Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Vom Wesen der Sohnschaft

Autor: Geyer, Karl  |  Kategorie(n): Erkenntnis & Wesen Gottes, Lehre  |  525 x gelesen

Das Evangelium ist die Frohbotschaft Gottes über Seinen Sohn. Diese Freudenbotschaft Gottes an die Welt offenbart den Grund Seiner Seligkeit. Keine erschaffene Sache, kein gemachter Gegenstand kann das Herz des Unsichtbaren, des Unerschaffenen befriedigen. Ebenbürtiges muß vor Ihn treten, um Seine Seligkeit vollzumachen. Im Sohne erblickt der Vater Sich selbst und findet deshalb in Ihm, dem Abdruck Seines Wesens, die Erfüllung all Seiner Gottessehnsucht. Der Sohn der Liebe ist die Erfüllung dessen, der Seinem ganzen Wesen nach Liebe ist. Die ganze Fülle der Gottheit wohnt leibhaftig im Sohn. Niemand kann darum den Vater darstellen und kundmachen als nur der Sohn.

Vor der Zeugung des Sohnes war Gott alles in Sich selbst. Niemand wußte von Ihm, niemand bewunderte Seine Größe, niemand betete Ihn an, niemand liebte Ihn, die Liebe. Noch war Er nicht zum Vater geworden, denn das Wort war noch in Gott.

Diese Gotteseinsamkeit wurde zur Zweisamkeit, zur Gemeinschaft. Die Liebe mehrte sich selbst. Ihre Frucht war Leben. Gott zeugte den Sohn und wurde damit zum Vater. “Du bist Mein Sohn! Heute habe Ich Dich gezeugt!”

Mit diesem “Heute” trat Gott aus Sich selbst heraus und begann die Offenbarung Seiner selbst. Vorher war alles zeitlos. Nun setzt Er Zeit. Mit diesem “Heute” beginnen die Zeitalter (Äonen) ihren Lauf. Der Sohn der Liebe, der Erstgeborene aller Schöpfung, war da! Die Weltgeschichte begann!

Gott allein hat Unsterblichkeit. Im Sohne wurde diese Unsterblichkeit zum Leben. Leben ist zeugend gemehrte Liebe. Ohne diese Mehrung der Liebe wäre nie Leben offenbar geworden. Deshalb sagt uns die Schrift vom Sohne: “In Ihm war das Leben.”

Sohnschaft ist Leben, ist zeugend gemehrte Liebe. Liebe ist die Vollendung aller Wesenhaftigkeit, die Höchstform alles Daseins, die tiefste aller Wonnen, die Seligkeit aller Seligkeiten, das höchste Glück alles Seins. Ihre Frucht ist Leben, ist Sohnschaft; ihr Ursprung ist Gott. Gott ist Liebe. In der Sohnschaft mehrt Gott Sein eigenes Wesen. Deshalb gibt es für Gott nichts Höheres als Sohnschaft.

Weil die Sohnschaft ihren Ursprung im Vater hat, kann auch der Sohn nichts von Sich selber tun; alles, was Er den Vater tun sieht, das tut gleicherweise auch der Sohn. Er kann darum auch nicht aus Seinem Eigenen reden. Erschaffenes kann aus seinem Eigenen reden und seinen eigenen Willen tun, solange es noch nicht in Lebensverbindung mit Gott getreten ist, noch los von Gott oder gottlos ist. Im Erschaffenen wirkt sich das Leben Gottes noch nicht aus. Es ist der Sterblichkeit unterworfen. Darum ist auch der natürliche Mensch noch tot in Vergehungen und Sünden, mag er sich auch sehr lebendig gebärden. Denn lebendig sein ist noch nicht Leben. Leben gibt es nur durch Zeugung. Was noch nicht ins Leben gezeugt ist, hat noch keinen Anteil am Leben des Vaters. Es kann darum auch fallen und sündigen. Das ist das Los alles geschöpflichen Wesens, das Los des natürlichen Menschen.

