Die Bedeutung der Auferstehung für unsere geistliche Haltung
Autor: Heck, Hanns | Kategorie(n): Glaubensleben & Wandel, Lehre, Tod & Auferstehung | 710 x gelesen(Nach einem Wortdienst auf der Langensteinbacherhöhe am 06.10.1969 anläßlich der 11. Brüderkonferenz; vom Verfasser überarbeitet)
Meine lieben Geschwister und Freunde!
Vielleicht könnt Ihr ein wenig mitfühlen, daß ich nicht ganz befriedigt war, als ich den Text von 1. Kor. 15, 29-34 für diesen Abenddienst vorgelegt bekam. Er erschien mir als ein etwas “dürrer Knochen” im Vergleich mit den andern Abschnitten dieses Auferstehungskapitels. Nun ist etwas Fleisch, hoffentlich aber auch Geist darum gewachsen. Die Themastellung aus diesem mittleren der 5 Abschnitte liegt mir ja, und zwar deshalb, weil ich wünsche, daß alles, was ich in der Bibel lese, sich im praktischen Alltag bei mir auswirken möchte. Das ist meine Bitte und meine Haltung.
Das Kernstück des Evangeliums
Man spricht im Alltag von dem Kernstück einer Sache. Das wäre beim Photoapparat die Linse, beim Auto der Motor und bei der Lokomotive der Dampfkessel. Was wäre das schönste Auto in Chrom und Silber ohne Motor?
Das Kernstück des Christentums ist die Auferstehung. In Apostelgeschichte 17, 18 verkündigt Paulus das Evangelium der Person Jesu und von dieser Person wiederum als wichtigste Wirkung nicht etwa die Liebe, Seine Geduld u. ä. m., sondern die Auferstehung. Durch diese Tatsache wurde Seine Person so beglaubigt (Röm. 1, 4), daß Er von sich sagen konnte: “Ich bin die Auferstehung und das Leben” (Joh. 11, 25).
Wo dieses Hauptthema verkündigt wird, gibt es Entscheidungen. Wir sehen solche Wirkungen im 32. bis 34. Vers des obengenannten Kapitels. Aufgrund der Verkündigung von der Auferstehung scheiden sich die Zuhörer in 3 Gruppen:
- Die Spötter. Das ist die billigste Äußerung zu einer Sache.
- Die Unaufrichtigen, die sich selbst betrügen, die Paulus gar nicht mehr hören wollten, obwohl sie so sagten. Sie hatten nicht den Mut zu einer Absage. Das hat der Apostel sofort durchschaut und vereinbarte deshalb mit ihnen keinen Termin, sondern ließ sie einfach stehen.
- Die Verlangenden, die sich ihm sofort “anklebten”, weil sie das “Heute” Gottes als ernsthaftes Angebot realisierten.
Wenn wir nicht zur dritten Gruppe der “Auferstehenden” gehören, dann kommt für uns eine dreifache Fehlanzeige in unserem Auferstehungskapitel (1. Kor. 15) in Betracht, und zwar ist unser Glaube
- ein Scheinglaube (Vers 2 = “vergeblich”), wenn wir in unserer Alltagspraxis an der Verwirklichung der Verkündigung der Auferweckung (Vers 4) nicht unbedingt festhalten,
- ein “leerer” Glaube (Vers 14 = “vergeblich”), wie eine Prunkvase ohne Blumen oder eine Rose ohne Duft, und
- ist unser Glaube “vergebliche Liebesmühe” (Vers 17 = “eitel”), d. h. alle Anstrengungen für das Reich Gottes, alle Konferenzen, alles Hören und Lesen des Wortes Gottes, all unser Kämpfen und Bemühen, hier unten als Gotteskinder ein entsprechendes Leben zu führen, sind fruchtlose Anstrengungen.
