Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Das Vermächtnis des Apostels Paulus

Autor: Heinisch, Herbert  |  Kategorie(n): Gemeinde, Heilsgeschichte, Paulus, Paulusbriefe  |  799 x gelesen

Eine Auslegung von 2. Timotheus 1, 9.10

Die Verse 2. Tim. 1, 9.10 gewähren uns einen überaus kostbaren Einblick in das ganz heilsgeschichtlich orientierte Denken des Apostels Paulus, in dessen Mittelpunkt Gottes Heilswerk in Christus und die Berufung der Gemeinde steht.

»Gott, der uns rettet und beruft mit heiliger Berufung, nicht nach unseren Werken, sondern nach Seinem eigenen Vorsatz und der Gnade, die uns in Christus Jesus vor äonischen Zeiten gegeben ist, jetzt aber geoffenbart durch die Erscheinung unseres Retters, Christus Jesus, der den Tod zunichte macht, aber Leben und Unverderblichkeit ans Licht bringt durch das Evangelium.«

Von den 27 Schriften, die das Neue Testament bewahrt, legitimieren sich 13 durch ihre namentliche Absenderangabe als Paulusbriefe. Der zeitlich gesehen letzte Brief gilt als das Testament des Apostels, weil er kurz vor seinem Märtyrertod in Rom geschrieben wurde. Letzten Worten eines Menschen wird besonderes Gewicht beigemessen, weshalb man bereits daraus schließen darf, dass dieser letzte Brief des Apostels — der 2. Timotheusbrief — ein Brief von ganz besonderer Bedeutung ist. In der Tat wird man darin das geistliche Vermächtnis des großen Apostels an seinen Schüler Timotheus und damit an die Gemeinde aller späteren Zeiten erkennen dürfen. Paulus war Gefangener Roms. Ein solcher war er wiederholt in seinem Leben des Dienstes für Christus. Seit seiner ersten römischen Gefangenschaft, aus der er wohl im Jahr 63 wieder freigekommen sein mag, sind bereits vier Jahre vergangen. Diesmal besteht keine Aussicht auf Freilassung, weil er, als Staatsfeind angeklagt, sein Todesurteil zu erwarten hat. Der Apostel weiß dies.

Dazu kam, dass das Evangelium in eine Phase ernstester Bewährung eingetreten war. Das Bekenntnis zu Christus bedeutete eine nicht geringe Lebensgefahr. Bei der als sorgfältig bekannten Gerichtspraxis der Römer wird man Menschen aus dem Wirkungsbereich des Apostels — Christen, mit denen er Umgang hatte — im Prozess gegen Paulus als Zeugen geladen haben. Doch hatte man es seitens dieser Geladenen vorgezogen, wie Andeutungen des Briefes erkennen lassen, sich mit einem entlastenden Wort zurückzuhalten, um sich nicht selbst in Lebensgefahr zu bringen. Denn von einem als Unruhestifter Angeklagten sich zurückzuziehen scheint geraten. Die Christenverfolgung unter Nero hatte ihre Spuren hinterlassen; deren Schrecken steckt allen noch in den Gliedern und jeder bangt um sein eigenes Leben.

Zu diesen äußeren Umständen kommen innere Nöte. Der Abfall macht sich in der Gemeinde mehr und mehr breit. Fast überall greifen Verweltlichung, Hang zu Neuerungssüchten, Abneigung gegen die gesunde Lehre und religiöses Gauklertum um sich. Kein Wunder, dass die Zeugniskraft der ersten Begeisterung allmählich schwindet und stattdessen Wortstreitereien wie Verkennung der Autorität der Schrift sich in geistlicher Mutlosigkeit und Verzagtheit dartun. Statt besser ist es schlechter geworden. Schon gibt es mehr Abtrünnige als Getreue.