Der aus Gott Geborene sündigt nicht. Der vom Weib Geborene muß sündigen. Beide Naturen gehen im Gläubigen nebeneinander her, die vom Weibe geborene und die aus Gott geborene. Denn wir haben ja noch nicht die volle Sohnschaft, sondern den Geist der Sohnschaft als Unterpfand, daß auch die letzten Bindungen einmal gelöst werden und das Sterbliche verschlungen wird von dem Leben. Erst mit dem vollen Offenbarwerden der Sohnschaft in der Erlösung des Leibes hört die Spannung auf.

Das Wesen der Sohnschaft besteht darin, das Leben des Vaters in allen seinen Auswirkungen darzustellen, die gleiche Geisteshaltung einzunehmen, aus den gleichen Beweggründen zu handeln, nach den gleichen Zielen zu streben, — kurzum, in allem Repräsentant und Stellvertreter von gleicher Wesensart zu sein.

Der Sohn ist auch Erbe — zunächst nicht äußerer Güter, sondern des Wesens und Charakters des Vaters. Erst aus dieser inneren Verbundenheit des Seins ergibt sich der erbmäßige Anteil am Besitz des Vaters.

In Reinheit stellt dies bis jetzt nur Einer dar, der Sohn der Liebe, der Erstgeborene der Brüder. Aber so, wie der Erstgeborene Gottes Sohn war, so auch die Nachgeborenen. Sie sind alle des gleichen Geistes teilhaftig, sind gezeugt von dem gleichen Geiste, sind Teilhaber der gleichen Gottesnatur, sind Erben Gottes und Miterben Jesu Christi, und wenn der Christus, ihr Leben, geoffenbart wird, dann werden sie alle mit Ihm in Herrlichkeit offenbar.

Zum Wesen der Sohnschaft gehört auch das Mittragen der Verantwortung, und zwar aus innerer Verpflichtung heraus, nicht aus einem knechtischen Müssen. Der Geist des Vaters in den Söhnen läßt sie sich mitverantwortlich fühlen an allem, was Er in Zukunft hinausführen will. Gewaltige Aufgaben in den Himmelswelten harren ihrer in den kommenden Zeitaltern. Sie sollen einmal Welt und Engel richten. Sie sollen mit dem Sohne herrschen von Äon zu Äon, bis Er alle Seine Verheißungen durch sie aus- und durchgeführt hat. Dazu muß man erzogen sein. Wir müssen dem Erstgeborenen der Brüder in allem gleichgemacht werden, um als Seine Glieder zu glauben und zu erkennen wie Er, damit wir auch in allem aus den gleichen Beweggründen heraus handeln können. Er trägt das All dem Ziele seiner Bestimmung entgegen und machte den Weg dazu frei durch die Dahingabe Seiner selbst, durch Seine Selbstaufopferung in Liebe. Darum ist auch das Leben der Söhne ein heiliger Opfergang.

Zum Wesen der Sohnschaft gehört darum auch die Teilnahme am Leid, am Empfinden der Spannung zwischen der Unsterblichkeit und Herrlichkeit des Schöpfers und der Sterblichkeit und Niedrigkeit des Geschöpfes. Weil Sohnschaft gleiche Wesensart wie der Vater besitzt, empfinden die Söhne auch so, wie Er empfindet, wenn auch nicht in dem vollkommenen Maß wie Er, so doch in der gleichen Art.

Die Sohnschaft wurde in ihrer ganzen Herrlichkeit bis jetzt nur an einem völlig offenbar, am Sohn der Liebe. Als Er aus den Toten auferstand, zeigte es sich, daß gezeugtes Gottesleben vom Tode nicht gehalten werden kann. Satan und Sünde, Tod und Hades haben nur Gewalt über Erschaffenes, das der Sterblichkeit unterworfen ist, nicht aber über Gezeugtes aus dem Geist. Sohnschaft ist Geisteszeugung. Durch die Auferstehung Jesu Christi aus den Toten wurde Leben und unvergängliches Wesen ans Licht gebracht. Darum redet auch die Schrift erst dann von Sohnschaft, nachdem Christus als Sohn Gottes erwiesen war durch Totenauferstehung.

