Erst- und Zweitrangiges in Lehre und Leben
Autor: Heinemann, Karl | Kategorie(n): Gemeinde, Glaubensleben & Wandel, Irrlehre, Schwarmgeist, Zeitgeist | 715 x gelesenJeder Mensch steht in seinen vielfältigen Entscheidungssituationen vor dem Problem, zwischen Erst- und Zweitrangigem abwägen zu müssen. Die Gewichtung der Entscheidungsmomente ist dabei unerlässlich und setzt die Kenntnis der notwendigen Beurteilungskriterien voraus. Fehlentscheidungen bei der Einschätzung der Vorrangigkeit können oft nicht revidierbare Folgeentwicklungen auslösen.
Besonders im Glaubensleben sind wortgegründete Prüfungskriterien wichtig, um Fehlentwicklungen und Irreführungen zu vermeiden. Denn nur die Kenntnis und Verinnerlichung gesunder Worte vermögen einen gesunden Wachstumsprozess bis zum Vollendungsziel zu garantieren.
Zur Zeit beobachten wir im christlichen und sogar evangelikalen Lager eine zunehmende Verwirrung bei der Beurteilung einer eindeutigen christozentrischen Gemeindelehre mit entsprechenden Konsequenzen in der Gemeindepraxis.
Deshalb bedürfen wir der Weisheit und Erkenntnis Gottes zum rechten Prüfen der biblischen Lehre und des Glaubenslebens, und dazu besonders des Unterscheidungsvermögens zwischen Erst- und Zweitrangigem, Wichtigem und Unwichtigem, Vorrangigem und Nachgeordnetem — kurzum der Prioritäten-(Rang-)Bestimmung.
Anhand von fünf beispielhaft bedeutsamen Begriffspaaren wollen wir die Rangfolge bestimmen und dabei die schriftorientierten Begründungen darlegen.
Diese Themen sollen wie folgt in entsprechenden Abschnitten behandelt werden:
- Gottes Wille — Des Menschen Wille
- Das Wort Gottes — Geistliche Erlebnisse
- Die Stellung der Leibesgemeinde — Die Praxis des Glaubenslebens
- Der Geber — Die Gaben
- Das Gebet — Geistliche Aktivitäten
1. Gottes Wille — Des Menschen Wille
Wir kennen alle den Spruch: Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Er beinhaltet gewiss ein Stück Wahrheit — aber nicht die volle biblische Erkenntnis. Nicht des Menschen Wille hat beim Erlangen des Himmelreichs oberste Priorität, sondern Gottes Gnade. Paulus bezeugt diese Wahrheit eindeutig, indem er auch Moses zitiert, in Röm. 9, 16: »Demnach liegt es nun nicht an dem Wollenden noch an dem Laufenden, sondern an Gottes Erbarmen.« Dass nach der Offenbarung Gottes im Leben eines Menschen dann der menschliche Wille dem Angebot auch zustimmen muss, ist eine notwendige Reaktion, die aber als Glaubensentschluss erst eine Folge ist. In Phil. 2, 12b.13 weist Paulus auf diese Tatsache mit der eindeutigen Gewichtung des Erst- bzw. Vorrangigen ermahnend hin: »Wirkt eure Rettung mit Furcht und Zittern aus: Denn Gott ist es, der beides in euch bewirkt: das Wollen und das Wirken nach Seinem Wohlgefallen!« Gottes Wille und Handeln sind also die Begründung für die Auswirkung des Rettungsvorgangs im Leben des Menschen. Der Mensch ist also nicht unbeteiligt an dem Rettungs- und Heilsgeschehen Gottes, aber nur in dem Sinne, dass er das vollbrachte Erlösungswerk — ohne eigene Leistung durch Gesetzeswerke — im Glauben annimmt und dann im Glaubensgehorsam auch auswirkt.
