich kein Mädchen haben, das so ganz behütet aufgewachsen war und nie ein Wässerlein trübte und immer nur mit frommem Augenaufschlag durchs Leben ging. Ich wollte eine Frau haben (und jetzt hört mal zu, aber erschreckt nicht!), die durch Schuld und Vergebung gegangen ist.” (Er sagte nicht: die durch Sünde und Schande gegangen ist, die tief in den Morast gefallen war — das sagte er nicht –, wohl aber: die durch Schuld und Vergebung gegangen ist.) “Denn dann wird sie als meine Mitarbeiterin fähig sein, anderen aus Schuld und Sünde herauszuhelfen.” Und solch eine Frau hat er dann auch bekommen, eine prächtige Frau, eine Heilige.

Hat der Herr Jesus auch eine Braut? Denken wir jetzt einmal an die Heilsgeschichte! Hat da Jesus auch eine Braut? Und wer ist das? (Antwort der Hörer: Israel!) Natürlich, Israel! Sie war Seine Braut, ist aber, wie die Schrift sagt, zur Ehebrecherin, zur Hure geworden. — Glaubt Ihr, daß Er diese Hure einmal wieder annimmt als Braut? Daß Er ihr treu bleibt trotz ihrer Untreue? (Antwort der Hörer: ja!) Glaubt Ihr das? Hoffentlich glaubt Ihr das, denn sonst wäre es um Eure eigene Annahme vom HERRN schlecht bestellt. Er wird Israel völlig entsündigen — in Verbindung mit der Großen Drangsal, die bald kommen wird –, und dann wird Israel wieder Sein Weib sein, strahlend und rein (Hos. 2), schöner und leuchtender, als wenn sie nie gesündigt hätte.

Zu wem ist denn der Herr Jesus, als Er auf Erden war, gegangen? Ist Er in erster Linie zu den Hohepriestern und Schriftgelehrten gegangen, zu den Frommen Israels, oder ist Er zu den Zöllnern und Sündern gegangen? Ja, zu den Sündern.

“Jesus nimmt die Sünder an!
Saget doch dies Trostwort allen,
welche von der rechten Bahn
auf verkehrten Weg verfallen!”

Wenn wir das in der Kraft des Heiligen Geistes und in der Liebe Jesu bezeugen, dann geschehen Wunder der Gnade! Ich habe schon manchem 14- oder 15- oder 16jährigen Zigarettenraucher gesagt: “Schmeckt die Zigarette? ” — “Hm.” — “Ich weiß, Du hast im Grunde einen Ekel dagegen, aber Du kannst es nicht mehr lassen. Stimmt’s?” — “Ja.” — “Du armer Kerl! Sieh mal, ich habe früher auch geraucht und habe es nicht lassen können. Aber der Herr Jesus hat mich frei gemacht, und Er will Dich auch frei machen!” — Was waren die Kerle mir oft so dankbar, und viele haben ein neues Leben beginnen dürfen.

4. Bewahre mich!

Ein großer Gottesmann, General v. Viebahn, hat einmal gesagt: “Errettung ist ein großes Wunder, Bewahrung ist ein größeres Wunder, und Vollendung ist das größte Wunder!”

Mir haben schon Leute in der seelsorgerlichen Sprechstunde, nachdem sie alle ihre Sünden bekannt und sich dem HERRN übergeben hatten — ein Lossagegebet und ein Weihegebet gesprochen hatten -, folgendes gesagt: “Ich glaube, daß ich jetzt errettet bin; ich glaube, daß ich jetzt dem HERRN gehöre; ich glaube, daß Er mir alle meine Sünden vergeben hat — aber ich werde ja doch wieder sündigen; ich habe schon so oft vergebens dagegen gekämpft, ich falle ja doch wieder hinein!” So haben schon viele Leute zu mir gesprochen — einfache wie hochgebildete. Darum ist es so wichtig, die biblische Wahrheit zu erfassen: Jesus kann nicht nur erretten, Er kann auch bewahren — tadellos bewahren bis zum Ziel! Jesus Christus ist nicht nur der große Erretter, sondern auch der große Bewahrer. Wer sich jedoch nicht in Seine Gegenwart immer wieder begibt, sich in Seine bewah­rende Güte und Liebe einhüllt, kann dies nicht erfahren. Wir brauchen Ihn in allen Seinen Ämtern, und wir brauchen alle acht Gebete, über die ich heute spreche.

