Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Das Band der Vollkommenheit

Autor: Geyer, Karl  |  Kategorie(n): Erkenntnis & Wesen Gottes, Heiligung, Hingabe  |  430 x gelesen

“Über dieses alles aber ziehet an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.” (Kol. 3, 14)

Jeder Mensch ist die Frucht liebender Einswerdung zweier Menschen. Wo ein Elternpaar, als zwei Hälften einer Ehe, zu einer Ganzheit, zu einem Vollmenschen wurde, entstand als Frucht der einsgewordenen Liebe neues Leben. Leben ist also zeugend gemehrte Liebe, ist Frucht einsgewordener Liebe, ist Zeugnis für vollzogene Liebe. Liebe aber ist zeugend sich mehrendes Leben. Da die Lebensmehrung nur in der Zwei-Einheit möglich ist, so verlangt die Liebe das Andere, das Du, ohne das sie nicht vollziehbar ist.

Liebe ist also Wille zur Gemeinschaft. Dieses Wollen ist die Kraft der Liebe, ist ihr stärkster Beweggrund, der weit über alles hinausgeht, was an Fühlen und Verstehen in ihr ist! Die Liebe will einfach den Anderen bzw. das Andere, ohne dass sie sich zunächst Rechenschaft darüber gibt, warum sie dies will. Sie muß es so, weil es ihre Art ist, den anderen zu wollen. Dabei ist der Wert des Anderen gar nicht ausschlaggebend. Was sind Sünder für ein Wertgegenstand? — Und Gott will sie doch! — Weil die Liebe den anderen will, sucht sie ihn! Gerade im Suchen erweist sich ihr Wollen. Sie wartet nicht, bis der Andere ihr passend erscheint oder sich zu ihr bequemt, sondern sie will ihn einfach, und daher sucht sie ihn, bis sie ihn findet! — So sucht Christus das Verlorene und die Verlorenen, ohne dass er wartet, bis wir ihn suchen. Hierin ist die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt hätten, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn gesandt hat als eine Sühnung für unsere Sünden (1. Joh. 4, 10). — “Gott aber erweist seine Liebe gegen uns darin, dass Christus, da wir noch Sünder waren, für uns gestorben ist” (Röm. 5, 8). — So offenbart die Liebe, dass sie nicht das Ihre sucht, sondern das, was des andern ist. — Sie ist daher reinstes Wollen, weil sie nicht im Blick auf das “Ich” wirkt, sondern im Blick auf das “Du”, dessen Wohl und Heil und Glück sie sucht. Sie möchte den Anderen zum Höchstmaß der Entfaltung seiner Persönlichkeit bringen, zum Vollmaß seines Wesens, weil nur in der Erfüllung aller Original-Anlagen dem Menschen die volle Freude am Dasein geschenkt wird, die Befriedigung aller Sehnsucht ihm im Höchstmaß zuteil wird, als deren Frucht völliger Friede sein Herz erfüllt. Da dies alles nur durch die Erfüllung der Liebe kommt, erhält nur der den Frieden Gottes, der sich in Gott birgt, der ja Liebe ist, wodurch die Erfüllung alles wahrhaft geistlichen und daher wesenhaften Verlangens garantiert und verbürgt ist. Dieser Friede, der höher ist denn alle Vernunft, der jeden Verstand übersteigt, bewahrt dann aber auch die Herzen und Sinne derer, die in ihm stehen, so dass ihr Verlangen nicht mehr in falscher Richtung seine Befriedigung sucht.

Weil die Liebe sich der Reinheit ihres Wollens bewußt ist, die Lauterkeit ihrer Beweggründe kennt, sind auch ihre Empfindungen über sich selbst und über den Anderen von lichter Klarheit. Sie ist darum auch, so, wie sie reinstes Wollen ist, das reinste der Gefühle, makellos, unbefleckt, von keinem Hauch der Ichsucht oder Neid oder Geiz oder Mißgunst getrübt. Deshalb ist sie auch die höchste und reinste und glückseligste aller Wonnen. Nichts geht an Seligkeiten über sie hinaus; keine Lust kommt ihr gleich; kein Besitz reicht auch nur schwach an ihren Wert heran; für nichts kann man sie eintauschen oder erkaufen; keinerlei Glück in der ganzen Welt ist mit ihr auch nur annähernd zu vergleichen; sie ist von allem anderen so himmelweit verschieden und so hoch über alles andere erhaben, wie der Schöpfer erhaben ist über das Geschöpf. Darum kann sie mit geschöpflichen Maßstäben nicht gemessen werden. Sie übersteigt alle Erkenntnis. Man kann sie nur erleben, besser: erlieben. Nur im Lieben erschließt sich die Liebe und erfüllt den Liebenden und die Liebenden mit allen ihren Wonnen und Seligkeiten. Die Liebe ist der Höchstadel des Geistes und führt den Liebenden ein in das Hochgefühl des Wahren und Schönen und Guten und strahlt alles Göttliche in Güte auf alles aus.