Auch der Erwählungsgedanke unterstützt diese Sichtweise der Prioritätenumsetzung klar und unmissverständlich: »… so wie Er uns auserwählt hat in Ihm vor Grundlegung der Welt, damit wir seien Heilige und Makellose vor Seinem Angesicht« (Eph. 1, 4). Zuerst tritt also Gott in Aktion — in diesem Textzusammenhang bereits vor der sichtbaren Schöpfung —, ehe dann der Erwählte als Reaktion zum Lobpreis Seiner Herrlichkeit leben und handeln kann. Diese Positionsbestimmung des einzelnen Gläubigen und der Ekklesia (Gemeinde) insgesamt wird besonders in den paulinischen Briefen deutlich. Im 1. Kapitel des Epheserbriefes bezeugt Paulus dieses Geheimnis unter mehreren Aspekten. Der souveräne Vorsatz des Willens Gottes erhält hier die besondere Vorzugsstellung gegenüber dem Tun und Handeln des Menschen (V 9). Und die Bestimmung der Gläubigen zum Sohnesstand nach dem Wohlgefallen Seines Willens gibt unserer Berufung zum Dienst eine besondere vorzügliche Note (V 5). Ferner wird in Vers 11 mit Blick auf das Erwählungsziel auch unser Erbteil erwähnt, das wir primär durch Gottes Willensentscheid (Ratschluss) erhalten werden.
Allein aus diesen wenigen Textstellen geht hervor, dass nicht des Menschen Wille bei der Gottsuche und dem Erwerb des Heils sowie der Herrlichkeit oberste Priorität besitzt, sondern die Gnadenwahl Gottes. Auch Jesus selbst bezeugt, dass niemand zu Ihm kommen kann, es sei denn, ihn ziehe der Vater (Joh. 6, 44).
Diese Erkenntnis sollte auch die Methode der Evangelisation prägen: Nicht weltliche Mittel, Formen, Verfahren und Techniken im Sinne der Bedürfnisbefriedigung der Zuhörer sind gefordert, sondern das Vertrauen auf das vollmächtige, wirksame Wort Gottes. Auch die Weiterführung der Gläubigen darf nicht durch psychologisierende Methoden geschehen, sondern sollte die Mahnung aus Apg. 2, 42 beherzigen: Beständiges Beharren in der Lehre der Apostel, der Gemeinschaft, im Brechen des Brotes und in den Gebeten.
2. Das Wort Gottes — Geistliche Erlebnisse
In unserer pluralistischen Gesellschaft der Postmoderne gibt es keine verbindlichen Werte und Normen mehr. Die absolute Wahrheit, wie sie uns das Wort Gottes bezeugt, wird bewusst in Frage gestellt und durch andere Religionen und Ideologien relativiert. Deshalb fehlt es auch an sinngebenden Inhalten und klarer Zielorientierung in der Gegenwart. Leider gilt auch in vielen christlichen Gemeinden, Freikirchen und Gemeinschaften nicht mehr die oberste Autorität des Wortes Gottes. Die notwendige biblische Lehre für ein gesundes Gemeindeleben wird zunehmend durch erlebnisbezogene Aktivitäten ersetzt. Während eines Dienstes anlässlich der Prophetischen Woche in Langensteinbach gab mir eine Diakonisse ein Programm einer Krankenpflege-Hochschule, in dem auch des 100-jährigen Bestehens des Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverbandes in einer besonderen Feierstunde gedacht wurde. Ein Thema für diese Jubiläumsfeier lautete: »Ein Grund zum Lachen?« Als Gestalter der übrigen Programmpunkte traten u. a. auf: ein Komiker, Trainer und Berater für Kommunikation sowie eine Schauspielerin, Pantomime und Clown. Die Schwester war tief betroffen wegen des Einzugs der Clownerie in das Krankenhaus, wo doch leidende Patienten vielmehr durch das Wort Gottes getröstet werden sollten.
Leider ist diese Entwicklung zur Erlebnis- und Bedürfnisorientierung keine Einzelerscheinung, sondern sogar typisch. In zahlreichen Gesprächen auf Konferenzen, Freizeiten und nach Wortdiensten beklagen bibeltreue Geschwister mir gegenüber eine Inflation der Rahmenprogramme. Diese nehmen in vielen evangelikalen Gemeinden zu Lasten einer wegweisenden Predigt stets zu. Wortverkündigungen über 30 Minuten Dauer sind oft selten, und die Bibelstunden werden nur noch von einem geringen Teil der Gemeindemitglieder besucht oder fallen ganz aus.
