Was Paulus unter Christsein versteht (Kol. 2, 6-7)
Autor: Heinisch, Herbert | Kategorie(n): Gemeinde, Glaubensleben & Wandel, Paulus | 741 x gelesen»Wie ihr nun annahmt den Christus Jesus, den Herrn, wandelt in Ihm, gewurzelt und auferbaut in Ihm, befestigtwerdend im Glauben, so wie ihr gelehrt wurdet, überfließend in Danksagung« (Kol. 2, 6-7).
Einführung
Von Kolossä, einer am Lykosfluss gelegenen Stadt in Kleinasien, existieren heute nur noch Spuren. Die Stadt wurde bereits im Jahre 60 (n. Chr.) durch ein Erdbeben in Trümmer gelegt, wovon sie sich nur schwer wieder erholte. Der Brief an die Kolosser, den uns das Neue Testament bewahrt, wird so zeitlich vor diesem Ereignis anzusetzen sein. Nach Plinius dem Jüngeren war Kolossä im Altertum eine »berühmte Stadt« — wohl wegen ihrer günstigen Lage an der Handelsstraße, die von Ephesus nach Persien führte. Sie hatte allerdings zur Zeit, als Paulus den Kolosserbrief schrieb, bereits viel von ihrem einstigen Glanz verloren und war nahezu unbedeutend geworden. Dort also fasste das Evangelium Fuß. Paulus ist nie persönlich in Kolossä gewesen, vielmehr geht die Gründung der dortigen Christengemeinde auf Epaphras, einen Schüler des Apostels, zurück.
Was Paulus veranlasste, sich brieflich an diese ihm persönlich unbekannten Christen in Kleinasien zu wenden, wird von daher verständlich, dass er während seiner ersten römischen Gefangenschaft den Besuch des Epaphras erhielt, wobei dieser ihm über den Stand der von ihm betreuten Gemeinde Besorgniserregendes zu berichten hatte. Eine Geheimlehre stiftete Verwirrung. Es handelte sich um eine Lehre, die christlich gefärbtes Gedankengut, gesetzlich-asketische Vorschriften jüdischer Prägung und Transzendenz heidnischen Mysterienwesens in sich vereinigte. Bezeichnend für diese »Philosophie« (Kol. 2, 8), wie sie Paulus nennt, war ihr Mischcharakter aus Falschem und Richtigem, was sie umso schwerer durchschaubar machte. Dazu kam, dass deren Vertreter — Christen, die zugleich hochgebildet waren — zu beeindrucken verstanden, wenn sie vorgaben, die Sicherung persönlichen Heils sei von der Annahme ihrer Lehre und der Befolgung ihrer Forderungen abhängig. Dieser Verdrehung des Evangeliums tritt Paulus mit seinem Brief entgegen. Der Apostel tut dies in der Weise, dass er zuerst klarstellt, wer Jesus Christus in Wahrheit ist, um von daher die Unhaltbarkeit der gegnerischen Argumente einsichtig zu machen. Diesen steht die Lebenseinheit mit dem auferweckten Christus gegenüber, die sich in Gesinnung, Wort und Tun derer, die Ihm angehören, bekunden soll.
Aufs Ganze gesehen, geht es im Kolosserbrief um das Zeugnis von der Größe und Herrlichkeit des Christus in seiner lebensmäßigen Konsequenz. Weil »in Ihm die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig wohnt« ist Er das Ende aller geheimen und offenbaren Kulte der Menschheit und so auch aller Religionssysteme. Er ist der Herr (Kol. 1, 2; 1, 10; 2, 6; 3, 17; 3, 22; 3, 23; 4, 1) und so allein Inhalt und Ausdruck echten Glaubens, wahren Gottesdienstes und gottgemäßen Wandels. Worauf es allein ankommt ist, mit Ihm Lebensgemeinschaft zu haben. Dieses will der Kolosserbrief deutlich machen.
Von der Abfassung des Neuen Testamentes trennen uns fast zwei Jahrtausende. Seither fehlte es nicht an geistigen Umwälzungen politischer, kulturgeschichtlicher und religiöser Art. Die Frage, welche sich der Gemeinde damals wie heute stellt, ist die nach einer glaubhaften Darstellung des Christseins in der Welt. Wenn in unserer Zeit auch unter denen, die mit Ernst Christ sein wollen, bislang als unantastbar geltende Werte der Lehre und des Lebens hinterfragt und vielfach als Verlegenheit empfunden werden, wenn die Anpassung an den Zeit- und Weltgeist immer erschreckendere Formen annimmt, dürfte es geboten sein, das, was die Heilige Schrift unter Christsein versteht, neu zu erfragen.
Ein Wort, welches der Apostel Paulus an die junge Christengemeinde in Kolossä schrieb, mag geeignet erscheinen, um den biblischen Maßstab des Christseins auch uns heute als verbindliche Orientierung zu vermitteln.