Die Liebe ist und gewährt auch die tiefste aller Einsichten und Erkenntnisse. Nur das, was man rein und ganz und rückhaltlos liebt, kann man recht kennen lernen. Nur dem Liebenden erschließt sich der Geliebte und das Geliebte völlig; und nur die Liebe dringt erkennend in alles hinein und findet nicht eher Ruhe, bis sie allen Wesens tiefsten Grund erreicht. Darum erschließt sich der Urgrund der Dinge viel leichter dem reinen Gemüt des noch nicht verdorbenen oder raffiniert gemachten Kindes, als dem berechnenden Verstand des geschulten und mit allen Wassern gewaschenen Erwachsenen. Schiller sagt daher: “Was kein Verstand der Verständigen sieht, das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt.” — Und der Herr selbst bezeugt: “Wahrlich, ich sage euch, wenn ihr nicht umkehret und werdet wie die Kindlein, so werdet ihr nicht in das Reich der Himmel eingehen!” (Matth. 18, 3). Nach seinem Wort sind die aus reinsten Beweggründen Handelnden und unberechnend Liebenden die Größten im Reiche der Himmel. Vergl. auch Mark. 10, 14. — Nur liebesmäßiges Erkennen ist wahre Erkenntnis. Alles andere ist nur wissensmäßige Kenntnis. Die aber birgt stets die große Gefahr in sich, dass ihr Besitzer sich damit aufbläht, weil Wissen dem natürlichen Menschen ein Bewußtsein von Übergewicht verleiht und daher sehr oft machtmäßig ausgenutzt wird, wie schon das Sprichwort sagt: “Wissen ist Macht!” — Alles Machtmäßige aber führt leicht zur Vergewaltigung der anderen, und gerade das ist das direkte Gegenteil der Liebe. Die Liebe vergewaltigt nie, sondern überwältigt durch ihre Güte. Darum leitet uns auch Gott durch seine Güte zur Buße. — Für uns aber gilt, dass “Jesum lieb haben besser ist, denn alles Wissen!” — Deshalb erbittet auch Paulus in dem kurzen, aber herrlichen Gemeindegebet in Phil. 1, 9-11 für die Glieder des Christusleibes ein Hineingeführtwerden in wahre und wesenhafte Erkenntnis auf dem Wege, dass die Liebe bei ihnen überströmend werde. “Und um dieses bete ich, dass eure Liebe noch mehr und mehr überströme in Erkenntnis und aller Einsicht, damit ihr prüfen möget, was das Vorzüglichere sei, auf dass ihr lauter und unanstößig seid auf den Tag Christi, erfüllt mit der Frucht der Gerechtigkeit, die durch Jesum Christum ist, zur Herrlichkeit und zum Preise Gottes.” — Die Liebe strömet über in Erkenntnis und alle Einsicht! Sie gewährt Einblick in die letzten Zusammenhänge allen Seins, indem sie alles durchdringet mit ihrem schönsten Lichte und das Auge des Geistes öffnet für das Wesen aller Dinge.

So umschließt sie das ganze Wesen und Gemüt des Menschen in der Dreieinigkeit von Verstand, Gefühl und Wille. Darum kann auch nur sie alles umfassen und erschließen, was überhaupt durch Verstand, Gefühl und Wille erschließbar und erfaßbar und erkennbar ist. Größeres, Umfassenderes als die Liebe gibt es nicht. Sie schließt alles Positive in sich, was überhaupt denkmöglich, empfindungsmöglich und willensmöglich ist. Darum ist die Liebe unter allem, was da bleibt, das Größte bzw. die Größte (1. Kor. 13, 13).

