Laßt uns nie vergessen, daß immer der Fleischgeborene den
Geistgeborenen lästert und verfolgt, und nie umgekehrt (Gal. 4,29).


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Organismus und Organisation

Autor: Geyer, Karl  |  Kategorie(n): Gemeinde, Kirchentum  |  485 x gelesen

Das Leben des Glaubens entsteht dadurch, daß lebendig gemachte Persönlichkeiten als Träger der zwei lebenzeugenden göttlichen Mittel: des Wortes und des Geistes, das lebendige Wort in Vollmacht des lebendigmachenden Geistes in lebenshungrige, heilsverlangende Menschenherzen hineinlegen, in denen es Empfängnis und Glaube wirkt. “Der Glaube kommt aus der Predigt, und die Predigt kommt aus Gottes Wort” (Röm. 10, 13). Nicht aus dem Lesen, sondern aus dem Hören! “Wer Ohren hat zu hören, der höre!”

Leben entzündet sich nur an Leben. Nicht das Anerkennen irgendwelcher Dogmen oder Lehrsätze, noch das Unterschreiben von Statuten, Paragraphen, Satzungen, religiösen Ordnungen oder Kirchenverfassungen erzeugt Leben. Auch nicht das grammatikalische oder philosophische oder theologische Zergliedern der Heiligen Schrift. Das Beispiel der Schriftgelehrten und Pharisäer Israels, die bei ihrem Schriftstudium sogar die Buchstaben des Alten Testamentes zählten, sodaß sie den mittelsten Buchstaben im Gesetz angeben konnten, beweist dies zur Genüge. Selbst die Suchenden unter ihnen, wie der Oberste Nikodemus, kamen auf diesem Wege nicht zum Heil und zum Leben. Leben gibt es eben nur durch Geburt. “Ihr müßt von neuem geboren sein!” (Joh. 3, 1-21). Der Same aber, durch den die Zeugung bewirkt wird, ist das lebendige Wort (1. Petr. 1, 23), und der Zeugende ist der Heilige Geist, der Lebendigmacher.

Das Wort ist das Wort der Wahrheit, das ist: das Wort der Wesenhaftigkeit. Der Geist ist der Geist der Wahrheit, der Geist der Wesenhaftigkeit. Die Wahrheit selbst aber ist eine Person, nämlich der, der von sich sagen konnte: “Ich bin die Wahrheit”. Der Träger und Mittler des Wesenhaften aber ist die lebendige Gemeinde. Sie ist der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit (1. Tim. 3, 15). Die durch das lebendige Wort und den lebendigmachenden Geist ins Leben gezeugten Glieder sind Träger und Mittler des Heils und des Lebens.

Leben ist Frucht der Zeugung. Zeugungsfähigkeit aber ist Reifezustand fruchtbar gewordenen Lebens. So kommt Leben aus Leben. Das göttliche Leben kann daher nur von lebendiggemachten Menschen, die durch Geisteszeugung und Neugeburt selbst Teilhaber der göttlichen Natur wurden, weitergetragen werden.

Die Lebensträger sind nicht Redner für religiöse Vereinigungen, sondern Zeugen für Christus. Was er, das Leben, in ihnen wirkte, das wirken sie weiter aus und vermitteln es anderen. Wer nicht vom Herrn empfängt, kann anderen nichts überliefern. Jedes von Christus ins Leben gezeugte Glied hängt an ihm, dem Haupte und empfängt unmittelbar seine Lebenszuflüsse aus ihm. So nur bleiben die Glieder lebendig, und so nur vermögen sie auch das gezeugte Leben zeugend weiterzugeben. Alle an den Lebensstromkreis des Christus Angeschlossenen stehen im gleichen Leben, in der gleichen Spannung. Der Strom fließt in allen und ergießt sich durch sie zweiter in andere hinein.

Wie in einem Menschenleib das gleiche Blut in allen Adern fließt und alle Zellen durchströmt, und wie vom Haupte her alle Nerven unter dem gleichen Strom der Körperelektrizität stehen, so durchströmt auch der Geist des Christus alle Glieder seines Leibes, die an ihm, dem Haupte hängen.

Die äußere Bekleidung des Körpers ist nebensächlich. Zwar legt die Welt Wert darauf, daß Kleider Leute machen. Es ist aber nicht möglich, mit einem getragenen Anzug auch den Geist des seitherigen Trägers auf den neuen zu übertragen. Kleider machen eben noch lange keine Leute, am wenigsten Persönlichkeiten, Charaktere. Vielmehr ist es umgekehrt! Es ist der Geist, der sich den Körper baut.

Alle diejenigen, die den Versuch machen, durch Organisation und Betriebsamkeit und Tempo und Reklame und Druck und menschliche Nachhilfe aller Art den Leib des Christus zu bauen, müssen eines Tages erkennen, daß sie nur alte Anzüge geflickt haben, aber kein göttliches Leben zeugten.

Alle noch so genialen kirchenpolitischen Bestrebungen sind nur die Übertragung geschöpflicher Methoden auf das Unerschaffene. Diese Versuche aber sind völlig wertlos; denn die Werte der Ewigkeit kann man nicht mit zeitlichen Methoden vermitteln. Das organische Leben unterliegt anderen Ordnungen, als das anorganische; und das Wesen Gottes ist etwas ganz anderes, als das geschöpfliche Dasein. Alles Geschöpfliche ist erschaffen; das Göttliche ist nicht erschaffen. Das Erschaffene ist vergänglich; das Unerschaffene ist unvergänglich.