Der Kolosserbrief ist der großartige Christusbrief, in welchem der Apostel die Grundeinsicht ausbreitet, dass in dem Christus »die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig wohnt« (Kol. 2, 9). Das meint, dass nur Er allein als die Antwort auf alles Fragen nach Gott und damit nach dem Woher, Wohin und Wozu unseres Lebens gelten kann. Wodurch sich nun das Zeugnis der Heiligen Schrift und damit des Kolosserbriefes grundlegend von allem menschlichen Denken unterscheidet, ist, dass hier nicht irgendeine Ideologie oder ein System angeboten wird, sondern dass wir es in der Heiligen Schrift mit dem einzigen Buch göttlicher Offenbarung zu tun haben, welches sich auf eine geschichtliche Person konzentriert, auf Jesus, den Christus Gottes.
Er ist deshalb das Ende aller Religionen, und Christsein im Sinne der Heiligen Schrift ist demgemäss nichts anderes, als Lebensgemeinschaft mit Ihm zu haben.
Was dies besagt, entfaltet unsere Kolosserstelle. Was jede Beschäftigung mit dem Kolosserbrief immer vor Augen haben sollte, ist, dass er aus einer seelsorgerlichen Absicht heraus geschrieben wurde. Der Apostel tritt in seinen Darlegungen einer zersetzenden spiritualistischen Geistesströmung entgegen, woraus erklärbar wird, dass gerade hier in so gedrängter Kürze das, was Christsein bedeutet, aufleuchtet.
Gliederung
- Paulus führt aus, dass Christus als das große Heilsangebot Gottes anzunehmen, am Anfang des Christseins steht.
- Er macht deutlich, dass die Annahme des Christus in Seiner heilschaffenden Wirklichkeit zu einem entsprechenden Wandel verpflichtet.
- Er spricht die Tatsache an, dass Christsein Leben in Ihm ist und deshalb des ständigen Zustromes Seiner Gnade zur Befestigung bedarf.
- Er erklärt sich über diese Befestigung im Glauben, dass diese aus der überkommenen Lehre erwächst, der es die Treue zu halten gilt.
- Er stellt schließlich den Zusammenhang zwischen dem Inhalt der Lehre und überfließendem Dank heraus.
»WIE IHR NUN ANNAHMT DEN CHRISTUS JESUS, DEN HERRN«
Paulus erinnert die Kolosser an den Anfang ihres Christseins, dass sie Christus Jesus als Herrn angenommen haben.
Wie bemerkt, will Paulus in den beiden Versen Kol. 2, 6-7 deutlich machen, was Christsein seinem Wesen nach ist.
Es ist nun geradezu bewundernswert, wie bedacht und folgerichtig er in der Darlegung seiner Absicht zu Werke geht. Wenn er sich darüber erklären will, was Christsein seinem Wesen nach ist, geht er von dessen grundlegendem Erfordernis aus, von dem Annehmen des Sohnes Gottes in Seinem heilschaffenden Kommen in die Welt.
Wir beachten zuerst jenes Wort, welches unsere Übersetzungen mit »annehmen« wiedergeben: paralambanoo. Aufschlussreich ist, im Hinblick auf den Aussagewert des Ausdrucks, welche Vorstellungen man damals mit paralambanoo verbunden hat. Erwähnt zu werden verdient, dass sich beispielsweise dieses Wort wiederholt in der eschatologischen Rede des Herrn Jesus findet, um dort die Scheidung zu bezeichnen, welche Seine Wiederkunft bewirken wird. »Dann werden zwei«, heißt es in Matth. 24, 40.41, »auf dem Felde sein, einer wird genommen und einer gelassen, zwei werden an dem Mühlstein mahlen, eine wird genommen und eine gelassen«.
Paralambanoo meint also das ganz persönliche Zusichnehmen. Man gebrauchte dieses Wort in der Umwelt des Neuen Testamentes auch, wenn man die Übernahme eines Inventars bezeichnen wollte oder wenn das Annehmen jemandes zum Gehilfen oder Bundesgenossen, um sich mit ihm zu verbinden, ausgedrückt werden sollte. Das besagt, dass mit »annehmen« immer eine persönliche Aktivität gemeint ist, die allerdings — das Wort steht in der griechischen Aoristform — sich ständig fortsetzt, ja zur stehenden Tatsache wird.
Indem Paulus an unserer Kolosserstelle dieses Wort gebraucht, stellt er damit im Grundsatz fest, dass Christwerden oder Christsein es immer mit einem bewussten Schritt des Glaubens zu tun hat, dass es also im Sinne des Neuen Testamentes kein automatisches Christwerden gibt. Keine noch so heilige Handlung kann deshalb die Entscheidung des Herzens ersetzen, Christus persönlich anzunehmen.
Um recht verstanden zu werden: Christsein hat im Sinne des Neuen Testamentes seinen Grund in den objektiven göttlichen Heilstatsachen. Diese Heilstatsachen aber werden erst dort heilswirksam, wo sie persönlich angenommen werden.