Werden wir hinsichtlich dieser Gefahr nicht an das Wort des Apostels Paulus erinnert: »… Menschen, die mehr Freunde des Genusses als Freunde Gottes sind, die eine Form der Frömmigkeit haben, die Kraft aber derselben verleugnen« (2. Tim. 3, 4.5)? Diese Beobachtung wird auch von dem bekannten Theologen Dr. Holthaus bestätigt, der in seinem Buch »Trends 2000« nach vielfältigen Analysen zu der Erkenntnis gelangt, dass der Zeitgeist bereits alarmierend weit in die evangelikalen Gemeinden eingedrungen ist. Deshalb sollten wir u. a. dringend die Weisung des alttestamentlichen Propheten beachten: »Des Priesters Lippen sollen die Lehre bewahren, dass man aus seinem Munde Weisung suche« (Maleachi 2, 7).
Wenn auf der einen Seite die Gefahr der Erlebnissucht aus dem Zeit- bzw. Weltgeist stammt, so ist auf der anderen Seite der Einbruch spiritueller Ereignisse ein weiteres erschreckendes Zeichen. Auf diese Art der Verführung weist der bekannte evangelikale Theologe Dave Hunt in seinem neuesten Buch »Die okkulte Invasion« hin. In seinem umfangreichen, gründlichen Werk mit vielen Einzelbeispielen und wissenschaftlich begründeten Belegen zeigt er deutlich auf, wie die okkulte Welle zunehmend führende Politiker, Wissenschaftler, Ökonomen und auch religiöse Führer ergreift. Er beleuchtet und beurteilt die Engel-, Geister- und Marienerscheinungen z. B. und damit auch diese Phänomene im Zusammenhang fortschreitender ökumenischer Bestrebungen in allen Konfessionen der Christenheit. Besonders die spirituellen Erfahrungen in der charismatischen Bewegung werden im Lichte des Wortes geprüft und als gefährlich für das gesunde Gemeindewachstum erkannt. Leider muss auch ich diese Urteile bestätigen, und in manchen seelsorgerlichen Gesprächen wurde mir die Gefahr der Irreleitung oft argloser Geschwister bewusst. Deshalb sollen wir nach 1. Joh. 4, 1 die Geister prüfen. Das aber können wir nur nach geistlicher Selbstprüfung (2. Kor. 13, 5) und anhand des Wortes Gottes, vor allem der paulinischen Gemeindebriefe.
Wir müssen allerdings in der Endzeit damit rechnen, dass die Mehrheit der Christen die gesunde Lehre nicht mehr ertragen wird, sondern sich selbst nach eigenen Begierden Lehrer wählt, weil ihr Gehör gekitzelt wird (2. Tim. 4, 3). Die Begründung für dieses Verhalten ist die Abwendung von der Wahrheit (V 4).
Wir können in den noch biblisch orientierten Gemeindeversammlungen dieser negativen Entwicklung nur durch schriftbegründete Lehre und Unterweisung entgegenwirken. Johannes spricht in seinem 1. Brief, Kapitel 2, 24-28, die Gefahr der Verführung an (V 26) und ermahnt die Gläubigen dringend, am Wort Gottes festzuhalten: »Was ihr von Anfang an gehört habt, bleibe in euch!« Und er fährt dann fort: »Wenn das in euch bleibt, was ihr von Anfang an gehört habt, so werdet auch ihr in dem Sohn und in dem Vater bleiben« (V 24). In diesem Textzusammenhang weist der Apostel sechsmal auf das Bleiben hin. Die Salbung des Heiligen Geistes, die wir bei der Neugeburt empfangen haben, wird bei uns bleiben und uns über alles belehren. Wir bedürfen nicht einer neuen besonderen »Geisteserfahrung«, sondern sollen in dieser »Salbung« bleiben und geistlich reifen. Die wahrhaft Gläubigen haben es nicht nötig, dass jemand mit neuen, spektakulären Lehren und Erfahrungen die Unterweisung verändert (V 27). Bleiben ist also das Motto, verbunden mit der Treue dem Worte Gottes und dem Heiligen Geist gegenüber, dann werden auch gesunde geistliche Erfahrungen folgen.
3. Die Stellung der Leibesgemeinde — Die Praxis des Glaubenslebens
Die Offenbarung Jesu Christi durch Wort und Heiligen Geist ist der totale Gegensatz zu allen Religionen, gleich welcher Art. Die Gemeinde Jesu Christi (Ekklesia) lebt von dieser Gnade und Wahrheit. Grundlage dieser herrlichen Erkenntnis ist und bleibt die herausragende, einmalige Besonderheit der Person Jesu Christi. Für die Auswahlgemeinde ist Christus das Haupt, die Gläubigen sind Glieder dieser vorrangigen Heilskörperschaft.