Das Mittelstück des Auferstehungskapitels (Verse 29-34)
Der mir zugeteilte 3. Abschnitt ist der mittlere der (nach Elberfeld) vorhandenen 5 Abschnitte. Stellen wir uns diese 5 Abschnitte in Form einer fünfteiligen, an beiden Enden aufgehängten Kette vor, dann hängt der mittlere Kettenabschnitt am tiefsten durch. Hier wechseln auch die Richtungen: Die Kette kommt von oben herab und geht vom tiefsten Punkt aus wieder nach oben. Sollte uns gerade dieser Abschnitt den Tiefpunkt, aber auch das Wesen der Auferstehung in der Richtungsänderung der Gesinnung, der Hinauferneuerung (Röm. 12, 2 und Eph. 4, 23 wörtl.) vielleicht am deutlichsten zeigen? Um das zu erkennen, wollen wir ihn in die 4 andern Abschnitte einordnen:
Der 1. Abschnitt (Verse 1-19) schenkt uns im Rückblick auf die geschichtliche Tatsache der Auferstehung Jesu eine Hilfe, daß es eine Auferstehung gibt, weil es eben eine gab.
Der 2. Abschnitt (Verse 20-28) will uns durch die eschatologische (= Endzeit-) Schau der Gruppenauferstehungen den Hoffnungsblick nach vorn stärken, während uns
der 4. Abschnitt (Verse 35-50) Andeutungen über die Art der Auferstehung (Vers 35 = “wie”?) gibt und
der 5. Abschnitt (Verse 51-58) ein wenig den Schleier über den Akt der Auferstehung lüftet.
Wenn die beiden letzten Abschnitte uns auch etwas mehr Wissenswertes über die Auferstehung vermitteln (was für die Alltagspraxis auch wertvoll sein kann), so geben uns die beiden ersten Abschnitte stärkere Antriebs- und Zugimpulse für unser persönliches Leben. Inmitten dieser 4 “Rahmenaussagen” finden wir im dritten, dem Mittelabschnitt:
Die Ethik der Auferstehung
Diese praktische Bewertung will ich einfach anhand des Wortes “Auferstehung” zu erklären versuchen, vorher aber noch den 29. Vers für unsere Betrachtung ausklammern: Schon im 17. Jahrhundert zählt ein berühmter Schriftausleger 23 verschiedene Auffassungen für die dort verzeichnete Tatsache auf, zu der ich nicht noch eine 24. hinzufügen möchte. Die andern Verse dieses Abschnittes sind für uns viel wichtiger. Was heißt Auf-er-stehung?
Wir haben 3 Worte bzw. Silben. Ich beginne mit dem Wort der vorerst stärksten Aussage: 1. Stehen. Das Stehen ist ja ein positiver Begriff in unserer Sprachgebung. Erklären wir es uns am negativen Beispiel: Wir sagen nie: “Es steht, sondern es liegt etwas im Argen, es liegt etwas in der Luft”. Im Alten Testament heißen die Toten auch die “Hingestreckten”, die “Schlaffen”, die “Schatten” (Ps. 88, 10 Anmerkung). Umgekehrt sagen wir auch nicht: “Es liegt, sondern es steht mir etwas vor der Seele”. Man spricht auch von “standhaften”, “standfesten” Leuten, die nicht einen “Liege-”, sondern einen “Standpunkt” haben. Im biblischen Zeugnis lesen wir: “Er gebot und es stand da” und “nach Deinen Verordnungen stehen sie da” (Ps. 33, 9 und 119, 91a).