So kann man auch mit geschöpflichen Methoden nur zeitliche Erfolge erringen, aber keine Ewigkeitsfrucht schaffen, die bleibt.

Gott bedarf zum Bau seines Reiches nicht der Großen dieser Erde. Ganz besonders gilt dies für die Auferbauung des Christusleibes (vergl. 1. Kor. 1, 13-31). Die Kleinen und Geringen der Erde sind die Träger der göttlichen Kräfte und der Herrlichkeit des Herrn. Das ist ja gerade das Ärgernis für die Machthaber der Welt und für alle die, die Ehre von Menschen nehmen. Der Herr aber sagt ihnen: “Wie könnt ihr glauben, so ihr Ehre voneinander nehmt?” (Joh. 5, 44). Sobald daher irgendwo und irgendwie Macht und Ehre zusammengefaßt werden in kirchlichen Ämtern und Würden, stirbt der Glaube!

Paulus war stets Bruder unter Brüdern. Ebenso die übrigen Apostel. Sie hatten weder Ratstitel noch Würden. Sie waren nach dem Zeugnis der Schrift ungelehrte und ungebildete Leute (Apg. 4, 13), wie auch ihr Herr es in den Augen der Menschen war (Joh. 7, 15). Er offenbarte sich den Unmündigen (Matth. 11, 25; Luk. 10, 21) und gab ihnen Vollmacht, wie er sie vom Vater hatte (Joh. 20, 21-23; Mark. 16, 17.18; Apg. 1, 8; Luk. 9, 1), und in dieser Kraft des Geistes des Lebens hoben sie eine alte Welt aus den Angeln und schufen eine neue. Die Kennzeichen ihrer Apostelschaft aber finden wir in 2. Kor. 6, 4-10. Das sind wesenhafte Dokumente der göttlichen Berufung, aber nicht papierene Bescheinigungen einer menschlichen Vokation.

Diese Erkenntnis mag für manchen eine bittere Arznei sein, aber sie ist heilsam. Es gibt - dem Herrn sei Dank! - heute schon viele, die erkennen, daß man den Entwurzelten und Heimatlosen unserer Tage das Evangelium nicht mehr darbieten kann mit den Mitteln und Methoden einer satten, spießbürgerlichen Hierarchie. Dieser Zug wird umso mehr hervortreten, je mehr wir uns dem Ende nähern.

Wer das nicht erkennt, wird über kurz oder lang völlig beiseitegestellt. Das Werk Gottes in einer sterbenden Welt ist eine heilige, ernste Sache. Der Erstgeborene der Brüder gab sein Leben für die Nachgeborenen, und diese sind wiederum dazu da, ihr Leben zu lassen für die Brüder. Für Menschen, die da meinen, die Gottseligkeit sei ein Mittel zum Gewinn, besteht kein göttlicher Auftrag in der Gemeinde. Wer Standesinteressen vertreten will, suche sich einen weltlichen Beruf. Der Weg des Christus ist ein Weg des Leidens und Sterbens, aber er führt zur bleibenden Herrlichkeit. Die Kennzeichen der Sendung auf diesem Weg wurden schon oben genannt.

Darum liegt gerade in der Härte unserer Zeit der tiefe Segen, daß sie volle Echtheit und letzten Einsatz fordert und alles Morsche und Faule hinwegfegt. Und wie in der Endzeit das Gericht über Israel und die Nationen dahingeht, so beginnt in der Vorendzeit das Gericht am Hause Gottes. Hierüber sollte sich niemand täuschen, und die Auserwählten sollten sich nicht verführen lassen, als käme gegen das Ende hin noch einmal eine große und herrliche Zeit. Nur Atempausen wird es geben, und wenn jene Tage nicht verkürzt würden um der Auserwählten willen, so würde kein Fleisch gerettet (Matth. 24, 21-25; Mark. 13, 14-23).

Alle diese Prüfungen und Erprobungen des Glaubens kann man nur bestehen in der Kraft des Geistes. Dieser aber ist nur in denen vorhanden, die durch eine neue Geburt gingen. Er wirkt, wo er will und läßt sich nicht durch Menschen oder Organisationen festhalten oder an bestimmte Orte bannen. Er kann auch nicht durch menschliche Zeremonien vermittelt werden, sondern wird unmittelbar von Gott gegeben. Man hört sein Sausen wohl, aber man weiß nicht, von wo er kommt und wohin er geht, genau so ist jeder, der aus dem Geiste geboren ist (Joh. 3, 8). Jeder Geistesgezeugte ist ein göttliches Original, das von Gott selbst Gabe und Aufgabe empfing, um als Glied am Leibe des Christus seine ihm von Gott zugewiesene Stellung einzunehmen und seinen ihm übertragenen Dienst zu verrichten (Eph. 4, 7-16; 1. Kor. 12, 13-31; Röm. 12, 4.5).

Die Gesamtheit der lebendigen Glieder bildet den Leib.

Zu ihm gehören nicht nur die Glieder auf Erden, sondern auch die Gemeinde der Erstgeborenen im Himmel.

Die Gemeinde des lebendigen Gottes ist also keine organisierte Gruppe, sondern ein lebendiger Organismus, der als Lebensträger und Segensmittler der Pfeiler und die Grundfeste des Wesenhaften ist (1. Tim. 3, 15) und damit der Träger der Hoffnung für das ganze All, für die gesamte Erschaffung (Röm. 8, 19-23).