Christsein besteht immer und zuerst im persönlichen Annehmen dessen, was Gott in Christus zuvor als Heil bereitet hat. So erinnert der Apostel an den guten Anfang des Glaubenslebens der Kolosserchristen, der darin bestand, dass diese eine Glaubensentscheidung getroffen haben, indem sie »den Christus Jesus, den Herrn« annahmen.
Wir beachten auch im Hinblick auf die namentliche Kennzeichnung des Sohnes Gottes die Eigenart der Ausdrucksweise des Apostels. Er benutzt die Formulierung CHRISTUS JESUS. Diese Ausdrucksweise ist für die Paulusbriefe geradezu charakteristisch.
Da ist zunächst die Voranstellung des Hoheitstitels Christus. Christus ist im biblischen Verständnis der Gesalbte Gottes, das heißt, der ewige Gottessohn. Jesus ist der Name, den Er als Mensch getragen hat, ja sogar mit anderen Menschen teilte. Jesus ist die Übersetzung des hebräischen JEHOSHUA: »Jahweh rettet«.
Der leitende Gesichtspunkt, welcher die Namensbezeichnung Christus Jesus bestimmt, ist also der biblischen Aussage verbunden, dass der ewige Gottessohn Mensch wurde. Dazwischen liegt nun Sein Weg, den Er aus Seinem »Dasein in Gottes Art« (Albrechtübersetzung von Phil. 2, 6) bis in die tiefste Erniedrigung als Mensch »zum Tode, zum Tode aber des Kreuzes« gegangen ist (Phil. 2, 8). Für diesen Seinen Weg steht nun als Kurzfassung der hier gebrauchte Name »Christus Jesus«.
Eine Beobachtung bei der Erörterung der Christusstellen des Philipperbriefes sollte man nicht übergehen: Wenn Paulus dort von Christus Jesus, als von der Person des Sohnes Gottes redet, meint er damit auch zugleich die Prägung der Gemeinde. — Bereits in der Briefadresse des Philipperbriefes werden die Empfänger als »Heilige in Christus Jesus« bezeichnet. Die derartige Verfahrensweise des Apostels, auch die Gemeinde als »in Christus Jesus« zu bezeichnen, gründet in der Überzeugung, dass sie als Sein Leib dem Haupt Christus zugehörig, mit Ihm eins ist. Eins mit Ihm, sowohl auf dem Weg, den Er im Verzicht und Gehorsam gegangen ist, als auch eins mit Ihm im Hinblick auf Seine Verherrlichung und Erhöhung.
Man hat, wenn man die Paulusbriefe mit Bedacht liest, den Eindruck, dass sich der Apostel nicht genug darin tun kann, seinen Lesern dieses grundlegende Verständnis ihres Christseins nahezubringen.
Es ist dem Apostel wichtig, hier der Namensbezeichnung des Sohnes Gottes CHRISTUS JESUS den Würdetitel »HERR« hinzuzufügen. Für die apostolische Verkündigung ist es wesentlich, das Herrentum des Christus zu betonen. So erinnert Paulus an unserer Kolosserstelle seine Leser daran, dass sie Christus Jesus als den Herrn angenommen haben. Die Bedeutsamkeit dieser Aussage wird erst ermessen, wenn bedacht ist, was der Titel »Herr« (griech. kyrios) in der damaligen alten Welt besagte.
Heutzutage wird jeder männliche Erwachsene mit »Herr« angeredet, weshalb wir mit diesem Titel nichts Besonderes zu verbinden pflegen. Anders in der Zeit und Umwelt des Neuen Testamentes, wo man auch im profanen Bereich mit der Bezeichnung »Herr« die Vollmacht des Übergeordneten über den Untergebenen zum Ausdruck brachte.
Im Alten Testament verband man mit der Anrede »Herr« (hebr. ADONAI) den Königstitel Jahwehs, des Gottes Israels, dessen Name, wie er sich im heiligen Tetragramm JHWH darstellte, so umschrieben wurde.
Im Verständnis der ersten Christen war der Titel »Herr« Zeugnis für die Würde des Herrn Jesus und für Seine Bedeutung als des Gesalbten Gottes. Gott hat Jesus »sowohl zum Herrn als auch zum Christus gemacht« (Apg. 2, 36).
An die Korinthergemeinde schreibt Paulus, dass niemand sagen kann »Herr Jesus«, als nur im Heiligen Geist (1. Kor. 12, 3). Damit stellt der Apostel fest, dass der Herrentitel Jesu in seiner umfassenden Bedeutung nur dort erfasst wird, wo jemand die entsprechende Voraussetzung mitbringt, indem er als Gläubiggewordener den Heiligen Geist empfangen hat. Im Philipperbrief macht Paulus deutlich, dass die Herrenstellung des Sohnes Gottes erst zu ihrer vollen Geltung am Ziel der Heilsgeschichte kommt, wenn alle Wesen in allen Bereichen der Schöpfung Ihm ihre Huldigung darbringen (Phil. 2, 9-11).
