Die Sonderstellung des Apostels Paulus
Autor: Haake-Kolberg, B. | Kategorie(n): Paulus | 655 x gelesenOberflächlichen Lesern oder nicht vorurteilsfreien Forschern des Neuen Testaments erscheint es als selbstverständlich, dass Paulus nur einer der Apostel ist, der zwar mehr als die anderen gearbeitet hat, sonst aber auf gleicher Stufe und mit gleicher Bedeutung neben den anderen steht, durchaus ihnen gleichwertig. Er predigt ja das selbe Evangelium wie die Judenapostel: Buße, Bekehrung, Vergebung aufgrund der Erlösung Christi, Wiedergeburt, Herstellung des Verlorenen. Zeitlebens hat er sich um Anerkennung seiner Gleichstellung abgemüht.
Gegen diese Anschauung aber lässt sich gar manches einwenden. Wir wollen kein allzu großes Gewicht darauf legen, dass Paulus nicht als Ergänzung des Zwölferkreises vom Herrn berufen wurde, da nach Apg. 2, 14 der Heilige Geist die Zuwahl von Apg. 1, 21-26 göttlich bestätigt hat. Wohl aber zeigt eingehendes Studium der Briefe Pauli erhebliche Unterschiede gegenüber Berufung und Aufgabe der ursprünglichen Jünger des Herrn.
Zunächst sehen wir, dass Paulus mit seinem Evangelium da anfängt, wo gewöhnlich die Judenapostel schließen — bei Kreuzigung, Tod, Auferstehung, Himmelfahrt. Diese verkündigen den siegreichen, herrlichen Heiland als Menschensohn, dem das Gericht und Königreich gegeben ist; er verkündigt Jesum Christum als Gottessohn (2. Kor. 5, 16) und lehnt es ab, ihn “dem Fleische nach” zu “kennen”. In allen Hinweisungen Pauli auf das Leibesleben des Herrn (Gal. 4, 4; Phil. 2, 7.8) ist dieses nur als Voraussetzung und Begründung des Kreuzestodes erwähnt. Auf den Versöhnungstod Christi legt Paulus derart Nachdruck, dass man geradezu von seiner “Bluttheologie” gesprochen und sie als einen Widerspruch zu seiner Theorie von einem leiblosen Geistwesen Christi hingestellt hat, dem jede Erdenfarbe fehle und dem er den Namen Jesus nur lose angeheftet habe. Sicher dürfen wir uns auf ein solches Urteil berufen, wo wir uns anschicken, den Nachweis zu führen, dass Paulus eine andere Berufung als die der Zwölfe empfangen hat.
Ferner finden wir, dass, während die Zwölfe sich nur als Juden fühlen und sich stets an die Fremdlinge, Zerstreuten hin und her, an die zwölf Stämme wenden, Paulus verneint, dass es noch Juden und Heiden gäbe, da nur noch “ein Mensch” in Christo (Eph. 2, 15) zu gelten habe, auf dessen Heranziehung und Ausreifung alle menschliche und göttliche Arbeit gerichtet sei. Das wurde allseitig als etwas grundsätzlich Neues, ja Unerhörtes, empfunden. Die Judaisten bekämpfen es leidenschaftlich als etwas Frevelhaftes, dass die Heiden gleichberechtigt mit den Juden sein, ja ihnen sogar vorgezogen werden sollten; die Judenapostel fügen sich nur zögernd und widerstrebend in die neue Heilsordnung Gottes; und erst 14-17 oder ehr Jahre nach der Bekehrung Pauli, je nach der Zählung von Gal. 1 und 2, wird bei dem Apostelkonzil (Apg. 15) von den Judenaposteln und der Judengemeinde klar erkannt, dass ein neues Zeitalter angebrochen und Paulus im Recht sei mit seiner Verkündigung, Israel sei zur Seite gestellt und jetzt gehe die Sammlung aus den Heiden zur wunderbaren Gemeinde Jesu Christi vor sich. Willig beugen sie sich dieser Erkenntnis, obgleich sie festhalten an ihrer ursprünglichen Berufung, an der Bekehrung Israels zu arbeiten. Nicht die Bekehrung der Heiden an sich, wohl aber deren Annahme vor der Buße und Bekehrung des Volkes Israel war ein Stein des Anstoßes für jüdische Gemüter. Unser Heiland hatte diese Frontveränderung in den Worten von den Ersten und den Letzten angekündigt; und ergreifend kommt sie in der vom Heiligen Geist gefügten Anordnung der neutestamentlichen Schriften dadurch zum Ausdruck, dass nach Apg. 15 die Judengemeinde verschwindet, um der Heidengemeinde Platz zu machen, bis nach deren Entrückung zum Herrn vom Hebräerbrief an bis zur Offenbarung das Werk an Israel wieder aufgenommen werden wird. Dieser Unterschied zwischen Juden- und Heidenaposteln ist so groß, dass er selbst mit der Hornbrille der Theologie wahrgenommen werden musste. Nur hat man ihn kaum anders zu deuten gewusst, als indem man sich zu dem Satze verstieg: nicht Jesus, der große Laie, sei der Schöpfer des Christentums, sondern Paulus, der tatkräftige Theologe.