Der Ausdruck Sohnschaft = hyiothesia findet sich darum auch nur in den Paulusbriefen, und zwar fünfmal. Paulus verkündigte ja in besonderer Weise den auferstandenen und verherrlichten Christus. Der Herr befand sich nicht mehr im Stande der Niedrigkeit, als Er sich dem Paulus vor Damaskus offenbarte. Er redete nicht mehr auf der Erde, sondern vom Himmel her. Dort steht Er nicht mehr unter Gesetz, sondern in der vollen Freiheit der Sohnschaft. Darum kann auch der Stand der Sohnschaft in den Evangelien für uns noch nicht klar bezeichnet werden. Umgekehrt findet sich der Ausdruck Knabe(n) = pais nur in den Evangelien und der Apostelgeschichte, und zwar bezeichnenderweise 24mal. Er drückt den Stand der Unmündigkeit aus, in dem der Erbe sich in nichts unterscheidet von einem Knecht.

Weil es eine Sohnschaft nach dem Geiste erst seit der Auferstehung Jesu Christi aus den Toten gibt, wird die Stellung, in der sich Israel befand, als eine Sohnschaft nach dem Fleische bezeichnet. Sie unterscheidet sich in nichts von der Knechtschaft. Die Sohnschaft nach dem Fleische ist nur ein schwacher Schatten, die Sohnschaft nach dem Geiste ist das Wesen selbst. Die Sohnschaft nach dem Fleisch gehört Israel. Die Sohnschaft nach dem Geiste, die wahre Sohnschaft, gehört uns.

Die Kennzeichen der Sohnschaft sind: Geistestrieb — Geisteswirkung — Geisteszeugnis.

In diesen dreien zeigt sich die Verbindung des unauflöslichen Lebens in den Söhnen mit dem Vater. Diese Lebensäußerungen sind die Bestätigung dafür, daß Gott Sein Werk in einem Menschen angefangen hat, indem Er ihm durch den Geist neues Leben vermittelte.

Nach diesem Leben lechzt die der Sterblichkeit unterworfene Kreatur. Deshalb ist die Sohnschaft die Hoffnung des gesamten Alls. Ohne diese Hoffnung, durch die Sohnschaft und in der Sohnschaft Anteil am Leben und Wesen Gottes selbst zu bekommen und dadurch der Vergänglichkeit enthoben zu werden, ist das Leben alles Fleisches nur ein qualvolles Dahinsiechen, ist alles Dasein nur ein grauenvoller Irrsinn. Darum ist Sohnschaft die Hoffnung der ganzen Schöpfung. Nach ihr sehnt sich alles. Ein dreifaches Seufzen und Sehnen nach ihr erklingt ständig vor Gott:

  1. Die gesamte Schöpfung sehnt sich harrend und seufzend nach der Sohnschaft.
  2. Auch wir sehnen uns nach der Offenbarung dessen, was wir sein werden, und erwarten mit Ausharren und Seufzen die Sohnschaft, die Erlösung des Leibes.
  3. Der Heilige Geist selbst verwendet sich mit unaussprechlichen Seufzern Gott gemäß für Heilige.

1. Das Sehnen der Schöpfung nach der Sohnschaft

Die gesamte Schöpfung liegt in Geburtswehen und streckt in sehnsüchtigem Verlangen die Arme nach uns aus, in denen sie des Geistes Erstlinge sieht. Von uns erwartet die Schöpfung Hilfe aus Leid und Not. Die Sklaverei der Sterblichkeit lastet schwer auf allem Erschaffenen. Hilfe für das Vergängliche kommt nur aus dem Unvergänglichen, dem Geist. Gott, der allein Unsterblichkeit hat, ist Geist. Nur durch Geisteszeugung kann Leben und Unverweslichkeit dem sterblichen Geschöpf vermittelt werden. Gottes Geist zeugt mit unserem Geiste Gottesleben, Gotteswesen, Gottesnatur in uns. Das ist Sohnschaft. Aber noch nicht vollendete Sohnschaft. Das Sterbliche ist noch nicht verschlungen von dem Leben. Doch sind die Kennzeichen der Sohnschaft an uns vorhanden: Geistestrieb, Geisteswirkung und Geisteszeugnis. Das “Warum?” unserer Handlungen ist begründet in dem Geiste, der uns leitet. Das “Wozu?” unseres Daseins findet seinen Grund darin, daß der Vater Söhne haben will. Deshalb hat Er uns bestimmt zur Sohnschaft für Sich selbst nach dem Wohlgefallen Seines Willens, und vertrauensvoll sagen wir aus dieser Gewißheit heraus, für Ihn dazusein: “Abba, lieber Vater!” Das “Wohin?” lenkt unseren Blick und unsere Hoffnung auf die zukünftige Herrlichkeit, die an uns geoffenbart werden soll. Unser herrliches Erbe ist nichts Geringeres als die Teilhaberschaft an allem, was der Vater dem Sohne, dem Christus, gegeben hat.