In letztgültiger Ausprägung wird sich so nach dem Zeugnis des Philipperbriefes der Titel »Herr« in der endzeitlichen Hoheitsstellung des Sohnes Gottes bekunden, welche Er am Ziel der Allgeschichte einnimmt. Wenn der Apostel den Kolossern bezeugt, dass ihr Glaubensleben damit begonnen hat und von daher geprägt ist, dass sie Christus Jesus als Herrn angenommen haben, schließt dies freilich ihre Gehorsamsverpflichtung Ihm gegenüber ein, denn dort, wo Er der Herr ist, wird die Gottesherrschaft Wirklichkeit. Deren Merkmale aber sind Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist (Röm. 14, 17).
Wenn nun Paulus an unserer Stelle im Kolosserbrief sagt, dass die Briefempfänger Christus Jesus als den Herrn angenommen haben, will er wohl auch dies zum Ausdruck bringen, dass die Huldigung aller Wesen vor dem erhöhten Gottessohn, in der Gemeinde ihre Vorausdarstellung finden soll, denn ihr ist die Botschaft vom Heil aller anvertraut, und sie beugt jetzt schon vor Ihm als ihrem Herrn huldigend ihre Knie.
»WANDELT IN IHM!«
Paulus mahnt als Konsequenz des Anfangs zu einer Lebensführung, wie sie der Gemeinschaft mit Christus Jesus als Herrn und Haupt entspricht.
Wenn Paulus vom Christsein redet, ist aus seinen Briefen zu lernen, dass sich für ihn Christuszugehörigkeit im Verhältnis des Leibes zu seinem Haupt darstellt. Christus, der erhöhte Herr, und die Gemeinde sind so im Verständnis des Apostels ein einziger lebendiger Organismus. Wenn er so beispielsweise in Eph. 1, 23 von dem Christus aussagt, dass Gott »Ihn als Haupt über alles der Gemeinde gegeben hat, die Sein Leib ist«, leitet ihn die Überzeugung von einer organischen Ganzheit und Einheit, wie diese in der Verfasstheit eines menschlichen Leibes vor Augen steht.
Freilich ist für den Apostel die Beziehung von Haupt und Leib im Hinblick auf sein Gemeindeverständnis kein bloßes Bild, sondern die tragende Wirklichkeit des Christseins. Wenn wir uns dies vergegenwärtigen, finden wir darin die Erklärung für die Weise, »wie« die Kolosser Christus Jesus, den Herrn, angenommen haben, nämlich als Haupt des Leibes (Kol. 1, 18).
In diesem Zusammenhang wird man daran erinnert, wie die Jüngergemeinde Ihn während Seines Erdenlebens annahm: »Du bist der Sohn Gottes, Du bist der König Israels« (Johannes 1, 49).
Nun soll die besondere Weise, wie die Kolosserchristen Christus Jesus als Herrn annahmen, auch in einer besonderen Weise der Lebensführung Ausdruck finden. »Wandelt in Ihm«, das meint, in der Lebensgemeinschaft mit dem auferstandenen Herrn.
Es ist sicher hilfreich, wenn wir die verschiedenen Wörter, die das Neue Testament für Wandel gebraucht, in Betracht ziehen, um den Sinngehalt des Ausdrucks, welcher an unserer Stelle Wandel bezeichnet, zu verstehen.
Da steht in Phil. 1, 27 der Aufruf: »Wandelt nur würdig des Evangeliums des Christus.« Dort wird für Wandeln im Grundtext ein Wort gebraucht, welches eigentlich »Bürger sein« heißt: politeuesthai. Dieser Ausdruck besagt, dass es Christsein damit zu tun hat, sich als Bürger des Himmels hier unten im Wandel zu bewähren.
Ein anderes Wort für Wandeln ist stoicheoo, welches ausdrückt, in einer Reihe neben- oder hintereinander zu stehen oder zu gehen. Gemeint ist jener Gesichtspunkt des Christseins, sein Leben nach einer vorgegebenen Ordnung, geistlicherweise gemäß des Gotteswortes zu führen (Phil. 3, 16).
Aufschlussreich ist nun, dass im Zusammenhang mit der letztgenannten Stelle Paulus ebenfalls vom Wandel spricht, aber wiederum im griechischen Original ein anderes Wort gebraucht: peripateoo (Phil. 3, 18). Peripateoo ist der im Neuen Testament am häufigsten gebrauchte Ausdruck für Wandeln, welcher auch an unserer Kolosserstelle steht, wo es, wie bedeutet, heißt: »Wandelt in Ihm.« Dieses Wort, welches im antiken Sprachgebrauch sich auf die Lebenspraxis bezieht, gebraucht auch Paulus außerordentlich oft; er will damit das zum Ausdruck bringen, was in der Theologie (unzulänglich) mit Ethik (Sittenlehre) bezeichnet wird.