Im Griechischen gibt es zwei Ausdrücke für “stehen”. Der eine bedeutet mehr: “Ich stelle jemand auf die Beine”, damit er Haltung und Benehmen annimmt. Da merken wir schon eines: Auferstehen bedeutet Haltung annehmen. Das zweite Wort geht mehr in Richtung des “vollzogenen Stellens”, also des “Stehens”. Aus diesem Wort ist das Wort “Ordnung” entstanden. Ein Auferstandener ist also einer, der Haltung annimmt, um sich in das, was von Gott gegeben ist, einzuordnen. Was ist denn von Gott gegeben? In 1. Kor. 14, 33 lesen wir, daß Gott nicht ein Gott der Unordnung (a-kata-stasia), sondern des Friedens ist. Wenn das “a” die Verneinung darstellt (wie unser deutsches kundig — unkundig, gelernt — ungelernt), “kata” = “von oben herab” bedeutet und aus der “stasia” unser deutsches Lehnwort “Statik” = “Gleichgewicht” geworden ist, dann will uns Gott durch Seine von oben kommenden Ordnungen ins Gleichgewicht bringen. Der heutige Mensch, besonders der junge, wird mit den göttlichen Ordnungen kaum mehr bekannt gemacht. Er weiß etwas von einer Wirtschaftsordnung, einer demokratischen Ordnung usw., die Ordnungsweisheit, “die von oben herab kommt” (Jak. 3, 17), aber kennt er kaum mehr. Deshalb geraten auch die angestrebten menschlichen Ordnungen (Autorität, Gehorsam) immer mehr in Unordnung, so daß Gott einmal alles, was der Feind umgeworfen hat, wieder “aufstellen” muß (”apo-kata-stasis” = “Wegnehmen vom liegenden Zustand und von oben her wieder ins Gleichgewicht bringen”, Apg. 3, 21).
Von der bloßen Kenntnisnahme zur Lebensänderung!
Nach diesen grundlegenden Ausführungen wollen wir wieder zu unserem Text zurückkehren, der uns besonders im 34. Vers als etwas unzusammenhängend mit unserem Thema erscheint. Ich lese etwas wörtlicher: “Werdet herausernüchtert zu dem, was recht (oder gerade) ist und verfehlet das Ziel nicht, denn etliche sind in Unwissenheit über Gott, zur Beschämung sage ich’s euch”. Nüchtern bedeutet bei uns, nicht viel gegessen zu haben. Wenn man viel ißt, schläft man ein, denn “ein voller Bauch studiert nicht gern”. In der Bibel bedeutet nüchtern tatsächlich, nicht eingeschlafen zu sein, so daß wir einen Zusammenhang zwischen der uns geläufigen Bedeutung und der biblischen Aussage haben. Was ist denn das Ziel, über dem wir nicht einschlafen sollen? Sind es allein die von oben herab gekommenen Anordnungen und Äußerungen Gottes? Die könnten wir ja zur Kenntnis nehmen, uns “auf die andere Seite drehen und weiterschlafen”. Wir merken, daß die bloße Kenntnisnahme noch keine Änderung unseres Lebens bewirkt, denn: “Durch Worte wird ein Knecht nicht zurechtgewiesen, denn er versteht, aber er folgt nicht” (Spr. 29, 19). Da braucht man noch die Auferstehungskraft dazu. Jesus sagt einmal zu den Sadduzäern, welche bekanntlich die Auferstehung leugneten (Matth. 22, 32b): “Gott ist nicht ein Gott der Toten (die halb schlafend zur Kenntnis nehmen), sondern der Lebendigen” — es muß einmal von der vieljährigen Kenntnisnahme des Wortes Gottes zum Auferstehen in dieses Wort hinein kommen. Wenn wir das jahre- und jahrzehntelang nicht tun, dann machen wir uns nach Hebr. 3, 12 Mühe (wörtl. für “böse”), indem wir den lebendigen Gott in die Ecke stellen. Dann reden wir eben rein formal von einem Gott (2. Tim. 3, 5), besingen Ihn zwei- und mehrstimmig mit Kantaten und Chorälen und haben nie einen lebendigen Gott, der aus den Toten aufzuerwecken vermöge. Wie sieht unser Choral aus? Kommt er aus dem Erlebnis? Oder haben wir einen “lieben” Gott, der uns zur Einrahmung unseres Alltags tröstliche Worte von oben gesagt hat, an denen wir uns erfreuen, uns begeistern, und merken nicht, daß wir trotz aller schönen Worte Liegengebliebene und nicht Stehende, Auferstandene, sind? Wir kommen zum nächsten Wort am Anfang des Gesamtwortes. Es heißt: auf.
