Der Herr kommt wieder
Autor: Geyer, Karl | Kategorie(n): Das prophetische Wort, Glaubensleben & Wandel, Heilsgeschichte | 479 x gelesenVor dem Feste des Passah aber, als Jesus wußte, daß Seine Stunde gekommen war, daß Er aus dieser Welt zu dem Vater hingehen sollte, da Er die Seinigen, die in der Welt waren, geliebt hatte, liebte Er sie bis ans Ende (Joh. 13, 1).
Seine Liebe war die Seligkeit der Seinen, so, wie die Liebe des Vaters Seine Seligkeit war, die Seligkeit des Sohnes der Liebe.
In die Glückseligkeit dieser Stunde, in der Er ihnen durch die Fußwaschung nochmals in ganzer Zartheit und Innigkeit die Hoheit und Schönheit und Tiefe Seiner Liebe gezeigt hatte, durch die Er ihre österliche Vorfreude verklärte, fielen in die Freude der Jünger drei bittere Wermutstropfen: die Ankündigung, daß einer von ihnen Ihn verraten würde, daß ein anderer Ihn verleugnen würde, und daß Er Selbst von ihnen weggehen werde.
Diese letzte Kundmachung war für sie die schwerste. Sie erschütterte ihre Herzen und machte sie bestürzt. Was sollte nach Seinem Weggang aus ihnen werden? Und wo war ein Pfad aus dieser Ausweglosigkeit?
Da kommt aus Seinem Munde das Wort des Trostes und der herrlichen Verheißung: “Euer Herz werde nicht bestürzt! … Ich gehe hin … und Ich komme wieder!” (vgl. Joh. 14, 1-3).
Als Er dann nach Seinem Tod und Seiner Auferstehung wirklich hinging zum Vater, indem Er emporgehoben wurde und von einer Wolke hinweggenommen wurde vor ihren Augen, standen sie und schauten unverwandt gen Himmel, bis zwei Männer in weißen Kleidern, zwei Engel, ihnen sagten: “Männer von Galiläa, was stehet ihr und sehet hinauf gen Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg in, den Himmel aufgenommen worden ist, wird also kommen, wie ihr Ihn habt hingehen sehen in den Himmel” (Apg. 1, 9-11).
Diesem Zeugnis der Engel fügt Johannes in der Offenbarung das Wort der Verheißung hinzu: “Siehe, Er kommt mit den Wolken, und jedes Auge wird Ihn sehen, auch die Ihn durchstochen haben …” (Off. 1, 7).
Von diesem Kommen des Herrn, das für die Welt zunächst einmal Gericht bedeutet, zeugt auch Judas, der Bruder des Herrn, in seinem Brief, indem er die Weissagung Henochs anführt: “Siehe, der Herr ist gekommen inmitten Seiner heiligen Tausende, Gericht auszuführen …” (Jud. 14).
Petrus ermuntert die Gläubigen, völlig auf die Gnade zu hoffen, die ihnen entgegengebracht wird bei der 0ffenbarung Jesu Christi (1. Petr. 1, 13).
Paulus, der Apostel der Nationen, schreibt schon in seinem ersten Briefe (dem 1. Thessalonicher-Brief), daß die Vergangenheit der Gläubigen geregelt sei, indem sie sich abwandten von den Götzenbildern, daß weiterhin der Daseinszweck in der Gegenwart für sie der sei, dem lebendigen und wahren Gott zu dienen, und daß ihre Hoffnung für die Zukunft darin bestehe, den Sohn Gottes aus den Himmeln zu erwarten (1. Thess. 1, 9.10).
Diese Zeugnisse aus dem Munde des Herrn, der Engel und der Apostel mögen vorläufig einmal genügen, um die eine Tatsache festzustellen, daß der Herr wiederkommt.
Ob dieses Wiederkommen nur ein einmaliges ist, oder ob der Herr mehr als einmal wiederkommt, soll aus dem Gesamt-Zeugnis des Neuen Testaments nachgewiesen werden. Die Zahl der Stellen ist hierüber sehr reichhaltig. Im ganzen sind es mehr als dreihundert.
Das Wort “Wiederkommen” oder “Wiederkunft” hat ja nur deshalb einen Sinn, weil Er schon einmal da war, als Er, das Wort, der Logos, Fleisch ward. Nachdem Er diesen Fleischleib bei Seinem Tode auszog und ihn in anderer Weise (ohne Blut!) wieder anzog, allein bewegt vom Geiste, ging Er wieder zu dem Vater zurück, von dem Er ausgegangen war. Von dort aber will Er wiederkommen.
Seine Wiederkunft hat für die verschiedenen Gruppen von Menschen eine ganz verschiedene Bedeutung. Für die einen kommt Er als Richter, wie schon etliche der vorgenannten Stellen es aussagen, wie es aber Paulus sehr klar und eindeutig in Apg. 17, 31 ausdrückt, wo er sagt, daß Gott den Erdkreis richten wird durch einen Mann, den Er dazu bestimmt hat, und den Er als Richter erwiesen habe, indem Er Ihn aus den Toten auferweckte. Vgl. auch das Zeugnis des Petrus in Apg. 10, 42. Für die anderen kommt Er als Retter. Für sie ist Sein Kommen die glückselige Hoffnung der Erscheinung ihres großen Heiland-Gottes Jesus Christus (Tit. 2, 13).