Der antike Mensch verband mit diesem Wort noch eine besondere Vorstellung, die des Herumwanderns beim Unterricht in den Philosophenschulen, wo Lehrer mit den Schülern vielfach unter freiem Himmel umherwanderten, wobei der Schüler sich dem Schritt des Lehrers anzupassen hatte. So wurden beispielsweise die, welche der Philosophenschule des Aristoteles zugehörten, Peripatetiker — die Herumwandelnden — genannt. Mit dem Lehrer gehen, seine Nähe suchen, um ihn sein, wäre unter diesem Gesichtspunkt der Sinn des Wortes. Wörtlich übersetzt, heißt peripateoo herumtreten, im übertragenen Sinn, mit jemand lebensmäßig Umgang pflegen. Das wird an unserer Stelle im Kolosserbrief zur Geltung gebracht durch die Wendung »in Ihm«.
»In Ihm« heißt, mit Christus dem Herrn eins sein, in Seinem Einflussbereich leben, in Seinem Sinn und Geist so geprägt sein, dass das praktische Leben im Alltag sich als Seine Wesensart darstellt (vgl. 1. Joh. 2, 6). Doch wer vermöchte von sich aus in eigener Kraft einem derart hohen Anspruch zu genügen? Wer vermag jene Geistesfrucht, die Paulus in Galater 5, 22 als Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Enthaltsamkeit entfaltend beschreibt, im praktischen Alltagsleben hervorzubringen, wenn nicht jemand, welcher »in Ihm«, dem Auferstandenen, lebt, der in dem Glaubenden den Ausweis neuen Lebens bewirkt. Im Sinne unseres Wortes meint dies, wer Ihn, den Christus Jesus, als Herrn angenommen hat und »in Ihm« wandelt.
»GEWURZELT UND AUFERBAUT IN IHM, BEFESTIGTWERDEND IM GLAUBEN«
Paulus spricht von den Wirkungen, wie sie sich in der Lebenseinheit mit Christus Jesus in den Glaubenden entfalten.
Die Empfänger und ersten Leser der Paulusbriefe waren, wie aus den Grußlisten der Briefe zu ersehen ist, meist einfache Menschen. Von ihnen wollte er ja verstanden werden, weshalb er sich gern in einer bildhaften Sprache ausdrückte. Er hat bisher von dem Grunderfordernis des Christseins gesprochen, Gottes Angebot in Seinem Sohn anzunehmen und einen entsprechenden Wandel zu führen in der Lebensgemeinschaft IN IHM.
Nun aber will er seinen Lesern die Wirkungen bewusst machen, welche dadurch in das Leben Glaubender hineinkommen, um es zu formen und seiner heilsgeschichtlichen Bestimmung entgegenzuführen. So spricht Paulus hier von dem »Gewurzelt- und Auferbautwerden in Ihm, befestigtwerdend im Glauben.«
»Gewurzelt in Ihm«. Paulus gebraucht das Bild vom Wachstum eines Baumes oder einer Pflanze. Der Nährboden gibt einem Gewächs Halt und versorgt es mit der Nahrung, die es zu seinem Erhalt und Wachstum braucht. Nun ist es Erfahrungstatsache, dass überall dort, wo sich eine Wurzel tief in das Erdreich eingräbt, Stürme die Festigkeit nicht zu erschüttern vermögen. »Gewurzelte in Ihm« sind Menschen, welche sich als Christen zu bewähren vermögen. Für Bewährte in Christus (Röm. 16, 10) ist ihre Treue kennzeichnend. Christ werden ist das eine, sich als Christ in den Widerständen dieser Weltzeit zu bewähren, das andere. Doch gibt es — unser Text macht dies deutlich — keine Bewährung durch Anstrengung, sondern nur in der Lebensgemeinschaft »in Ihm«.
»Auferbaut in Ihm«. Paulus fügt ein zweites Bild an, wenn er die Wirkungen der Lebensgemeinschaft mit dem auferstandenen Christus beschreiben will, das eines Baues. Der Apostel gebraucht den Vergleich des Christseins mit einem Bau, wenn er von der Bestimmung des Christseins reden will.
Für das Entstehen eines Baues ist zunächst bezeichnend, dass es das Vorhandensein eines vorgegebenen Planes erforderlich macht. So ist die Existenz der Gemeinde in Gottes vorweltlichem Vorsatz und Heilsplan begründet, den Er vor Grundlegung der Welt in Seinem Sohn fasste.
Dann ist bei der Erstellung eines Gebäudes das Aneinanderfügen und untereinander Verbundenwerden der Bauelemente wesentlich. Als Analogie hierfür steht beispielsweise die Aussage des 1. Petrusbriefes 2, 5, wo es heißt: »Bei Gott aber auserwählt, seid auch ihr selbst als lebendige Steine aufgebaut, ein geistliches Haus, ein heiliges Priestertum, um darzubringen geistliche Opfer, Gott wohlannehmlich durch Jesum Christum.«
Damit ist der Gottesbau des geistlichen Tempels der Gemeinde als ein Gefüge aus lebendigen Steinen beschrieben, aber auch der dem Wesen ihrer Berufung entsprechende Gottesdienst.
»Gewurzelt« weist in die Tiefe, »auferbaut« in die Höhe. Beides, Tiefe und Höhe drücken das Wesen des Christseins aus, sie entsprechen einander wie Leiden und Herrlichkeit. Beides ist wichtig um der Festigkeit willen, von der Paulus nächstfolgend spricht.