Dem Apostel steht diese Situation vor Augen, indem ihn die Frage bewegt, wie in Anbetracht dieser notvollen Lage nun das Werk des Herrn Weltergehen soll. Wie, wenn diese Tendenzen zur geltenden Meinung, ja zum Ausdruck eines Lebensstiles werden? Paulus ermisst sehr wohl die Bedeutung des ihm vom Herrn anvertrauten Gutes der gesunden Lehre des Evangeliums. Doch wie soll dieses Bewahrung finden?

Da steht Timotheus, sein vertrautester Schüler und Mitarbeiter, vor seinem inneren Auge. Dieser hat ihn am tiefsten verstanden, denn sein Leben ist ein einziges Zeugnis für Christus, weil er das darstellt, was ihm zum Lebensinhalt geworden ist: das Evangelium. Wem, wenn nicht ihm, wollte er das Werk anvertrauen? Er soll das Werk des Herrn, wie Er es ihm aufgetragen hat, Welterführen, wenn er selbst — Paulus — nicht mehr unter den Lebenden ist.

An ihn, Timotheus, richtet er deshalb einen letzten Brief. Darin legt er, der Apostel, seinem Schüler die ganze Schwere der Verantwortung dar, welche der auf sich nimmt, der sich in den Dienst rufen lässt. In diesem letzten Paulusbrief findet sich so auch der vorangestellte kostbare Aufriss der Norm der Lehre, die der Gemeinde zukommt und die als Richtschnur der gemeindegemäßen Verkündigung zeitlose Geltung hat.

Die Verse 2. Tim. 1, 9.10 machen nun dies deutlich, dass Verkündigung in der Gemeinde im Verständnis des Neuen Testaments stets der heilsgeschichtlichen Orientierung bedarf, ja dass sie sich an dem Muster, das Paulus hier bietet, auf ihre Legitimität prüfen lassen muss. Paulus hat diesen Aufriss der Grundzüge der Lehre sicher deshalb festgehalten, um jeder Aufweichung und jedem Substanzverlust — nicht zuletzt auch in unseren Tagen — zu begegnen. Denn, vergessen wir nicht, der 2. Timotheusbrief ist ein prophetischer Brief, der damals vorausverkündete, was sich später in der Kirchengeschichte in erschreckender Weise erfüllen sollte.

Die Kurzfassung der Lehre des Apostels in 2. Tim. 1, 9.10 ist formal gesehen in drei Relativsätzen aufgebaut; sie beziehen sich

  • auf Gott,
  • auf die Gnade
  • und auf Christus Jesus.

So wollen wir im Folgenden von dieser Dreiheit ausgehen.

1. Gottes heilsgeschichtliches Grundanliegen ist die Verwirklichung Seines Rettungswerkes. Unter diesem Gesichtspunkt beruft Er die Gemeinde ohne Bedingung von Vorleistungen.

1. a) Das Rettungswerk Gottes: »Der uns rettet …«

An den Anfang seiner Darstellung setzt Paulus das Zeugnis von Gott in Seiner Eigenschaft als Retter. Damit spricht er sich über das Grundanliegen der Bibel aus. In der Bibel geht alles darum, uns zu sagen, dass Gott rettet und wie Gott rettet.

Die Bibel verkündet, dass Gott rettet. Es geht darum, eine Welt der Gottesferne und Todverfallenheit, die ihrer Bestimmung entfremdet ist, wieder heil zu machen — zu retten —, um sie ihrer gottgewollten Bestimmung zuzuführen. Das griechische Wort, das wir in unseren Übersetzungen mit »retten« wiedergegeben finden (soozoo), meint einen Zustand des Heilseins oder Unversehrtseins. Aber damit es zu diesem Zustand kommen kann, ist ein Akt der Rettung notwendig, wodurch ein dem Unheil und Tod Preisgegebener seiner Heillosigkeit entrissen wird. — Wenn also die Heilige Schrift von Rettung redet, sind beide Bedeutungen des griechischen Ausdrucks angesprochen, das Retten als Akt und das Gerettetsein als Zustand.

