Der Wille Gottes und der Wille des Geschöpfes
Autor: Geyer, Karl | Kategorie(n): Heilsgeschichte, Lehre | 502 x gelesenIn welchem Verhältnis steht der Wille Gottes zu dem des Menschen? Was geschieht, wenn die Schrift sagt: “Gott will, daß alle Menschen errettet werden”, aber auf der anderen Seite auch sagt: “Ihr habt nicht gewollt” (Matth. 23, 37)?
Es wäre nun genauso töricht, zu behaupten, der Wille des Geschöpfes spiele für Gott gar keine Rolle, als zu behaupten, es käme nur auf die Entscheidung des Geschöpfes an. Beides ist falsch. Deutlich ist hierbei die philosophische Denkweise des religiösen Menschen zu erkennen, der entweder Gott zum Ausgangspunkt der Philosophie nimmt und in dieser Richtung einseitig weiterdenkt oder den Menschen als Ausgangspunkt nimmt und von ihm aus seine einseitigen Schlüsse zieht. Die erste Denkrichtung schließt jedes sittliche Handeln des Menschen aus, die zweite macht das sittliche Verhalten des Menschen zur Basis der Beziehungen zwischen Gott und ihm und macht das Handeln Gottes abhängig vom Tun des Menschen.
Gott aber hat es in Seiner unergründlichen Weisheit so geordnet, daß weder Er selbst zugunsten des Geschöpfes Seinen Willen beschränken muß, noch der Wille des Geschöpfes ausgeschaltet wird. Beide kommen zu ihrem vollen Recht. Gott gibt dem Geschöpf Gelegenheit, sich in seinem Wesen zu offenbaren, und auch Er hat jede Möglichkeit für sich selbst, den vollkommenen Plan Seiner Gottesweisheit zur Durchführung zu bringen.
Einige Beispiele aus der Schrift mögen uns dies veranschaulichen.
In 2. Mose 3, 16.17 gibt Gott Seinen Willen mit dem Volke Israel kund. Er sagt dort: “Ich will euch aus dem Elend Ägyptens heraufführen in das Land der Kanaaniter, in ein Land, das von Milch und Honig fließt.”
Wie ging es nun mit diesem geoffenbarten Gotteswillen?
Das Volk murrte in der Wüste gegen Gott, obwohl Er es so herrlich gerettet und heraufgeführt hatte. Die Kinder Israel klagten: “Wären wir doch in Ägypten gestorben … wären wir doch in dieser Wüste gestorben” (2. Mose 16, 1ff.)
Was tut Gott auf solche Äußerungen ihres Willens hin?
Er antwortet ihnen gemäß ihrem trotzigen Unglauben und läßt ihnen geschehen, wie sie gesagt haben. Sie dürfen recht haben mit ihrem Willen. Er läßt sie alle in der Wüste sterben bis auf zwei, die sich dem Wunsche des Volkes nicht angeschlossen hatten.
Mose, der Knecht Gottes, will dieses Unheil abwenden und hält dem Herrn vor: “Wenn Du sie in der Wüste sterben läßt, werden die Völker ringsum sagen: Er vermochte nicht, sie in das Land zu bringen” (4. Mose, 14, 15.16).
Auch dieses Wort läßt Gott in Erfüllung gehen und läßt die Völker ringsum mit ihren Schmähungen recht haben. Um ihres (der Kinder Israel) Unglaubens willen vermochte Er wirklich nicht, sie ins Land zu bringen, gleichwie auch von dem Herrn geschrieben steht: “Er vermochte dort nicht viele Wunder zu tun um ihres Unglaubens willen” (Matth. 13, 58).
Vorher schickt Mose die zwölf Kundschafter aus in das gelobte Land. Sie sind auch alle des Lobes voll über die Kostbarkeiten des Landes. Zehn erklären jedoch: “Wir vermögen nicht hineinzukommen” (4. Mose 13, 31). Sie dürfen auch recht haben. Ihnen geschieht ebenfalls nach ihrem Glauben. Sie bekannten ja, daß sie nicht hineinzukommen vermochten. So ließ Er es ihnen zu und ließ sie durch eine Plage sterben (4. Mose 13 und 14).
Zwei von den zwölf Kundschaftern aber bekannten: “Wenn Jehova Gefallen an uns hat, So wird Er uns in dieses Land bringen und es uns geben.” Auch dieser Glaube ging in Erfüllung, und die zwei Männer, Josua und Kaleb, behielten recht. Sie wurden von Ihm in das Land gebracht, während alle anderen starben.