Somit besitzt die Leibesgemeinde eine allein aus Gnaden geschenkte Heilsstellung. Diese mit Dienstaufgaben verbundene Position kann niemand durch eigene Leistung erwerben. Auf der Grundlage von Erwählung und Berufung soll dann allerdings die Gemeinde ihre göttliche Funktion wahrnehmen.
Priorität besitzt im Blick auf dieses heilsgeschichtliche Ereignis wiederum das Planen und Handeln Gottes nach Seinem souveränen Ratschluss (vgl. Eph. 1, 3-12). Wir müssen uns, um Zielverfehlungen zu vermeiden, ständig der Stellung der Gemeinde Christi und ihrer Glieder bewusst werden. Ausgangsbasis, Zielsetzung und klare Wegbeschreibung sind für uns Gläubige dringend notwendige geistliche Erkenntnisse. Einige Schriftstellen sollen diese wichtigen Wahrheiten, unsere Stellung in Christo betreffend, aufzeigen: In 1. Kor. 1, 30 werden wir in einer wunderbaren Präzision von Paulus belehrt: »Aus Ihm aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht worden ist zur Weisheit, wie auch zur Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung.« Und in 2. Kor. 5, 17 bezeugt Paulus, dass jeder, der in Christo ist, eine neue Schöpfung geworden ist. Ja, wir sind nach Kol. 2, 10 in Ihm, was unseren Stand betrifft, bereits zur Fülle gebracht.
Im einzelnen bedeutet das für uns im Zusammenhang mit den paulinischen Aussagen des »syn« (griech.) = »zusammen mit« die Festschreibung erstrangiger Glaubenspositionen. Ich möchte die entscheidenden Stellen nur knapp zusammenfassend nennen:
- mitgekreuzigt (Röm. 6, 6)
- mitbegraben (Röm. 6, 4)
- mitauferweckt (Kol. 3, 1)
- mitlebendig gemacht (Eph. 2, 5)
- mitversetzt in das Himmlische (Eph. 2, 6)
- mitverherrlicht (Röm. 8, 17)
Auf dieser unverrückbaren Glaubensbasis muss dann aber auch der Glaubensgehorsam folgen. Das ist keine gesetzliche Forderung, sondern ein Liebesakt zur Verherrlichung der göttlichen Gnade. Außerdem dient diese Praxishandlung für die Gemeinde der Übung im Blick auf das Mitherrschen (2. Tim. 2, 12) in den künftigen Äonen.
Deshalb ermahnt der Apostel Paulus in jedem Brief die damaligen Gemeinden, würdig der Berufung zu wandeln (Eph. 4, 1). Die Erwählung, Berufung und das vollbrachte Heilsgeschehen sind souveräne Akte Gottes; über die konkrete Auswirkung im Leben des einzelnen Gläubigen sind aber Glaubenswandel und Treue mitentscheidend. So bleibt die Errettung des Gotteskindes auf der Gnadengrundlage unantastbar; das Erlangen des Berufungsziels der Gemeinde — der Kampf- bzw. Siegespreis — ist hingegen an Bedingungen geknüpft. Paulus sieht für sich persönlich — und damit als typisch für die Gesamtgemeinde — das dem Berufungsziel Nachjagen als entscheidende Richtschnur und Grundregel (Phil. 3, 14.15). Er beschreibt auch die dazu notwendige Methode: »Ich vergesse, was dahinten liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist« (Phil. 3, 13). Paulus ermahnt deshalb auch die Briefempfänger, sich nicht vom Ziel abwenden zu lassen. Das kann durch verführerische Lehre (Philosophie, Gesetz und ungeistliche Tradition z. B.) geschehen, aber auch durch unzüchtiges Praxisverhalten (Kol. 2, 8).
Die Verinnerlichung der Gesinnung Jesu (Phil. 2, 5) und das Handeln im Namen Jesu in Worten und Werken sollen der Gemeinde Jesu Christi auf dem Weg zum Ziel die entscheidenden Impulse und Hilfen vermitteln (Kol. 3, 17).