Im Geist und im Glauben besitzen wir jetzt schon alles. Die äußere Kundmachung dieser Tatsachen vor der Welt erfolgt bei der Offenbarung Jesu Christi in Herrlichkeit, wenn wir mit Ihm offenbar werden, damit Er an jenem Tage verherrlicht wird in Seinen Heiligen und bewundert in allen, die geglaubt haben.

Die ungezeugte Schöpfung hat noch keinen Anteil an der Unvergänglichkeit. Gott aber, der das All ins Leben zeugt, hat sie nur eine Zeitlang der Sterblichkeit unterworfen, auf Hoffnung, daß sie, die Gesamtschöpfung, von der Sklaverei der Sterblichkeit frei gemacht und zur gleichen herrlichen Freiheit der Sohnschaft erhoben wird wie die Söhne Gottes. Die Erstlinge sind Muster und Vorbild für die Spätlinge, der Anbruch ist das Modell für die Masse. Darum geht der Blick der Schöpfung auf uns, in denen dieses unvergängliche Geistesleben der Sohnschaft schon gezeugt ist. Wenn wir einmal gänzlich von den Resten der Sterblichkeit befreit sind durch des Leibes Erlösung, dann stehen wir in der Endherrlichkeit der Schöpfung vor ihr. Die Offenbarung der Söhne Gottes öffnet die Tür der Hoffnung für das gesamte All. Heute ist diese Tür noch nicht geöffnet. Das Bild der Herrlichkeit wird noch nicht geschaut. Die Freiheit der Sohnschaft ist noch nicht dargestellt. Darum seufzt die Kreatur. Die ganze Schöpfung seufzt zusammen. Welch ein gewaltiges Seufzen! Welch ein weltenweites Klagelied! Welch eine gewaltige Sinfonie des Welkens und Vergehens, des Leidens und Sterbens! Nur der Schlußsatz löst die Starrheit des Todes. Sein Thema heißt: “Auf Hoffnung! Bald werden die Söhne Gottes offenbar! Dann kommen auch wir, die anderen Glieder der gesamten Erschaffung, an die Reihe!”

Das Leid hat im ganzen All kostbarste Frucht gebracht. Leid bewirkt Sehnsucht! Sehnsucht läßt ausharren in Hoffnung! Hoffnung gewährt Blicke in die Herrlichkeit! Der herrliche Ausgang macht alles Vorhergehende tragbar und läßt es gering erscheinen im Verhältnis zum Ertrag. Inmitten des Leides steigt das Rühmen der Hoffnung auf und verherrlicht den Gott der Hoffnung, der alles herrlich hinausführt und der die Ausgänge des Todes zu Toren der Herrlichkeit gemacht hat.

Alles Sterbliche sehnt sich im tiefsten Grunde nach Unsterblichkeit, nach wahrem Leben, das nicht mehr dem Tode unterworfen ist. In Christo wurde dieses Leben geschaut. Der Auferstandene ist der Lebensmittler, und die Auferstehung ist das Tor der Hoffnung.