Von Gott verordnete Gegensätze
2. Auf. Warum sagt denn jetzt niemand von meinen Zuhörern zu mir: “Bruder Heck, stehe auf!”? Ganz einfach: weil ich schon stehe. Wenn ich vor Euch sitzen würde, wäre diese Aufforderung gerechtfertigt. Wir merken also: Das Aufstehen ist eine Reaktion auf die gegenteilige Aktion, das Sitzen oder gar das Liegen. Das erscheint uns als Umweg, denn wir wollen die göttlichen Verheißungen zu gerne auf dem kürzesten, dem geraden Weg, erreichen, strengen uns, wenn wir es ehrlich meinen, ungeheuer an, etwas lieb, freudig, friedlich usw. zu sein und bringen es in eigener Kraft nur eine Zeitlang oder gekünstelt fertig. Genauso ging es dem auserwählten Volk, von dem Paulus in Röm. 9, 30 sagt: “Was wollen wir nun sagen (für eine Tatsache aufstellen)? Daß die Nationen, die nicht nach Gerechtigkeit strebten, diese Gerechtigkeit erlangt haben …, Israel aber dieser Gerechtigkeit nachjagend, nicht dazu gekommen ist (Vers 31) … Ich gebe ihnen sogar das Zeugnis, daß sie Eifer für Gott haben, aber nicht nach Erkenntnis” (Röm. 10, 2). — Ich fahre seit über 7 Jahren z. T. in 50 Minuten von Stuttgart nach Langensteinbach, kann aber bei solcher Geschwindigkeit weder links noch rechts von der Autobahn etwas Genaues sehen. Da müßte ich schon viel langsamer fahren. Genauso wollte Israel in rasender Geschwindigkeit ohne Aufenthalt mitten ins Ziel hineintreffen, in die göttliche Gerechtigkeit. Da muß uns Gott schon “Motorschaden” bescheren, damit wir im Stillestehen (Jes. 30, 15-16) die wichtigste Person und Kraft an der Seite unserer “Autobahn” bemerken können. Das ist Christus, die Weisheit, die von oben kommt (1. Kor. 1, 30). Man sieht diese Person, die Weisheit Gottes, nur an der Seite der Tore (Spr. 8, 1-3a), wenn man zum Stillstand gekommen ist. Diese Weisheit ist aufs erste “keusch”, d. h. “zurückhaltend” (Jak. 3, 17a wörtl.), denn sie ist auch Liebe, und Liebe zwingt nicht. Unser “Lebensauto” aber kommt nur dann flott voran, wenn es im Stillestehn an der richtigen Tankstelle zum vollständigen Halten kam, und da erkennen wir ein ganz großes göttliches Arbeits- und Erziehungsprinzip: Leben = Bewegung entsteht aus dem Spannungsunterschied der Gegensätze: Wasser fließt nur von oben nach unten, Wind (auch geistlicher Wind!) kommt von einer Hoch- und Tiefdruckzone, die Gegensätze in den Schwingungen der Farbe und Töne bringen lebendige Eindrücke hervor usw. Genauso ist es im geistlichen Leben: Wer zur Höhe will, muß die Tiefe erleiden, Ruhe lernt man aus der Unruhe heraus schätzen, und göttliche Ziele werden erst auf dem Boden unserer Unfähigkeit anziehend und begehrenswert. So singen wir ja auch:
Licht nach dem Dunkel,
Friede nach Streit,
Jubel nach Tränen,
Wonne nach Leid,
Sonne nach Regen,
Lust nach der Last,
nach der Ermüdung selige Rast.