Liebe ist die letzte und höchste Möglichkeit des Seins. Darum kann Gott als der Seiende nur Liebe sein. Alles andere würde unter diesem Stand und Zustand höchster und restloser Vollkommenheit zurückbleiben. In Gott aber kann nicht Unvollkommenheit sein, weil er dann nicht Gott wäre. Und darum kann er nichts anderes sein als Liebe.

Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt! Denn Gott ist Liebe! (1. Joh. 4, 8). Wer liebt, hat Gott erkannt und wurde zeugungsmäßig von ihm erkannt und bleibt daher wesensmäßig in ihm. “Wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm” (1. Joh. 4, 16).

Weil Gott der Vollkommene ist, ist sein Wesen, die Liebe, das Vollkommene.

Sie ist das Band der Vollkommenheit, in und mit dem Gott alles umschließt und mit sich zusammenbindet. Mit diesem Band sind wir an ihn gebunden, mit ihm verbunden, aber auch untereinander und miteinander verbunden. Außer der Liebe gibt es kein bleibendes, unzerreißbares, unzerstörbares Band. Sie vergeht nimmer und bleibt in alle Ewigkeiten in der ungeminderten Kraft des unauflöslichen Lebens stets das sich gleichbleibende Wesen des unwandelbaren Gottes, bei dem es keines Wechsels Schatten gibt, und seines Christus, der gestern, heute und in Ewigkeit derselbe ist.

Aus dieser Liebe heraus trat das All ins Dasein. Was es einst in seiner jungfräulichen Schönheit vor dem Fall an Licht und Leben und Glanz und Herrlichkeit war, ist heute für uns unvorstellbar. Wir werden es aber einmal ermessen können, wenn die Liebe restlos gesiegt hat und Gott alles in allem ist.

Bis dahin trägt die Liebe das All mit dem gewaltigen Wort ihrer Kraft. Sie läßt niemand und nichts los, auch nicht den Sünder und den Feind, auf dessen Haupt sie solange feurige Kohlen sammelt, bis das Böse überwunden ist von dem Guten. Kein anderes Ziel wäre ihrer würdig! Und sie erreicht es! Sie ist ja die Größte von allem! Und sie vollendet das herrliche Werk, das sie begann! Niemand und nichts kann sie daran hindern! Die Liebe sucht solange, bis sie auch das Verlorenste und den Verlorensten gefunden und heimgebracht hat. Und dieser Macht des Größten, das es überhaupt gibt, der Macht der Liebe, kann auf die Dauer nichts widerstehen. Sogar das Haupt der Feinde wird überwältigt von der Feuerglut der Liebe. Darum beten wir an die Macht der Liebe! — “Drum kann nicht Ruhe werden, bis Deine Liebe siegt, bis dieser Kreis der Erden zu Deinen Füßen liegt, bis Du im neuen Leben die ausgesöhnte Welt dem, der sie dir gegeben, vors Angesicht gestellt!”

Ohne diese Liebe, aus der das All ward, und durch die eine gefallene Welt erlöst wurde und zurechtgebracht wird, hat auch aller Glaube keinen Wert, mag er auch noch so groß sein, so dass er Berge versetzt. Das Reden in Menschen- und Engelszungen ist ohne die Liebe nur Schellengerassel. Die Erschließung aller Geheimnisse durch die Prophetie und das Wissen alles Geoffenbarten und der Besitz aller Erkenntnis sind ohne die Liebe nichts!

Wer alle seine Habe zur Speisung der Armen austeilt und als Märtyrer seinen eigenen Körper zum Verbrennen darbringt, dies alles aber nicht aus Liebe tut, sondern aus Eigenwillen und Fanatismus, hat von all dem keinen Nutzen, weil er letzten Endes doch sich selbst sucht und das Nichtverschonen seines Leibes nur als ein Mittel zur Befriedigung seines Fleisches gebraucht, um sein Geltungsbedürfnis zu stillen (Kol. 2, 23).

Der Liebe geht es immer um das Wesenhafte, das Echte, das Bleibende, die Wahrheit, die letzte und höchste Gotteswirklichkeit, das ewige Sein. Nie kann sie sich der Ungerechtigkeit freuen, oder der Lüge oder des Scheines oder der leeren Form. Immer geht es ihr um das Wesen. Sie freut sich der Wahrheit und mit der Wahrheit. Darum ist der erste Schritt eines Menschen zu seiner Errettung die Annahme der Liebe zur Wahrheit. Liebe ist Richtung auf Gott zu, auf den Wahrhaftigen, weil sie der Ausfluß seines Wesens ist.