Ein Organismus ist ein lebendiges Ganzes, bei dem das Leben des Ganzen jeden Teil durchpulst, sodaß kein Glied für sich besteht, sondern in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Ganzen das Leben des Ganzen mitlebt. Nicht die Anzahl oder die Summe der Glieder macht das Ganze aus, sondern ihr lebendiges Zusammenwirken bildet die Lebenseinheit. So dient jedes dem Ganzen und erhält das Ganze lebensfähig. Dafür wird es vom Ganzen belebt und empfängt seine Lebenszuflüsse aus dem Ganzen und vom Ganzen. So bleibt das Ganze im Teil, und der Teil bleibt im Ganzen. Das Große lebt im Kleinen, und das Kleine lebt ihn Großen. Trennung vom Ganzen bedeutet Tod, Bleiben im Ganzen bedeutet Leben. “Das Haupt kann nicht sagen zu den Gliedern: Ich bedarf eurer nicht” (1. Kor. 12, 12-25, Röm. 12, 4.5; Eph. 4, 3-5; 1. Tim. 3, 15 u. a.). Das Ganze wird von innen zusammengehalten durch den gleichen Geist des Lebens, der alle erfüllt und durchströmt. Daher gibt es auch an einem Organismus kein Gegeneinander, weil ein Geist alle und alles leitet. Alles wirkt füreinander und miteinander und bedarf keinerlei äußerer Zwangsmaßnahmen, ja, noch nicht einmal irgendwelcher äußerer Satzungen und Paragraphen.

Demgegenüber ist eine Organisation der Zusammenschluß von Interessentengruppen, die von außen zusammengehalten werden durch Geschäftsordnungen, Statuten und Paragraphen. Die Organisation sucht durch machtmäßige Zusammenballung ihre Interessen wirksam zu vertreten und durch das Gewicht der Masse ihre Pläne durchzusetzen und zu verwirklichen. Sie hat keine Glieder wie ein Organismus, sondern Mitglieder. Der bewegende Impuls ist nicht die Liebe als Grundlage alles Lebens, sondern die Macht. Je größer diese ist, umso größer ist auch der Einfluß der Organisation. Darum haben im öffentlichen Leben diejenigen Organisationen die meiste Beachtung, die die größten Machtmittel in die Waagschale zu werfen haben, sei es Geld oder Mitgliederzahl oder politischer Einfluß hochgestellter Persönlichkeiten oder “gute Beziehungen”. — Wo aber die Macht das Mittel der Wirksamkeit ist, wird die Grenze zwischen Recht und Unrecht oft überschritten. Es gibt nur einen Beweggrund, der nie diese Grenze überschreitet: die Liebe, denn sie sucht nicht das Ihre, sondern das, was des andern ist. Gott will das All ins Leben zeugen (zoogonountos ta panta). Die Triebkraft aller Zeugung und alles Lebens ist die Liebe. Gott geht darum den Weg der Liebe, denn er, der Lebendige, der allein Unsterblichkeit hat, ist Liebe. Der Weg der Liebe aber ist die innere Linie. Sie steht in bewußtem Gegensatz zum Weg der Macht, denn diese läuft auf der äußeren Linie. Die Liebe wirkt von innen her sich selbst aus, die Macht wirkt von außen her auf die anderen ein. Die Liebe geht den Weg des Opfers und vollendet sich im Opfer. Die Macht opfert die anderen und sucht ihre eigenen Interessen zu befriedigen. Da Satan kein Leben zeugen kann, weil er nicht Liebe ist, sondern Haß, muß er den Weg der Macht wählen, um sich durchzusetzen. Er ballt zu diesem Zweck auf allen Lebensgebieten die Massen zusammen und erfüllt sie mit seinem Machtprinzip. Darum geht in dieser Welt auch als ungeschriebenes Gesetz Gewalt vor Recht. Die Menschheit hat aus ihrer üblen Geschichte in einer Welt, deren Gott und Fürst Satan ist, gelernt, daß man Macht haben muß, um sein Recht zu erkämpfen. Da alle von Natur aus das Ihre suchen, ist ihnen das Machtprinzip geradezu auf den Leib und die Seele zugeschnitten. Sie empfinden es daher als etwas Natürliches, sich zu organisieren und durchzusetzen. Den Weg des Kreuzes und des Opfers empfinden sie dagegen als Torheit und Ärgernis (1. Kor. 1, 13-31). Die Geschichte der Nationen beginnt mit der massenmäßigen Zusammenrottung, deren äußeres Zeichen der Turmbau zu Babel war, und ihre Geschichte schließt mit der noch größeren Zusammenrottung und Zusammenfassung aller Menschheitsinteressen in dem großen Babel der Endzeit.

Aber das Ende aller Organisationen ist göttliches Gericht, damit sich vor ihm kein Fleisch rühme und den falschen Anspruch erhebe, als vermöge das Geschöpf aus seinem Fleischwesen heraus Göttliches und Ewiges zu schaffen. Um der Wahrheit willen muß dieser Wahn des Geschöpfes, der satanischer Selbstüberhebung entspringt, zerstört werden. Und dies tut Gott auch und setzt den zum Herrn aller Herren, der aus Liebe sich selbst zum Opfer gab, der in das Heiligtum hineinging mit seinem eigenen Blute, aber nicht das Blut der anderen vergoß für seine Interessen.