Endlich können wir uns dem Eindruck nicht verschließen, dass Paulus auf einen Gegensatz hinweisen will, wenn er mit Eifer von “seinem” Evangelium spricht. Zwar kennt er, wie die Judenapostel, das Evangelium der Gnade, der Errettung, des Friedens durch des Lammes Blut, doch er kennt mehr als das — “sein” Evangelium, von dem er sagt: verflucht sei, wer ein anderes verkündige, sei es Engel oder Mensch (Gal. 1, 7-9); er habe es durch Offenbarung Jesu Christi empfangen und seitdem habe er die Berufung, dass Gott in ihm Christus offenbaren wolle (Gal. 1, 12.15.16). Nirgends findet sich bei den Judenaposteln eine solche Sprache. Sie dem Rabbinismus Pauli, seiner mystischen Begriffswelt, der orientalischen Mythologie oder seinem Temperament zuzuschreiben, hieße, die leitende, bewahrende Wirksamkeit des Geistes Gottes zu leugnen. Aber Inhalt und Tragweite “seines” Evangeliums erhärtet, dass seine Behauptung zu Recht besteht. Er kennt ein “Evangelium der Herrlichkeit des glückseligen Gottes” (1. Tim. 1, 11), der mit seinem heiligen Ruf alle, die ihm folgen, “zum Besitz der Herrlichkeit unseres Herrn Jesu Christi” bringen will (2. Thess. 2, 14; 1. Thess. 2, 12), auf dass, wenn dereinst unser herrlicher Herr mit seinen Heiligen und Gläubigen kommen wird, er in ihnen herrlich und wunderbar vor der Welt erscheinen kann (2. Thess. 1, 10.12). Diese Herrlichkeit wird ihnen zuteil, wenn sie zu vollendeter Einheit mit Christo gelangt sind (Joh. 17, 22.23), nachdem sie schon hier auf Erden seine Herrlichkeit geschaut und, fortschreitend von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, in sein Ebenbild verwandelt worden sind (2. Kor. 3, 18). Seiner Berufung zu diesem Herrlichkeitsevangelium (2. Kor. 3) gemäß finden wir bei Paulus das Wort Herrlichkeit sehr oft. Die Hoffnung auf diese zukünftige Herrlichkeit ist sein Ruhm (Röm. 5, 2); sie hilft über dieser Zeit Leiden hinweg (Röm. 8, 17.18); ja die Trübsal wirkt mit an ihrer Hervorbringung zu seiner Zeit (2. Kor. 4, 17). Da wir zu Jesu Christi Königtum und Herrlichkeit berufen sind (2. Thess. 1, 12), mit ihm Thron und Krone teilen sollen als Miterben Christi (Röm. 8, 17), und der ganze Reichtum seiner Herrlichkeit uns zufließen soll (Eph. 3, 16; Phil. 4, 19) wird er selbst die Hoffnung der Herrlichkeit genannt (Kol. 1, 27). In alledem ist der Inhalt unserer Sohnesstellung gegeben (Eph. 1, 5), die in Auferweckung, Verwandlung und Aufnahme der Heiligen in der Versammlung der Gemeinde zu sich (2. Thess. 2, 1), in der Erlösung des Leibes (Röm. 8, 23), in Aufrichtung und Verwaltung seines Königreichs, in Mitregentschaft über Menschen- und Engelwelt zum kräftigen Ausdruck kommen wird. Dass es sich bei alledem um neue, einzigartige Wahrheiten handelt, legt uns Pauli Wort (Eph. 6, 19) von dem “Geheimnis” seines Evangeliums nahe, was von dem Evangelium der Gnade nie gesagt werden könnte, weil von einer Errettung für Juden und Heiden durch das zukünftige Opfer Christi die Propheten — ich erinnere nur an den “Evangelisten” des AT, Jesaja — deutlich genug gesprochen haben. Während die Judenapostel den wiederkehrenden Menschensohn, den Erben des Thrones und Reiches Davids (Luk. 1, 32 f.) zu verkünden hatten, der eine neue soziale Ordnung auf Erden, der eine neue Erde und eine neue Menschheit auf ihr schaffen soll (Matth. 