Gottes Rettungswerk ist der erste Hauptpunkt apostolischer und damit biblischer Lehre. Rettung und Heil sind ein und dasselbe, und Heilsgeschichte ist die in der Bibel begründete Darstellung des Prozesses, wie Gott es macht, dass der Mensch — aus dem Zustand der Entstellung als »Bild Gottes« heraus — wieder so wird, wie Gott den Menschen ursprünglich meinte. Darum geht im Grunde alles.

Eine Frage legt sich nun nahe, die nach dem Heilsumfang: Wie Welt reicht Gottes Rettungswerk? Die Heilige Schrift lässt darüber keinen Zweifel, indem sie Gott den »Retter aller Menschen« nennt (1. Tim. 4, 10). Alle Menschen zu retten, ist das Heilsziel Gottes mit einer dem Verlorensein und der Erlösungsbedürftigkeit preisgegebenen Welt. Die Stelle 1. Tim. 4, 10 will aus ihrem Zusammenhang heraus verstanden werden. Sie lautet so: »Das Wort ist gewiss und aller Annahme wert; denn für dieses arbeiten wir und werden geschmäht, weil wir auf einen lebendigen Gott hoffen, der ein Retter aller Menschen ist, am meisten (besonders, vorzugsweise) der Gläubigen.« Diese Stelle bietet Aufschluss darüber, wie Gott rettet. Gott rettet alle, wobei Gläubigen der Vorzug zukommt. — Was versteht die Heilige Schrift unter »Gläubigen«? Wann ist ein Mensch als gläubig im biblischen Sinn anzusprechen? Wie wird man gläubig?

Glaube wird meist als menschliche Leistung verstanden, aber das ist biblischer Glaube nicht. Biblischer Glaube meint das Leben des Christus in uns — dass Er, weil Er in uns lebt, in uns und für uns glaubt. Das heißt: Glaube ist Sein Gnadenwirken in uns.

Nach Kol. 2, 12 ist Glaube wirksame Kraft Gottes. In Apg. 15, 9 heißt es, dass Gott durch den Glauben Herzen reinigt, und der Römerbrief hält fest, dass Glaube rechtfertigt (Röm. 5, 1), das heißt, dass er Menschen so macht, dass sie vor Gott dastehen, als hätten sie niemals gesündigt.

Darin drückt sich das Wesen unserer Rettung aus. Glaube aber hat immer Buße, d. h. Abkehr vom alten Leben der Sünde, zur Voraussetzung. In Mark. 1, 15 wird als Ansatz der Predigt Jesu berichtet: »Tut Buße (sinnet um) und glaubt dem Evangelium!« Niemand kann deshalb im Sinne der Schrift glauben, um gerettet zu werden, es sei denn, er habe zuvor Gottes Ruf zur Umsinnung (Sinnesänderung, Buße) vernommen und ihm in Entschiedenheit Folge geleistet.

Gott wird zuletzt Sein Ziel der Errettung aller erreichen, davon ist Paulus zutiefst überzeugt, aber zuvor — vorzugsweise — rettet Er die Gläubigen. Warum handelt Gott so? Weil Er durch sie — als solche, die zur Heilskörperschaft des Christus gehören — Seine Heilsabsicht verwirklichen will, alle zu retten (2. Kor. 1, 20; Eph. 1, 9-14).

Es ist deshalb bezeichnend, dass im Blickwinkel unserer Stelle 2. Tim. 1, 9 die Gemeinde liegt; darum wird hier zuerst Gottes Heilshandeln an den jetzt Glaubenden beschrieben: »Gott, der uns rettet«. Dieser Prozess der Rettung vollzieht sich fort und fort bis hin zur Vollendung.

1. b) Die heilige Berufung der Gemeinde: »… und uns beruft mit heiliger Berufung«

Damit Gott mit Seiner Absicht, alle zu retten, ans Ziel kommt, bedient Er sich der Gemeinde des Leibes des Christus. Dies ist der zweite Aspekt, den der Apostel in der Darstellung seiner Lehre anführt. Was meint Paulus mit »heiliger Berufung«?