Darum wählt Gott auch für die Auferbauung seiner Gemeinde nicht die Machtorgane der Welt noch die massenmäßigen Organisationen, sondern läßt das Übermaß seiner Gnade ausströmen durch jene schwachen Gefäße, die in dieser Welt mit ihrem Machtprinzip keine Geltung haben und immerdar hingeopfert und unterdrückt werden. Gott selbst kam ins Fleisch und ging im Sohne den Sterbensweg und läßt nun sein Reich bauen und den Leib wachsen durch die Handreichung der Schwachen und Törichten, denn seine Gnade wird in Schwachheit vollbracht. So bleibt die Ehre sein und findet nicht ihren Ausdruck in Titeln und Würden. Die Kennzeichen apostolischer Sendung sind ganz anderer Art. Von ihnen schreibt einer, der sie erfahren hatte und an sich trug, in 2. Kor. 6, 4-10: “In allem erweisen wir uns als Diener Christi: in vielem Ausharren, in Drangsalen, in Nöten, in Ängsten, in Streichen, in Gefängnissen, in Aufständen, in Mühen, in Wachen, in Fasten; in Reinheit, in Erkenntnis, in Langmut, in Gütigkeit, im Heiligen Geiste, in ungeheuchelter Liebe; im Worte der Wahrheit, in der Kraft Gottes; durch die Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten find zur Linken; durch Ehre und Urehre, durch böses Gerücht und gutes Gerücht, als Verführer und Wahrhaftige; als Unbekannte und Wohlbekannte; als Sterbende, und siehe, wir leben; als Gezüchtigte und nicht getötet; als Traurige, aber allezeit uns freuend; als Arme, aber viele reich machend; als nichts habend und alles besitzend”.

Weiter schreibt er in 2. Kor. 11, 23-33: “Sind es Diener Christi? (Ich rede als von Sinnen:) Ich über die Maßen. In Mühen überschwenglicher, oft in Todesgefahren. Von den Juden habe ich fünfmal empfangen vierzig Streiche weniger einen. Dreimal bin ich mit Ruten geschlagen, einmal gesteinigt worden; dreimal habe ich Schiffbruch gelitten, einen Tag und eine Nacht habe ich in der Tiefe zugebracht; oft auf Reisen, in Gefahren auf Flüssen, in Gefahren von Räubern, in Gefahren von meinem Geschlecht, in Gefahren von den Nationen, in Gefahren in der Stadt, in Gefahren in der Wüste, in Gefahren auf dem Meere, in Gefahren unter falschen Brüdern; in Arbeit und Mühe, in Wachen oft, in Hunger und Durst, in Fasten oft, in Kälte und Blöße; außer dem, was außergewöhnlich ist, noch das, was täglich auf mich eindringt: die Sorge um alle Versammlungen. Wer ist schwach, und ich bin nicht schwach? Wer wird geärgert, und ich brenne nicht? Wenn es gerühmt sein muß, so will ich mich dessen rühmen, was meine Schwachheit betrifft. Der Gott und Vater des Herrn Jesus, der gepriesen ist in Ewigkeit, weiß, daß ich nicht lüge. In Damaskus verwahrte der Landpfleger des Königs Aretas die Stadt der Damascener, indem er mich greifen wollte, und ich wurde durch ein Fenster in einem Korbe an der Mauer hinabgelassen und entrann seinen Händen”.

Ferner in 2, Kor: 12, 12: “Die Zeichen des Apostels sind ja unter euch vollbracht worden in allem Ausharren, in Zeichen und Wundern und mächtigen Taten.”

Man lese hierzu auch einmal betend Phil. 1, 29.30; 3, 10-16; 2. Kor. 4, 16-18; Röm. 8, 18-23 u. a., und es wird uns etwas aufgehen davon, was es heißt, mit dem Gekreuzigten einsgemacht zu sein, gepflanzt zu sein zu gleichem Tode, und was es auf sich hat mit dem täglichen Sterben.

Das alles liegt in der gleichen Linie, in der Gott selbst seinen Eingeborenen vollkommen machte. Obwohl er Sohn war, lernte er an dem, was er litt, den Gehorsam; und vollendet worden, ist er allen, die ihm gehorchen, der Urheber ewigen Heils geworden (Hebr. 5, 8-9).

Der einzige Weg, der der Wesenhaftigkeit Gottes entspricht, weil auf ihm der Schein nicht standhält, sondern nur das Sein, ist der Weg: durch Leiden zur Herrlichkeit. Das ist der gottgeziemende Weg, von dem uns Hebr. 2, 10, sagt: “Denn es geziemte ihm, um deswillen das All ist und durch den das All ist, als er viele Söhne zur Herrlichkeit brachte, den Urheber ihres Heils durch Leiden vollkommen zu machen”.

Wer im Fleische leidet, steht ab von der Sünde (1. Petr. 4, 1.2), vom Schein, von der Lüge; und der Gehorsam gegen das Wesenhafte reinigt die Seelen zu ungeheuchelter Bruderliebe (1. Petr. 1, 22).

Alle, die gottselig leben wollen, müssen Verfolgung leiden (2. Tim. 3, 12). Wahre Zeugen Christi stehen nicht nur in Schmach bei der Welt (Matth. 5, 11.12), sondern werden aus den religiösen Organisationen ausgeschlossen, und die, die sie töten, meinen noch, Gott einen Dienst damit zu tun (Joh. 16, 2). Es ergeht ihnen wie ihrem Haupt, Christus, den ja die Vertreter der Religion töteten, die Hohenpriester und Ältesten, die Pharisäer und Schriftgelehrten. Denn die Religion beansprucht Anerkennung ihrer frommen Leistungen; Christus aber erkennt die Leistungen des frommen Fleisches nicht an, sondern weist ihm seinen Platz im Tode an. Der Glaube weiß sich eins mit Christus, und geht bewußt den Weg von Röm. 6, 3-11. Deshalb muß der Glaubende als Diener Christi den gleichen Weg gehen wie sein Herr. Er steht dafür aber auch in gleicher Gnade und Sendung (Joh. 20, 21-23).