Durch diese von Paulus bewusst so formulierten Hinweise wird stets die Prioritätenfolge betont: Christus selbst in den Gläubigen bietet die Voraussetzung für gottgemäßes Denken und Handeln in der Lebenspraxis. Und in 2. Tim. 1, 7 gibt Paulus seinem geistlichen Sohn ein mutmachendes Wort mit auf seinen Glaubensweg, das auch uns jederzeit die herrlichen Möglichkeiten der Praxisbewältigung aufzeigt: »Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der gesunden Vernunft gegeben.« Der gottgewirkte Glaube (als Erstrangiges) vermag dann auch die Überwinderhaltung der Gläubigen in jeder Situation des Lebens (als Folge!) zu stärken (1. Joh. 5, 4; Röm. 8, 37).
Wer diese biblisch-geistlichen Erkenntnisse besitzt und in die Praxis umsetzt, vermag auch die »Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre« von Theologen der Röm.-Katholischen Kirche und des Lutherischen Weltbundes lehrmäßig recht einzuordnen. Man kann dem Konsens in einigen Punkten durchaus zustimmen, muss aber die übrigen Lehrpunkte und das Praxisverhalten der Kath. Kirche bei der Gesamtbeurteilung mit berücksichtigen.
Weil bei vielen Gläubigen über diesen komplexen Sachverhalt Kenntnisdefizite bestehen, erlaube ich mir, auf einige Erklärungen des Papstes Johannes Paul II. in der Enzyklika »Ut unum sint« (Dass sie eins seien) einzugehen.
- Er betont unmissverständlich, dass nur das Lehramt der Kath. Kirche, mit dem Papst als oberstem Lehrer, die rechte Exegese der Bibel vornehmen kann.
- Nur die kirchlichen Ämter, hierarchisch streng geordnet, besitzen die Autorität, im Namen Christi die Unterweisung im Glauben zu praktizieren.
- Die Eucharistie, Sakrament des Leibes und Blutes Christi, im Sinne der Realpräsenz (wirkliche Gegenwart Christi nach der Wandlung durch den Priester in Brot und Wein), ist das Zentrum der gottesdienstlichen Feier.
- Die Jungfrau Maria ist Gottesmutter und Ikone der Kirche. Sie ist die geistliche Mutter, die für die Gläubigen und die ganze Menschheit Fürbitte leistet (S. 54).
- Die volle Einheit wird dann Wirklichkeit werden, wenn alle an der Fülle der Heilsmittel (Sakramente) teilhaben, die Christus Seiner Kirche anvertraut hat. Die einzige Kirche besteht in der Katholischen Kirche fort (S. 58).
Anlässlich des Jahrtausendwechsels legte außerdem der Papst in einer besonderen »Jubiläumsbulle« besondere Zeichen fest:
- Wallfahrt zur Stadt Rom.
- Öffnung der Heiligen Pforte der Petrusbasilika im Vatikan.
- Besonderer Ablass (Nachlass von Sündenstrafen) im Jubiläumsjahr.
Diese hier aufgeführten Lehrinhalte und Praktiken haben die katholische Tradition u. a. stark geprägt, sind aber mit den Lehraussagen des Neuen Testamentes und besonders der Zeugnisse des Apostels Paulus in den Briefen nicht zu vereinbaren!
Wer die herrliche Stellung der Leibesgemeinde und ihre besondere Berufung erkennt, wird sich nicht von falschen Kirchenlehren und Praktiken verwirren lassen, sondern die wichtigen Aussagen Luthers beachten:
- Allein aus Gnaden,
- allein aus Glauben,
- allein Christus,
- allein die Schrift.
Denn diese Fundamente sind biblisch und gemeindegemäß. Sie sind erstrangig und entscheidend wichtig. Rücken nebensächliche Lehrinhalte und Praktiken in das Zentrum oder seine Nähe, besteht die Gefahr der Irreführung.
4. Der Geber — Die Gaben
Der Geber und Seine Gaben, die besondere Dienstfunktion haben, dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Aber ihre rangmäßige Gewichtung ist dringend notwendig. Zeigen doch kirchengeschichtliche Entwicklungen in Vergangenheit und Gegenwart Fehlentwicklungen auf, die auf Verschiebung der Rangfolge zurückzuführen sind. Paulus weist in 1. Kor. 13, 1-3 auf diese Möglichkeit hin. Er spitzt hier die Lage sogar bis zum Extrem zu. Anstelle des Gebers wird in diesem Text die Haupteigenschaft der agape (Gottesliebe) genannt. Wenn diese fehlt — und seien die Gabenanteile noch so hoch entfaltet — dann ist das Ergebnis der Bemühungen dieser Gläubigen vor Gott total ungenügend.
