Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Vom Sinn des Leidens für die Leibesgemeinde

Autor: Geyer, Karl  |  Kategorie(n): Gemeinde, Glaubensleben & Wandel, Heiligung, Hingabe  |  587 x gelesen

“Nun freue ich mich in meinen Leiden für euch und erstatte in meinem Fleische das noch Mangelnde der Drangsale des Christus für Seinen Leib, das ist die Gemeinde” (Kol. 1, 24).

Der Sohn der Liebe, der Urheber unserer Errettung, wurde durch Leiden vollkommen gemacht. Die Söhne der Liebe, die Glieder der Leibesgemeinde, werden auf dem gleichen Wege vollendet und in die Fülle geführt. Sie sind ja mit Ihm einsgemacht und werden Ihm gleichgestaltet in allem, auch im Leiden. Darum ist auch der Weg zur Vollendung für die Glieder der gleiche wie für das Haupt.

Leiden ist der Wegbereiter der Frohbotschaft. Drangsale sind die förderndsten Umstände für das Evangelium.

Deshalb schreibt Paulus in seinem letzten Briefe, dem 2. Timotheusbrief, an seinen geistlichen Sohn Timotheus, der wie kein anderer seiner Mitarbeiter so ganz seines Sinnes war, als sein letztes Vermächtnis an ihn und die Leibesgemeinde: “So schäme dich nun nicht des Zeugnisses unseres Herrn, noch meiner, seines Gefangenen, sondern leide Trübsal mit dem Evangelium, nach der Kraft Gottes” (2. Tim. 1, 8). — “Um welcher Ursache willen ich dies auch leide; aber ich schäme mich nicht …” (2. Tim. 1, 12).

Weiter schreibt er in 2. Tim. 2, 3-13: Nimm teil an den Trübsalen als ein guter Kriegsmann Jesu Christi. Niemand, der Kriegsdienste tut, verwickelt sich in die Beschäftigungen des Lebens, auf daß er dem gefalle, der ihn angeworben hat. Wenn aber auch jemand kämpf t, so wird er doch nicht gekrönt, er habe denn ordnungsgemäß gekämpft. Der Ackerbauer muß, um die Früchte zu genießen, zuerst arbeiten. Bedenke, was ich sage, denn der Herr wird dir Verständnis geben in allen Dingen. Halte im Gedächtnis Jesum Christum, auferweckt aus den Toten, aus dem Samen Davids, nach meinem Evangelium, in welchem ich Trübsal leide bis zu Banden, wie ein Übeltäter; aber das Wort Gottes ist nicht gebunden. Deswegen erdulde ich alles um der Auserwählten willen, auf daß auch sie die Seligkeit erlangen, die in Christo Jesu ist, samt ewiger Herrlichkeit. Das Wort ist gewiß, denn wenn wir mitgestorben sind, so werden wir auch mitleben; wenn wir ausharren, so werden wir auch mitherrschen; wenn wir verleugnen, so wird auch Er uns verleugnen; wenn wir untreu sind — Er bleibt treu, denn Er kann Sich selbst nicht verleugnen.”

Und in 2. Tim. 3, 10.11 schreibt er: “Du aber hast genau erkannt meine Lehre, mein Betragen, meinen Vorsatz, meinen Glauben, meine Langmut, meine Liebe, mein Ausharren, meine Verfolgungen, meine Leiden; welcherlei Leiden mir widerfahren sind in Antiochien, in lkonium, in Lystra; welcherlei Verfolgungen ich ertrug, und aus allen hat mich der Herr gerettet. Alle aber auch, die gottselig leben wollen in Christo Jesu, werden verfolgt werden.”

Sodann im letzten Kapitel seines letzten Briefes, in 2. Tim. 4, 5-8: “Du aber sei nüchtern in allem, leide Trübsal, tu das Werk eines Evangelisten, vollführe deinen Dienst. Denn ich werde schon als Trankopfer gesprengt, und die Zeit meines Abscheidens ist vorhanden. Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben bewahrt; fortan liegt mir bereit die Krone der Gerechtigkeit, welche der Herr, der gerechte Richter, mir zur Vergeltung geben wird an jenem Tage; nicht allein aber mir, sondern auch allen, die Seine Erscheinung lieben.”

