Schriftteilung oder Schriftzerreißung?
Autor: Geyer, Karl | Kategorie(n): Heilsgeschichte, Schriftteilung, Wort Gottes (Bibel) | 694 x gelesenDas Heil der Welt liegt in Christus. Den Sohn der Liebe hat der Vater der Welt geschenkweise in Gnaden angeboten. Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Christus (1. Kor. 3, 11)! Es ist auch kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, in dem sie errettet werden, als allein der Name Jesu (Apg. 4, 12).
Es gibt nur einen Weg von Gott zu den Menschen und für die Menschen zu Gott: Christus!
Es gibt nur eine Wahrheit, d. h. einen einzigen Wesenhaften, Unwandelbaren, Bleibenden inmitten aller Vergänglichen: Christus!
Es gibt nur ein Leben, das aus Gott kam, um der Welt das gleiche Leben zu bringen, das im Vater ist: Christus!
Gott hat nur einen Sohn gezeugt und Ihm das gleiche Leben gegeben, das in Ihm ist. Deshalb gibt es keinen anderen Weg zu Gott als die gläubige Annahme des Lebens Gottes im Sohn. Wer Ihn, den Wesenhaften, hat, steht im gleichen Leben und Wesen, wie es im Vater ist.
Eine andere Heilsgrundlage gibt es nicht, auch keinen anderen Heilsweg und keine andere Heilsmethode. Gott selbst hat keinen anderen zu senden, der der Welt das Leben bringen könnte, als nur den Eingeborenen, den Sohn der Liebe.
Hinsichtlich des Heils gibt es also nur eine Grundlage: Christus. Wer etwas anderes als Heilsgrundlage anbietet, betrügt die Menschen. Weder Kirchenformen noch Gemeinschaftsgrundsätze, weder Zeremonien noch Dogmen retten den Menschen, sondern nur Christus. Wer an Ihn glaubt, ist gerechtfertigt und gerettet. Außer Ihm ist kein Heil.
Die Erziehungswege aber, die Gott mit der Menschheit geht, sind verschieden.
In den ersten elf Kapiteln der Bibel gibt es noch kein auserwähltes Volk. Damals waren die Väter, denen Gott die Verheißungen gab: Abraham, Isaak und Jakob, noch nicht geboren. Erst recht gab es noch kein Gesetz. Dieses wurde erst am Sinai in die Hand des Mose gelegt. Von Adam an bis zur Berufung Abrahams ging Gott Seinen Heilsweg ganz allgemein mit allen Nationen. Er richtete sie in der großen Flut und begann mit Noah und seinen Söhnen eine neue Menschheit. Aber auch diese versagte und zeigte ihren Ungehorsam und ihr Rebellentum beim Turmbau zu Babel. Da gab Gott die Nationen dahin, weil sie Ihm nicht dankten (Röm. 1, 21.24), und begann mit Abraham ein Auswahlvolk, das Volk Israel.
Etwa zwei Jahrtausende hatte sich Gott mit den Nationen beschäftigt. Nach ihrer Dahingabe an ihre eigenen Wege (Apg. 14, 16) erzog Er etwa zwei Jahrtausende das Volk der Wahl. Er gab ihm das Gesetz und stellte ihm Satzung und Recht. Aber auch Israel versagte, und Paulus setzt uns in Röm. 9-11 die Gründe hierfür auseinander.
Was nun? — Sollte Gott, der die Nationen dahingab um ihres Undanks willen und nun auch Sein auserwähltes Volk unter das Gericht der Verwerfung stellte, mit der Gesamtmenschheit endgültig Schluß machen? —
Nein! Er tut dies nicht! Er führt vielmehr eine neue Heilsordnung ein, den Haushalt des Glaubens auf Grund der Gnade. Den Glaubenden gibt Er den Heiligen Geist und macht sie dadurch zu Teilhabern Seiner göttlichen Natur. Alle, die den Geist tragen und von Ihm getrieben werden, sind Söhne Gottes und bilden in der Einheit des Geistes die Gemeinde, die da ist der Leib des Christus.
Die Nationen wurden auf dem Wege einer natürlichen Erkenntnis geführt. — Israel wurde unter Gesetz gestellt. — Die Leibesgemeinde steht auf dem Boden des Evangeliums, d. h. der Frohbotschaft der Gnade Gottes.
Natur — Gesetz — Evangelium!
Das sind die drei Wege, die Gott mit der Menschheit ging und noch geht. Wer diese drei Wege nicht unterscheidet, bekommt nie Ordnung in seine Erkenntnis!
Die Schrift stellt sie oft nebeneinander. Es sei hier nur an 1. Kor. 1, 23.24 erinnert, wo geschrieben steht: “Wir aber predigen Christum als gekreuzigt,
- den Juden ein Ärgernis,
- den Nationen eine Torheit,
- den Berufenen selbst aber, sowohl Juden als Griechen, Christum, Gottes Kraft und Gottes Weisheit.”
Da stehen Juden, Nationen und die zur Leibesgemeinde Berufenen in einem einzigen Satze nebeneinander.
Wer solche klaren Ordnungen Gottes nicht beachtet und die verschiedenen Erziehungswege und heilsgeschichtlichen Unterschiede nicht berücksichtigt und dementsprechend in der Lehre das Wort Gottes richtig teilt, ist kein guter und bewährter Arbeiter im Dienst des Herrn. Vergl. hierzu 2. Tim. 2, 15, wo wir lesen: “Befleißige dich, dich selbst Gott bewährt darzustellen als einen Arbeiter, der sich nicht zu schämen hat, der das Wort der Wahrheit recht teilt (bzw. in gerader Richtung schneidet).”