Im einzelnen beschreibt Paulus anhand von vier typischen Beispielen die Möglichkeiten eines fruchtlosen Dienstes.
1. »Wenn ich in den Sprachen der Menschen und der Engel redete, aber keine Liebe hätte, so wäre ich wie eine klingende Zimbel« (V 1). Hier ist also nicht von einem Beweis für eine besondere Geisteserfüllung die Rede, sondern von einem gewaltigen Missverhältnis. Ohne die echte göttliche Liebe als Motiv und geistliche Kraft ist zwar eine fremde Sprache — oft nur ein unverständliches Lallen — zu vernehmen, aber die Wirkung ist ohne jegliche wesenhafte geistliche Bedeutung. Es besteht also die Gefahr einer Verselbstständigung dieser so spektakulären Gabe ohne direkte Geistesleitung. Diese mechanistische Handhabung kann schließlich auch zu einer Verführung durch Inspiration fremder Geister führen, wie es zahlreiche Beispiele in der jüngsten Kirchengeschichte im 19. und 20. Jahrhundert gezeigt haben.
2. »Wenn ich Prophetenworte hätte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnisse besäße …, aber keine Liebe hätte, so wäre ich nichts« (V 2).
Zunächst spricht Paulus die Inspirationsgabe der prophetischen Rede an, die im Entstehungsprozess der Urgemeinde — ohne Vollendung des Schriftenkanons — durchaus nötig war. Ihr Missbrauch wird aber schon in Korinth deutlich. Das Ergebnis einer solchen Weissagung ist — mathematisch gesprochen — gleich »null«. Wenn in einer mathematischen Gleichung ein Faktor gleich 0 ist, dann ist das Produkt ebenfalls gleich 0, mag der andere Faktor sogar bis an »unendlich« heranreichen.
Das gleiche Problem stellt sich bei den »geoffenbarten Geheimnissen« und der sogenannten »gnosis« (Kenntnis). Fehlt auch hier in Verbindung mit diesem Gabenbereich das Entscheidende (Wichtigste, Vorrangige), dann ist das geistliche Produkt ebenfalls nichts wert (= 0). Diese Situation ist uns auch aus Erfahrung in Geschichte und Gegenwart nicht unbekannt. Wie oft hat eine tote Orthodoxie (rechte Lehre) ohne echtes Leben und göttliche Liebe autoritär geherrscht, zum Schaden aller betroffenen Gläubigen.
Leider fällt man bei der Bewältigung einer solchen Schieflage oft in das andere Extrem: Man versucht die kalte Orthodoxie durch einen warmen (gefühlsmäßigen) Irrtum auszugleichen.
Wahre Erkenntnis (epignosis) aber ist unbedingt erforderlich in der Gemeinde und im Leben eines jeden Gläubigen.
Im Zuge fortschreitender Offenbarung wird uns von Paulus eine Verlagerung vom Gabenbereich hin zum Geber bezeugt: »In Christus liegen alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen« (Kol. 2, 3). Also in Ihm selbst finden wir die notwendige Weisheit und Erkenntnis, die dann unverfälscht und mit göttlicher Liebe verbunden, unser Teil sind.
3. »Wenn ich allen Glauben hätte, so dass ich Berge versetzen könnte, aber keine Liebe hätte, so wäre ich nichts« (V 2b). Selbst die gewaltigsten Wunder sind noch kein Beweis für den göttlichen Ursprung. — Nur Jesus und Seine Apostel haben, heilsgeschichtlich bedingt, in reiner Weise das Liebeshandeln mit Wundertaten verbunden. Sie dienten in göttlichem Auftrag einem bestimmten Zweck: vorrangig, um den Juden die Messianität Jesu zu bezeugen und Gott zu verherrlichen. Zeichen und Wunder waren Vorboten des anbrechenden Reiches Gottes auf Erden.