Nun hatten sie alle der Reihe nach einmal recht: Die ungläubigen Kundschafter, die gläubigen Kundschafter, das murrende Volk und die heidnischen Völker ringsum. Allen geschieht nach ihrem Glauben, und ihr Wille geht zunächst in Erfüllung.
Wo aber bleibt der Wille Gottes, der doch durch einen Eidschwur dem Abraham, Isaak und Jakob als unabänderlich zugesagt war?
Gott kann warten. Der Erfüller aller Gottesverheißungen, der Sohn (2. Kor. 1, 19.20) kann es auch. Er ist der Vater der Äonen, dem eine Fülle von Zeiten zur Verfügung steht.
Was Er sich vorgenommen und was Er haben will,
das muß doch endlich kommen zu Seinem Zweck und Ziel.
Und so wartet Er einen Zeitlauf nach dem anderen, bis auch für diese Verheißung, die nach Hebr. 11, 13.39.40 noch nicht erfüllt ist, die Zeit der Erfüllung gekommen ist. Dies geschieht dann, wenn die Körperschaft, durch die Er alle Verheißungen zum Lobe des Vaters hinausführt, fertig ist, nämlich Sein Leib, das Plärooma, die Fülle des Christus, durch die Er das All in allem zur Erfüllung bringt (Eph. 1, 22.23).
Wenn der Christus durch die Fülle Seiner Glieder auf Sein Vollmaß gekommen ist, wird Er auch die schon dem Abraham, Isaak, Jakob, Mose u. a. gegebenen Verheißungen zur herrlichen Erfüllung bringen (Jes. 26, 19). Dann werden auch die in der Wüste dahingestorbenen Kinder Israel durch den Geist des Lebens wieder aus den Toten erweckt und dürfen in das Land ziehen samt den lebenden Juden, die errettet werden. So wird Er das ganze Volk Israel erretten und in das Land einführen und es die vollen Segnungen des Landes genießen lassen unter dem wiederkommenden Sohne Davids im Tausendjährigen Reich (Hes. 37). Dann wird Er das Herz der Väter, die so lange schliefen, bekehren zu den Kindern, und das Herz der Kinder, die lebend die Ankunft des Messias erfahren dürfen, zu den Vätern wenden (Mal. 4, 6). Mit diesem Ausblick schließt der letzte Vers des Alten Testaments. So wird ganz Israel errettet werden (Röm. 9-11). Was Er ihnen verheißen hat, führt Er auch aus. Seine Gnadengaben und, Berufungen sind unbereubar (Röm. 11, 29).
Ja, wunderbar groß und herrlich sind die Gerichtswege Gottes! Sie offenbaren die Tiefe des Reichtums Seiner Weisheit und Erkenntnis. Ohne Mitberater hat Er das Endziel Seiner beiden Wege der Gnade und des Gerichtes festgelegt. Niemand vermag Ihn darum auch an der endlichen Erreichung des Zieles zu hindern. “Sein Werk kann niemand hindern!” Darum sei Ihm auch die Herrlichkeit durch alle Zeitalter hin (Röm. 11, 29-36)!
Der Mensch darf innerhalb der ihm festgelegten Grenzen seiner Verhältnisse recht haben, aber Gott behält recht. “Die Rechte des Herrn behält den Sieg”, (Ps. 118, 15.16).
Etwas Ähnliches sehen wir bei Josef und seinen Brüdern. Sie achten den geoffenbarten Willen Gottes nicht, der will, “daß Brüder einträchtig beieinander wohnen”, (Ps. 133,1), sondern offenbaren die schlechte Gesinnung ihres fleischlichen Herzens dadurch, daß sie ihren Bruder nach Ägypten verkaufen. Gott läßt auch diesen bösen Anschlag der Brüder gelingen; aber Er hat eine geheime Absicht dabei. Indem sie gegen Seinen geoffenbarten Willen handeln und hierdurch ihr törichtes Herz kundmachen, erfüllen sie die geheimen Retterabsichten Gottes mit ihnen selbst und mit ihrer Umwelt. Josef beschönigt nicht die böse Absicht der Brüder; aber er nimmt ihnen sogar noch den Ruhm für ihre schlechte Tat, indem ihnen kundtut, daß nicht sie ihn nach Ägypten gesandt haben, sondern Gott (1. Mose 45, 4.5; 50, 19-21). (”Ihr glaubt zu schieben, und ihr seid geschoben”).
Auch hier wird zuerst der Wille des Geschöpfes erfüllt. Es bekommt Gelegenheit, die fleischliche Gesinnung seines Herzens zu offenbaren. Es darf wollen, aber sein Wille besteht nicht, der Wille Gottes aber bleibt bestehen.