Von der Welt her leiden, sowohl von der gemeinen Welt, als auch von der religiösen Welt; von Gott her berufen in Vollmacht! Das ist der Weg, und das sind die Kennzeichen wahrer Sendboten Christi.

Von ihnen singt der Dichter Chr. Fr. Richter:

Es glänzet der Christen inwendiges Leben,
Obgleich sie von außen die Sonnte verbrannt.
Was ihnen der König des Himmels gegeben,
Ist keinem als ihnen nur selber bekannt.
Was niemand verspüret,
Was niemand berühret,
Hat ihre erleuchteten Sinne gezieret
Und sie zu der göttlichen Würde geführet.
Doch innerlich sind sie aus göttlichem Stamme,
Geboren aus Gott durch sein mächtiges Wort,
Ein Funke und Flämmlein von göttlicher Flamme,
Entzündet von oben, genähret von dort.
Die Engel sind Brüder,
Die ihre Loblieder
Mit ihnen holdselig und inniglich singen;
Das muß dann ganz herrlich und prächtig erklingen.
Sie scheinen von außen die schlechtesten Leute,
Ein Schauspiel der Engel, ein Auswurf der Welt;
Doch innerlich sind sie die lieblichsten Bräute,
Der Zierrat, die Krone, die Jesu gefällt;
Das Wunder der Zeiten,
Die hier sich bereiten,
Dem König, der unter den Lilien weidet,
Zu dienen, mit heiligem Schmucke bekleidet.
Sie wandeln auf Erden und leben im Himmel,
Sie scheinen unmächtig und schützen die Welt;
Sie schmecken den Frieden bei allem Getümmel,
Sie haben, die Ärmsten, was ihnen gefällt;
Sie stehen in Leiden
Und sind doch voll Freuden,
Sie scheinen ertötet den äußeren Sinnen
Und führen das Leben des Glaubens von innen.
Sonst sind sie noch Adams natürliche Kinder
Und tragen das Bildnis des Irdischen auch;
Sie leiden am Fleische wie andere Sünder,
Sie essen und trinken nach nötigem Brauch.
In leiblichen Sachen,
In Schlafen und Wachen
Sieht man sie vor andern nichts Sonderlich’s machen,
Nur daß sie die Torheit der Weltlust verlachen.
Wenn Christus, ihr Leben, wird offenbar werden,
Wenn Er sich einst, wie Er ist, öffentlich stellt,
So werden sie mit Ihm als Fürsten der Erden
Auch herrlich erscheinen, zum Wunder der Welt.
Sie werden regieren,
Mit Ihm triumphieren,
Den Himmel als prächtige Lichter auszieren;
Da wird man die Freude gar offenbar spüren.

In der kommenden Welt gibt es nichts Vergängliches. Nur Bleibendes hält dort seinen Einzug. Was aus dem Geschöpf stammt, wird im Gericht abgetan.

Wie aber soll das Geschöpf erkennen, was in seinem Leben vergänglich ist, oder was Ewigkeitswert besitzt? —

Gott gibt uns Gelegenheit zur Prüfung! Im Leiden lernen wir das Echte vom Unechten unterscheiden. Was uns die Kraft gibt, die Not dieser Welt zu überwinden, muß größer sein als diese Welt. Nur das, was aus Gott geboren ist, überwindet die Welt, und dies ist der Sieg, der die Welt überwunden hat: unser Glaube (1. Joh. 5, 4).

Im Kampf der Leiden werden wir erprobt, wieviel Ewigkeitswerte schon hier durch die Gnade in unser heben hineingewirkt werden konnten, und in gläubigem Ausharren tragen wir als Erbe die Erlangung der Verheißungen davon (Hebr. 10, 32-36; 6, 12).

So nur erhält sich das göttliche Leben und Wesen rein in den Glaubenden. Ohne den Tiegel der Leiden würde es bald zur leeren Form und zur Konjunkturware werden. Die Geschichte der Christenheit, seit das Christentum Staatsreligion wurde, erweist dies bis heute zur Genüge. In den Prüfungen der Leiden stößt der Körper Christi die toten Anhänger ab, während die lebendigen Glieder bewährt und befestigt aus dem Feuer der Trübsal hervorgehen. Leiden ist das größte Scheidemittel zwischen Form und Wesen, das Prüfungsmittel zwischen Echtem und Unechtem. Nur Lebendiges kann leiden und seine Lebenskraft im Leiden bewähren.

Diese Grundlinien zeichnet auch K. F. Hartmann in seinem Lied:

Endlich bricht der heiße Tiegel,
Und der Glaub empfängt sein Siegel,
Gleich dem Gold im Feu’r bewährt.
Zu des Himmels höchsten Freuden
Werden nur durch tiefe Leiden
Gottes Lieblinge verklärt.
Leiden stimmt des Herzens Saiten
Für den Psalm der Ewigkeiten,
Lehrt mit Sehnsucht dorthin sehn,
Wo die sel’gen Palmenträger
Mit dem Chor der Harfenschläger
Preisend vor dem Throne stehn.
Unter Leiden prägt der Meister
In die Seelen, in die Geister
Sein allgeltend Bildnis ein.
Wie Er dieses Leibes Töpfer,
Will Er auch des künft’gen Schöpfer
Auf dem Weg der Leiden sein.
Leiden macht im Glauben gründlich,
Macht gebeugt, barmherzig, kindlich,
Leiden, wer ist deiner wert?
Hier heißt man dich eine Bürde,
Droben bist du eine Würde,
Die nicht jedem widerfährt.
Leiden sammelt unsre Sinne,
Daß die Seele nicht zerrinne
In den Bildern dieser Welt,
Ist wie eine Engelwache,
Die im innersten Gemache
Des Gemütes Ordnung hält.
Im Gefühl der tiefsten Schmerzen
Dringt das Herz zu Seinem Herzen
Immer liebender hinan,
Und um eins nur fleht es sehnlich:
Mache Deinem Tod mich ähnlich,
Daß ich mit Dir leben kann!
Endlich mit der Seufzer Fülle
Bricht der Geist durch jede Hülle,
Und der Vorhang reißt entzwei.
Wer ermisset dann hienieden,
Welch ein Meer voll Gottesfrieden
Droben ihm bereitet sei?

Leben ist Wesen, Organisation ist Form. Darum wählt Gott, der Lebendige, den Weg des Organismus und baut seinem Sohne einem Leib aus lauter lebendigen Gliedern. Ihr Kennzeichen ist kein Mitgliedsschein irgendeiner Organisation, sondern als einzigen Ausweis besitzen sie Christi Geist. Und wer seinen Geist nicht hat, der ist nicht sein (Röm. 8, 9)!

Am Leibe Christi ist alles ausgerichtet auf innere Konzentration. Schon bei der Auswahl der Apostel ging der Herr diesen Weg. Er rief in seine Jüngerschar nur einfache, unverbildete Leute, die noch nicht durch irgendein Spezialistentum in ihrem Denken zerrissen, zersplittert und zerfasert waren, sondern das Wesentliche in allem sahen und suchten. Der einfache, naturnahe Mensch schaut die Grundlinien des Daseins und ist aller Zerrissenheit abhold. Der sogenannte “moderne” Mensch aber ist Spezialist und Artist auf seinem Gebiet und geht auf Schaustellung aus, um Ehre zu gewinnen und Ruhm zu erwerben. Darum betont der Satan auch die Form und die Organisation, um den Prinzipien der Ehre und der Macht Raum und Möglichkeiten zur Auswirkung zu geben. Was sich nicht seiner Macht unterstellt, wird unterdrückt, und wer seine Ehrungen nicht annimmt, wird verfolgt und verhöhnt.

Diesen Anfechtungen und Versuchungen vermag nur der Mensch des Glaubens zu widerstehen, in dem Christus wohnt, und der in Liebe gewurzelt und gegründet ist.

Der natürliche (seelische) Mensch, der Psychikos, vernimmt nicht, was des Geistes Gottes ist. Es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt wird; der geistliche aber beurteilt alles, er selbst aber wird von niemand beurteilt (1. Kor. 2, 14.15). Der natürliche Mensch ist tot in Übertretungen und Sünden (Eph. 2, 1-4). Da er kein Leben hat, setzt er an dessen Stelle den frommen Betrieb. Anstelle der Frucht, die nur dem Leben eigen ist, setzt er den Erfolg. Den fehlenden Organismus ersetzt er durch Organisation, die mangelnde Vollmacht des Geistes durch die Macht der Masse. Während der Glaube, der durch die Liebe wirkt, sich im Opfer vollendet und sein eigenes Blut und Leben darlegt für die Brüder, opfert die religiöse Organisation alle Geistträger als unbequeme Außenseiter, die nicht in den gesetzlichen Rahmen passen und daher für sie untragbar sind.

So bleibt dem Glaubenden hier unten in dieser Welt nur der Weg des Pilgrims (Pilgers) und der Fremdlingschaft. Die Welt will uns nicht, geradeso wie sie unseren Herrn nicht wollte. Ein Knecht aber ist nicht größer, denn sein Herr und ein Gesandter nicht größer, als der ihn gesandt hat (Joh. 13, 16; 15, 18-21; Matth. 10, 17-25).

Deshalb laßt uns zu ihm hinausgehen, außerhalb des Lagers, seine Schmach tragend (Hebr. 13, 13)!

Im Tragen dieser Schmach des Christus und seines Kreuzes erweist der gottgewirkte Glaube seine Echtheit. Nur solche Menschen, die in lebendiger Verbindung mit dem Haupte stehen, ertragen auf die Dauer den Druck der Verfolgungen und die Last der Leiden. Alle anderen bringen sich in Sicherheit hinter den Schutzmauern der großen Organisationen. Die Zugehörigkeit zu einer solchen gewährt uns deren Beistand und den Genuß ihrer Machtmittel. Außerdem enthebt sie uns weitgehend der persönlichen Verantwortung, die ja von der Organisation und ihren Leitern übernommen wird. Damit tritt die bewußte Glaubensentscheidung des Einzelnen in den Hintergrund, und nach etlichen Generationen liegt die Masse der Mitglieder in der Erstarrung der Form und im todesähnlichen Zustand des Kirchenschlafes.

Die Zugehörigkeit zu einer 0rganisation verbürgt uns also gar nichts, sie mag heißen wie sie will. Vielmehr erhöht sie die Gefahr der falschen Sicherheit. Sie muß es nicht, aber sie tut es bei den meisten. Der Täuschung, die Zugehörigkeit zu einer religiösen Organisation schon für den Lebenszusammenhang mit dem Christus zu halten, fallen fast alle nicht erneuerten Menschen anheim. Der Lebenszusammenschluß mit dem Haupt der Gemeinde wird aber nur erreicht durch die bewußte Lebensübergabe an Jesus als den Herrn unseres Lebens. Dieser gläubigen Übergabe an den Herrn folgt der Empfang des Geistes als Siegel unserer Zusammengehörigkeit mit ihm.