Weil die Liebe das volle Ziel und Ende sieht, die gottmäßige Vollendung aller Dinge, hält sie aus bis ans Ende, trägt und erträgt alles, glaubt alles, hofft alles in gewisser, gottgemäßer Erwartung, und erduldet alles, weil sie weiß, dass nichts ohne Sinn, ohne Zweck und ohne Frucht ist.

Indem sie Glaube und Hoffnung in sich einschließt, besitzt die Liebe des Geistes höchste Kraft und Vollmacht und ebenso der Seele stärkste Festigkeit.

Die Hoffnung ist ja der sichere und feste Anker der Seele, der bis in das Innere des Vorhangs hineingeht, bis ins Alterheiligste. Weil die Liebe es ist, die alles hofft, werden wir durch sie dort im Allerheiligsten verankert. Der Glaube aber ist die Verwirklichung dessen, was man hofft. So ist die Liebe auch der Urgrund des Glaubens. Sie glaubt alles und hofft alles und führt so den Liebenden aus dem Vorhof des Glaubens, wo er Rechtfertigung und Friede geschenkt erhält, in das Heiligtum, wo er durch die Hoffnung Reinigung erfährt (1. Joh. 3, 2.3), und wo er Gemeinschaft genießt mit den heiligen Brüdern, den Genossen der himmlischen Berufung. Und von dort aus führt uns die Liebe hinein in das Allerheiligste, wo wir durch sie vollendet werden in der völligen Gemeinschaft mit Gott selbst und seinem Christus, so dass für die, die vollendet sind in der Liebe, alle Furcht wegfällt. Sie sind völlig eingesenkt in Gott, den Urgrund der Liebe. Da gibt es keine Furcht.

Gott ist Liebe. Alle wahre und wesenhafte Liebe kommt aus ihm. Außer Gott gibt es keine wesenhafte Liebe. Er ist der Vater der Liebe. Der Eingeborene, der Einziggezeugte, ist der Sohn der Liebe. Und der Geist, der aus Gott ist und der im Vater und im Sohne ist, ist der Geist der Liebe.

So hat alle echte Liebe ihren Ursprung in Gott, weil er Liebe ist. Wer daher aus Gott geboren ist, ist aus der Liebe geboren und liebt, weil er aus der Liebe ist.

Deshalb wird alles aus Gott Geborene an nichts klarer und deutlicher und bestimmter erkannt, als an der Liebe. Wer liebt, ist aus Gott (1. Joh. 4, 7.8.16). Wer nicht liebt, ist nicht aus Gott. Da hilft keine Rechtgläubigkeit, keine noch so formvollendete Orthodoxie, kein noch so exaktes Glaubensbekenntnis. Wer da sagt, er liebe Gott und hasset seinen Bruder, ist ein Lügner. Hierüber gibt es keine Täuschung. Wem die Form oder irgend eine Sache mehr ist, als das Wesen, ist nicht aus der Liebe, denn der Liebe geht es immer um das Wesenhafte.

Das Wesen des neuen Menschen ist das Wesen seines Vaters. Der erneuerte Mensch ist Teilhaber der göttlichen Natur. Sie kann ihr Wesen und ihre Art nicht verleugnen. Daher liebt sie, weil es ihre Art so ist.