Ohne Schwachheit keine göttliche Kraft
Das ist paulinische Botschaft, z. B. in 2. Kor. 4, 6: “Denn der Gott, der aus Finsternis heraus Licht leuchten hieß”, oder im größten Personalgeheimnis der Bibel, das die wenigsten Gotteskinder wirklich verstehen, in 2. Kor. 12, 9: “… (Bewegungs-)Kraft wird in Schwachheit ans Ziel gebracht”. Daraus verstehen wir dann auch das folgende Wort: “Daher will ich am allerliebsten mich vielmehr meiner Schwachheit rühmen, auf daß die Kraft Christi über mir ihr Zelt aufschlage. Deshalb habe ich Wohlgefallen (d. h. ich sehe es als gut an, wenn ich bin) in Schwachheiten, in Schmähungen, in Nöten, in Verfolgungen, in Ängsten für Christum; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark” (Verse 9b-10). Und noch eine Ergänzung zu diesem großen Geheimnis finden wir in Hebr. 11, 34. Da heißt es mitten in diesem Vers (wörtl.) : “… die von der Schwachheit hinweg Kraft gewannen”. Im Menschen war also die Schwachheit einfach da. Aber die Kraft Gottes war ebenso da. Wie kommt man denn von seiner eigenen Schwachheit zur göttlichen Kraft? Da fangen dann die meisten Gotteskinder an, den Himmel mit ihren Bitten zu stürmen, bitten womöglich um die Kraft, die schon längst da ist, und meinen nun, der liebe Gott würde ihnen von oben eine Kraftspritze, bei mangelnder Liebe eine Liebesspritze, Freudenspritze usw. verpassen, daß sie dann in Kraft und Liebe und Freude “auffahren können wie auf Adlersflügeln” — und sie merken, daß sie weder kräftiger noch liebesfähiger noch freudiger geworden sind. Ja, wie komme ich denn aber von meiner Schwachheit los? In Hebr. 11, 27 hat sich auch einer aus Ägypten, dem “Kummerland”, entfernt. Wie hat er das gemacht? “Durch Glauben verließ Mose Ägypten und fürchtete die Wut des Königs nicht, denn er hielt standhaft aus, als sähe er den Unsichtbaren”. Hat er IHN tatsächlich gesehen? Äußerlich sicher nicht, aber er hat Ihn innerlich angeschaut, mit Ihm gerechnet. Das dort gebrauchte Wort ist eines, das für die innere Schau benützt wird. Das Geheimnis liegt also darin, daß ich die Stärke nicht direkt ansteuern kann, sondern erst aus der Schwäche heraus, in der ich alles irdische Pulver verschossen habe (wie Paulus bei den Galatern in Kap. 4, 20b), einfach mit Ihm rechnen muß, weil ich anders nicht existieren kann. Dann kann man nachher sagen: “Ich weiß nicht, wie das gekommen ist, wie der Herr mich von der Gefangenschaft meiner eigenen Natur, meiner Unfähigkeit, meiner Schlappheit, meines Nichtwollens löste, ich komme mir vor wie ein Träumender” (Ps. 126, 1-3 u. Apg. 12, 9 u. 11). Dann sagst du: “Wenn man mir vor einem Jahr gesagt hätte, daß ich von dieser und jener Gebundenheit frei werde, dann hätte ich entgegnet: Niemals! Da müßte ein Wunder geschehen”. Das Wunder ist geschehen, aber nicht außerhalb von dir, sondern in dir! Wie die Träumenden! Das klassische Wort über dieses Spannungsfeld von Aktion und Reaktion lesen wir in Phil. 3, 10: “… um Ihn kennenzulernen und die Kraft Seiner Auferstehung …, indem ich Seinem Tode gleichgestaltet werde”. Tod und Auferstehung, das größte Spannungsfeld, das es gibt.
Das öffnet uns jetzt auch das Verständnis für die Verse 30-33 unseres Textes: “Warum sind wir auch jede Stunde in Gefahr? Täglich stehe ich in einem Sterbensprozeß (wenn ich auch über dem, was durch mich bei euch geschehen ist, gerühmt werde). Wenn ich (um es einmal ganz menschlich auszudrücken) mit wilden Tieren in Ephesus gekämpft habe, warum das alles, wenn Tote nicht auferweckt werden? Dann könnten wir statt zu kämpfen uns besser aufs Essen und Trinken verlegen. Laßt euch nicht verführen von denen, die auf diese Weise einen ganz billigen Spannungsausgleich herbeiführen wollen” (nach dem Wort: “Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen”). Bei diesem äußeren Kampf in Ephesus, der Luststadt (Apg. 19, 23 ff.), sehe ich auch die innere Parallele in dem Kampf gegen meine “eigene Luststadt”. Wer sind denn die “wilden Tiere” in mir? In Tit. 1, 12 gibt uns Paulus selbst die Antwort: “Kreter sind immer Lügner, böse, wilde Tiere, faule Bäuche” — und Kreta heißt das “Fleischland”. Wir bleiben solange im “Fleischland”, bis alles “was noch zurückgeblieben ist in unserem Leben, durch alles hindurch klar geworden ist” (Tit. 1, 5). Ephesus ist die Hauptstadt der römischen Provinz Asien, und Asien heißt Sumpfland oder Kotstätte. Haben wir nicht einen Kampf zu führen mit “unseren” wilden Tieren, indem wir sie für Kot achten, auf daß wir Christum gewinnen (Phil. 3, 9)? Das wäre dann die wahre Auferstehung.