19, 28), hat es Gott gefallen, in Paulus “seinen Sohn”, den ganzen “Christus Gottes” zu offenbaren (Gal. 1, 16). Die Gläubigen des Evangeliumszeitalters sollen demgemäß den Himmel bewohnen und beherrschen, das Zukunftsvolk Israel dagegen die Erde sich untertan machen. Das Evangelium der Gnade zeigt uns die irdische Berufung Israels und der durch es für den Herrn gewonnen Heidenwelt, das Evangelium der Herrlichkeit jedoch die himmlische Berufung der Gemeinde Jesu Christi.
Wenn das bisher Gesagte eine Sonderstellung Pauli erkennen ließ, so verdichtet sich dieser Eindruck geradezu zu einer Überzeugung, wenn wir an zwei Begriffe erinnern, die im NT stark hervortreten, nämlich die vom “Reich” und von der “Gemeinde”.
Der Unterton aller Unterweisungen unsres Herrn war der Gedanke vom Königreich Gottes, welches ist das Königreich Israels. In Übereinstimmung mit Gabriels Zusage an Maria, dass ihrem Erstgeborenen das Königreich seines Vaters Davis zuteil werden sollte, sagt Jesus, dieses Königreich sei im Kommen begriffen, ja in ihm erschienen; die Führer des Volkes lehnen es aber ab und treffen Vorkehrungen, den Königsohn zu töten. Nach einem Strafgericht seines Vaters würde das Königreich willigeren Hörern beschieden werden (Matth. 8, 12; 21, 43), die, obwohl Letzte, in Abrahams Schoß getragen (Luk. 16, 22), während die Ersten (Israel) in äußerste Finsternis hinausgestoßen würden. Von dem Vater in den Himmel zurückgezogen, wie sein König selbst, werde das Königreich ein Königreich des Himmels sein, bis der König mit Kraft und Herrlichkeit zur Erde zurückkehren werde. Über Gestalt und Verlauf des Himmelreichs in der Zwischenzeit zwischen den beiden Kommen Jesu Christi gewährt uns der Herr (Matth. 13) genügenden Aufschluß. Zwar handelte es sich auch hier um ein Geheimnis (Mark. 4, 11), aber die eintretende neue Haushaltung Gottes nach Abbruch der Beziehungen mit Israel, und die spätere restlose Erfüllung aller Gottesverheißungen werden befriedigend angedeutet. Denn nach Matth. 24, 14 wird um die Zeit der Wiederkunft Christi das Evangelium vom Königreich verkündet und seine Auserwählten (Israel) zur Aufrichtung seines Königreichs gesammelt werden. Dass es sich um ein irdisches Königreich mit materiellen Dingen handelt, geht aus dem Herrenwort hervor, er werde alsdann wieder mit seinen Jüngern vom Gewächs des Weinstocks trinken — ein merkwürdiges Wort, das alle drei Synoptiker (Matthäus, Markus, Lukas) bewahrt haben, während Paulus im Gegensatz dazu schreibt: das Königreich Gottes habe mit Essen und Trinken nichts zu tun. Nur nebenbei sei bemerkt, dass es das Königreich der Himmel hauptsächlich mit Israel zu tun hat, während das Königreich Gottes die allgemeine Gottesherrschaft über Erde und Menschheit einschließt.