“Bewahre mich!” Ich lese dazu Ps. 17, 8: “Bewahre mich wie den Augapfel im Auge!” Gott hat den Augapfel im Auge tief gelegt, von Knochen oben und unten umgeben, und Er hat noch einen Vorhang darübergelegt, das Augenlid. Wenn Du mit dem Gesicht auf einen Stein fällst, so wird das Auge nicht so schnell beschädigt; denn es liegt zwischen der Knochenumrandung. Oder wenn sonst etwas in Dein Auge kommen will, dann ist da sofort die schützende Reflexbewegung des Augenlides. Das ist alles wunderbar gemacht. Unser Körper schattet die tiefsten Wahrheiten ab. — Gott hat auch ein Volk, das Er Seinen Augapfel nennt (Sach. 2, 12), das ist Israel. Es ist keineswegs das edelste und reinste und sündloseste Volk nach der Schrift, aber trotz aller seiner Sünde eben doch Jesu Braut und Gottes Augapfel.

Und so betet nun hier David: “Bewahre mich wie den Augapfel im Auge; birg mich im Schatten Deiner Flügel!” Zu dem Bild vom Augapfel kommt noch ein anderes Bild hinzu: Wir sind geborgen und werden getragen von den Flügeln des lebendigen Gottes. Wir sind nicht nur “Übersieger” (Röm. 8, 37), sondern auch “Überflieger”. Wir werden von den Fittichen Gottes emporgetragen — höher als jede Rakete, die Amerikaner oder Russen hinaufschießen — in ganz andere Dimensionen, zu ganz anderen Höhen und Seligkeiten, und wir werden von ganz anderen Kräften und Wonnen durchpulst und erfüllt und überströmend gemacht. Lest dazu nur einmal den Epheserbrief!

5. Gedenke meiner!

Da war einmal ein Schwerverbrecher, aus politischen Gründen zum Mörder geworden. Er wurde zur Todesstrafe am Kreuz verurteilt. Und dieser Mörder sagt zu seinem Nachbarn, ebenfalls am Kreuze hängend: “Gedenke meiner (oder: Denk an mich), wenn Du in Dein Reich kommst!” (Luk. 23, 42). Und da sagt ihm sein Nachbar: “Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein!” Kennt Ihr die Geschichte? Es geht um Jesus und einen der mit Ihm gehenkten Übeltäter.

Wir müssen den Herrn gar nicht dazu auffordern, an uns zu denken; Er sitzt ja zur Rechten des Vaters und denkt an uns. Und immer dann, wenn wir auf Erden den Namen Jesu bekennen — in einem Gespräch oder in einem Zeugnis, wo es auch sei –, gedenkt Er unser in besonderer Weise, ja, Er bekennt uns vor dem Vater (Matth. 10, 32).

Wenn ich aus einem Zug aussteige, verabschiede ich mich seit einigen Monaten mit den Worten: “Ich wünsche Ihnen eine gute Fahrt und wünsche Ihnen, daß ihre allerletzte Fahrt, die Sie von der Erde aus unternehmen, keine Höllenfahrt, sondern eine Himmelfahrt wird!” Es hat mich noch keiner ausgelacht. Alle haben aufmerksam zugehört.

6. Führe mich!

Wir lesen in Ps. 31, 4: “Denn mein Fels und meine Festung bist Du, und um Deines Namens willen führe mich und leite mich!”

Der Glaubende sagt zum Herrn: “Du sollst mein Führer sein!” Wir haben ja einmal einen “großen Führer” gehabt, aber Er hat uns in die Irre geführt. Der wahre Führer heißt Jesus Christus.