Göttliches Erleben
Und nun kommen wir noch zum letzten Teil unseres Wortes “Auferstehung”. Es ist die Silbe 3. er: auf-er-stehen. Sie stellt einen auf mich hinweisenden Ausdruck dar: ich lebe oder ich erlebe, ich kenne oder erkenne, ich ringe oder erringe, ich stehe oder ich erstehe. Es ist die Silbe, die den Akt des Erlebens darstellt. Göttliches Erleben beginnt nach Eph. 4, 22 mit der Erneuerung unseres Denksinnes, indem wir nicht auf das spähen, was unten, sondern auf das, was oben ist (2. Kor. 4, 18). Deshalb lesen wir auch sowohl in Eph. 4, 23 als auch in Röm. 12, 2 (wörtlich) von der Hinauf-Erneuerung unseres Denksinnes. Worin zeigt sie sich? Im Willensentschluß, um der vor uns liegenden Auferstehung willen zuerst den Tiefenweg — nicht resigniert, apathisch, sondern nach Hebr. 12, 2 mit Freuden — zu gehen. Es bedeutet das willige Jasagen zum Hinuntergehen, weil Er dich zur rechten Zeit erhöht (1. Petr. 5, 6). Zwischen diesem Hinab und Hinauf liegt das Risiko einer unbestimmten Wartezeit. In 2. Kor. 4, 10-12 bezeugt der Apostel diese persönliche Einstellung: “… allezeit das Sterben Jesu im Leibe (als Belastung) umhertragend, auf daß auch das Leben Jesu in unserem Leibe offenbar werde. Denn wir, die wir Leben haben, werden allezeit dem Tode überliefert um Jesu willen, auf daß auch das Leben Jesu in unserem sterblichen Fleische offenbar werde. So wirkt denn der Tod in uns (was wirkt er? — Auferstehung!), das Leben aber in euch” (um auf dem scheinbar kürzesten Weg ohne Tiefgang zum göttlichen Ziel zu gelangen). Paulus aber ist willig, den unteren Weg zu gehen, “… indem wir uns in allem erweisen als Gottes Diakone … als Sterbende, und siehe, wir leben; als Gezüchtigte und nicht getötet; als Traurige, aber allezeit uns freuend; als Arme, aber viele reich machend; als nichts habend und alles besitzend” (2. Kor. 6, 4 u. 9-10). Das sind lauter Gegensätze! Was aber sagen wir zu dem in 2. Kor. 8, 2 genannten Spannungsfeld: ” … daß bei großer Drangsalsprüfung die Überströmung ihrer Freude und ihre tiefe Armut übergeströmt ist in den Reichtum ihrer Freigebigkeit”? Aus einem leeren Glas Wasser strömt gleichsam eine ganze Gießkanne voll Wasser über! Wie geht das zu? Im 9. Vers finden wir die Erklärung: “Denn ihr kennet die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, daß Er, da Er reich war, um euretwillen arm wurde, auf daß ihr durch Seine Armut reich würdet”.