Was zuerst an Ihm geschaut wurde, wird nun an der Leibesgemeinde ausgewirkt. Aus allen Nationen hat Gott Erstlinge berufen und sie zur Sohnschaft bestimmt für Sich selbst. Sie sind jetzt die Träger des Gotteslebens im Fleisch. Für die Schöpfung ist dies die Probe, ob die Verpflanzung des göttlichen Lebens in das sterbliche Fleisch gelingt. In gespannter Erwartung, mit vorgerecktem Halse, schaut alles Erschaffene auf die Söhne Gottes, die die Erstlingsgabe des Geistes haben. Die Offenbarung der Söhne Gottes soll den endgültigen Beweis erbringen, daß die Verpflanzung des Unerschaffenen in das Erschaffene gelungen ist und unsterbliches Leben in voller göttlicher Entfaltung auch dem Geschöpf zuteil geworden ist.

Kein anderer Augenblick der kommenden Weltgeschichte hat daher für die Schöpfung ein näheres und größeres Interesse als der, in dem die geistgezeugten Erstlinge, die Glieder des Christusleibes, mit dem Haupte vereint offenbar werden. Auf diesen Augenblick geht ihr Sehnen, und diese Erwartung läßt sie in Geburtswehen seufzen.

2. Unser Sehnen nach der Volloffenbarung der Sohnschaft

Das Leiden der Schöpfung bewirkt ein Mitleiden in den Herzen der Kinder Gottes. Eigenes und fremdes Sehnen klingt in uns zusammen. Wir erwarten für uns selbst die Sohnschaft, die Erlösung unseres Leibes. Darüber hinaus sehnen wir uns nach Gemeinschaft mit allem Erschaffenen. Noch ist dieses Sehnen nicht erfüllt. Die Masse der Schöpfung liegt noch in der Sklaverei der Sterblichkeit. Wir, als Anbruch, sind herausgenommen und für Ihn abgesondert, geheiligt. “Wenn der Anbruch heilig ist, dann auch die Masse.” Wir aber sehnen uns nach den anderen! Sie sind noch nicht bei uns. Das läßt uns seufzen um ihretwillen und um unseretwillen.

Wir sind errettet, aber das Endergebnis unserer Errettung ist noch nicht geoffenbart. Im Haupte ist es uns vorgestellt. Für uns erwarten wir es in Hoffnung. Was noch nicht geschaut wird, ist Gegenstand der Hoffnung. Und so, wie die Kreatur sehnend sich ausstreckt nach dem Erscheinen ihrer Hoffnung, nämlich der Offenbarung der Söhne Gottes, so strecken wir uns aus nach dem Erscheinen unserer Hoffnung, nach der Ankunft des Hauptes der Leibesgemeinde. “Wir erwarten die glückselige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Heilandes Jesus Christus.”

Der Vater hat in der Vergangenheit Sein Leben dem Sohne mitgeteilt. “Du bist Mein Sohn! Heute habe Ich Dich gezeugt!” In der Gegenwart teilt der Sohn dieses Leben allen denen mit, die der Vater Ihm gegeben. Und in der Zukunft wird das Haupt durch die Glieder Seines Leibes alle Verheißungen aus- und durchfuhren und das ganze, reiche Gottesleben ins All ergießen.

So wie in der Vergangenheit der Sohn auf den Vater wartete, so warten wir heute auf Ihn, und so wartet die Schöpfung auf uns. Jede Körperschaft wartet auf ihr Haupt. “Das All ist euer! Ihr aber seid Christi! Christus aber ist Gottes!” (1. Kor. 3, 23)

So wirkt sich die Vaterschaft Gottes aus bis in die letzten Fernen des Weltalls. Das Mittel und der Weg dazu ist die Sohnschaft. Die Sohnschaft bedeutet Hoffnung für alle, vom Erstgeborenen bis zum Letztgeborenen. Sie ist der Weg des Lebens von dem Einen zu allen. Sie begann im Herzen des Vaters, als Er noch alles in einem war, und sie ist vollendet, wenn Er alles in allen ist. Solange das Unvollendete noch auf dem Weg ist, seufzt es und sehnt sich nach der Vollendung. Im Glauben sind wir zwar schon vollendet. Im Schauen aber werden wir erst vollendet. In dieser Erwartung seufzen wir nach der Erlösung unseres Leibes, nach der vollen Sohnschaft.