Mit fortschreitender Heilsoffenbarung verlieren die äußerlich wahrnehmbaren Zeichen und Wunder an Bedeutung. Glauben, ohne zu schauen, gewinnt an Bedeutung. Damit ist keineswegs gesagt, dass Gott nicht auch in der Gemeindegeschichte und der Gegenwart sich auf wunderbare Weise in aller Stille und in Einzelfällen kundgetan hätte und das fernerhin noch tun wird. Aber die Prioritäten müssen eindeutig gesetzt werden. Denn die Gaben können sich verselbstständigen, eigenmächtig vom Gabenträger missbraucht werden und sogar vom Feind nachgeäfft werden. Für die Endzeit werden gar massive Verführungen durch die Wirksamkeit Satans mit Irrtums- und Lügenkräften vorausgesagt. Sie treffen alle, die die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, als Gottesgericht (2. Thess. 2, 9-12).
Die Gemeinde kann sich gegen den listigen Verführungsansturm nur schützen, wenn sie auf das prophetische Wort achtet und die gesamte Waffenrüstung Gottes anlegt (2. Petr. 1, 19; Eph. 6, 10-18).
4. Die letzte Gegenüberstellung in diesem Abschnitt von 1. Kor. 13, 1-3 greift auf das Materielle und den biologischen Teil des Menschen zurück: »Wenn ich all meinen Besitz austeilen und wenn ich meinen Leib dahingeben würde, um mich dessen zu rühmen, aber keine Liebe hätte, so würde es mir nichts nützen« (V 3).
Es geht beim Handeln und Tun des Menschen bis hin zum Opfer des eigenen Leibes nicht vordergründig um äußere Aktivitäten, sondern um die Gesinnung bzw. Motive, die gottgewirkt sein müssen. Eigenmächtige Taten zum Selbstruhm ohne die »agape« (Liebe) zählen nicht vor Gott. Gott selbst muss uns zum Dienst vorbereiten, indem Er uns tüchtig macht. Paulus bezeugt diese Notwendigkeit in 1. Thess. 5, 23: »Er selbst aber, der Gott des Friedens, heilige euch ganz und gar, und euer Geist unversehrt, mit Seele und Leib möge tadellos bewahrt werden in der Ankunft unseres Herrn Jesu Christi«.
Geist, Seele und Leib sind die gottverordnete Reihenfolge. Die Umkehrung dieser Teile der menschlichen Persönlichkeit hat im Dienst- und Gabenbereich schwerwiegende negative Auswirkungen.
Die Auslieferung unserer Beweggründe und des Willens an Gott auf der Grundlage des vollbrachten Erlösungswerks Jesu Christi ist aber auch schriftgemäße Folge. Durch die Kraft der göttlichen Liebe können wir in den materiellen und körperlichen Bereichen dann auch entsprechend handeln.
Gebe der Herr Seiner Gemeinde — besonders in der Endzeit — stets den Geist der Unterscheidung zur Wahrheit der geistlichen Rangordnung: Zuerst der Auftraggeber, dann zur Bewältigung der Aufgaben und Dienste auch die notwendigen Gaben! (Vgl. Röm. 12, 3-8; 1. Kor. 12; Eph. 4, 7-14!)
5. Das Gebet — Geistliche Aktivitäten
Bei der Behandlung dieses Punktes werden wir in die Lebenspraxis der Gemeinde hineingeführt. Auch in diesem Spannungsfeld sollten wir stets die Priorität beachten: zuerst das Gebet, danach die notwendigen Konsequenzen der dienenden Liebe.
Paulus ermahnt Timotheus und somit jeden einzelnen Gläubigen in 1. Tim. 2, 1: »Ich spreche dir nun vor allem anderen zu, dass Flehen, Gebete, Fürbitten und Danksagung getan werden …«
Klar und eindeutig sind des Apostels Vorstellungen hinsichtlich der Vorrangigkeit: Vor allem anderen — sprich: vor allen Aktionen jedweder Art! — sollte das Gebet praktiziert werden. Wie nötig sind doch diese Anweisungen und deren Beachtung im Leben des einzelnen Christen und einer biblisch fundierten Gemeinde! Gerade in unserer heutigen hektischen Zeit der vielen Konferenzen, Tagungen, Seminare und Veranstaltungen in allen christlichen Konfessionen, Denominationen, Gemeinden und Gemeinschaften gilt es, diese Ermahnung zu beherzigen.