So ist der lebendige Zusammenhang des Leibes Christi unabhängig von der Zugehörigkeit zu irgendeiner Organisation. Die wahre Kirche, die Gemeinde des lebendigen Gottes, der Leib Christi, geht quer durch alle Kirchen und Freikirchen und Gemeinschaften hindurch und wird von denen gebildet, die durch den einen Geist zu dem einen Leibe hinzugetauft sind und so die wesenhafte und wirkliche Gemeinschaft der Heiligen bilden inmitten der Zerrissenheit der Konfessionen und Denominationen (Benennungen). Wer Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein (Röm. 8, 9), einerlei, in welchem Kirchenbuch sein Name steht oder welcher Organisation er als Mitglied angehört. Wer aber durch den einen Geist zu dem einen Leibe hinzugefügt ist, der ist Christi Eigentum und Mitteilhaber seiner Verheißungen in Zeit und Ewigkeit und steht mit allen denen, die den Geist tragen, in der Einheit des Geistes und damit in der Wesenseinheit des Christusleibes, sowohl in Bezug auf das Haupt, als auch auf alle Glieder, einerlei, in welchem Kirchenbuch sein Name steht oder auch in gar keinem. “Wer den Sohn hat, hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, hat das Leben nicht” (1. Joh. 5, 12).

Alle Menschenlehren, die die Zugehörigkeit zu einer Kirche oder Religionsgemeinschaft als Garantie für den Empfang des Heils erklären, sind Irrtümer oder gar listig ersonnene Betrügereien. Dies gilt vor allem für den Anspruch all der Krise, die behaupten, allein seligmachend zu sein und durch irgendwelche Zeremonien ihren Mitgliedern das Heil zu verbürgen. Wer anstelle der Lebens- und Wesenseinheit mit Christus die Zugehörigkeit zu einem Kreise bzw. zu einer Organisation setzt, fälscht das Evangelium, betrügt die Seelen, denen er Form für Wesen bietet und führt verderbliche Lehren und Sekten ein. Die Schrift aber gebietet, sich von solchen wegzuwenden, die eine Form der Gottseligkeit haben, deren Kraft aber verleugnen (2. Tim. 3, 5).

Zum Aufbau einer Organisation ist der natürliche Mensch durchaus befähigt. Ja, der Mensch ohne Heilsgewißheit tritt instinktiv die Flucht in die Masse an, um die mangelnde Zuversicht auszugleichen durch die Stütze einer festen Form. Das Baugerüst als starres organisatorisches Gerippe soll die fehlende Festigkeit des Glaubens ersetzen. Der Turmbau zu Babel ist das erste Zeugnis für den Irrweg religiösen Machtwillens (1. Mose 11, 1-9), und die Massenorganisationen von heute laufen alle auf der gleichen Linie bis zu der großen Babel der Endzeit. Das Urteil Gottes über sie aber steht von jeher fest. (Vergl. Matth. 24,15; 2. Thess. 2, 4; Ps. 74, 3.4; 2. Tim. 3, 5; Off. 3, 15-17; 17, 1-6; 18, 1-8.20; 1. Tim. 4, 1-5 u. a.).

Die Leibesgemeinde des Christus aber ist kein Gebilde des Menschen, sondern göttliche Zeugung durch den Heiligen Geist. Ihr Wesen hat nichts gemein mit geschöpflicher Organisationsfähigkeit. Gott, der Wesenhafte, der Seiende, läßt sich nicht täuschen durch Form und Schein. Der Christusorganismus, der Leib oder Körper Christi, ist nichts Erschaffenes oder Gemachtes, sondern ist gottgeboren und geistgezeugt. Darum ruht auch der Geist Gottes, der Geist der Herrlichkeit, auf den Seinen (1. Petr. 4, 14).

Die Einheit des Christusleibes ist durch menschliche Mittel und Methoden nicht zu bewerkstelligen. Sie ist auf dem Boden der alten Natur überhaupt nicht erreichbar und daher dort auch nicht darstellbar. Sie ist nur auf dem Boden der Herrlichkeit des Wesens Gottes und Christi Jesu möglich. Daher betet der Herr in Johannes 17, 22.23: “Die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, auf daß sie eins seien, gleichwie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, auf daß sie in eins vollendet seien, und auf daß die Welt erkenne, daß du mich gesandt und sie geliebt hast, gleichwie du mich geliebt hast.”

Sind wir eins? — Geben wir der Welt das Zeugnis, das wir ihr schuldig sind? — Oder wird es einmal die größte Anklage gegen uns sein, daß wir durch unsere Zerrissenheit die Welt am Glauben hinderten? —

Doch täuschen wir uns nicht! Mit der Einheit der Form, mit einheitlicher Organisation ist es nicht getan. Die Welt sieht scharf zu und weiß wohl, daß die Zugehörigkeit zur selben Organisation noch lange nicht die gleiche Liebe in den Mitgliedermassen bewirkt. Einheit der Form ist nicht Einheit des Wesens. Wenn man unerneuerte Menschen auch in die gleiche Kirchenform hineinbindet, so beseitigt man damit nicht ihre alte Natur. Von Natur aber sucht alles Geschöpfliche das Seine. “Sie suchen alle das ihre.” So hindert der äußere Zusammenschluß nicht das innere Auseinanderstreben.