»Befestigtwerdend im Glauben«. Lebensgemeinschaft mit Christus ist nach dem neutestamentlichen Zeugnis nicht zu trennen von einem Zunehmen an geistlicher Substanz. »Befestigtwerden« meint in der Bedeutung des zugrundeliegenden griechischen Wortes bebaioo feststehen, bekräftigen, etwas bestätigen, jemand in seiner Überzeugung stärken und vertrauenswert sein. Das soll »im Glauben« geschehen. Wenn vom Glauben die Rede ist, denkt man im landläufigen Sinn vielfach zunächst an ein Glaubensbekenntnis oder an eine durch menschliche Kraft zu erbringende Leistung. Nach dem Neuen Testament aber ist Glaube in erster Linie wirksame Kraft Gottes (Kol. 2, 12), das heißt, es geht im Glauben eines Christen darum, dass die in ihm niedergelegte wirksame Gotteskraft der Auferweckung Christi jetzt zur wirksamen Entfaltung gelangt.
Die Grundbedeutung jenes Wortes pistis, welches mit Glauben wiedergegeben in unseren Übersetzungen erscheint, meint Vertrauen, Treue, Zuverlässigkeit und festen Halt. Wer könnte als schwacher Mensch behaupten, dass er von sich aus derlei zuwege brächte?
Paulus erklärt sich dazu in seinem Brief an die Galater, wenn er schreibt: »Ich bin mit Christus gekreuzigt und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir. Was ich aber jetzt im Fleische lebe, lebe ich im Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat« (Gal. 2, 19 b+20).
»SO WIE IHR GELEHRT WURDET«
Paulus macht die Notwendigkeit der Treue zur überkommenen Lehre bewusst.
Als Paulus seinen Brief an die Kolosserchristen schrieb, sahen sich diese — wie bemerkt — durch eine Geheimlehre bedroht.
Durch ähnliche Tendenzen fromm getarnter Esoterik angefochten zu werden, ist der Gemeinde im Lauf ihrer Geschichte zu keiner Zeit erspart geblieben. Damals wie heute aber sind bedenkliche Strömungen als Flucht ins Spirituelle auch und gerade in ihrer Herausforderung ein Ruf zur Besinnung auf die gesunde Lehre gewesen, wie diese die Heilige Schrift vertritt.
»So wie ihr gelehrt wurdet«. Der Apostel mahnt die Treue zur überkommenen Lehre an, welche den Kolosserchristen durch den Paulusschüler Epaphras vermittelt worden war. Es gehört sicher zu den betrüblichsten Erfahrungen eines Dieners am Evangelium, wenn Christen, welche einmal einen guten Anfang im Glauben machten, wankend werden und sich irreführenden Ersatzlehren zuwenden. Diese Gefahr muss jedenfalls in Kolossä bestanden haben. Wohl mag es, wie Andeutungen des Briefes erkennen lassen, noch nicht bis zum Äußersten gekommen sein, doch die Gefahr zu unterschätzen, wäre sträfliche Leichtfertigkeit.
Der Apostel hatte von dem Gewurzelt- und Auferbautwerden in Ihm und dem Befestigtwerden im Glauben gesprochen. Nun macht er, das Gesagte vertiefend, deutlich, dass Festigkeit, Wesenhaftigkeit und Echtheit des Christseins untrennbar mit der Lehre verbunden sind. »So wie ihr gelehrt wurdet.«
Lehre im biblischen Verständnis ist nicht Konfession. Sie wäre auch missverstanden als theologisches Lehrsystem, vielmehr setzt die Weitergabe biblischen Lehrgutes ein Urbild (hypotypoosis) gesunder Worte voraus (2. Tim. 1, 13), wie auch Vollmacht des Heiligen Geistes. Lehre im Sinne der Schrift ist auch nicht statisch zu verstehen, vielmehr erwächst sie aus der jeweiligen heilsgeschichtlichen Situation, als dem Stand des Offenbarungsfortschrittes. — Gott offenbart Seine Lehre nicht auf einmal, sondern in Stufen, aber immer unter dem Gesichtspunkt der Heilsvollendung. Lehre führt in die Tiefe (gewurzelt), sie dient der Auferbauung und sie befestigt im Glauben. Wo es an der Lehre mangelt, verflüchtigt sich das Glaubensgut in eine unverbindliche — vielleicht schöngeistige — Religiosität.
»So wie ihr gelehrt wurdet« lenkt auch das Interesse auf den Vermittler (Epaphras) der Lehre und deren Inhalt. Epaphras, der Schüler des Apostels, war sicher kein ausgebildeter Theologe, wohl aber ein Mensch mit einem brennenden Herzen für den Christus und sein Evangelium. Wie ernst es ihm mit seinem Dienst als Verkünder des Wortes, als Seelsorger und Betreuer der Gemeinden, zu denen auch die in Kolossä zählte, war, wird schon darin erkennbar, dass ihm Paulus lobend bescheinigt, dass er als Knecht Christi Jesu »allezeit für euch ringt in den Gebeten, auf dass ihr dasteht vollkommen und völlig überzeugt in allem Willen Gottes« (Kol. 4, 12).
