Die Kirche Christi zwischen Weltversöhnung und Weltvollendung
Autor: Heim, Karl, Prof. Dr. | Kategorie(n): Allversöhnung, Erkenntnis & Wesen Gottes, Gemeinde, Völkerschaften | 768 x gelesenWir verstehen das Wesen der Gemeinde (Christi) nicht, wenn wir nur das Gemeinschaftsgebilde für sich ins Auge fassen, das nach dem Pfingstereignis in Jerusalem ins Leben trat und das uns die Apostelgeschichte so anschaulich geschildert hat. Was Gemeinde ist, wird uns vielmehr nur deutlich, wenn wir den Blick von vornherein nicht bloß auf dieses Gemeinschaftsgebilde selbst, sondern auf das Weltganze richten. Denn das Dasein der Gemeinde inmitten der Völkerwelt ist der Ausdruck für einen Zustand, in dem sich die ganze Welt befindet. Der Weltzustand, in dem es Gemeinde gibt, ist der ungelöste Zwischenzustand. Dieser unterscheidet sich von den beiden gelösten Weltzuständen.
Der erste gelöste Zustand ist der, in dem die gottfeindlichen Gewalten volle Freiheit haben, sich ungehemmt zu entfalten, ohne dass ein Gegengewicht da ist. Der zweite gelöste Zustand ist der, in dem alle Gottesfeinde besiegt und “zum Schemel Seiner Füße gelegt sind” (1. Kor. 15, 25), so dass Gott “alles in allem” ist. Der ungelöste Zwischenzustand zeigt sich, wie der Hebräerbrief sagt, darin, dass die Menschen, “deren die Welt nicht wert war”, die also der ganzen Welt an innerem Wert überlegen sind “in Mangel, Trübsal und Ungemach” umhergehen (Hebr. 11, 37f.). Sie sind den gottfeindlichen Gewalten preisgegeben, weil Gott Seine richtende Macht diesen Gewalten gegenüber noch zurückhält. Dieser ungelöste Zwischenzustand hat nur dann einen Sinn, wenn ihm die Bedeutung zukommt, die in einem Musikstück eine ungelöste Dissonanz hat. Diese Dissonanz wäre musikalisch unerträglich, wenn sie den Ausklang des ganzen Musikstückes bildete, also endgültigen Charakter hätte. Die Dissonanz kann nur eine musikalische Notwendigkeit haben als Übergang zur harmonischen Lösung. Sie ist dazu da, die Spannung ins Ungeheure zu steigern, die dann in einem lösenden Akkord aufgehoben wird.
Es hat darum nie eine wirkliche Gemeinde gegeben, der es nur auf ihren eigenen Bestand angekommen wäre. Die Gemeinde trat von Anfang an mit einem Glauben auf, der die ganze Welt umspannte, mit einer heißen Liebe zum Weltganzen und mit einem weltgeschichtlichen Horizont. Ihr ganzes Dasein war von Anfang an auf die Lösung der Weltdissonanz ausgerichtet, also auf die Eroberung der Welt nicht durch die Gemeinde selbst, sondern durch Gott. So war es gemeint, wenn Jesus Seinen Jüngern sagte: “Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das erdreich besitzen” (Matth. 5, 5), und wenn Paulus im Römerbrief sagt: “Wie sollte Er uns mit Ihm nicht alles schenken?” (Röm. 8, 32). Dieser Weltanspruch der Gemeinde ist das, was zu allen Zeiten die Welt mit Recht aufgeregt und zum Widerstand gereizt hat. Denn Gemeinde gibt es nur, wenn Menschen da sind, die mit dem kommenden Endsieg Gottes über alle Widerstände dieser Welt genauso ernst und nüchtern rechnen, wie der Bauer, der die Wintersaat bestellt hat, mitten im Winter mit dem kommenden Frühling rechnet oder wie wir bei einer Nachtwache den bevorstehenden Sonnenaufgang erwarten. Dieser weltumfassenden Zukunftserwartung der Gemeinde gegenüber können wir nur eine doppelte Stellung einnehmen. Entweder wir halten diese Erwartung für eine große, epidemisch um sich greifende Wahnvorstellung — Dann muß alles