Schon die Ausdrücke “Retter” und “Richter” besagen, daß Sein Kommen ganz verschiedenen Charakter trägt, je nachdem, zu welcher Gruppe Er kommt. Im Laufe unserer Betrachtungen werden wir aber auch sehen, daß Sein Kommen zu den verschiedenen Gruppen nicht gleichzeitig erfolgt, d. h. daß Sein Kommen als Weltenrichter nicht das gleiche ist wie Sein Kommen als Heimholer der Seinen.
Daß es bei der Unterscheidung dieser verschiedenen Kommen notwendig ist, in geistlichem Feingefühl, in der Keuschheit göttlicher Weisheit auf das Wort zu hören und nicht eigene Wünsche hineinzutragen, dürfte jedem, dem es um die Erkenntnis der Wahrheit geht und nicht um das Festhalten väterlicher Überlieferungen oder angelernter Dogmen, ohne weiteres klar sein. Die Bedeutung dieser Fragen ist viel zu groß und zu gewaltig, als daß wir nicht verpflichtet wären, sie auf das sorgfältigste und gewissenhafteste zu prüfen und zu erwägen. Mag es auch manchem nicht leicht sein, eine eigene Meinung aufzugeben, so darf er doch erkennen, daß es hier um mehr geht als um Lehrmeinungen. Es geht darum, im Gehorsam des Glaubens sich unter das Wort zu stellen und sich vom Wort her sagen zu lassen, was der Herr Selbst über Sein Kommen darin geoffenbart hat.
Die Erkenntnis aller Wahrheit ist von unserer Seite aus nur in stetigem Wachstum und daher nur stückweise möglich. Die Wahrheit selbst ist absolut, unsere Erkenntnis von ihr aber relativ, d. h. wir können den Gesamtumfang der Wahrheit, ja, auch nur den Umfang und Inhalt einer einzigen Teil-Wahrheit nicht auf einmal erfassen, weil das Göttliche viel zu groß und erhaben ist, als daß ein Geschöpf es sofort in allen Teilen und in seiner ganzen Tiefe und Weite und Höhe zu überschauen vermöchte. Die Kindlein, denen die Sünden vergeben sind, haben noch nicht durch die Gewohnheit geübte Sinne zur Unterscheidung des Guten und Bösen und vermögen daher noch nicht das zu erkennen, was von Anfang ist. Paulus bezeugt von sich, daß er im Zustand seiner geistlichen Kindheit dachte und urteilte und redete wie ein Kind, daß er aber hernach, als er ein Mann geworden war, all das wegtat, was er in seinem kindlichen Verständnis von sich aus dazugetan hatte (1. Kor. 13, 9-11).
So wollen wir auch die verschiedenen Wiederkommen des Herrn im Lichte der gesamten Schrift betrachten und uns die Unterweisung durch den Heiligen Geist erbitten, damit wir nicht Schulstreiter und Behaupter von Meinungen und Verfechter von Theorien und menschlichen Systemen sind, sondern im Glaubensgehorsam Stehende, die täglich mit all den anderen Suchenden in der Schrift forschen, ob es sich also verhält (Apg. 17, 10.11). Damit erweisen wir eine echte geistliche Gesinnung und sind wahre “Edelleute Gottes” wie die Beröer.
Über das erste Kommen des Herrn, über Sein Kommen ins Fleisch, sind die wahren Gläubigen einig. Sie wissen und bekennen das große, gottselige Geheimnis: “Gott gekommen ins Fleisch” (1. Tim. 3, 16). Oder: “Das Wort ward Fleisch!” (Joh. 1, 14). — Hieran prüfen sie auch die Geister (gemäß 1. Joh. 4, 1-6). Jeder Geist, der da bekennt, daß der Sohn Gottes ins Fleisch gekommen ist, ist aus Gott. Und jeder Geist, der das nicht bekennt, ist nicht aus Gott, sondern dies ist der Geist des Antichrists.
Für alle diese Antichristen, die Gott zum Lügner machen (1. Joh. 5, 10-12), indem sie schon das erste Kommen des Sohnes Gottes ins Fleisch leugnen und ebenso das Zeugnis verwerfen, das der Vater über Seinen Sohn bezeugt hat, indem Er wiederholt über Ihm den Himmel öffnete und herabrief: “Dies ist Mein geliebter Sohn, an welchem Ich Wohlgefallen habe!”, kann es naturgemäß auch kein zweites oder gar drittes Kommen des Herrn geben. Sie spotten vielmehr: “Wo ist die Verheißung Seiner Ankunft? Denn seitdem die Väter waren, ist alles so geblieben …” (2. Petrus 3, 3).
Die Geheimnisse Gottes sind nicht für diese Ungläubigen. Schon im Psalm 25, 14 bezeugt David, der ja ein Prophet war: “Das Geheimnis Jehovas (oder: Sein vertrauter Umgang, die vertraute Mitteilung) ist für die, welche Ihn fürchten”.
Durch den Glauben merken oder verstehen wir! Ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zu nahen oder Ihn zu verstehen!
Also, das erste Kommen des Herrn, Sein Kommen ins Fleisch der Niedrigkeit, ist Allgemeingut aller wahrhaft Gläubigen. Und mit anderen können und wollen wir auch gar nicht über die Geheimnisse unseres Vatergottes und Seines Christus reden. Die stille und heilige Nacht von Bethlehem, in der mit dem Herren-Engel die Menge der himmlischen Heerscharen Gott lobten über das kündlich große Geheimnis der Gottgeburt im Fleisch, ist uns Gegenstand tiefster Anbetung, aber nicht Streitobjekt mit solchen, die keine Geistgeburt an sich selbst erfuhren.
Nur auf Grund dieser Tatsache, daß der Herr schon einmal da war, dann aber wieder wegging, dabei aber verhieß, wiederzukommen, können wir überhaupt von einer Wiederkunft reden.