Nun lässt die Motivierung seines Gebetsringens Rückschlüsse darauf zu, wie die der Kolossergemeinde vermittelte Lehre ausgesehen haben mag. Sie war demnach im Wesen darauf ausgerichtet, ganz im Sinne des Apostels »jeden Menschen vollkommen in Christus darzustellen« (Kol. 1, 28).
Zu »vollkommen« bleibt in diesem Zusammenhang anzumerken, dass dieses Wort teleios (vollkommen), die zielklare Ausrichtung auf das Ziel meint.
Epaphras ließ sich also von Gott dazu gebrauchen, den Kolosserchristen in der Weise zu dienen, damit diese vollkommen, das heißt, im Sinne seines Lehrers Paulus, klar auf das Ziel hin ausgerichtet hingestellt werden. Dazu bedarf es der Vollgewissheit in jedem Willen Gottes.
Das Lehrzeugnis des Epaphras an die Kolossergemeinde war also dahingehend orientiert, den Vollumfang des Willens Gottes ihnen klar zu machen. Denn wenn jemand nicht weiß, wo es lang geht, wird er mit großer Wahrscheinlichkeit sein Ziel verfehlen. Wenn jemand den Willen Gottes nicht kennt, wird er mit Sicherheit unfähig sein, Gott wohlgefällig zu dienen.
Wenn wir beachten, in welcher Breite der Wille Gottes bei Paulus zur Darstellung gelangt, gewinnen wir eine ungefähre Vorstellung von dem, was den Kolossern durch Epaphras an Lehre vermittelt wurde.
Nach dem Galaterbrief ist der Wille unseres Gottes und Vaters ein Heilswille, der sich darin bekundet, dass unser Herr Jesus Christus »sich selbst für unsere Sünden gegeben hat, damit Er uns herausnehme aus dem gegenwärtigen bösen Äon« (1, 4). Im Epheserbrief heißt es, dass die Gemeinde »auserwählt« ist »vor Grundlegung der Welt, dass wir heilig und tadellos seien vor Ihm in Liebe, und Er hat uns zuvorbestimmt zur Sohnschaft durch Jesus Christus nach dem Wohlgefallen Seines Willens« (1, 4.5). Ebenso ist in Eph. 1, 11 ausgesagt, dass Er alles wirkt nach dem Rat Seines Willens.
Nach dem Zeugnis von 2. Kor. 1, 1; Eph. 1, 1; Kol. 1, 1; 2. Tim. 1, 1 erfolgte die Berufung des Apostels Paulus durch Gottes Willen. — Im Willen Gottes liegt die Verwirklichung der Reisepläne des Apostels (Röm. 15, 32; 1, 10). — Nach dem 1. Thessalonicherbrief 5, 18 ist es der Wille Gottes, »sich allezeit zu freuen, unablässig zu beten und in allem Dank zu sagen.« — Der Wille Gottes ist nach 1. Thess. 4, 1 die Heiligung der Gemeinde. (Vgl. auch Röm. 12, 2; Kol. 1, 9; 1. Tim. 2, 4.)
Biblische Lehre versteht sich demnach als vertiefte Schau der Heilsund Vollendungswahrheiten, aber sie hat es auch immer mit deren lebensmäßiger Auswirkung zu tun. So mahnt im Titusbrief der Apostel seinen Schüler, zu reden, was der gesunden Lehre geziemt (Tit. 2, 1). Doch dann gibt er ihm praktische Anweisungen für das Verhalten der einzelnen Stände innerhalb der Gemeinde (Tit. 2, 2-10), Zeugnis dafür, dass Lehre im Sinne des Neuen Testamentes stets mit dem Leben eine Einheit bildet.
»ÜBERFLIESSEND IN DANKSAGUNG«
Paulus stellt den inneren Zusammenhang zwischen Lehre und Danksagung heraus.
Zuletzt macht Paulus darauf aufmerksam, dass es einen inneren Zusammenhang zwischen Lehre und Danksagung gibt.
Wer die Entfaltung des Heils in seiner universalen Bedeutung aus dem Gesamtbild der biblischen Lehre lebensmäßig erfasst, wird notwendig ein Mensch der Dankbarkeit. Andererseits eröffnet sich das in Christus geschenkte Heil dem Dankenden stets neu in seiner beglückenden Schönheit und Größe.