Wo nicht geliebt wird, wird das Wesen Gottes nicht dargestellt. Wie sollen Engel und Fürstentümer und Gewalten das eigentliche Wesen Gottes, die Liebe sehen, in die sie hineinzuschauen begehren, wenn die Kinder Gottes, die dem Kosmos zum Schauspiel hingestellt sind, einander nicht lieben? — Denn die Engel sind erschaffene Wesen, nicht gezeugte. “Zu welchem der Engel hat er je gesagt: Du bist mein Sohn; heute habe ich dich gezeugt”? (Hebr. 1, 5; Psalm 2, 7). Sie wurden alle auf einmal erschaffen, als er am Anfang die Himmel erschuf und all ihr Heer. Es ist bei ihnen nicht so, wie beim Menschen, der zuerst nur in einem Paar erschaffen wurde, von dem zeugungsmäßig alle anderen abstammen. Als Gott die Erde gründete, schauten alle Engel Gottes zu und priesen laut seinen Namen. “Wo warst du, als ich die Erde gründete? Als alle Morgensterne jubelten und alle Söhne Gottes jauchzten?” (Hiob 38, 4-7). — Es gibt daher keine Engelväter und Engelmütter und Engelfrauen und Engelkinder. Die Engel haben darum auch nie Gattenliebe, Kindesliebe, Elternliebe usw. empfunden und vermögen daher auch nicht, das zu verstehen, was ihrer Art und ihrer Natur und ihrem Wesen nicht zugehört. Sie kennen Gott als den Heiligen und Gerechten und Weisen und Allmächtigen, aber nicht als die Liebe. Und gerade dies ist doch sein innerstes Wesen! Darum soll ihnen dies an dem Menschen dargestellt werden, der durch Zeugung natürlicherweise ins Leben gerufen wird und daher auch wesensmäßig zu erfassen vermag, was Liebe ist. Daher vermag ja auch niemand den Vater erkennen, als allein der Sohn, weil es außer ihm keinen anderen Geistesgezeugten gibt. Wer aber jetzt durch den Geist in das gleiche Leben gezeugt wird, in dem erschließt der Geist, der alle Dinge erforscht, auch die Tiefen Gottes, das ganze Wesen des Vaters und führt uns in die ganze Wahrhaftigkeit und Wesenhaftigkeit ein. Wir haben den neuen Sinn, um den Wahrhaftigen zu verstehen. Die Engel aber begehren in diese Dinge hineinzuschauen, und auf Bethlehems Fluren bekannten sie: “An dem Menschen ein Wohlgefallen!”

Kinder Gottes sind gezeugte Söhne! Auf ihre Offenbarung wartet die ganze Schöpfung (ktisis).

Alle Welt sehnt sich nach Liebe. Liebe aber ist Einswerdung zum Zwecke der Lebenserfüllung und Lebensmehrung. Deshalb wird auch einmal das ganze All ins Leben gezeugt (zoogonountos ta panta). Diese Zeugung geschieht durch die Gezeugten, durch den vollendeten Christus-Organismus, die mit dem Haupte vereinigte Leibesgemeinde. Darum wartet die gesamte Schöpfung in sehnsüchtigem Harren auf die Offenbarung der Söhne Gottes, damit auch die Schöpfung erhoben wird zu der gleichen herrlichen Freiheit, wie die Söhne Gottes auch.

Sohnschaft gibt es nur durch Zeugung. Zeugung aber ist liebendes Einswerden. Darum ist Liebe der Urgrund aller Lebensmehrung im Natürlichen und im Geistlichen.

Wenn das Vollkommene gekommen ist, das Vollmaß (= pläroma) Christi, dann ist der vollkommene Mann, der Gesamt-Christus, Haupt samt Gliedern, zeugungsfähig und erkennt in liebender Einswerdung, gleichwie wir alle erkannt worden sind. Das aber bedeutet die Zeugung des Alls ins Leben und wirkt sich aus in der Lebensmehrung ohne Ende; denn die Liebe vergeht nimmer.

Indem wir das Wesenhafte, die Wahrheit, festhalten in Liebe, bringen wir alles zum Wachsen in ihn hinein, der das Haupt ist, der Christus (Eph. 4, 15). Wer daher die Liebe anzieht, zieht das Wesen Gottes an. Und nur durch dieses Wesenhafte wird das All ins Leben gezeugt.

Liebe ist das Band der Vollkommenheit, das alle und alles umschließt.

Darum laßt uns das Band der Vollkommenheit anziehen, das uns mit allem zusammenschließt in dem Vollkommenen, in Gott. Er ist der Vollkommene, weil er Liebe ist. Und nur in ihm werden wir vollkommen und dürfen das All zur Vollkommenheit führen helfen, damit Gott sei alles in allem. Dann steht alles in der Liebe, lebt und webt in der Liebe, hat Gemeinschaft in der Liebe, ist eins in der Liebe. Dann ist die ins Leben gezeugte Schöpfung für immer untereinander verbunden und unauflöslich mit Gott verbunden im Band der Vollkommenheit, der Liebe.

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 1953; Paulus-Verlag; Heilbronn)

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