Wenn wir nun die verschiedenen Stellen über Sein Wiederkommen miteinander vergleichen, fällt uns zunächst einmal auf, daß es bei dem einen Kommen heißt, daß Er da gar nicht auf die Erde herabkommt, sondern nur bis in die Luft, während es an anderer Stelle heißt, daß Seine Füße auf dem Ölberg stehen werden. — Sodann heißt es bei dem einen Kommen: “Niemand ohne Heiligung wird den Herrn sehen” (Hebr. 12, 14). Das gilt denen, die Ihn nach Hebr. 9, 28 zum zweitenmal erwarten zur Rettung (oder Seligkeit), und zwar zur Rettung vor dem kommenden Zorn (Röm. 5, 9; 1. Thess. 1, 10; 5, 9.10). — Dagegen heißt es aber in Off. 1, 7: “… und alle Augen werden Ihn sehen, auch die Ihn durchstochen haben.” —
Vergleichen wir nochmals diese Angaben! Einmal sehen Ihn nur die Heiligen, zum andernmal sehen Ihn alle! Zur Rettung der Heiligen kommt Er ihnen nur entgegen bis in die Luft und ruft sie von da aus hinauf zu Sich (1. Thess. 4, 13-18). Dann kommt Er mit Seinen Heiligen herab auf die Erde, aber nicht zur Rettung, sondern zum Gericht, und zwar zunächst einmal, um zu richten die Lebendigen, d. h. die dann auf Erden lebenden Völker, die Nationen der Erde (vgl. Matth. 25, 31-46). — Dieses Gericht findet statt zu Beginn des Tausendjahrreiches und entscheidet darüber, wer von den lebenden Menschen mit hinein darf in das Reich. (Keine Antisemiten und keine Antichristen!)
Nach den tausend Jahren, wenn Himmel und Erde verbrannt und hinweggetan sind, findet dann erst das Gericht am großen weißen Thron statt, wo die Toten gerichtet werden (Off. 20, 1-15). — Zwischen diesen beiden Gerichten über die Lebenden und die Toten liegen also tausend Jahre.
Der Herr war also schon einmal hier. Zum andernmal kommt Er für die, die Ihn erwarten zur Rettung. Dann kommt Er zum drittenmal, und zwar mit den vor dem Zorn geretteten Heiligen. Und zuletzt, wenn Himmel und Erde vergangen sind und ein neuer Himmel und eine neue Erde sind da, kommt Er mit Seinem Gott und Vater und allen Heiligen mitsamt dem neuen Jerusalem hernieder auf die Erde, um für immer da zu bleiben. Die ewige Stadt hat keinen Tempel. Denn der Herr, Gott, der Allmächtige ist ihr Tempel, und das Lamm (Off. 21, 22).
Dieses vierfache Kommen des Herrn ist eine der verschütteten geistlichen Wahrheiten, die erst gegen das Ende hin wieder in das volle Licht der Erkenntnis treten. Wir brauchen ja nur einmal daran zu denken, daß die Wahrheit von der Rechtfertigung aus Glauben von jeher in der Bibel stand, daß es aber nahezu 1500 Jahre dauerte, bis diese durch das römische Staatskirchentum verdeckte und verschüttete Wahrheit wieder in der Reformation ans Licht gebracht wurde. — Wievielmehr erging es den prophetischen Wahrheiten so! Zu ihrer Erkenntnis sind ja ganz besondere Voraussetzungen nötig.
Hier sei nur noch darauf hingewiesen, daß ursprünglich von diesen Dingen eine klare Erkenntnis vorhanden war. So war man sich der Tatsache des Kommens des Sohnes Gottes ins Fleisch klar bewußt und feierte zum Gedenken an diesen Tag das Weihnachtsfest. Ebenso eindeutig wußte man um Seinen Opfertod am Kreuze und feierte zur Erinnerung daran den Karfreitag. Genau so eindeutig war es mit der Auferstehung. Der Ostertag bezeugt es heute noch. Weiterhin ist die Himmelfahrt bezeugt in dem Himmelfahrtstag. Und sodann auch die Ausgießung des Heiligen Geistes durch das Pfingstfest. — Für alle diese Ereignisse der Heilsgeschichte gibt es nur je einen Erinnerungstag.
Für das vierfache Kommen des Herrn aber setzte man die vier Advente als dauernde Mahner ein! Sie stehen unmittelbar vor dem Erinnerungstag an Sein erstes Kommen ins Fleisch und bezeugen, daß es mit diesem ersten Kommen nicht genug sei, sondern daß Er viermal komme, bis das Vollziel erreicht sei und Gott sei alles in allem.
Über das erste Kommen des Herrn braucht hier nicht mehr geredet zu werden, denn es liegt ja bereits hinter uns, und zwar schon bald 2000 Jahre.
Das zweite Kommen des Herrn findet dann statt, wenn die Vollzahl der Glieder Seines Leibes, die aus allen Nationen genommen wird, herausgerufen ist. Diese Zahl kennt kein Mensch. Nur Gott Selbst weiß sie. Er hat bei Sich Selbst die Anzahl bestimmt, die Er dem Sohne als herrliches Erbe vorausgibt (Eph. 1, 18). (Es geht da nicht um unser Erbe in den Himmeln, sondern um Sein Erbe in den Heiligen!)