In diesem Zusammenhang habe ich im 31. Psalm etwas Wunderbares gefunden: Da betet David im 3. Vers: “Sei mir ein Fels der Zuflucht”, also ein Fels, zu dem ich mich flüchten kann; es bedeutet auch Bergungsort, Zuflucht gewährender Fels. Dann aber fährt er fort: “Denn mein Fels und meine Burg bist Du.” Das ist nach der menschlichen Logik und Philosophie eigentlich unsinnig, wenn er hier sagt: “Sei mir ein Fels …, denn Du bist mein Fels.” Wer nur mit seinem natürlichen, verfinsterten Verstand die Bibel liest, dem erscheint dies als Unsinn, doch ich will es Euch biblisch erklären, dann ergibt es einen wunderbaren Sinn. David sagt nämlich: “Du bist mein Fels, und nun erweise dich auch als mein Fels. Du bist meine Zuflucht, mein Bergungsort, und nun erweise dich mir als Zuflucht und Bergungsort. Mach das wahr an mir, was Du bist!” Es geht also in diesem Gebet darum: Was Du, o Gott, Deinem Wesen nach bist, als das erweise Dich auch! Mach Deine Verheißung an mir wahr! Brüder und Schwestern, wenn wir so unsere Bibel lesen und wenn wir so mit Gott Umgang haben, erleben wir Wunder um Wunder!

Zu der Bitte “Führe mich” gehört auch die andere: “Sende mich!” Jesus führt die Seinen, aber Er sendet sie auch (Joh. 17, 18). Ein kleines Kind muß man führen, ein größeres Kind aber kann man senden — etwa zum Kaufmann. Das Kind wird geführt und gesendet. Und so haben auch wir Führung an Seiner Hand und Sendung durch Sein Wort, in diesem Leben und noch viel mehr in kommenden Ewigkeiten.

7. Schlage mich!

Bei diesem Punkt werdet Ihr erschrecken, und ich weiß nicht, ob einer unter Euch den Mut hat, das zu beten. Bei mir hat es lange gedauert, bis ich so weit war, so zu beten, obwohl es mir einer vorgebetet und vorgelebt hat: Jesus, der sich schon vor Grundlegung der Welt bereit erklärt hat, geschlagener Fels und gemordetes Lamm zu werden, um die Sünde der Welt zu sühnen. Wenn wir “ergänzen, was noch fehlt von den Leiden des Christus” (Kol. 1, 24), dann beten wir auch dieses Gebet. Ihr werdet sagen: Sind wir im Leben nicht schon genug geschlagen worden? Ist das wahr? Ich denke, wir sind mit Segen überschüttete Menschen, die aber undankbar geworden sind. Wir haben nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland ein Wirtschaftswunder erlebt, und es geht uns als Volk recht gut. Ihr seid alle tadellos gekleidete Leute, jeder von Euch besitzt ein Bett für die Nacht und hat genug zu essen. Die Leute haben auch Geld — die meisten zuviel — und sind undankbar geworden und laufen schon wieder den falschen Propheten nach. Wo ich kann, gebe ich Zeugnis von Jesus, und Ihr glaubt gar nicht, wie verlangend viele Menschen sind, wenn man unter vier Augen mit ihnen spricht. Wagt es einmal, den Namen “Jesus” zu nennen! Je gottloser einer ist und den Dämonen verfällt — der Unzucht, der Zigarette, der Lüge, dem Diebstahl –, um so unglücklicher ist er im Innersten, und um so mehr braucht er unsere Botschaft von Jesus, unser Verständnis und unsere Liebe.