geschehen, um diese Epidemie auszurotten, die ganze Völker zu befallen droht. Oder dieser Weltanspruch der Gemeinde beruht auf Wahrheit — Dann ist das Dasein dieser kleinen Gemeinde von der Ewigkeit aus gesehen wichtiger als die Macht aller Weltreiche zusammen. Diese Gemeinde ist, wie Jesus im Gleichnis sagt, das winzige Samenkorn, das jetzt in das Erdreich fällt und stirbt, aus dem aber einmal ein Baum herauswachsen wird, der die ganze Welt überschattet. Es würde eine große Erleichterung für uns sein, wenn wir dem harten Entweder-Oder ausweichen dürften, wenn der Endglaube des Neuen Testaments nur ein dialektisches Verhältnis zwischen Zeit und Ewigkeit wäre, das den Gang der Weltgeschichte nicht störte, weil es zu allen Zeiten in gleicher Weise vorhanden wäre. Dadurch wären alle Konflikte mit den Machtgebilden dieser Welt von vornherein vermieden, der Glaube wäre eine reine Sache der Innerlichkeit, die die Kreise der Weltpolitik nicht störte. Aber wir dürfen dem harten Entweder-Oder nicht ausweichen, vor das uns das Neue Testament stellt. Denn wenn die Gemeinde das Ärgernis aufhebt, das sie der Welt geben muß, dann verliert sie auch ihre Salzkraft der Welt gegenüber.
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 1954; Paulus-Verlag; Heilbronn)
Lebensdaten von Karl Heim:
1874 am 20. Januar in Frauenzimmern (Württ.) geboren
1892 - 1896 Studium der evang. Theologie in Tübingen
1897 - 1899 Vikar in Giengen und Crailsheim
1899 - 1902 Reisesekretär der Deutschen Christlichen Studentenvereinigung (DCSV)
1903 - 1914 Inspektor am Schlesischen Konvikt in Halle
1905 Promotion zum Licentiaten der Theologie in Tübingen
1906 Habilitation in Halle
1914 Berufung zum Ordinarius für systematische Theologie in Münster
1916 - 1918 Studentenseelsorger für Kriegsteilnehmer
seit 1920 Professor für systematische Theologie in Tübingen
1939 emeritiert
1958 am 30. August gestorben
Wichtige Veröffentlichungen von Karl Heim:
Das Weltbild der Zukunft (1904)
Der gegenwärtige Stand der Debatte zwischen Theologie und Naturwissenschaft (1908)
Das Gewißheitsproblem in der systematischen Theologie bis zu Schleiermacher (1911)
Glaubensgewißheit (1916, 1920, 1923, 1949)
Gedanken eines Theologen zu Einsteins Relativitätstheorie (1921)
Die Absolutheit des Christentums und die Religionsgeschichte (1923)
Glaube und Leben. Gesammelte Aufsätze und Vorträge (1926)
Der evangelische Glaube und das Denken der Gegenwart; 6 Bände:
- Glaube und Denken (1931, 1934, 1937)
- Jesus der Herr (1935)
- Jesus der Weltvollender (1937)
- Der christliche Gottesglaube und die Naturwissenschaft (1949)
- Die Wandlung im naturwissenschaftlichen Weltbild (1951)
- Weltschöpfung und Weltende (1952)
Zitat von Karl Heim:
Die unermeßliche Erweiterung der Dimensionen des Kosmos, die uns die heutige Naturwissenschaft gebracht hat, schließt uns Menschen alle anderen Wege zu, auf denen man noch in der Zeit des Rationalismus und der spekulativen Philosophie versuchen konnte, das Wesen Gottes durch menschliches Denken zu ergründen und durch menschliche Beobachtung zu erschließen.
So bleibt nur der eine Weg übrig, der für den menschlichen Geist der demütigendste Weg ist, und der doch allein gangbar bleibt, wenn uns alle anderen Zugänge verschlossen sind:
Der Weg über Christus.
(Aus: Versöhnung und Weltvollendung, 1982, S. 10; aus einem Aufsatz “Warum Christus?” von 1949)


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