Da ist zunächst der Begriff der Berufung. Dieser hat es im Grundsatz mit einem Ruf zu tun, der von jemand ausgeht, der gehört und befolgt wird. Andererseits aber ist mit Berufung auch ein Beruf verbunden, den auszuüben jemand gerufen ist. Beide Gesichtspunkte sind wesentlich, um zu erfassen, was Paulus an unserer Stelle sagen will. Zunächst verbindet sich hier »Berufung« mit der Herausberufung der Gemeinde als »ekklesia«, womit deren Wesen als Herausgerufene bezeichnet ist, dann aber auch mit ihrer heilsgeschichtlichen Aufgabe, zu der sie jetzt zubereitet wird. Berufung ist nicht bedingungslose Heilssicherheit, wohl aber gründet sie in der Erwählung zu einem Heilsberuf, in dem es sich zu bewähren gilt.

Denn erfahrungsgemäß kann man seinen Beruf auch verfehlen. Deshalb mahnt Petrus in seinem 2. Brief (1, 10): »Brüder, befleißigt euch umso mehr, eure Berufung und Erwählung festzumachen …« Wie diese Stelle erkennen lässt, korrespondiert der Begriff der Berufung mit dem der Erwählung. Man wird auch beachten dürfen, dass »Berufung« im biblischen Zeugnis der umfassendere Begriff ist, der den der »Erwählung« einschließt.

In der Vielzahl der Berufungen, von denen die Heilige Schrift weiß, nimmt im Heilsplan Gottes die der Gemeinde eine Vorzugsstellung ein, denn sie ist Berufung »in die Gemeinschaft Seines Sohnes« (1. Kor. 1, 9). Gemeinschaft (griech. koinoonia) aber meint — anders als metochä = Teilhaberschaft — Einssein. So ist die Berufung der Gemeinde etwas unfassbar Großes und Herrliches.

Wir erahnen den Anspruch des Begriffes der Berufung der Gemeinde, wenn wir die Motivierung, wie sie das Neue Testament entfaltet, in Betracht ziehen. Demnach ist die Gemeinde berufen

  • in Seine ewige Herrlichkeit (1. Petr. 3, 10),
  • in Frieden (1. Kor. 7, 15),
  • in Sein wunderbares Licht (1. Petr. 2, 9),
  • in Sein Königreich und Seine Herrlichkeit (1. Thess. 2, 12),
  • zur Freiheit (Gal. 6, 13),
  • zum ewigen Leben (1. Tim. 6, 12),
  • in Hoffnung (Eph. 1, 18; 4, 4),
  • in die Einheit des Leibes Christi (Kol. 3, 15).

Die angeführten Stellen machen deutlich, dass es sich schwerpunktmäßig um Heilsgüter handelt, die noch in der Zukunft liegen. Deshalb betet der Apostel im Epheserbrief darum, Gott möge den Lesern erleuchtete Herzensaugen schenken, damit sie wissen, was die »Hoffnung Seiner Berufung« ist (Eph. 1, 18). Seine Berufung aber ist nichts Geringeres als die Rettung des Kosmos (Joh. 4, 42).

Um die Berufung der Gemeinde in ihrem Wesen zu kennzeichnen, betont das Neue Testament, dass sie himmlischer Art ist (Hebr. 3, 1; Phil. 3, 20). Paulus versteht als das Ziel seines Einsatzes »den Kampfpreis der Berufung Gottes nach oben in Christus Jesus« (Phil. 3, 14). Dieser Berufung würdig zu wandeln, ist für den Glaubenden — als »in Heiligkeit berufen« (1. Thess. 4 ,7) — heilige Verpflichtung.