Leben aus dem Tode
In Matth. 27, 39 hängt der Herr Jesus am Kreuz. Die Vorübergehenden lästern und schütteln die Köpfe. Das tun sie bis zur heutigen Stunde: Die am wenigsten die Bibel kennen, reißen am weitesten den Mund auf: “Andere hat Er gerettet, Sich selbst kann Er nicht retten. Ist er Israels König, so steige Er jetzt vom Kreuz herab, und wir wollen an Ihn glauben”. Hat Gott Seinem Sohn diese rasche Erfüllung gegeben? Nein! Er mußte drei Tage lang — die Zahl der Vollständigkeit — auf den Beweis von Röm. 1, 4 warten. Was ist leichter: als ein fast Toter 50 cm vom Kreuzespfahl herabzusteigen oder als ein ganz Toter aus der Gruft heraufzukommen? Die Antwort ist uns klar. Gott hat aber Seinen Sohn nicht nur aus dem Grab heraufkommen lassen, um Ihn auf den Erdboden zu stellen, sondern hat Ihn in die Überhimmel hinauf versetzt (Eph. 1, 20-21)! Er hat Ihm also einen stärkeren Beweis gegeben. Er durfte nicht herabsteigen vom Kreuz, sondern hinaufsteigen aus dem Tod ins himmlische vollkommene Leben.
Der Vater gibt uns denselben Beweis (Eph. 1, 19), wenn wir der Welt gegenüber die Behauptung aufstellen, Gotteskinder zu sein. Wie gibt Er ihn? In Kraft (Röm. 1, 4 wörtl. Dynamik = Bewegungskraft). Auferstandene Gotteskinder sind bewegliche Menschen: sie stehen auf aus der Schwachheit in die Kraft, aus der Traurigkeit in die Freude, aus dem Beleidigtsein ins Vergeben, aus der Armut in den Reichtum, aus dem Sterben ins Leben.
Wenn man in der Chemie gewisse Vorgänge beschleunigen will, verwendet man Stoffe, die am chemischen Vorgang nicht teilnehmen, die ihn aber beschleunigen. Solchen Stoff nennt man Katalysator (kata = von oben herab, lyoo = lösen). Der Katalysator, der uns hilft, den ersten Schritt ins Stehen, ins Auferstehen zu tun, ist der Heilige Geist (Röm. 1, 4). Er leitet uns in die ganze Wahrheit (Joh. 16, 13). Was ist diese ganze Wahrheit? Nach Röm. 12, 1 sind wir noch nicht in der ganzen Wahrheit, wenn wir uns mit dem Hören des Wortes begnügen: die Logik unseres irdischen Daseins und Dienstes findet im Ausleben des Gehörten ihren letzten Ausdruck. Wenn wir ein freudiges Ja finden zum “vorübergehenden Leichten unserer Drangsal” (2. Kor. 4, 17), gesellt sich die Freude des Heiligen Geistes hinzu (1. Thess. 1, 6). Erst auf diese Weise werden wir wirkliche “Vorbilder” den Gläubigen, die in Mazedonien (= den Höhen dieses Lebens) und in Achaja (= dem Land des Schmerzes und der Trauer) wandeln.
Ich komme zum Schluß: Im zweiten Abschnitt unseres “Auferstehungskapitels” hören wir von den Ordnungen der Gruppenauferstehung. Wenn wir in Kol. 3, 4 die Tatsache vernehmen, daß wir “mit Ihm geoffenbart werden in Herrlichkeit”, ist es uns klar, daß nur so viel Herrlichkeit geoffenbart werden kann, als wir in unserem Leibesleben nach Röm. 8, 17-18 in uns aufgenommen haben. Im 18. Vers wird nicht nur von “zukünftiger” Herrlichkeit gesprochen, sondern von der Herrlichkeit, “die im Begriff ist, sich (jetzt schon) bis zu uns hin zu enthüllen” (Elberf. Anm. zu Vers 18). Genauso werden wir in die Ordnung der Gruppenauferstehung hineinkommen, gemäß der wir hier unten schon unsern Wandel führten. Möchte sich doch, wie damals Paulus, der Nachahmer, so auch jetzt der wahre Christus freuen dürfen über die Ordnung, in welche wir uns hier unten durch die alltägliche Auferstehung hineinbegeben dürfen (Kol. 2, 5)!
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 2/1970; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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