Während so den Judenaposteln der Gedanke des Königreichs der Himmel (Israels) tief eingeprägt war, sehen wir, wie bei Paulus ein anderer Begriff vorherrschend ist — der der Gemeinde Jesu Christi, der herrlichen Gemeinde, die er so teuer erkauft hat mit seinem Blut und die er so wundersam herrlich schmücken will (Eph. 5, 27.32). Zwar hat schon unser Herr diesen Begriff gebraucht (Matth. 16, 18), doch konnte er bei ihm keinen breiten Raum einnehmen, da ja einem anderen Apostel das sorgsam gehütete Geheimnis enthüllt werden sollte, dass Gott ein Volk aus den Völkern auf den Namen Jesu Christi erwählen werde, ehe das Volk Israel zu Buße und Glauben gelangen würde. Diese Gemeinde ist mit seinem Blut erkauft, mit dem Evangelium der Gnade und Herrlichkeit aus Sünde und Welt herausgerufen, durch Wort und Geist gereinigt und dazu bestimmt, ein vor ihm ohne Fleck und Fehl seinem Vater dargestellt zu werden. Das gilt nicht von Israel, sondern allein von der Herauswahl aus allen Völkern. Wenngleich Paulus (Röm. 11) von Israel schreibt: ganz Israel wird gerettet werden, schlägt er doch von Israel nie solch erhabende Töne an wie von der Gemeinde (z. B. 1. Tim. 3, 16).
Noch eindringlicher und überwältigender tritt derselbe Gedanke in dem Wort vom Leibe Christi in Pauli Briefen entgegen. Dem Apostel Paulus erst ist dieses allen alttestamentlichen Propheten verschwiegene (Röm. 15, 25 f.) Geheimnis offenbart worden (Eph. 3, 1-11), das mit seinem unausforschlichen Reichtum Christi in der kunstvoll verschlungenen Weisheit Gottes selbst der gefallenen Engelwelt Bewunderung abnötigt. Dass nach Israels Bekehrung auch den Heiden der Eintritt in das Königreich Christi gestattet würde, ist von den Propheten unzweideutig vorausgeschaut worden, nicht aber der Ratschluß Gottes, vor Israels Bekehrung aus Juden und Heiden etwas völlig Neues zu schaffen, “die Gemeinde, welche ist sein Leib, die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt” (Eph. 1, 22 f.), so dass jeder Gläubige Glied dieses Leibes, dieses Christus (1. Kor. 12, 12) ist und an dessen Vollzahl und Vollwuchs durch seine ihm eigentümliche Handreichung (Eph. 4, 15.16) mitwirken darf. Dieser Ausdruck ist nicht nur ein anschauliches Bild, sondern lebensvolle Wirklichkeit. Das erhellt wie aus der Häufigkeit des Wortes, so aus der stetig zunehmenden Vertiefung und Verdeutlichung seines Sinnes und dem Zusammenklang mit anderen Worten, wie das von der Gemeinde, von dem Erbteil der Heiligen im Licht, von dem Besitz der Herrlichkeit Christi, dem Mitherrschen mit ihm. Hier tut sich Menschen, die von Natur aus Kinder des Zornes Gottes waren, eine Länge, Breite, Tiefe und Höhe der Liebe Gottes in Christi Jesu auf, die uns zur Anbetung zwingt; und sie kann nur noch größer und heißer werden, wenn uns zugesichert wird, dass selbst Verfehlungen gegen sie die ungetreuen Söhne Gottes nicht um ihr Erbe bringen sollen.