Dank gehört wohl zu den schönsten Ausdrücken des Wortschatzes einer Sprache. Jedenfalls trifft dies für die Ursprache des Neuen Testamentes zu. Das mit Danksagung übersetzte Wort heißt dort EUCHARISTIA. Bezeichnend für diesen Ausdruck ist, dass er sich aus eu = wohl und charis = Gnade zusammensetzt. Demnach ist Danksagung das Wohlverhalten in Anbetracht einer Gabe, welche man unverdient empfangen hat. Dem aufmerksamen Leser des Kolosserbriefes entgeht nicht, wie oft dort vom Danken die Rede ist (Kol. 1, 3; 1, 12; 2, 7; 3, 15; 3, 17; 4, 2). Dies wird einleuchtend, sobald bedacht ist, dass, wie schon bemerkt, dieser Brief in einzigartiger Weise die Größe und Herrlichkeit des Christus zur Darstellung bringt und deutlich macht, dass die Gemeinde Seines Leibes an dieser Christusherrlichkeit Anteil hat. Doch daraus erhellt auch, dass die Bedeutung dieser Tatsache sich dem Dankenden zu erschließen beginnt.
Man hat von der Danksagung als von dem bewahrenden Element des Heils gesprochen. In der Tat bewahrt Dank vor dem Abweg der Untreue und dem Sichverlieren in nutzlosen Dingen. Dank fördert aber auch ebenso das geistliche Wachstum in der füllemäßigen Zubereitung. Vor allem wird in der Danksagung der Christus dem Dankenden stets neu groß.
Immer wieder weist der Apostel darauf hin, dass es die Gemeinde mit dem göttlichen Übermaß zu tun hat. Erinnert sei nur an das von Paulus erbetene Maß des Reichtums Seiner Herrlichkeit, welches Gott Seinem Geben zugrunde legen möge (Eph. 3, 14), oder daran, dass im Blick auf die Glieder des Leibes des Christus sowohl von einem Übermaß an Beschwernis (2. Kor. 1, 8) als auch von einem Übermaß an Gotteskraft (2. Kor. 4, 7) und an Herrlichkeit (2. Kor. 4, 17) die Rede ist. Solchem Übermaß an Darreichung entspricht auch ein Überfließen in Danksagung.
Die Wendung »überfließend in Danksagung« legt den gedanklichen Vergleich mit einem Gefäß nahe, welches in ständigem Überfließen begriffen ist. Nun werden überfließende Gefäße bekanntlich bald von der überlaufenden Flüssigkeit derart bedeckt, ja umschlossen, dass sie selber nicht mehr in die Erscheinung treten. So sind auch Menschen, die vor Dank überfließen. Im Danken tritt ihr eigenes Wesen zurück. Dankende, als vom Eigenen gelöste Menschen, werden so zu solchen, denen das Kleine klein und das Große groß wird.
Damit soll nicht gesagt sein, dass es im Leben Dankender keine leidvollen Dinge oder Schwierigkeiten gäbe. Wohl aber, dass aus der Freudenbotschaft des Evangeliums heraus sich über den Widerfahrnissen ihres Lebens der Horizont der Größe göttlichen Heiles auftut.
Wo immer die Botschaft vom Erscheinen der Gnade Gottes, die allen Menschen Heil bringt (Tit. 2, 11), als lebendige Wirklichkeit erfasst wird, dort bricht die Heilsfreude durch, »überfließend in Danksagung«. — Danksagung ist in seiner tiefsten Bedeutung Gottesdienst (eucharistia), doch erschöpft sich wortgemäßer Gottesdienst nicht in kultischer Feier. Vielmehr sind Danksagende in jenen geheiligten Gottesdienst hineingenommen, indem sie sich Christus zur Verfügung stellen. Darin soll sich das Übermaß der empfangenen Gnade überfließend darstellen, im Ausdruck gottgemäßen Dankens.
Wir überschauen zum Schluss das Gesagte
Paulus hat in diesen beiden Versen des Kolosserbriefes kurz zusammengefasst, was es um biblisch orientiertes Christsein ist.
Er hat zuerst deutlich werden lassen, dass niemand automatisch Christ werden kann, vielmehr ist Christwerden an die Bedingung geknüpft, Christus Jesus, den Herrn, persönlich anzunehmen. Dieser bewusste Schritt bewirkt im Leben eines Menschen eine Scheidung zwischen einem Einst und einem Jetzt.
Gleichzeitig stellt der Apostel fest, dass für dieses Jetzt die Lebensverbindung mit Ihm, dem Christus, wesentlich ist. Diese versteht sich als Einssein mit Ihm, im Angepasstwerden an Sein Christuswesen, das sich im alltäglichen Wandel ausweisen soll.
Paulus versteht Christsein nicht statisch, sondern dynamisch, das meint, als im ständigen Wachsen und Auferbautwerden begriffen. Dadurch vollzieht sich in dem Glaubenden ein Prozess der inneren Befestigung, als Wirkung des in ihm durch den Glauben innewohnenden Christus.
Die Wirkungen des Christuslebens in den Glaubenden sind gebunden an das Bleiben in der überkommenen Lehre, welche sich in den Heils- und Vollendungswahrheiten, wie diese die apostolische Verkündigung vertritt, darstellt.
So ist Christsein schließlich ein Leben im Beschenktwerden mit dem Übermaß geistlichen Segens, wodurch sich das Maß der Danksagung für so viel Darreichung aus der Herrlichkeitsfülle Gottes (vgl. Eph. 3, 14) als überfließend bezeugt.
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 4/2002; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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