Dies ist der Weg der Frohbotschaft inmitten des jetzigen bösen Zeitlaufs: Freude in den Leiden! Auf diesem Wege wurde das Haupt vollendet, und den gleichen Weg führt der Christus nun auch die Glieder Seines Leibes.

lm Schmelztiegel der Leiden wird das Kreatürliche am schnellsten ausgeschieden und das reine Gold des Glaubens bewährt gefunden. Die Scheidung zwischen Seelischem und Geistlichem beginnt unter der Wirkung des Wortes Gottes, des himmlischen Kritikers und göttlichen Krisenmittels (Hebr. 4, 12). Aber die Vollendung dieser Scheidung erfolgt im Leiden. Da wird die durch das Wort gewirkte Erkenntnis auf ihre Lebensfähigkeit geprüft, und nur das, was in diesen Proben standhält, wird zum wesenhaften Lebensbestand. Das Leiden ist die göttliche Gold- und Silberscheideanstalt. In dieser geistlichen Starkstrom-Schmelzanlage wird alles Fleischliche restlos ausgeschieden.

Leiden ist der Hochadel wahren Glaubens und das echte Kennzeichen erprobter Frömmigkeit. Alles Ungeprüfte und Unerprobte aber hat auf der Waage des Heiligtums kein Gewicht.

Zwar leidet jeder, der gottselig leben will; denn die Welt des Fleisches und die Welt des Geistes sind einander entgegengesetzt. Aber die meisten Gläubigen leiden nur ihr eigenes kleines persönliches Leiden. Für das Gewicht des Wortes: “Einer trage des anderen Last” haben sie noch keinen Sinn und kein wirkliches Verständnis. Ihr Wille geht auch gar nicht in diese Richtung, und meist haben sie auch keine Kraft dazu, weil die Liebe des Geistes fehlt und nur eine seelische Liebe vorhanden ist. Gott prüft sie aber auch nicht über Vermögen. Solange sie noch unter den eigenen Leiden seufzen, mutet Er ihnen nicht das Tragen fremder Lasten zu noch letzte Proben, um für die Ehre Seines Namens und die Vollendungsherrlichkeit Seiner Kinder zu leiden.

In diesem letzteren Sinne ist Leiden ein Vorzug, eine Würde, ein Gnadengeschenk, das nur wenigen zuteil wird. Hiervon schreibt Paulus den Philippern: “Denn euch ist es in bezug auf Christum geschenkt worden, nicht allein an Ihn zu glauben, sondern auch für Ihn zu leiden, da ihr denselben Kampf habt, den ihr an mir gesehen und jetzt von mir höret” (Phil. 1, 29.30). Was sie (gemäß Apg. 16, 6-40) in Philippi an ihm gesehen hatten und jetzt als fördernde Umstände für das Evangelium von ihm aus Rom hörten (Phil. 1, 12-30), war in gleicher Art und Weise auch ihr Teil. Es war ihr Teil als Geschenk der Gnade Gottes. Und es ist auch heute noch das Geschenk der Gnade Gottes an alle die, die ihre Berufung und Erwählung zur Mitregentschaft des Christus festmachen bzw. festmachen lassen.

Halten wir es uns noch einmal vor Augen: Kindschaft braucht man nach ihrem Empfang nicht mehr festzumachen. Kindschaft ist mit der neuen Geburt gegeben. Als Unterpfand des Erbes tragen wir den Geist in uns. Heilsgewißheit ist deshalb etwas, das uns als Anfangsgut zuteil wird und von unserem nachherigen guten oder schlechten Verhalten als gehorsame oder ungehorsame Kinder nicht abhängig ist. Bei gehorsamen Kindern verstärkt der Vater die Güte, bei ungehorsamen die Strenge. Aber unter Zucht bleiben beide. — Dagegen steht die Kronengewißheit am Ende unseres Glaubenslaufes und wird von den meisten Berufenen nicht erreicht. Vergleiche: “Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.” — Erst nachdem Paulus den Glaubenslauf vollendet hat, kann er sagen: “Hinfort ist mir bereitgelegt die Krone der Gerechtigkeit” (2. Tim. 4, 8). Im gleichen Briefe aber bezeugt er: “Wenn aber auch jemand kämpft, so wird er doch nicht gekrönt, er kämpfe denn recht.”