3. Das Sehnen und Seufzen des Geistes

Desgleichen seufzt auch der Geist! Er ging vom Vater aus und wirkte in uns das Verlangen nach der Sohnschaft, weil es den Vater nach Söhnen verlangt. Er will viele Söhne zur Herrlichkeit bringen. Das Verlangen des Vaters findet seinen Widerhall in unserem Verlangen nach dem Vater und in der Sehnsucht nach Gleichgestaltung in Sein Wesen, wie es am Erstgeborenen der Brüder geschaut wird. Das alles wirkt der Geist in uns. Er kennt das Endziel und den vollen Endertrag des Weges, den Gott mit uns und der gesamten Schöpfung geht. Bei uns ist vieles noch unklar, verschwommen und dunkel. Wir wissen in all unserem Sehnen oft nicht, was wir bitten sollen und wie es gebührend erbeten werden soll. Der Geist aber ist von Gott ausgegangen. Er kennt den Willen des Vaters und weiß den Weg zur Ebenbildlichkeit des Sohnes. Darum verwendet Er sich für die Heiligen und bringt alles gotteswürdig, gottgemäß vor den Vater. Was noch in den Tiefen unseres Herzens schlummert, uns selbst nicht klar bewußt, bringt der Geist mit unaussprechlichen Seufzern vor Gottes Angesicht. Das Seufzen des Geistes ist das Sehnen des Vaters nach Sich selbst in Seinen Kindern und das Sehnen der Kinder nach sich selbst in ihrem Vater, der ihr Urgrund ist, aus dem sie sind.

Wie überaus köstlich ist es, daß wir wissen, daß die Verbindung zwischen Gott und uns, zwischen Vater und Kind, nicht abhängig ist von dem wachstümlichen Zustand oder dem Maße der erreichten Vollkommenheit, sondern von der Wesenseinheit des in uns wohnenden Geistes mit dem Vater! Mit unendlich größerer Liebe, als je eine Mutter für ihr Kind sorgte, ist der Heilige Geist um uns besorgt. Schon da, wo wir in der ersten Freude der Gotteskindschaft stammelnd “Vater” sagten, war Er für uns da, und wenn einmal unser Leib, der ja Sein Tempel ist, versagt, wenn sogar die Sinne sich trüben und der Verstand nicht mehr alles klar erfassen kann, dann seufzt aus der irdischen Behausung der Geist Gottes, der Heilige Geist, und ist um Seinen Tempel besorgt und ordnet alles gottgemäß, was zu ordnen ist.

Wunderbar hat der Vater dafür gesorgt, daß Seine Kinder auf eine gotteswürdige Weise nach Hause geleitet werden! Nicht die Mangelhaftigkeit des irdenen Gefäßes ist ausschlaggebend, sondern die Kostbarkeit und Herrlichkeit des darin verborgenen Schatzes. Der Heilige Geist wohnt in uns! Er ist der Geist der Herrlichkeit und geleitet uns auf herrliche Weise bis ans Ende, so daß Gott verherrlicht und der Sohn geehrt wird.

Da kann der Glaube ruhn! Was tief in uns sich nach Licht und Klarheit sehnt, uns selbst noch verhüllt und wenig verständlich, der Geist kennt den Sinn unseres Sehnens und Seufzens, das Begehren des von Ihm gezeugten Lebens, und Er bringt alles vor den Vater, der die Bedürfnisse des keimenden und des sich entfaltenden Lebens stillen kann und voll Vaterfreude stillt und voller Gottseligkeit befriedigt. Er nährt und pflegt ja in uns das von Ihm selbst gezeugte Leben, Sein Leben in uns. Sollte es Ihm nicht Glückseligkeit sein, Sich selbst in uns zu finden?

Und all das, was zwischen Ihm und uns zu erledigen ist, was wir als noch im Erdenleib wohnende Kinder nicht gotteswürdig vor unseren herrlichen Vater bringen können, das tut der Geist. Er nimmt sich unser an, und Sein unaussprechliches Seufzen umfaßt nicht nur alle unsere Bedürfnisse, um sie vor den Vater zu bringen, sondern Er vollbringt alles in der erhabenen Weise, die sich vor dem geziemt, um des willen alle Dinge sind.