Betrachten wir noch die grausigste Tat der Weltgeschichte, den Gottesmord auf Golgatha, wo das Geschöpf, das aus der Hand seines Schöpfers Leben erhalten hatte, seinen Schöpfer ermordete. “Er kam in das Seinige, aber die Seinigen nahmen Ihn nicht auf” Joh. 1, 11). Aber indem sie ihren bösen Willen durchsetzten und Ihn zum Tode brachten, erfüllten sie die geheime Retterabsicht Gottes mit ihnen selbst und mit der ganzen Weit (Apg. 2, 23; 4, 25-28). Indem sie tobten und Eitles wider Ihn sannen unter Verachtung Seines geoffenbarten Willens, erfüllten sie Seinen geheimen Liebeswillen, der in seinem Ziel himmelhoch über den geoffenbarten Willen hinausgeht und zuletzt auch diesen noch zur Erfüllung bringt.
Gott offenbart zunächst nur Teilziele. Indem das Geschöpf sich diesen widersetzt, erfüllt es die viel weiter gesteckten Ziele, die noch nicht geoffenbart sind. Damit bringt das Geschöpf durch seine böse Gesinnung eine Verantwortung für sein Handeln auf sich selbst und muß im Gericht für die schlechten Beweggründe büßen. Nachdem es aber die Schuld verbüßt hat, kann Gott es dennoch rechtfertigen.
So wird bei allem Weltgeschehen beides erfüllt: der Wille Gottes und der Wille des Geschöpfes. Das Geschöpf darf zunächst recht haben; Gott aber behält in jedem Falle recht. Darum steht auch hinter jenem viel mißbrauchten Wort: “Ihr habt nicht gewollt” die Fortsetzung: “… bis daß ihr sprecht: Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!” Dieselben Menschen, die nicht “erkannten zu dieser ihrer Zeit, was zu ihrem Frieden diente”, werden noch einmal nach schweren Gerichten aussprechen lernen: “Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!” (Luk. 19, 42; Matth. 23, 37-39).
Es ist überhaupt falsch, den Willen Gottes und den Willen des Geschöpfes als gleichwertig einander gegenüberzustellen. Sie sind gar nicht neben- oder gegengeordnet, sondern über- bzw. untergeordnet. Immer ist der Wille des Geschöpfes dem göttlichen Willen untergeordnet. Selbst Satan vermag nichts von sich selbst zu tun (Hiob 1, 6-12 und 2, 1-7). Viel weniger ein anderes Geschöpf. Es geschieht überhaupt nichts im ganzen weiten Weltenall ohne den Willen Gottes. Noch nicht einmal ein Haar fällt von unserem Haupt ohne Seinen Willen (Amos 3, 6b; Luk. 21, 18).
Der Wille Gottes und der Wille des Geschöpfes sind in ihrer Qualität himmelweit verschieden. Der Wille Gottes ist in seiner Freiheit absolut, der Wille des Geschöpfes nur relativ. Gott kann bei all Seinem Handeln selbst Anfang und Ziel, Methode und Ausgang bestimmen. Das Geschöpf kann weder bestimmen, wo es geboren werden will, noch zu welcher Zeit, von welchen Eltern und unter welchen Verhältnissen. Es ist in seinem ganzen Dasein beschränkt durch die Grenzen, die ihm hinsichtlich seiner Fähigkeiten und seiner Verhältnisse gesetzt sind. Wie kann man da bei einem Geschöpf von einem freien Willen reden? — Es hat nur einen bedingt freien (relativen) Willen. Er ist zusammengesetzt aus dem Willen des Fleisches, den es durch die Erbschaft des Blutes von seinen Vorfahren erhält, sodann dem Eigenwillen, der jedem Menschen als besonderes Unterscheidungsmerkmal von anderen Menschen gegeben ist, und drittens dem Willen Satans, dem der Mensch seit dem Sündenfall unterjocht ist. Darum sind wir von Natur aus nicht frei, sondern Sklaven der Sünde und unter die Sünde verkauft. Es ist ein direktes Unding, bei einem Sklaven von einem freien Willen zu reden (vgl. Eph. 2, 3; Röm. 8, 7.8; 3, 9-19; Gal. 3, 22; 5, 19-21; Röm. 6, 16-22 u. a.).
Sind wir aber aus der Sklaverei der Sünde frei gemacht und zu Sklaven Gottes und Christi Jesu geworden, dann beginnt erst das Hineinwachsen in den Stand der wahren Freiheit. Denn “für die Freiheit hat Christus uns frei gemacht” (Gal. 5, 1). Ehemals aber waren wir Unfreie.