Der Glaubenskampf aber, den er kämpft, ist ein Kampf der Leiden (vergl. Hebr. 10, 32.33 mit 2. Kor. 6, 4-10 u. a.). Nur in ihnen wird der Glaube bewährt erfunden, sowohl in seinen Beweggründen als auch in seinen Zielen. Beweggrund ist die Liebe zu Gott, die an dem, was sie leidet, den Gehorsam lernt, der erstes Kennzeichen der Sohnschaft ist. Ziel ist das Opfer, in dem die Liebe sich vollendet und durch das sie den Brüdern den Weg bereitet, auf dem sie zu der Seligkeit gelangen, die in Christo Jesu ist, samt der damit verbundenen äonischen Herrlichkeit. Dies ist aber die Vollendungsherrlichkeit des Christus und Seiner Gemeinde.

Aus diesen Beweggründen seines zielstrebigen Glaubens heraus bezeugt Paulus: “Deswegen erdulde ich alles um der Auserwählten willen, auf daß auch sie die Seligkeit erlangen, die in Christo Jesu ist, samt ewiger Herrlichkeit” (2. Tim. 2, 10). Vergleiche hierzu noch einmal Phil. 1, 29.30 und Kol. 1, 24-29.

Wenn es dem Glaubenden schon schwer wird, sich in den eigenen Leiden zu freuen, nachdem er erkannt hat, daß sie das göttliche Schnellverfahren zur eigenen Vollendung sind, wieviel schwieriger ist es dann noch, sich in den Leiden für andere in freuen!

Hierzu ist es notwendig, daß den Glaubenden vorher die Hochziele der Berufung und Erwählung enthüllt wurden. Wem es geoffenbart ist, was Paulus im mittelsten Vers des Epheser-Briefes, in Kap. 4, 12 sagt: “zur Vollendung der Heiligen für das Werk des Dienstes”, der weiß, daß für dieses Herrlichkeitsziel, ausführender Organismus für alle Verheißungen zu sein, das in den kommenden Äonen (Zeitaltern) die Aufgabe der Leibesgemeinde darstellt, kein Preis zu hoch, kein Einsatz zu teuer, kein Leiden zu schwer ist. Im Blick auf diese von der gesamten Schöpfung ersehnte Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes, die zunächst an dem Erstling des Geistes dargestellt wird, an der Söhnegemeinde, schreibt ja Paulus gerade: “Denn ich halte dafür, daß die Leiden der Jetztzeit nicht wert sind, verglichen zu werden mit der zukünftigen Herrlichkeit, die an uns geoffenbart werden soll” (Röm. 8, 18).

Deswegen erduldet er alles um der Auserwählten willen, damit viele Söhne für die Herrlichkeitsaufgabe der Söhnegemeinde bereitgemacht und vollendet werden, und deshalb freut er sich in den Leiden für sie!

Nur das zweckvolle Leiden hat einen Sinn! Und nur das Sinnvolle vermögen wir auf die Dauer zu ertragen. Unter dem Sinnlosen werden wir hoffnungslos und mutlos. Das Sinnvolle aber macht uns hoffnungsvoll und mutvoll. So nur können wir den Opferweg der Liebe und den Vollendungsweg des Glaubensgehorsams im Leiden freudig bis zum vollen Ziel und Ende gehen.

Worin besteht nun das noch Fehlende oder Mangelnde der Drangsale des Christus für Seinen Leib, das ist die Gemeinde? —
Und warum hat das Haupt diese Drangsale zurückgelassen für Seine Leibesglieder? —
Wieso kann in diesem Leiden ein Glied für andere Glieder etwas erstatten? —
Und auf welche Weise kann stellvertretend erstattet werden? —

Wenn irgendeiner dazu befähigt war, diesen ganzen Fragenkomplex zu beantworten, dann war es Paulus! Ausgesondert von Mutterleibe an, war sein ganzer Lebensweg vor und nach Damaskus eine klare und eindeutige Führung durch den Herrn und eine ganz spezielle Sonderschulung durch den Heiligen Geist.