Deshalb wird man die Aussage unseres Textes, dass Gott uns mit heiliger Berufung beruft, als Zusammenfassung alles dessen verstehen dürfen, was die Verkündigung der Apostel über unsere Berufung zu sagen weiß. Das Unerhörte, was Paulus hiermit zum Ausdruck bringt, wird erkennbar, wenn man die Bedeutung des Wortes »heilig« (griech. hagios) bedenkt. Mit hagios verbindet sich die Vorstellung von »anders sein« im Sinn von »abgesondert sein«. Heilig ist Gott, weil Er ganz anders ist als die Welt. Heilige Menschen sind Abgesonderte für Gott, also Gott Geweihte. Als solche bezeichnet Paulus immer wieder die Empfänger seiner Briefe an die Römer, Epheser, Philipper und Kolosser. Was berechtigt den Apostel zu einer derart anspruchsvollen Bezeichnung? Die Antwort kann nur sein: die Tatsache, dass Gott an diesen Menschen gehandelt hat, indem Er sie für Sich absonderte, heiligte, damit sie in Seine heilige Gegenwart passen; Er will sie zur Verfügung haben als solche, die Ihm als »Ausführungsorgan« Seiner Heils- und Liebesgedanken brauchbar sind.

Dass sich Gott zu dieser universalen Mission nicht die Großen der Welt, sondern »was nichts ist vor der Welt« erwählt und beruft (1. Kor. 1, 26-28), lässt uns einen Blick tun in Seine Wesensart, in der Er sich mit Vorliebe den Geringen zuwendet, um sich durch sie zu verherrlichen.

Wir sahen, dass die Berufung der Gemeinde mit heiligem Ruf eine zielmäßige Bestimmung hat. Zum anderen aber ist sie stets auch gebunden an Heiligung des Lebens in einem der hohen Berufung würdigen Wandel (Eph. 4, 1).

1. c) Die Unabhängigkeit der Berufung der Gemeinde von Vorleistungen: »… nicht nach unseren Werken«

In der Entfaltung seines Lehrschemas, wie es Paulus hier vorstellt, hat er vom Rettungswerk Gottes und der Berufung der Gemeinde gesprochen. Nun vertieft er das Gesagte, indem er in energischer Abwehr dem Gedanken entgegentritt, dass menschliche Vorleistungen — Werke — etwas dazu beitragen könnten, Gottes heilschaffendes Tun zu beeinflussen. Das Heilshandeln Gottes schließt jedes Verdienst auf der Seite des Menschen aus. Paulus möchte Gottes Freiheit und Überlegenheit ins Licht stellen. Was Gott an der Gemeinde tut, gründet einzig und allein in Seiner Initiative als der Allesbewirkende.

Alles menschliche Bemühen — aus welch edlem Beweggrund auch immer — vermag zum Heil des Glaubenden nichts beizutragen. Der Mensch ist wesensmäßig auf die Gemeinschaft mit dem heiligen Gott angelegt. Nur in Ihm findet er die Sinnerfüllung seines Lebens. Aber diese erreicht er niemals durch eigene, noch so gut gemeinte Anstrengung, sondern nur durch Beugung unter die Freiheit des göttlichen Retterwillens, als der göttlichen Vorgabe seines Heils.

2. Das göttliche Heilsprinzip im Blick auf die Gemeinde ist Gnade, die in einer vorzeitlichen Gabe Gottes ihren Grund hat und jetzt — in der Erscheinung unseres Retters Christus Jesus — geoffenbart worden ist.

2. a) Der Vorsatz Gottes: »… nach Seinem eigenen Vorsatz und der Gnade, die uns in Christus Jesus vor äonischen Zeiten gegeben ist«

Die Botschaft des Apostels versteht sich als eine einzige Kunde des Heiles Gottes in Christus Jesus. Im Aufriss seiner Heilslehre in 2. Tim. 1, 9.10 hat Paulus bisher deutlich werden lassen, dass dieses Heil, das Gott der Gemeinde schenkt, einzig Gottes persönliche Sache ist, die unbeeinflusst durch jedes menschliche Werk dasteht. Warum das so ist, führt er nun im Folgenden aus: Weil Sein Tun an der Gemeinde bis in die vorweltliche Ewigkeit zurückreicht, als Gott, der selber ohne Anfang ist, im Sohn einen Anfang setzte — einen Anfang im Blick auf eine Körperschaft, die zu Seinem Sohn gehören solle. Diese göttliche Idee, Geschöpfe ins Leben zu rufen, deren Haupt der Sohn ist, ist Gottes ganz private Angelegenheit, es ist die Idee der Gemeinde des Christusleibes.