Ich kann mich im Rahmen dieses Artikels nicht mit den einzelnen Gebetsarten und den Zielgruppen des Gebets befassen, sondern möchte nur generell auf die Bedeutung des Gebets eingehen.
Das Gebet im umfassenden Sinne ist in Verbindung mit dem Wort Gottes und der Gemeinschaft eine tragende Wurzel des Gemeindelebens, wie auch ein notwendiges Mittel der Kontaktpflege mit Gott (Apg. 2, 42). Ohne die Praktizierung des Gebetes geraten die Aktivitäten in die Nähe der Betriebsamkeit mit geringer geistlicher Substanz. Bloßes Formen-, ja Scheinwesen sind die unausweichliche Folge im Leben des Einzelnen und der Gemeinde. Paulus beschreibt im Blick auf die Endzeit die Charaktereigenschaften des Menschen und hebt dabei eine typische Eigenschaft besonders hervor: »Menschen … die eine Form der Frömmigkeit haben, die Kraft derselben aber verleugnen« (2. Tim. 3, 5). Im folgenden Vers bittet er gar Timotheus — und das gilt auch uns: »Von solchen wende dich ab!«
Die Gefahr des Vorherrschens der äußeren Form ohne wahren geistlichen Inhalt ist in der Gegenwart besonders zu beobachten. Wir alle haben uns stets zu prüfen, ob unsere Aktivitäten auch von geistlicher Qualität bestimmt sind oder ob nur Routine vorhanden ist. Das lebendige Wort Gottes und das Bewegen dieser Unterweisungen im Herzen mit Bitten, Gebet und Danksagung bewahren uns vor dem bloßen Formenwesen und Scheinchristentum.
Der Streit um die mannigfachen Methoden und Medien beim Veranstalten von Evangelisationen würde bei Beachtung der geistlichen Prioritäten eindeutig zugunsten der biblischen Wahrheiten ausfallen. Und die besagen unmissverständlich, dass alle menschlichen Bemühungen — und seien sie noch so gut gemeint — das Gebet und die Geistesleitung nicht ersetzen können. Gewiss werden auch die Evangelisationen und Bibeltage mit Gebet vorbereitet und begleitet; aber immer wieder sollte das Wort Jesu bedacht werden: »Ohne mich könnt ihr nichts tun« (Joh. 15, 5b). Nur durch Wort und Gebet erhält man klare Weisung, auch im Blick auf Methoden und Medieneinsatz. Wenn wir als Gläubige und Gemeinde in Ihm bleiben, kann das Gebet erhörlich sein und geistliche Frucht entstehen. Möchten wir doch gemeinsam mehr auf des Herrn Wort und die Macht des Gebetes vertrauen als auf den Einsatz zweifelhafter Verfahrensweisen! Dann wird Gott auch Segen schenken, der allerdings nicht primär quantitativ gemessen werden kann. Gott möchte, dass wir in Seinen vorbereiteten Werken wandeln und für diesen Wandel und Dienst recht zubereitet werden (Eph. 2, 10).
Es gibt in der Bibel — und speziell auf die Gemeinde Christi bezogen — noch andere bedeutsame Paarbeziehungen, bei denen die Frage nach dem Erstrangigen für Lehre und Leben entscheidende Auswirkungen hat. Ich möchte einige als Anregung zum weiteren Nachdenken und Forschen in der Heiligen Schrift abschließend noch nennen:
- Der Segnende — Der Segen
- Gnade — Werke
- Freiheit — Abhängigkeit
- Liebe — Wahrheit
- Einheit — Vielfalt
Alle diese Begriffszuordnungen sind kein theoretisches Spiel oder Nachdenken über Belanglosigkeiten, sondern ihre notwendigen Positionsbestimmungen entscheiden über das Erreichen gottgewollter Heilsziele.
Möchten wir alle, Sie lieber Leser und der Autor dieses Artikels, zur rechten Erkenntnis aller wichtigen Lehren zum Aufbau der Gemeinde und den geistgewirkten Folgen gelangen, so wie es Paulus in Eph. 4, 12.13 zweckdienlich formuliert: »… zur Ausrüstung der Heiligen für das Werk des Dienstes, für die Erbauung des Leibes Christi, bis wir hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zur vollen Mannesreife, zum Vollmaß des Vollwuchses Christi«.
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 2/2000; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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