In 1. Tim. 1, 12-16 schreibt Paulus in kürzester und knappster Zusammenfassung über diese seine Führungen folgendes: “Ich danke Christo Jesu, unserem Herrn, der mir Kraft verliehen, daß Er mich treu erachtet hat, indem Er den in den Dienst stellte, der zuvor ein Lästerer und Verfolger und Gewalttäter war; aber mir ist Barmherzigkeit zuteil geworden, weil ich es unwissend im Unglauben tat. Über die Maßen aber ist die Gnade unseres Herrn überströmend geworden mit Glauben und Liebe, die in Christo Jesu sind. Das Wort ist gewiß und aller Annahme wert, daß Christus Jesus in die Welt gekommen ist, Sünder zu erretten, von welchen ich der erste bin. Aber darum ist mir Barmherzigkeit zuteil geworden, auf daß an mir, dem ersten, Jesus Christus die ganze Langmut erzeige, zum Vorbild für die, welche an Ihn glauben werden zum ewigen Leben.”

Auf diesem Wege werden alle Glieder geführt. Paulus ist Muster und Vorbild für die Einzelausbildung der Leibesglieder, die alle als Originale auf gottgemäße Weise für ihre Sonderaufgaben am Leibe Christi zubereitet werden.

Wie ging nun sein Weg? —

Als strenggläubiger Gesetzesjude war er ein Feind des am Holze aufgehängten Christus. Sein Christushaß wurde zum erstenmal offenbar, als er bei der Steinigung des Stephanus die Kleider der Christushasser verwahrte und in die Tötung des Unschuldigen einwilligte (Apg. 7, 58 -60).

Der Stachel, den er da empfing, brachte ihn zum Rasen. Wie ein blutgieriger Wolf verfolgte er, Drohung und Mord schnaubend, die Christusgläubigen, die Heiligen.

Als das Maß seiner Blutschuld voll war, trat ihm bei Damaskus der Auferstandene entgegen und rief ihm zu: “Saul, Saul, was verfolgst du mich” (Apg. 9, 5). Auf die Frage: “Wer bist Du, Herr?” erhält er die Antwort: Ich bin Jesus, den du verfolgst!”

Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und am meisten leidet das Haupt, das immer die Gesamtheit aller Schmerzen empfindet, die man irgendwie Seinem Leibe zufügt. Darum trifft auch heute noch jeder Schmerz eines Leibesgliedes das Haupt, und immerdar heißt es bei ihm: “Was verfolgst du mich!?”

Unter diesen Verfolgern war Paulus der erste und größte. Er wußte, daß sein Christushaß eine weit schlimmere Sünde war als jeder Mord und Diebstahl, jeder Ehebruch und jede Hurerei. Darum bezeichnet er sich selbst als den größten aller Sünder. Er hatte gegen das Haupt gesündigt und die Glieder, die noch auf Erden waren, verfolgt.

Nun, da der Haß der Juden, seiner früheren Mitgenossen an den Verfolgungen der Heiligen, sich gegen ihn wandte, ist es ihm eine heilige Freude, als Spitzenkandidat der Verfolgten den Hauptschlag aufzufangen und den Generalansturm des Hasses in vorderster Linie aushalten zu dürfen.

Er weiß es nur zu gut, daß in diesem Kampf der Leiden (Hebr. 10, 32) nicht Fleisch und Blut die treibenden Kräfte und Mächte sind. Satan steht hinter Israel und reizt es auf (Joh. 8, 44 u. a.). Aber auch der ganze Kosmos liegt im Bösen (1. Joh. 5, 19), und die Kosmokratoren, die Weltbeherrscher dieser Finsternis (Eph. 6, 10-18), reizen die Nationen ebenso gegen die Heiligen Gottes auf, wie Satan die Juden gegen Christus und Seine Heiligen aufhetzte. Siehe 1. Thess. 2, 14-16!