Es ist merkwürdig, wie angesichts solcher klarer Urteile des Herrn, daß wir Sklaven seien, gerade die Gläubigen oft mit so viel Energie das falsche Dogma von der Freiheit des menschlichen Willens verteidigen. Meist liegt hier auch eine Verwechslung vor, indem man eigentlich gar nicht die volle Willensfreiheit lehren will, sondern nur die Tatsache hervorheben, daß diejenigen Menschen, denen Gott eine Erleuchtung durch den Heiligen Geist zuteil werden ließ, Wahlfreiheit haben, entweder weiter als Sklaven Satans und der Sünde in ihrem alten Wesen zu verharren, oder aber die von Gott angebotene Gnade anzunehmen.
Gott hat zwei Methoden zur Rettung des Menschen: Gnade und Gericht. Wer die angebotene Gnade nicht annimmt, kommt ins Gericht. Das ändert aber gar nichts an der Tatsache, daß Gott doch Sein Ziel erreicht. So wie Er jene Israeliten, die Er um ihres Unglaubens willen in der Wüste dahingestreckt hat, doch ins Reich einführt, wenn es einmal aufgerichtet wird, so daß letzten Endes Sein Wille sich als der bleibende erweist, so erreicht Er Sein Ziel auch mit allen anderen.
Wenn ich meinen Kindern befehle, die Holzkiste in der Küche zu füllen oder Wasser am Brunnen zu holen, so können sie dies mit williger Unterordnung sofort tun. Dann erhalten sie vielleicht von der Mutter Lob, manchmal auch Lohn in Gestalt von Schokolade oder dergleichen. Gehen sie aber lieber spielen und verschwinden auf der Straße, anstatt Holz zu holen, so mache ich deshalb doch keinen Bankrott mit meiner erzieherischen Absicht. Ich rufe sie herein, mache nicht viel Worte, verschreibe ihnen ein Rezept gegen Ungehorsam, und — die Holzkiste ist in wenigen Minuten gefüllt. Aber diesmal gibt es kein Lob und keinen Lohn. Das widerspenstige Wesen ist durch Tadel und Strafe gerichtet worden. Auf jeden Fall aber wird mein väterlicher Wille zur Ausführung gebracht.
Gott handelt ebenso. “Wenn Seine Gerichte die Erde treffen, so lernen Gerechtigkeit die Bewohner des Erdkreises” (Jes. 26, 9). Darum erweist Er auch dem Gesetzlosen keine Gnade, damit dieser das Recht lernt (Jes. 26, 9-1 1). Das “Menschenherz ist ein trotzig und verzagt Ding” (Jer. 17, 9). Solange es irgend geht, wehrt es sich, von seinem Eigenwillen abzulassen. Die Menschen tun nicht Buße, selbst im Anfang der Gerichte Gottes noch nicht, bis daß Sein Zorn vollendet und Sein Grimm völlig über sie ausgegossen ist. Erst wenn jede Hoffnung des Fleisches zerstört ist, gibt es sich geschlagen, und der Trotz schlägt um in Verzagtheit. Dann lernt der Mensch Gerechtigkeit.
Gottes Wille aber bleibt auch in diesem Fall bestehen und wird hinausgeführt.
Welch eine Gnade aber ist es, schon jetzt die Aussichtslosigkeit aller Rebellion gegen Gott erkennen zu dürfen und den irrenden Menschenwillen dem zielstrebigen Gotteswillen unterzuordnen, der im Sohn das gesamte All dem Ziel seiner Bestimmung entgegenträgt!
Wo diese Veränderung in einem Menschenherzen vor sich geht, ist wieder eine Saite richtig eingestimmt auf den Grundton der Harmonie der Sphären, auf die Liebe, die aus Gott ist. Im Anfang der Schöpfung erklang diese in wunderbarer Einheit und Reinheit (Hiob 38, 4-7), bis einer sich selbst überhob und viele Geschöpfe in seinen Sturz verwickelte. Seitdem klingt das Seufzen der gesamten sterbenden Kreatur als furchtbare Dissonanz durch den Weltenraum, bis am Ende aller Wege Gottes Er selbst alles in allem sein wird. Dann wird kein Leid mehr sein und kein Geschrei. Alles, was Odem hat, lobt dann den Herrn, und die in Harmonie aufgelösten Disharmonien erklingen dann als eine gewaltige Symphonie durch das All, indem alle Zungen zur Ehre Gottes, des Vaters, bekennen:
“Jesus Christus ist Herr!”
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 1/1998; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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