Unaussprechliches Seufzen, unausgesprochenes Seufzen! — Der Geist redet nicht in menschlichen Worten. Was Er zu sagen hat, bleibt nach außen hin unausgesprochen. Es ist ja auch gar nicht in menschlichen Worten auszusprechen, was den Geist bewegt in Seinem heißen Liebesbemühen um uns und in Seinem erhabenen Kundwerdenlassen aller unserer Bedürfnisse und zugleich Seiner eigenen Wünsche für uns vor dem Vater. Die ganze Welt der tiefsten Empfindungen, die zwischen Liebendem und Geliebtem hin- und herströmt, ist eingeschlossen in dies Seufzen. Alles, was zwischen den Tränen des Leides und denen der Freude in uns erklingt, schwingt in geistlich verklärter Weise in diesem Seufzen. Es ist ein erhabenes Lied ohne Worte, und niemand kann es in der Jetztzeit gotteswürdig darbringen, als nur der Geist.

Das Seufzen des Geistes ist der wortlose Zusammenklang der Empfindungen der Sohnesherzen mit dem Vaterherzen, die sich treffen im Herzen Christi Jesu. Das Bild des Erstgeborenen will der Vater an uns ausgestalten, um es offenbar machen zu können vor der ganzen Schöpfung, und wir sehnen uns nach der Gleichgestaltung in dieses Bild und nach dem Offenbarwerden in Herrlichkeit mit Ihm. Der Geist kennt den Willen des Vaters mit uns und bewegt unsere Herzen, daß wir uns danach ausstrecken, daß dieser Wille in uns und an uns erfüllt werde. Was wir so nachempfinden, hat der Geist in viel höherem Maße vorempfunden, und all unser Sehnen und Seufzen ist nur die Frucht des Sehnens und Seufzens des Geistes.

Vollkommene Sehnsucht — von uns nur dunkel empfunden und geahnt — vom Geiste in Klarheit erfaßt und in Vollkommenheit vermittelt an Gott!

Auch alle unsere Not schwingt darin mit, ja, sie ist vom Geiste tiefer und früher empfunden als von uns selbst. Ehe Petrus durch seinen Meineid den Herrn verleugnete, hatte der Herr schon für ihn gebetet, daß sein Glaube nicht aufhöre. Und das war zu der Zeit, da der Herr noch im Fleische wandelte und der Geist noch nicht erschienen war. Nun, da der Geist der Herrlichkeit, der Geist Gottes auf uns ruht, der alles vor Grundlegung der Welt mitempfand, als Gott Seinen Vorsatz in Sich selbst faßte und uns zuvor erkannte und erwählte und zur Sohnschaft bestimmte, verwendet sich der Geist in gottgemäßer Weise für Heilige. —

Mit all dem ist der Umfang dessen, was der Geist mit Seinem Seufzen für die Heiligen tut, noch lange nicht erschöpft. Viel höher und inniger und tiefer ist Sein Dienst. Wer will es aussprechen? — Er selbst spricht es ja nicht aus! Es ist unaussprechlich! Darum verwendet Er sich für uns in unaussprechlichen Seufzern.

Was durch die Leitung des Geistes in uns und an uns und durch uns heute zur Darstellung kommt vor der Schöpfung, das ist, so arm und schwach und anfänglich es auch noch erscheint, doch ein Angeld für die gesamte Schöpfung.

Gewaltig muß diese Sinfonie vor Gott erklingen, in der das Seufzen der Schöpfung und das Seufzen der gezeugten Söhne zusammengefaßt wird in dem Seufzen des Geistes, der den Grundton anstimmt und alles in die Vollendung ausklingen läßt: Sohnschaft!

(Quelle: “Verwalter der Geheimnisse Gottes”; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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Anmerkung des Bearbeiters: Wegen der ungewöhnlichen Anordnung der entsprechenden Bibelstellen in dem zugrundeliegenden Buch und der Schwierigkeit der Erfassung dieser durch das OCR-Programm, wurden die einzelnen Verweise i.d.R. weggelassen. Wer jedoch an bestimmten Bereichen dieser Ausführung von Karl Geyer die Bibelstellen benötigt, kann sie bei mir per E-Mail oder über das Kontaktformular im Impressum anfordern.

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