Es sind also nicht Versöhnungsleiden um der Sünde willen, die Paulus litt, sondern Verfolgungsleiden um des Gerechten und der Gerechten und der Gerechtigkeit willen. Die Versöhnungsleiden konnte nur der Reine, der Sündlose, der Sohn Gottes, für die Sünder erdulden. Nachdem aber ein Sünder gereinigt und gerechtfertigt ist und durch die Versiegelung mit dem Heiligen Geiste ein Heiliger, ein Abgesonderter und Geweihter wurde, darf und muß er teilnehmen an dem Kampf der Leiden, der solange weitergeht, bis alle Gewalten, Kräfte und Mächte hinweggetan sind und das ganze All dem Christus unterworfen ist.

Christus, das Haupt, litt für uns um der Sünde willen. In diesem Leiden konnte kein Geschöpf Ihm helfen. Da hat Er die Kelter allein getreten und ausgerufen: “Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?” Nun aber leiden wir mit Ihm um der Einführung einer völligen Gerechtigkeit willen. In diesem Kampf der Leiden steht Er nicht allein, sondern alle Seine Heiligen sind darin Seine Kampfgenossen. Diese Kampfgemeinschaft geht hinaus bis zu der Endauseinandersetzung am bösen Tage, wo der Antichrist und die Hure Babylon und alle widergöttlichen Mächte beseitigt werden. Man beachte hierzu nur einmal folgende Stellen: Offb. 17, 15, wo (nach Menge) gesagt wird: “Diese (d. h. die zehn Könige) werden mit dem Lamme kämpfen, aber das Lamm wird sie besiegen; denn es ist der Herr der Herren und der König der Könige, und Seine Kampfgenossen sind die Berufenen und Auserwählten und Getreuen.” Dazu Eph. 6, 12.13: “Denn unser Kampf ist nicht wider Fleisch und Blut, sondern wider die Fürstentümer, wider die Gewalten, wider die Weltbeherrscher dieser Finsternis, wider die geistlichen Mächte der Bosheit in den himmlischen Örtern. Deshalb nehmet die ganze Waffenrüstung Gottes, auf daß ihr an dem bösen Tage widerstehen und, nachdem ihr alles ausgerichtet habt, zu stehen vermöget.”

Wie schon im Natürlichen die Väter für die Kinder leiden und kämpfen, so auch im Geistlichen. Paulus erduldet die Leiden für seine geistlichen Kinder mit Freuden. Und wenn wir der Märtyrer aller Zeiten gedenken (es sei hier nur an Traugott Hahn erinnert), so haben allezeit echte, treue Hirten die Schafe nicht den Wölfen überlassen, sondern litten und starben mit der Herde und für die Herde.

Weil Paulus ehedem selbst ein reißender Wolf war, ein echter Benjaminite (vergl. Phil. 3, 5 mit 1. Mose 49, 27 und Apg. 9, 1), war er nun als ein Bluterkaufter bereit, sein Blut als Trankopfer über den Dienst des Glaubens der Auserwählten sprengen zu lassen.

Mit alledem ist aber der Sinn des stellvertretenden Leidens noch lange nicht erschöpft. Viele schwache Gläubige können nicht leiden und kämpfen und tragen. Da gilt unter den Gliedern am Leibe Christi die Regel, daß die Starken die Schwachheiten der Schwachen tragen. Erst die Ewigkeit wird es voll offenbaren, wer auf Erden die stillen Lastenträger waren, die sich ebenso stumm wie ihr Haupt als Seine Lämmer zur Schlachtbank führen ließen.

Paulus war kein Mann der Rede, wie er selbst bezeugt und wie es seine Gegner ihm vorwarfen, um ihn herabzusetzen in der Gemeinde. Aber er war ein Mann der Leiden. Und solche Menschen prägen ganze Gemeinden und Generationen. Das ist wahrhafte apostolische Sendung. Wenn das Brillantfeuerwerk der Rede längst verklungen ist und die Volksredner vergessen sind, heißt es von den Hingeopferten und ihrem Opfer: Durch dieses, obschon er gestorben ist, redet er noch (Hebr. 2, 4).