Nach der Sammlung dieses Gottesvolkes aus den Nationen wendet der Herr Sich wieder Seinem Auswahlvolk für die Erde zu. Man vergleiche hierzu nur einmal Apg. 15, 14-17. Da bezeugt die Schrift klar:
- Ein Volk aus den Nationen auf Seinen Namen (auf den des Christus);
- Danach wird die zerfallene Hütte Davids wieder aufgerichtet;
- die Sammlung Israels bedeutet für die unter den Gerichten Übriggebliebenen der Menschen (vgl. Jes. 24, 4-6) den Beginn der Segnungen des Tausendjahrreiches.
- Auch die Toten, alle Nationen, über die von jeher der Name des Herrn angerufen wurde, kommen zum Heil (vgl. 1. Mose 4, 26b mit Luk. 3, 6; Off. 21, 26; 22, 2.3 u. a.).
Das Volk aus den Nationen, das dem Christus gehört, ist gekennzeichnet durch den Besitz des Geistes. Wer Christi Geist nicht hat, der ist nicht Sein. Er kann eine Form der Gottseligkeit haben, aber der Anschluß an den Körper des Christus fehlt ihm. In den Körper oder Leib des Christus wird man durch keine menschliche Maßnahme eingepflanzt. Diese Einpflanzung oder Einfügung oder Hinzufügung überläßt Gott keinem Geschöpf. Die nimmt Er Selbst vor, indem Er sie alle durch einen Geist zu einem Leibe tauft. Das konnte auch ein Petrus mitsamt den anderen Aposteln der Beschneidung nicht verhindern, einfach deshalb nicht, weil Gott Selbst es tat (vgl. Apg. 11, 15-18; 10, 44-48; 15, 6-9 u. a.)! Beachte auch das ganze Kapitel Apg. 10. — Siehe auch 2. Kor. 1, 21.22; Eph. 1, 13.14 u. a. Gott Selbst versiegelt die Leibesglieder.
Wenn die Vollzahl aus den Nationen erreicht ist, zieht das Haupt Seinen Leib an, der aus den Ihm von Gott geschenkten und für Ihn durch den Geist versiegelten Gliedern besteht. Zu diesem Zweck kommt das Haupt herab in die Luft (1. Thess. 4, 13-18). Dort hat der Gott und Fürst dieser Welt (dieses Kosmos) und dieses Zeitalters (dieses Äons) seinen Sitz. Er ist der Fürst der Gewalt der Luft (Eph. 2, 2; 6, 12). Nirgends sonst könnte der Triumph des Herrn deutlicher offenbar werden, als gerade dort inmitten des seitherigen Herrschgebietes des Feindes. Wenn Gott uns schon heute in Christo, also noch in der Umhüllung durch Ihn, im Triumphzug umherführt an allen Orten (2. Kor. 2, 14), wie wird dann dieser Triumph völlig und offenbar, wenn wir mit dem Christus in Herrlichkeit offenbar werden in der Enthüllung! (Kol. 3, 4; 2. Thess. 1, 10) Dann werden wir als Mitteilhaber Seiner Verheißungen (Eph. 3, 6) das vollenden helfen dürfen, was der Herr am Kreuze allein vollbringen konnte. Dort zertrat der Schlangentreter der Schlange den Kopf, als Er dem die Macht nahm, der des Todes Gewalt hat, das ist dem Teufel (Hebr. 2, 14.15), und ihn mit allen seinen Helfershelfern öffentlich zur Schau stellte (Kol. 2, 14.15). Dann wird der Gott des Friedens den Satan auch unter unsere Füße zertreten (Röm. 16, 20). Siehe auch 2. Kor. 1, 20.
Dieses Hinaufrufen der Leibesglieder in die Luft nimmt der Herr Selbst vor. Er ruft sie, mit gebietendem Kommandoruf heraus aus der Welt und hinauf zu Sich, nachdem Er zuvor noch die Toten in Christo durch Seinen Allmachtsruf auferweckte. Beide werden zusammen zu Ihm hin entrückt; und dort in der Luft vereinigt Er Sich mit ihnen. Das Haupt zieht Seinen Leib zu Sich und zieht ihn Sich an. — Während Israel einmal durch Engel gesammelt wird aus den Völkern (Matth. 24, 29-31), die auch in den Gerichten der Endzeit die Gerichtsposaunen blasen (Off. 8, 6-11.19 — denn Israel wird gerettet durch Gericht! Jes. 1, 27; Hos. 2, 19 u. v. a.), kommt zur Rettung der Seinen vor dem kommenden Zorn der Herr Selbst mit der Gottposaune (vgl. Röm. 5, 9 mit 1. Thess. 4,16). Denn wir sind nicht gesetzt zum Zorn, sondern zur Erlangung der Errettung durch unseren Herrn Jesus Christus (1. Thess. 5, 9-11). Er erscheint bei Seinem zweiten Kommen nur denen, die Ihn erwarten; und zwar erscheint Er ihnen, ohne Beziehung zur Sünde, zur Rettung (vgl. auch die Fußnote zu Hebr. 9, 28 in der Elbf.-Übers.). Daher sieht bei diesem Kommen niemand außer den Heiligen den Herrn. Er kommt ja, um Seine Heiligen heimzurufen und Sich Selbst auf Sein Pläroma, Sein Vollmaß, zu bringen. Darum sieht Ihn bei dieser Gelegenheit niemand ohne Heiligung (Hebr. 12, 14; vgl. Hebr. 9, 28).