Unsere Untersuchung hat uns somit Schritt um Schritt zu der Erkenntnis getrieben, dass der Apostel Paulus eine Sonderstellung einnimmt. Seine Berufungsgeschichte bestärkt uns darin. Als unzeitige Geburt (1. Kor. 15, 8) sei er vor Israels Bekehrung (Hes. 30, 35-38; Hosea 2, 14-17; Sach. 12, 10 — 13, 6; Röm. 11, 25-27) zum Heidenapostel erkoren worden, als Beispiel für die zukünftige Wiedergeburt seines Volkes (1. Tim. 1, 16). Das konnte er natürlich nur sagen, wenn der Herr selbst es ihm kundgetan hat. Und das ist geschehen; zur Genüge sind wir darüber unterrichtet. Er ist sein auserwähltes Rüstzeug, seinen Namen vor die Heiden zu tragen (Apg. 9, 15; 22, 21), damit sie mit allen Geheiligten Gottes ihr Erbe empfangen sollten (Apg. 26, 18). Sofort nach seiner Bekehrung bewies er den Juden, dass nicht der Christus, ihr Messias, sondern der verworfene und gekreuzigte Jesus von Nazareth Gottes Sohn ist. Denn dass nach Psalm 2 und anderen Stellen des AT Christus Gottes Sohn sei, war dem schriftkundigen Juden gewiß; dass hingegen der von Gott zum Fluch gemachte Jesus der von den Propheten verheißene Christus sei, der noch vor Israels Bekehrung ein Volk aus den Heiden auf seinen Namen annehmen wolle, das musste dem jüdischen Denken als Gotteslästerung erscheinen. So ist denn auch dem Apostel Paulus “sein” Evangelium teuer zu stehen gekommen in der lebenslänglichen Feindschaft nicht nur der Juden, sondern auch eines großen Teiles der Judenchristen.
Als Gegenbeweis gegen unsere Ausführungen darf aber nun nicht etwa ins Feld geführt werden, dass Petrus in der Ausübung seiner Schlüsselgewalt ebenso wie den Juden den Eintritt in das Königreich Christi, so auch mit seiner Heidenpredigt den Heiden den Eintritt in den Leib Christi (Apg. 15, 7) geöffnet hat. Unverkennbar ist doch, dass sowohl er wie auch die anderen Judenapostel und die gesamte Judengemeinde nach Apg. 11, ja sogar noch nach Apg. 15, diese Eröffnung als eine Ausnahme betrachteten. Sie hielten sich für durchaus gebunden, an Israels Volksbekehrung zu arbeiten, als Voraussetzung einer nachfolgenden Völkerbekehrung. Denn die sonst auffällige Unterlassung der Ausführung des Taufbefehls von Matth. 28 seitens der Judenapostel — dieser Name allein schon ist deutliche Sprache genug — ist sicher nicht als Untreue gegen den Herrn, sondern umgekehrt als Beweis ihrer Treue gegen die klar verstandene Weisung des Herrn aufzufassen. Wenn sie auch sehen müssen, dass ihre Arbeit an dem verworfenen Israel erfolglos bleiben wird, so leisten sie doch für die zukünftige Wiedergeburt Israels (Matth. 19, 28) unentbehrliche Dienste.
Umgekehrt aber sind auch die Judenpredigten Pauli kein Gegenbeweis gegen seine besondere Berufung, die Heiden zum Gehorsam des Glaubens zu bringen (Röm. 1, 5) und ihnen den unausforschlichen Reichtum Christi (Eph. 3, 6.8.10) anzubieten. Denn in Röm. 11 hat er das Programm Gottes, die Umkehr der Dinge, in klare Worte gefasst, wie unser Herr selbst sie angedeutet hatte: der Ölbaum ist abgehauen; auf seinem Stumpf sind wider die Natur wilde Zweige eingepfropft; doch kommt die Zeit der Wiedereinpflanzung Israels, wofür Pauli unzeitige Geburt Beweis ist, damit aber auch der Erlöser Israels, der alsdann der Völkerwelt das Heil Gottes bringen wird. In der “Vollzahl der Heiden”, in dem “einen neuen Menschen” nach Eph. 2, 15, haben auch Juden Platz; und schon aus diesem Grund darf Paulus sich ihnen nicht entziehen, ganz abgesehen von seiner verzehrenden Liebe zu ihnen (Röm. 9, 3). Dieser Überrest als Erstlinge Israels bürgt für die Einbringung der vollen Ernte, für die Errettung ganz Israels. So wie jetzt die Glieder des Leibes Christi als der himmlische Same Abrahams (1. Mos. 15, 5; Gal. 3, 29) der geistlichen Segnungen Abrahams (1. Mos. 15, 18) teilhaftig werden, so wird Israel als der natürliche Same Abrahams in zukünftigen Zeiten dir irdischen Segnungen Abrahams erfahren. Israel hat noch eine herrliche Zukunft auf dieser Erde vor sich und mit ihm die gesamte Völkerwelt. Welch wunderbare Verwandlung Israels wird geschehen, wenn es als Volk Gottes nach den furchtbaren Gerichtswehen von Offb. 4-19 zur Wiedergeburt (Matth. 19, 28) gelangt sein wird, da Jesus, auf dem Throne seiner Herrlichkeit sitzend, mit den zwölf Aposteln Israel richten, d. h. regieren wird. Hat Paulus Einblick in diesen Ratschluß Gottes gehabt, woran überhaupt nicht zu zweifeln ist, so ist ganz unbeschadet seiner besonderen Berufung an die Heiden sein tiefes inneres Interesse an dem gegenwärtigen und zukünftigen Ergehen seines Volkes und seine gelegentliche Betätigung zu seinem Volk sehr wohl verständlich (Röm. 9, 1-5; 10, 1; 11, 25-35; Apg. 9, 15).