Das Göttliche aber ist wesenseins und strebt zusammen in der ewigen Einheit des einen Geistes.

Die wahre Einheit ist daher nur möglich in dem einen Geiste, den Gott allen Wiedergeborenen gibt. Mit ihm ergießt er seine Liebe in unsere Herzen (Röm. 5, 5). Liebe aber ist Wille zur Gemeinschaft. Dieses Zusammenwollen des Zusammengehörigen ist der tragende Grund der Einheit, ist der gemeinschaftsbildende Faktor des Leibes Christi, der seine Selbstauferbauung bewirkt in Liebe (Eph. 4, 15.16). Wesenseinheit ist daher nur möglich in einem Organismus, der ja sein Dasein einer Liebeszeugung verdankt.

Die Heiligen werden darum auch die Seienden in Christo Jesu genannt, nicht die Scheinenden.

Das Wesen des Organismus besteht daher im Einssein von innen her. Das Kennzeichen der Organisation aber ist Vereinheitlichung von außen her.

Die oft ehernen Mauern der Organisationen wirken immer trennend und scheidend. Die gemeinsame Wesensherrlichkeit der Glieder Christi aber verbindet sie in der Liebe des Geistes so stark, daß sie die Form für nebensächlich achten und in der Einheit des Geistes sich eins wissen über alle Mauern und Zäune hinweg und dies auch überall dort zum Ausdruck und zur Darstellung bringen, wo irgend sich eine Möglichkeit dazu bietet. Sie kennen sich ohne Abzeichen und streben zueinander ohne äußeren Druck oder Zwang. Der Geist führt sie zusammen, wo immer eins das andere trifft. Von ihnen singt der Dichter:

“… es braucht der Worte nicht.
Sie kennen sich am Liede,
am leuchtenden Gesicht.”

Einsgeworden in Christo! Einsseiend in ihm! Ohne Christus kein Leben, kein Geist, keine Liebe. Ohne ihn nichts vermögend und nichts seiend. Alle unsere Quellen sind In Ihm.

Wer ihn, das Haupt, festhält, hält damit auch die Lebens- und Liebesverbindung mit allen Gliedern fest, die an Ihm hängen.

Wesenhafte Einheit gibt es darum nur in Christo. Nur in Christo hat und behält die Liebe ihren göttlichen Charakter. Außer Christo entartet sie, wie alles entartet, was das Geschöpf neben ihm errichtet.

Christus ist das Lebenszentrum der Schöpfung, der lebendigmachende Geist. Alles andere steht an der Peripherie. Wenn daher die Geschöpfe versuchen, sich ohne ihn zu lieben, so gibt es bei dieser peripherischen Liebe immer nur einen Kurzschlußfunken, dem das baldige Erlöschen folgt. Alle aber, die den Mittelpunkt festhalten, stehen im Stromkreis seines Lichtes und seiner Liebe und genießen den dauernden Zustrom seiner Lebenskräfte, so daß sie alle in der organischen Lebensverbindung mit dem Haupte das Leben des Christusleibes in der Kraft seines Geistes leben und führen dürfen.

Die aber, die sein Geist treibt und leitet, sind Söhne Gottes. Sie tragen sein Leben weiter im Kosmos und sind als Träger des Wesenhaften die Herauswahl des lebendigen Gottes, der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit (1. Tim. 3, 15). Sie sind daher auch die Lebensträger der Schöpfung, und alles Erschaffene wartet mit vorgerecktem Halse auf ihre Offenbarung (Röm. 8, 19-23).

Alles Erschaffene ist zusammengefaßt durch Ordnungen und Gesetze. Gott aber will es aus dieser organisatorischen Verbindung herausführen und durch Zeugung überführen in das Wesen eines lebendigen Organismus. Das Schema der jetzigen Weltordnung vergeht (1. Kor. 7, 31). Gott, der Lebendige, zeugt das All ins Leben (zoogonountos ta panta) (1. Tim. 6, 13; Neh. 9, 6). Nach dem Geheimnis seines Willens wird es aufgehauptet (anakephalaiosasthai) in dem Christus (Eph. 1, 9.10), auf daß zuletzt sei Gott alles in allem.

Alles Organisatorische wird aufgelöst und hinweggetan. Der Organismus aber bleibt, weil er aus Gott ist und erfüllt ist vom göttlichen Leben. Nur die Einbeziehung des ganzen Kosmos in diese Lebenseinheit des gottgezeugten Organismus garantiert den reibungslosen Bestand und die wachstümliche Entfaltung alles Lebendigen in den kommenden Äonen.

Der Glaube aber, der ein Wesentlichmachen unseres Hoffnungsgutes ist, ein Vorausnehmen zukünftiger Güter, baut nicht auf das Vergängliche und mit dem Vergänglichen für das Vergängliche, sondern auf dem Bleibenden und mit dem Bleibenden für das Bleibende. Das Bleibende aber ist in der Jetztzeit verkörpert in dem Soma Christi, dem Leibesorganismus des Christus.

Darum laßt uns festhalten an dem, der das Haupt ist!

“Das Wesenhafte festhaltend in Liebe, bringen wir alles zum Wachsen hinein in ihn, der das Haupt ist, der Christus” (Eph. 4, 15). —

(Quelle und Verlag unbekannt — Evtl. Buch- und Kunstdruck H. Bänerle, Langenalb, Baden — Schrift herausgegeben mit Sonderbewilligung der ISD. Publ. Branch Karlsruhe Outpost)

- Herzlichen Dank an Martin Mohrlok für die Bereitstellung dieser vergriffenen Schrift! -

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