Bei Seinem dritten Kommen aber sehen Ihn alle, auch die, die Ihn durchstochen haben (Off. 1, 7). Da kommt Er ja auf die Erde herab, und Seine Füße stehen an jenem Tage auf dem Ölberg (vgl. Apg. 1, 9-12 — bes. Vers 11 und 12 — mit Sach. 14, 4). So, wie Er von ihnen schied dort auf dem Ölberg, wird Er auch wieder in der Zeugenwolke auf den Ölberg zurückkehren. Dann reinigt Er Sein Volk und richtet die Nationen. Die zerfallene Hütte Davids wird durch Ihn wieder aufgerichtet, auf daß die Zwölfe, auf zwölf Stühlen um Ihn sitzend, die Stämme Israels ausrichten auf ihren Dienst im Tausendjahrreich, damit sie das Recht hinausbringen zu den Nationen der Erde, den Übriggebliebenen der Menschheit. —
Während die Zwölfe auf Erden die zwölf Stämme Israels richten, richtet die Leibesgemeinde, die Gemeinde der Heiligen, den Kosmos und die Engel (1. Kor. 6, 2.3). Welch ein gewaltiger Unterschied zwischen dem irdischen Samen Abrahams und dem himmlischen Samen! Der irdische Same hatte Abraham dem Fleische nach zum Vater; der himmlische Same ist der, der des Glaubens Abrahams ist. Vgl. hierzu neben den vielen Stellen des Römer- und Galaterbriefes vor allem auch Gal. 3, 26.29. Aber beachten wir nochmals die Tatsache, daß die einen auf Erden richten, während die anderen den Kosmos und die Engel richten. Deshalb werden sie auch nicht von Engeln gesammelt, sondern vom Herrn Selbst gerufen, während Israel immer unter Engelsdienst steht. Den Dienst in der “Sachabteilung” Seines Reiches versehen Engel, während die “Personalabteilung” dem Herrn Selbst unmittelbar untersteht. Man vgl. hierzu auch einmal Apg. 7, 30.35.38.53; Gal. 3, 19; Hebr. 2, 2 mit 1. Thess. 4, 16 u. a. Zwischen dem zweiten und dritten Kommen des Herrn läuft auf Erden für Israel und die Nationen die letzte Jahrwoche (die 70. Jahrwoche Daniels, Dan. 9, 24-27) ab. Vom Jahre 450 vor Christus bis zum Jahre 33 nach Christus rollten die ersten 69 (7+62) Jahrwochen ab, die dem Daniel offenbart wurden. Sie endeten mit der Hinwegnahme des Messias. Dann folgen die Zerstörung Jerusalems durch Titus, das Hinwegströmen Israels unter das Völkermeer, dann die vielen Kriege, die von da an sich in der Völkerwelt ereignen bis hin zum Ende; und zuletzt, wenn die Gemeinde hinweggenommen ist, beginnt die letzte Jahrwoche zu laufen, in der der Antichrist zunächst einmal einen Bund mit Israel schließt für sieben Jahre, den er aber nach dreieinhalb Jahren (oder 42 Monaten oder 1260 Tagen) bricht. Dann setzt er sich selbst in den Tempel, den er in den ersten dreieinhalb Jahren bauen ließ, und von da an regiert er dreieinhalb Jahre mit brutaler Gewalt. Diese letzten dreieinhalb Jahre oder 42 Monate oder 1260 Tage sind die Zeit der großen Drangsal.
Der Antichrist kommt zuerst mit allen Zeichen und Wundern der Lüge, so daß niemand hinter ihm jenen Gewaltherrscher vermutet, der er ist. Hierin gleicht er völlig dem, der ihm seinen Thron und sein Reich und große Gewalt gibt (Off. 13, 1-8; vgl. Off. 11, 3-12). Satan ist ja ein Lügner und Menschenmörder von Anfang (Joh. 8, 44). Lüge zuerst, brutale Gewalt dort, wo man sie offen ausüben kann. So auch der Antichrist. Vgl. hierzu das überaus wichtige Kapitel 2. Thess. 2, 1-12! Da ist aus Vers 6 und 7 zu ersehen, daß dieser Durchbruch der Wirksamkeit Satans in allen Zeichen und Wundem der Lüge von zwei Mächten gehemmt wird. Solange die nicht hinweggeräumt sind, kann die Lüge nicht ihre volle Wirksamkeit entfalten. Der, der aufhält, ist der Geist der Wahrheit; das, was aufhält, ist die Gemeinde, die da ist der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit. Solange diese beiden Wahrheitsmächte noch auf Erden sind, kann die Lüge nicht in ihrer ganzen satanischen Macht offenbar werden. Bis dahin ist das Offenbarwerden des Antichrists nicht möglich. Sobald aber die Gemeinde hinweggenommen ist, kann er sich offenbar machen. Dann setzt der Satan (nach Off. 13) seinen Thronanwärter, den Antichristen, auf den Thron seines Reiches. Denn er ist ja der Gott und Fürst dieser Welt und rühmte sich schon einmal, daß er alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit dem gebe, dem er sie geben wolle (vgl. Luk. 4, 5-8). Christus lehnte das Angebot ab; der Antichrist nimmt es an.
Solange also die Gemeinde auf Erden ist, kann der Antichrist überhaupt nicht kommen. Erst muß die Gemeinde und der in ihr wohnende Heilige Geist hinweggenommen sein, bevor der Satan mit allen Zeichen und Wundern der Lüge seinen Stellvertreter auf Erden, den Antichristen, offenbar machen kann.