Paulus kann nicht anders, als den Umriß oder Abriß der gesunden Lehre seines Evangeliums seinen “Söhnen im Evangelium” einzuschärfen (2. Tim. 1, 13; 1. Tim. 6, 13), mit dem Befehl, ihn treuen, zuverlässigen Zeugen weiterzugeben (2. Tim. 2, 2). Nur wer ihn glaubt, begreift und erfasst, wird das Wort der Wahrheit recht zu “teilen” vermögen und von Gott als Arbeiter betrachtet, der sich nicht zu schämen braucht (2. Tim. 2, 15), wie er selbst ja den Anspruch erhebt, den ganzen Rat Gottes verkündigt zu haben (Apg. 20, 27). Mit welchem Erfolg, d. h. Misserfolg, dieses Weitergeben geschehen ist, davon ist die Kirchengeschichte beredter Zeuge. Schon die apostolischen Väter (95-160) wissen in ihren Schriften nichts mehr von dem seligen Geheimnis des Paulus: sie sprechen nicht mehr von der Gemeinde, die der Leib Christi ist, dafür aber viel von der Gemeinde, die die Kirche ist, mit der immer stärker betonten Priesterherrschaft. So konnte um 200 eine abgeschmackte Allegorie des Hermas dem Neuen Testament gleichgestellt werden. Nach dem herrlichen hellsten Aufflammen dieser kostbaren Lehre im Epheser- und Kolosserbrief versank sie in schwärzeste Nacht, nachdem schon Paulus um 63 n. Chr. Im Gefangenschaftsbrief an die Philipper geklagt hatte (2, 21): sie alle suchen das ihre, nicht die Sache, Ehre und Vollendung Christi. (Siehe auch Pauli Abschiedrede an die Ältesten von Ephesus, Apg. 20, 28-32! — Anmerkung des Bearbeiter.) Und wenn wir an die Gegenwart denken, so wird es vielerseits als eine grundstürzende Neuerung, als unerhörte Verkehrung und Verirrung gebrandmarkt, wenn Israel und Gemeinde so geschieden wird, wie es in stets wachsendem Maß in den letzten Jahrzehnten geschehen ist, ohne bei der modernen Art der Verfolgung des neuentdeckten Urevangeliums der Herrlichkeit Christi sich der inneren Verwandtschaft mit der Feindschaft des unbekehrten Saulus gegen Jesus oder der Judaisten gegen Paulus irgendwie bewusst zu sein. —
Wenn wir so den Beweis für die Sonderstellung des Apostels Paulus erbracht zu haben meinen, ist nur eines noch am Schluß unserer Darstellung zu tun. Wir müssen der ernsten Frage ins Auge blicken: Könnte Paulus sich nicht getäuscht haben? Wäre es so ganz ausgeschlossen, dass er Folgerungen seines eigenen Denkens, vielleicht gar Hoffnungen und Erwartungen, die er mit seiner rabbinischen Schulung eingesogen und später selbst weiter ausgebildet hätte oder überhaupt orientalisch-hellenistische Gedankenvorstellungen mit seinem Evangelium so verwoben haben könnte, dass es ihm selbst nicht mehr möglich gewesen wäre zu unterscheiden, was göttlich gegeben und was menschliches Beiwerk war, zumal er ja geflissentlich von den Judenaposteln ferngeblieben ist und sich damit etwaiger Berichtigungen entzogen hat? Wenn auf dem evangelisch-sozialen Kongreß (1912) und bei einer Antrittspredigt in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in dürren Worten Jesus als irrender Mensch erklärt wird, wenn man ihn da als eine Persönlichkeit hinstellt, die zwar trotz aller ihrer Schwachheit ein Hebel in allen fünf Erdteilen geworden sei, vor deren rätselhaftem, unheimlichen Selbstbewusstsein man aber erschrecken und sich fragen müsse, ob es mit Gesundheit und Klarheit des Geistes vereinbar sein könne — wie viel einfacher wird man dann mit Paulus verfahren und seinem Höhenflug der Gedanken betreffs der Gemeinde Jesu Christi als des Leibes des Herrn. Demgegenüber berufen wir uns darauf, dass er seine Worte sehr wohl von denen des Herrn zu unterscheiden weiß (vergl. 