Daß die rechte Teilung der Schrift nur wenig geübt wird, zeigt die Praxis täglich. Die meisten Gläubigen begnügen sich mit der Tatsache ihrer Errettung und lassen alles andere gehen, wie es will.
Gott aber ist kein Gott der Unordnung. Er will uns zu einem zielstrebigen Glauben hinführen. Der Glaube aber kommt aus der Predigt, und diese kommt aus Gottes Wort. Wie können sie glauben, so ihnen nicht gepredigt wird? (Röm. 10, 14.17)
Es ist dem Heiligen Geiste ein besonderes Anliegen, daß die Glaubenden zu einem gesunden Glauben geführt werden. Aus der Mischung von Gesetz und Evangelium kann aber nur ein ungesunder Mischglaube kommen. Und dort, wo der Ratschluß Gottes nicht ganz verkündigt wird, macht man sich schuldig am Blut der Brüder (Apg. 20, 26.27). Der Ratschluß des Willens Gottes aber geht dahin, das All unter ein Haupt zu bringen in dem Christus (Eph. 1, 9.10).
So notwendig es aber ist, das Wort der Wahrheit recht zu teilen, so falsch ist es andererseits, es künstlich zu spalten und zu zerreißen.
Wo die Wesenseinheit fehlt, bleibt nur noch die Einheit der Form. Um sie zu erhalten, muß das fehlende Leben und Wachstum ersetzt werden durch Lehrsätze und Dogmen, durch Satzungen und Betriebsregeln, durch menschlich konstruierte Beweismittel und gewagte Behauptungen und Vermutungen.
Da tritt an die Stelle des lebendigen Zeugnisses, das aus der Fülle des Lebens quillt und sich wachstümlich entfaltet, die religiöse Technik und die fromme Routine. Der Prediger und Lehrer wird zum Mechaniker und Techniker. Er sucht sich an Material heraus, was ihm brauchbar erscheint für seine Konstruktionen und Gedankenbauten und bildet für seine Hörer das Systemchen, das sie haben wollen und wonach ihnen die Ohren jucken.
So schneidet sich mancher aus den Briefen des Paulus die ihm passenden Stücke heraus. Die früheren Briefe wirft man als Vorbereitungsbriefe beiseite, tut dasselbe mit den sog. Übergangsbriefen und läßt nur die Füllebriefe (Gefängnisepisteln) gelten und schneidet auch da zuletzt nur das Passende heraus. Dabei steht bei etlichen Briefen gar nicht genau fest, wann sie geschrieben wurden, und die neuere Forschung setzt einen Teil der Briefe viel früher an.
Wo aber wirkliches Leben ist, entfaltet es sich in einem organischen Wachstum. Alles Wachstum ist organisch, nicht mechanisch!
Wenn ein Baum wächst, setzt er in jeder Wachstumsperiode an den Endknospen der Astspitzen neue Verlängerungstriebe an, und aus den anderen Knospen bilden sich Seitentriebe. Das vorher Dagewesene wird nicht abgestoßen, sondern erweitert, d. h. verdickt und verlängert. Das ist organisches Wachstum.
So, wie wir es bei dem Baum natürlicherweise sehen, verläuft auch das gesunde organische Wachstum geistlicherweise bei den Gläubigen. Paulus kann hiervon in 2. Thess. 1, 3 schreiben: “Wir sind schuldig, Brüder, Gott allezeit für euch zu danken, wie es billig ist, weil euer Glaube überaus wächst”, und in 2. Petr. 3, 18 lesen wir: “Wachset aber in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus!” Es ist Paulus ein Anliegen, daß dieses Zunehmen im Glauben und in der Lehre und in der Liebe ein gesundes sei (Tit. 1, 9; 2, 1).
Wo echtes, gesundes, aus der Liebe geborenes Leben ist, entfaltet es sich auch stets in einem gesunden Wachstum. Wo aber der echte Urgrund des Geistes und der Liebe fehlt, da ersetzt der erkenntnishungrige Mensch den reinen Trieb des Geistes durch einen verstandesmäßigen religiösen Mechanismus.
Beim Mechanismus gibt es kein organisches Wachstum, sondern ein mechanisches Auswechseln der nicht mehr zweckmäßig erscheinenden Teile. So kann man bei einem Fahrrad oder Auto einen alten Reifen abnehmen und einen neuen auflegen. Aber Wachstum ist das nicht, sondern Montage bzw. Demontage. Das Alte wird beiseite getan oder weggeworfen, ohne daß wachstümlich eine Erweiterung stattfindet.
Am Leib des Christus vollzieht sich das Wachstum organisch in einer alles Natürliche weit überragenden Weise. Es ist ja das Wachstum Gottes in seinem wörtlichsten Sinne (Kol. 2, 19). Nicht nur ein Wachstum in göttlicher Weise, obwohl es auch das ist, sondern die Mehrung Gottes, des Vaters, in den Söhnen, die mit dem Erstgeborenen der Brüder begann und sich fortsetzt in den nachgeborenen Söhnen, den Leibesgliedern des Christus, den Gliedern der Söhnegemeinde.
Alle, die im Wesen stehen, wachsen in der Liebe, in der Gnade, in der Weisheit, in der Erkenntnis. Dieses Wachstum bringt sie ständig einander näher. Je mehr Christus in ihnen Gestalt gewinnt, um so ähnlicher werden sie Ihm und damit auch einander. So gelangen sie immer völliger zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes (Eph. 4, 13), bis endlich das Ziel Christi mit den Seinen, die vollendete Wesenseinheit untereinander und mit dem Vater, erreicht ist (Joh. 17, 20-23).
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 1956; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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