Während nun auf Erden die dreieinhalb Jahre der Lüge ablaufen und danach die dreieinhalb Jahre der Gewalt, der großen Drangsalszeit, die vor allem über Jakob (= Israel) dahingeht, von dort aus aber die gesamte Völkerwelt ergreift und vor allem dort die betrifft, die das Malzeichen des Tieres nicht annehmen — worunter wohl zunächst die fallen, die sich vor der Entrückung aus allen möglichen Gründen nicht für den Herrn entscheiden konnten, die aber nun nach der Entrückung ihren Verlust erkennen und unter allen Umständen mit dem “nächsten Zuge” fahren wollen, dem Märtyrer-Zuge (Off. 7, 9-17) —, steht die vor diesen Ereignissen abgerufene Leibesgemeinde vor dem Preisrichterstuhl des Christus, dem Bäma Christi (2. Kor. 5, 10). Dort geht es nicht um Sündenstrafe und Tod oder Leben, denn die Glaubenden kommen nicht ins Gericht (am großen weißen Thron) (Joh. 5, 24 u. a.), sondern hier werden wir, die Gläubigen, vor dem Herrn offenbar, während vor dem großen weißen Thron die Welt gerichtet wird. Wir werden nicht mit der Welt verurteilt (1. Kor. 11, 32), sondern werden jetzt als Söhne von unserem Vater gezüchtigt (Hebr. 12, 7-11). Darum kommen wir auch nicht mit der Welt ins Gericht, sondern werden vorher, ohne Zuschauer aus der Welt, ganz unter uns vor dem Preisrichterstuhl Christi offenbar. Wenn dort offenbar gemacht ist, was jeder von uns, in dem der Grund Jesus Christus gelegt ist, auf diesen Grund gebaut hat (1. Kor. 3, 10-15; 9, 24-27; Phil. 3, 12-14), und dann nach dem Abtun alles “Brennbaren” die Bewährten den Lohn der Treue empfangen, während die Unbewährten nur so wie durchs Feuer gerettet werden (1. Kor. 3, 14.15), stellt der Christus Seine gereinigten und vollendeten Glieder ohne Flecken und Makel und Runzeln dem Vater dar vor dem Bäma Theou, dem Preisrichterstuhl Gottes. Dort erst, wo die Regierungssitze verteilt werden (vgl. Matth. 20, 23; Mark. 11, 15), empfängt jeder von uns die Vollmacht von Gott Selbst, die wir brauchen, um im gesamten Kosmos die Weltenherrscher, die Engel zu richten, die wir ohne diese Bevollmächtigung durch den Allmächtigen Selbst nicht zu richten vermöchten (Röm. 14, 10). (Auf diese Vorgänge kann hier, wo es um die verschiedenen Kommen des Herrn geht, nur insoweit eingegangen werden, als das Zwischenstück zwischen dem zweiten und dritten Kommen des Herrn, das auf Erden durch die Drangsalszeit bzw. die letzte Jahrwoche Daniels ausgefüllt ist, auch für die himmlische Aufgabe der Gemeinde kurz bezeichnet werden muß. (Näheres hierüber entnehme man den Heften “FÜR LEBEN UND GLAUBEN” 1 und 12, Paulus-Verlag, Heilbronn.)
In der Zeit, in der Israel als der irdische Same Abrahams seine Aufgabe an der Völkerwelt auf Erden erfüllt, haben wir unseren Dienst in den Himmelswelten zu tun. Und für diese Aufgabe sollen wir zugerüstet werden (Eph. 4, 11-16). Dieser Aufgabe entspricht auch die Gabe, die ihr Maß hat an der Gabe des Christus (Eph. 4, 7-10). Wir sind ja auch geliebt, gleichwie der Sohn (Joh. 17, 23) und sollen auf das Vollmaß des Vaters (Eph. 3, 19) und des Sohnes (Eph. 4, 13) und des Geistes gebracht werden (Eph. 5, 18b).
Gott, der den Menschen schuf, daß er Sein Bild und Gleichnis sei (1. Mose 1, 26-28), führt Seinen Vorsatz mit dem Menschen zu Ende. Es ist bis jetzt noch nicht erschienen, was wir sein werden. Wenn es aber erscheinen wird, dann werden wir Ihm gleich sein (1. Joh. 3, 2). Denn wir sollen vollkommen sein, wie unser Vater im Himmel vollkommen ist (Matth. 5, 48). Dazu hat Er uns durch die Mitteilung Seines Geistes zu Teilhabern der göttlichen Natur gemacht (2. Petr. 1, 4), so daß wir Gottes Geschlecht sind (Apg. 17, 29) und daher auch vom Herrn Selbst in Joh. 10, 34-36 Götter genannt werden.
Um dieses Vollziel zu erreichen, Ihm in allem gleichgemacht zu werden, müssen wir mit der Gottesfülle, die im Sohne der Liebe leibhaftig wohnt (Kol. 2, 9; 1, 19), auch erfüllt werden (Eph. 3, 19). Beachte daher die drei Vollmaß-Stellen (= Pläroma-Stellen) des Epheser-Briefes: Gottes-Fülle (3, 19), Christus-Fülle (4, 13) und Geistes-Fülle (5, 18b).
Die solche Hoffnung haben, reinigen sich selbst, gleichwie Er rein ist (1. Joh. 3, 2.3; 2. Kor. 7, 1 u. a.).
Unsere Hoffnung aber ist Er, der wiederkommende Herr! (1. Tim. 1, 1; Phil. 3, 20.21; 1.Thess. 1, 10; 4, 13.18; 5, 11). Wenn Er kommt, dann bringt Er Gnade mit (1. Petr. 1, 13). Darum ist uns Sein Erscheinen eine glückselige Hoffnung (Tit. 2, 13). Denn Er rettet uns vor dem kommenden Zorn (Röm. 5, 9), und Er befestigt uns auch bis ans Ende, damit wir an Seinem Tage untadelig sind (1. Kor. 1, 7-9). Siehe auch 1. Thess. 5, 23.24; 2. Thess. 1, 10.