Aus diesem heiligen Opferdienst der Leibesglieder, die sich wie ihr Haupt Christus und ihr menschliches Vorbild Paulus in bewußter Selbsthingabe auf den Altar legen, empfängt die werdende und sich aufbauende und vollendende Gemeinde jene Impulse, die sie hinführen zur geistlichen Reife, zum Vollmaß des Vollwuchses der Fülle des Christus.

Das ist wesenhafter Aufbau der Gemeinde, die da ist Sein Leib. Vergl. hierzu Eph. 4, 11-16 mit Phil. 3, 7-16 und Kol. 1, 24-29.

Alle jene, die nur die Sprache Kanaans erlernten und mit einem Wortwissen und einer Spezial-Gemeinde-Terminologie und einer Schlagwörter-Sammlung ihre Kreislein und Zirkel berauschen und dirigieren, versagen in der Prüfung und fallen der Vergessenheit anheim. Nur aus dem Leben quillt der Segen, und nur das Wesenhafte ist das Bleibende. Das Reich Gottes besteht nicht in Worten, sondern in Kraft.

Darum laßt uns nicht im Wort allein zusammenkommen, sondern auch in Erweisung des Geistes und der Kraft!

Die Kraft zum Leiden empfangen wir durch den Geist. Vergleiche Eph. 3, 16 mit Apg. 1, 8 und Joh. 7, 38.39. Derselbe Petrus, der den Herrn verleugnete, konnte nach Empfang des Geistes und der Kraft bezeugen: “Wir können es ja nicht lassen, von dem zu reden und zu zeugen, was wir gesehen und gehört haben.”

Die Drangsale selbst aber erleiden wir im Fleisch. Unser schwächster Teil ist von Gott dazu bestimmt, den Satan zu überwinden durch unsere Hinopferung. Völliger kann Gott den Widersacher nicht bloßstellen, als daß Er ihm zeigt, daß wir unser armes, leidensscheues Fleisch freiwillig für die Brüder aufopfern.

Wo dies geschieht, macht Satan keinen Eindruck mehr. Sein letztes Schreckmittel, die Drohung mit Leiden und Sterben, bleibt auf den im Leiden bewährten Glauben wirkungslos. Satan, der Widersacher, der Widerwirker, steht machtlos vor dem Glauben und Ausharren der Heiligen. Sie sind gerade durch das Leiden zur vollen Wesensgemeinschaft mit dem Haupte gelangt und in dem Feuer der Leiden zur Sohnesreife gekommen. Sie stehen ab von der Sünde, weil sie im Fleische leiden, und nehmen damit dem Versucher den Ansatzpunkt weg, von dem aus er uns immer wieder zu überrumpeln sucht. Durch das Leiden im Fleisch wird die Stellung des Mitgekreuzigtseins, die uns durch den Tod des Hauptes erworben wurde, in den Gliedern zur praktischen Darstellung gebracht. Das ist Sieg für uns und Triumph für Ihn! Im Leiden verliert das Vergängliche sein Gewicht und damit seine Verführungskraft. Die Klarheit des Geistes wird im Leiden und durch das Leiden immer ungetrübter, das Jagen nach dem Kampfpreis der Berufung immer intensiver und die Reifung zum vollkommenen Manne immer völliger und das Zeugnis für die Mitkämpfer immer zielklarer und fruchtbarer, so daß auch sie in heiligem Eifer in der Kampfbahn zum Endlauf antreten.

Ist dies alles nicht der Mühe und des Schweißes wert? —

Sind auch wir, du und ich, mit Freuden bereit, an unserem Fleische das noch Mangelnde der Drangsale des Christus zu erstatten für Seinen Leib, das ist die Gemeinde? —

Dann laß auch uns mit unserem Bruder und Vorbild Paulus alles, was uns als Gewinn erschien, für Verlust achten wegen der Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi Jesu, unseres Herrn, und alles einbüßen und für Dreck achten, um Ihn zu gewinnen und in Ihm erfunden zu werden, um Ihn zu erkennen und die Kraft Seiner Auferstehung und die Gemeinschaft Seiner Leiden (Phil. 3, 7-16).

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 1984; Paulus-Verlag; Heilbronn)

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