1. Kor. 7, 10 mit 7, 12.25; — 14, 37; — 11, 23 mit 15, 3; — 2. Kor. 11, 17; 1. Thess. 4, 15; — 2. Thess. 3, 6 mit 3, 10), womit schon weitestgehende Bürgschaft dafür geleistet ist, dass er nicht seine Geisteserzeugnisse für göttliche Offenbarung ausgegeben haben wird; und ferner darauf, dass er gerade für “sein” Evangelium unsagbar heftige Feindschaft erdulden mußte, die er sich erspart hätte, wenn er sich hätte “wehren” lassen (1. Thess. 2, 16), und dass ihn dieses Evangelium mit zunehmendem Alter immer einsamer machte, weil es die Drangabe des eigenen Ichs mitbrachte (Phil. 2, 21), wozu wir Menschen im allgemeinen nicht willig sind. Wir nehmen wahr, dass dem Apostel Paulus die Offenbarungen wachstümlich gegeben wurden; und diesem Sachverhalt entsprechend gebraucht er z. B. das Wort “Fülle” erst Röm. 5, 17; 15, 29; Eph. 1, 23; 4, 13; 3, 19; Kol. 1, 19.29 sowohl in Bezug auf die Gnade und den Segen des Evangeliums und auf Christus, wie auch in Bezug auf seine Gemeinde, um deren himmlische Berufung in überaus kostbaren und ergreifenden Zügen zu schildern.
Thesen
1. Unser Herr Jesus machte daraus keinen Hehl, dass er zunächst nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt sei und dass seine Jünger die Straße der Heiden meiden sollten. Wohl aber habe er auch noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall seien, die er herzuführen wolle, um einmal eine Herde unter ihm, dem einen guten Hirten, zu haben.
2. In Übereinstimmung mit dieser Reihenfolge, die auch die alttestamentliche ist — erst die Juden und dann die Heiden oder Nichtjuden —, sandte der Herr seine Jünger mit seinem Taufbefehl hinaus in alle Welt, um völkerweise die Menschheit zu ihm zu bekehren, zu retten.
3. Da Voraussetzung für die Völkerbekehrung die Bekehrung Israels war, arbeitete der Jüngerkreis treu und unermüdlich daran, sein Volk zu Jesus zu führen; und nur höchst unwillig und widerstrebend öffnete Petrus mit seinem Schlüssel auch den Heiden vor der Volksbekehrung das Königreich der Himmel, während er in seinem ganzen Verhalten unzweideutig zum Ausdruck bringt, dass diese Zulassung der Heiden zu den Segnungen Israels eine Ausnahme sei.
4. Indes hatte es der Herr in seinen Unterweisungen nicht fehlen lassen an Andeutungen, dass eine neue Ordnung eintreten würde im Zusammenhang mit seiner Verwerfung als Messias. Erste würden Letzte werden: Israel würde in die äußerste Finsternis hinausgestoßen werden, während von allen Weltgegenden her Menschen in Abrahams Schoß getragen, sich an Abrahams Tisch setzen würden. Ja sogar den Namen des Neuen, das erschaffen werde, nennt der Herr Matth. 16, 18.19 in unauffälliger Weise.
5. Als diese Zeit der Zurseitesetzung Israels nach der Verwerfung des Messias in der Steinigung des geisterfüllten Stephanus gekommen war, erwählte sich der Herr in Paulus, dem Totengräber der bisherigen Haushaltung Gottes, ein besonderes Werkzeug, die neue Heilsordnung heraufzuführen, das Zeitalter der Gemeinde Jesu Christi. Damit ein von Israel unvorhergesehener, von keinem Propheten angekündigter, weil bis dahin von Gott verschwiegener Ratschluß zutage: die Erwählung, Herausrufung, Zubereitung und Vollendung einer Christo eigentümlich angehörenden Körperschaft.