Wenn die Apokalypse Jesu Christi stattfindet, die Enthüllung oder Offenbarung Jesu Christi, und die furchtbaren Gerichte über Israel und die Völkerwelt über die Erde brausen, haben wir Ruhe beim Herrn, Ruhe bei Seiner Offenbarung, Seiner Enthüllung (2. Thess. 1, 7). Darum denken wir nicht mit Schrecken an Sein Kommen, sondern mit Freuden. Sein Kommen ist uns ja die glückselige Hoffnung der Erscheinung Seiner Herrlichkeit. Und da werden wir mit Ihm geoffenbart in Herrlichkeit (Kol. 3, 4). Und auf diese Offenbarung der Söhne Gottes mit ihrem Herrn und Haupte wartet die gesamte Schöpfung (Röm. 8, 18-22). Vgl. Joh. 14, 12; 1. Kor. 6, 2.3; 2.Kor. 1, 20; Hebr. 11, 39.40 u. a.
Bevor aber das Haupt mit Seinen Gliedern Sich offenbar machen kann in Herrlichkeit, muß Er ja Seine Glieder erst hinaufziehen zu Sich und Sich mit Seinem Leib vereinigen. Dann erst kann das All ins Leben gezeugt werden und die Hoffnung aller Kreatur erfüllt werden.
So sind die verschiedenen Kommen des Herrn die Eckpfeiler des Heilsplanes Gottes. Nur an ihnen kann man die anderen Ereignisse richtig beurteilen und alles an den Platz stellen, an den es gehört. Ohne die Erkenntnis der verschiedenen Kommen des Herrn gibt es keine klare Ordnung innerhalb der gesamten Prophetie bzw. Eschatologie. Die zukünftigen Ereignisse sind Folgeerscheinungen der verschiedenen Kommen des Herrn.
Sie seien daher hier noch einmal kurz aufgezählt:
- Das Kommen des Herrn in das Fleisch der Niedrigkeit, als das Wort in Bethlehem zur Erde kam und Fleisch ward.
- Das Kommen des Herrn in die Luft zur Entrückung der Seinen, um sie vor Seinem Preisrichterstuhl zu reinigen und zu vollenden.
- Das Kommen des Herrn mit den Seinen, den Gliedern Seines Fülle-Leibes zur Offenbarung in Herrlichkeit, zum Gericht über die Lebendigen, zum Gericht über die Engel, zur Erfüllung der Hoffnung der Schöpfung.
- Das Kommen des Herrn mit Seinem Gott und Vater und all den Seinen auf die neue Erde, wenn das neue Jerusalem herniederkommt und Gott und Christus und die Heiligen alle für immer auf der neuen Erde wohnen bleiben (vgl. “Der Gott des Drunten-Bleibens = der hypomonä”, Röm. 15, 5; 2. Kor. 6, 16; Off. 21, 3; 22, 3.4).
Zum Schluß sei noch auf eine wichtige Voraussetzung zum Verständnis der Prophetie überhaupt hingewiesen.
Man kann die Wahrheit nur festhalten in Liebe (Eph. 4, 15). Die Liebe ist der Urgrund der Wahrheit. Sie freut sich der Wahrheit bzw. mit der Wahrheit (1. Kor. 13, 6). — Darum kommt auch alles Gericht der Endzeit über die Menschen, weil sie die Liebe zur Wahrheit nicht annahmen (2. Thess. 2, 8-12).
Liebe aber ist keine intellektuelle Theorie, keine verstandesmäßige Sache, sondern gelebtes Leben, ausgestrahlte Gesinnung, Urgrund des Wesens.
Wer daher die Wahrheit Gottes, Seine Wesenhaftigkeit, mit dem Kopf erfassen will, trifft daneben. Sie kann nur mit dem Herzen erschaut werden, wie auch die Liebe.
Die Epheser, die durch den Dienst des Paulus gläubig geworden waren (Apg. 19, 1-7), hatten den Heiligen Geist empfangen. Dies bestätigt ihnen Paulus ausdrücklich in Eph. 1, 13.14: Ihr habt die Heilsbotschaft gehört; ihr habt geglaubt; ihr habt den Geist empfangen.
In den folgenden Versen (15-17) aber teilt er ihnen mit, daß er, nachdem er gehört habe von ihnen, daß ihr Glaube sich auswirke in der Liebe zu allen Heiligen, nicht aufhöre, für sie zu danken und zu bitten, daß ihnen nun auch der Geist der Weisheit und der Offenbarung (= der Hüllenhinwegnahme, der Apokalypse) geschenkt werde zur Erkenntnis Gottes Selbst.
Vorher hatten sie nur das Werk Gottes in Christo erfaßt. Das genügte zum Heil. Jetzt aber sollte ihnen auch Seine Person enthüllt werden, die Tiefen Seines Wesens, damit sie zum Vollmaß der Herrlichkeit gebracht würden (vgl. 1. Kor. 2, 6-16; Joh. 16, 12-14; 2. Kor. 3, 18; Eph. 3, 19; 1. Joh. 3, 2 u. a.).