Und nun will ich dieses Wort “Schlage mich” vorlesen, damit Ihr Lust bekommt, mitzutragen und mitzuleiden für andere. Es steht geschrieben in Ps. 141, 5: “Der Gerechte schlage mich — es ist Güte; er strafe mich — es ist Öl des Hauptes.” Wenn wir uns mit unter die Schuld und Not der andern stellen und uns auch mit unter die Schuld und Not unseres Volkes stellen (wir wissen ja nicht, was die nächsten Jahre bringen werden), wenn wir, statt zu opponieren, sprechen: “Ja, HERR, schlage mich”, dann handeln wir so, wie viele große Gottesmänner es auch taten — etwa Nehemia oder Josua oder Daniel. Sie sagten nicht: “Ihr habt gesündigt”, sondern: “Wir haben gesündigt.” So sage ich den Leuten nicht, die mir begegnen und mit denen ich spreche: “Ihr habt gesündigt”, sondern “Wir sind undankbar geworden, wir lehnen den Sohn Gottes ab, den der Vater uns gesandt hat, und laufen statt dessen allen möglichen Süchten und Lüsten nach”, und dann sind die Leute auch ansprechbar, und wir tragen unsererseits etwas mit von der Schuld und Strafe unseres Volkes.

8. Erlöse mich!

Der letzte Punkt kehrt gewissermaßen zum ersten zurück, der ja lautete: “Rette mich!” Nun aber ist nicht die Erlösung des Geistes oder der Seele gemeint, sondern die Erlösung des Leibes (Röm. 8, 23). Unser Leib soll ja einmal genau so leuchtend, so herrlich, so vollkommen, so strahlend werden wie der Leib Jesu Christi. Wir sollen einmal dieselben Funktionen haben wie Christus, sollen auch einmal — wie Er — in den Himmel, durch die Himmel und über alle Himmel hinüberfahren. Wir sollen mit Christus Jesus, unserem Haupt, zur Rechten Gottes Platz nehmen; denn Er hat uns versetzt in die Himmelswelten, hoch über Throne, Fürstentümer und Gewalten (Eph. 2, 6). Neben dem Vater sitzt zu Seiner Rechten Sein Christus — bestehend aus Haupt und Gliedern. Christus wird einmal, vereinigt mit Seinem Leibe und auch mit Seinem Weibe Israel, in den kommenden Ewigkeiten weltallweit neues Leben zeugen.

Ich lese nun zu meinem 8. Punkt Ps. 144, 11: “Erlöse mich und errette mich aus der Hand der Söhne der Fremde …” Wir denken dabei an die Erlösung des Leibes oder an die Vollendung der Erlösung, und danach strecken wir uns aus. Dem Geiste nach haben wir die Erlösung erfassen dürfen, denn Jesus starb für uns. In der Seele haben wir erfahren, daß wir nicht mehr hassen müssen, nicht mehr neidisch und boshaft und geldgierig und unversöhnlich sein müssen, sondern Freund und Feind lieben und segnen können. Aber unser Leib ist noch nicht erlöst. Da gibt es Blut und Tränen und Schweiß, die dieser Leib absondert. Aber die Erlösung unseres Leibes wird kommen, “daß er gleichförmig werde Seinem Leibe der Herrlichkeit, nach der Kraft, mit der Er vermag, sich das ganze All untertänig zu machen” (Phil. 3, 21).

Ich wiederhole noch einmal diese acht kurzen Gebete und schließe damit: Rette mich — Erforsche mich — Wasche mich — Bewahre mich — Gedenke meiner — Führe mich — Schlage mich — Erlöse mich!

Nehmen wir diese kurzen Gebete mit! Unser ganzes Leben mit seinen inneren und äußeren Entwicklungen wird in ihnen erfaßt. Und dann macht aus diesen kurzen Gebeten je nach Euren Bedürfnissen etwas längere Gebete, und Ihr werdet erleben, wie Gott Sein Wort an Euch über Bitten und Verstehen erfüllt. Denn Gott hält Sein Wort. Er ist ein Erhörer der Gebete. Gelobt sei der Name des HERRN! Halleluja, Amen!

Christus Jesus, Gottes Sohn,
fluchgewordner Sündenlohn,
der Du allen Jammer stillst,
jedes Sehnen ganz erfüllst:
In der Kerker tiefste Schmach
gehst Du den Verlornen nach,
bis aus jeder Sklaverei
sie errettet sind und frei.
Deiner Auferstehung Kraft
reißt die Welt aus jeder Haft,
bricht der Hölle Pforten auf,
endet einst des Todes Lauf.

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 4/1998; Paulus-Verlag; Heilbronn)

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