6. Das Wesen seiner vom Herrn angekündigten Gemeinde, bringt Paulus in dem Wort vom Leib Christi deutlich zum Ausdruck. Es handelt sich hierin darum, eine Körperschaft von ihm gleichgestellten und gleichgestalteten herrlichen Gottessöhnen zu schaffen, in denen als in den Gliedern seines Leibes sich ungehindert seine Gottesfülle auswirken könne, so dass er selbst in ihnen seine vom Vater gewollte Vollendung finden werde.
7. Diese Glieder seines Leibes sollen sich in unserem Zeitalter des Evangeliums der Herrlichkeit durch den Heiligen Geist im Worte zubereiten lassen für ihre wunderbar hohe Aufgabe, mit dem Herrn Krone und Thron zu teilen, mit ihm nach seiner Wiederkunft in Kraft und Herrlichkeit an der Weltvollendung in Gericht und Gnade zu arbeiten.
8. Die furchtbaren Gerichte der Zukunft über die Menschheit werden zuerst Israel zum Eigentumsvolk Jesu machen — da kommt die Arbeit der Judenapostel zu ihrem vollen Recht und ganzen Erfolg —, und danach die Völker — da tritt die Völkermission des sogenannten Taufbefehls zur ungeschmälerten und ungehemmten Geltung —, so dass zuerst das tausendjährige Königreich Jesu Christi und danach das nie endende Königreich des dreieinigen Gottes aufgerichtet werden kann und wird.
9. Somit ergibt sich, dass Paulus eine Sonderstellung unter den Aposteln einnimmt. Weder ist er die rechtmäßige Nachwahl zur Ergänzung des Zwölferkreises gegenüber der für irrig erklärten Nachwahl durch Petrus, noch ist er eine Verlängerung und Vermehrung des Zwölferkreises oder gar nur der Anfang eines neuen Zwölferkreises, dem wir Menschen noch Elf zugesellen müssten, um die Vollzahl von 24 zu bekommen.
10. Paulus, der Heidenapostel schlechthin, hat für die Zwischenzeit zwischen erstem und zweitem Kommen Jesu Christi seine besondere Stellung und Aufgabe. Ist der Leib Christi in allen seinen Gliedern zur Vollzahl und zum Vollwuchs, zur Vollreife und danach zur Aufnahme zum Herrn und zur vollendeten Einheit mit seinem herrlichen Haupte gelangt, dann ist das dem Paulus anvertraute Evangelium mit allen seinen unsagbar großartigen Zusagen unwiederbringlich dahin und es wird dann zunächst das Evangelium vom Königreich Jesu Christi zur Sammlung und Rettung Israels, sowie alsdann das ewige Evangelium für alle Völker in gesegnete Wirksamkeit treten.
11. Klarheit über Pauli Sonderstellung und Sonderberufung, die für uns bindend sind, gewinnt man, wenn man die ihm anvertrauten Geheimnisse zu erforschen sucht, von denen ich folgende nenne: das des Leibes Christi; das der Gottseligkeit (1. Tim. 3, 16); das der Verwandlung und Entrückung der Gläubigen; das des Menschen der Sünde; das der Beiseitestellung Israels; das des Willens Gottes (Eph. 1, 9.10). Gehen wir noch jenen Stellen nach, die vom Vorsatz, Ratschluß und Plan Gottes reden, so werden wir genügend Aufschluß über “sein” Evangelium gewonnen haben.
12. So wollen wir denn als treue Verwalter göttlicher Geheimnisse (1. Kor. 4, 1) im teuren und köstlichen Worte unseres Gottes anhaltend und immer tiefer forschen, um Meister der Schrift zu werden, die geübte Sinne erlangen, die Zeitalter zu unterscheiden und so das Wort recht zu teilen. “Denn wo du solches tust, so wirst du dich selbst retten und die dich hören” (1. Tim. 4, 16).
(Verfasst 1916)
(Quelle: Mir unbekannt; Schriften Johannes Ullmann)


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