Voraussetzung zum Empfang des Geistes der Weisheit und der Offenbarung, der Apokalypse, ist die Liebe zu allen Heiligen. Wo sie nicht geübt wird, steht man nicht im Wesen des Göttlichen, sondern hat nur eine Form der Gottseligkeit. Da gilt 2. Tim. 3, 5. Gott aber ist Wesen und Sein, nicht Form und Schein! Darum kann Sein Wesen nur von dem erfaßt werden, der selbst im Wesen steht, und das ist die Liebe. Gott prüft daher unsere Liebe zu Ihm Selbst an der Liebe, die wir an Seinen Kindern üben, den Ihm Geweihten, den Heiligen und Geliebten Gottes. “Jeder, der den liebt, welcher geboren hat (das ist Gott!), liebt auch den, der aus Ihm geboren ist” (1. Joh. 5, 1b; 2, 7-11; 3, 14ff.; 4, 7-21; Joh. 13, 34.35; 15, 12 u. a.).
Wo neben dem alten Gebot, das schon von Anfang an den Menschen gegeben war, das Glauben fordert an Gott und Seinen Gesalbten, den Christus, nicht auch das neue Gebot gehalten wird: die Liebe zu den Brüdern (wie Johannes es ausdrückt) oder die Liebe zu allen Heiligen (wie Paulus es sagt), gibt es keine tiefere Gottesoffenbarung, keine Erkenntnis Seiner Selbst. Gott läßt Sich nicht von Neugierigen bestehlen, sondern der All-Liebende erschließt Sich nur den Geliebten. — Darum nützt alles nichts ohne die Liebe! Ohne sie dringt man nicht ein in den Liebenden. Da versagen alle Gedanken-Konstruktionen. Jesum lieb haben ist besser denn alles Wissen! Und die Liebe zu allen Heiligen erschließt uns Sein Herz und das Herz des Vaters.
Über diesen Graben kommen die meisten Gläubigen nicht hinweg. Sie lieben vielleicht die Brüder ihres Kreises oder ihrer Kirche oder Freikirche oder Gemeinschaft, aber nicht alle Heiligen. Darum bleiben sie in der Erkenntnis Gottes bei Seinem Werke, das Er in Christo für sie tat, stehen, dringen aber nie durch zur Erkenntnis Seiner Person. Der tiefe Mangel an Erkenntnis, der sich hin und her in fast allen Kreisen zeigt, hat seine Ursache in dem Mangel an Liebe. Denn nur die Liebe kann die Wahrheit festhalten (Eph. 4, 15). Mit keinem anderen Mittel kann man die Schau in das innergöttliche Wesen erzwingen. Die Liebe erschaut mit dem Herzen das Wesen Gottes. Ihre wahrheitsgemäße Darstellung und erfahrungsmäßige Wirklichkeit aber findet sie in der Liebe zu allen Heiligen. Wer mit allen Heiligen die Länge und Breite und Tiefe und Höhe der in unsere Herzen ausgegossenen Liebe Gottes auslebt, der schaut mit dem Herzen, was der Kopf nie zu erfassen vermag (Eph. 3, 14-21). So nur werden wir zur ganzen Gottesfülle gebracht (Eph. 3, 19; vgl. Kol. 2, 9; 1, 19).
Jeder Versuch, das Wesen Gottes auf dem Wege verstandesmäßiger Forschung erkennen zu wollen, endet in der Gnosis, bleibt geschöpfliches Wissen, rein menschliche Meinung, bleibt Weltweisheit, Philosophie. Die Liebe allein strömt über in die Epignosis, die wesensmäßige Erkenntnis, die Über-Kenntnis, die Mehr-als-Kenntnis, die das geistliche Prüfungsvermögen besitzt und zu unterscheiden vermag, was das Vorzüglichere ist (Phil. 1, 9-11).
Wer daher nicht in der Liebe zu allen Heiligen steht, sondern nur zu denen seines Sektors, ist ein Sektierer, einerlei, ob er einem kirchlichen oder außerkirchlichen Sektor angehört. Solche aber werden nie eingeführt in die ganze Wahrheit. Das Organ zur Erkenntnis der ganzen Wahrheit fehlt ihnen ja: der Geist der Weisheit und der Erkenntnis, der nur denen gegeben wird, die in der Liebe zu allen Heiligen stehen.
Professor Karl Heim sagt daher mit Recht: “Jede Arbeit, die nicht getan wird im Blick auf das Ganze, ist Sektiererei.” Wo aber die Liebe zu allen Heiligen vorhanden ist, zu allen Kindern Gottes, zu allen denen, die an jedem Orte den Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen (1. Kor. 1, 2), erschließt der Vater Sein Herz, enthüllt Er Sich den Seinen. Es ist aber eine Unmöglichkeit, die Apokalypse und die Apokalyptik zu verstehen ohne den Geist der Apokalypse, der Offenbarung. Daher tut uns unter allen Geistesgaben, um die wir bitten, ja, um die wir eifern sollen, keine andere so not, als die Gabe der Weissagung (1. Kor. 14, 1; vgl. 12, 8-10; 12, 31). Der Hochweg dazu, der uns aus dem Geschöpflichen hinüberführt in das Übergeschöpfliche, ist die Liebe (1. Kor. 12, 31).
Darum erbittet der Apostel der Leibesgemeinde aus den Nationen, Paulus, dort, wo die Voraussetzung zum Empfang gegeben ist, für die Heiligen den Geist der Weisheit und der Offenbarung, der Hüllenhinwegnahme, ohne den uns alle Prophetie verhüllt bleibt.
Dort aber, wo dieser Geist der Weissagung gegeben ist, ist das persönliche Zeugnis des Herrn und Hauptes der Gemeinde vorhanden. “Denn der Geist der Weissagung ist das Zeugnis Jesu” (Off. 19, 10).
(Quelle: Paulus-Verteilheft No. 18; Paulus-Verlag; Heilbronn)


Jeden Sonntag ab 10:00 Uhr von der 