Davon spricht nun der Apostel im Folgenden. Wenn Gott in Seiner Entscheidungsfreiheit handelte, der kein Geschöpf etwas hinzuzufügen vermag, handelte Er wirklich absolut frei. Das heißt, Er handelte allem geschöpflichen Erwägen überlegen. Was Ihn dabei leitete, waren »Sein eigener Vorsatz und Seine Gnade«. Was bedeuten diese Begriffe?

Vorsatz (prothesis) findet sich im Neuen Testament vornehmlich in zweifacher Bedeutung: einmal im Hinblick auf Gottes vorweltliches Tun, zum anderen als Ausdruck einer menschlichen Absicht im Blick auf eine in der Zukunft liegende — also vorher festgelegte — Aktivität (Apg. 11, 23; 27, 13). Wir müssen bei der Erörterung des Begriffes im Blick auf unsere Stelle von der Grundeinsicht ausgehen, dass alles, was Gott tut — zumal innerhalb Seiner Gemeinde, wie auch in Seiner Schöpfung —, Er im Sohn tut. Der Sohn offenbart den Vater. Deshalb kann von Gott aus nichts zu uns kommen und andererseits von uns aus nichts zu Gott kommen, außer durch den Sohn, den Christus Gottes.

Wenn also an unserer Stelle vom Vorsatz Gottes die Rede ist, ist damit ein Vorgang in Seinem Herzen gemeint, unabhängig von jeder fremden Einflussnahme. Der Apostel spricht also hier die gewaltige, ja unfassliche Tatsache aus, dass im innersten Beweggrund des Herzens Gottes vor aller Zeit die Gemeinde des Neuen Testaments lag.

Ein nicht unwesentlicher Gesichtspunkt des Begriffes »Vorsatz« (prothesis) sollte in diesem Zusammenhang mitbedacht sein, nämlich die Beziehung zu den Schaubroten des alttestamentlichen Gottesdienstes (3. Mose 24, 6.7). Die Schaubrote als Vorlage sind in ihrer Symbolik eine Vorausdarstellung des Christus in Seinem Opfertod, der sich selbst zuerst Gott dem Vater als Hoherpriester und Opfer zugleich darbrachte, um sich als das Lebensbrot Men­schen zu ihrem Heil anzubieten (vgl. Röm. 3, 25). So schließt das Zeugnis vom vorweltlichen Vorsatz Gottes bereits das Zeugnis vom sühnenden Opfertod Seines Sohnes zum Heil der Gemeinde, ja der ganzen Welt (1. Joh. 2, 1), ein.

2. b) Die vorzeitliche Gnade: »… und der Gnade, die uns in Christus Jesus gegeben ist vor äonischen Zeiten«

Aus dem Gesagten soll der innere Zusammenhang zwischen vorzeitlichem Gottesvorsatz und der Gnade deutlich werden. Paulus will offenbar diese beiden Argumente der Gemeindeberufung als Grundsatz ins Licht stellen.

Was meint nun Gnade? Gnade — charis — ist ein wunderbares Wort, das (von seinem Wortstamm her mit Freude verwandt) immer etwas Schönes bedeutet. Gnade versteht sich als Großherzigkeit und als ein unverdientes Sichherabneigen zu Bedürftigen. Gnade, der Grundklang des Evangeliums, meint also die unverdiente Zuwendung von Heil.

An unserer Stelle sind Vorsatz und Gnade als der göttliche Beweggrund der Gemeindeberufung angesprochen. Wir lernen daraus, dass die Heilskörperschaft der Gemeinde des Christusleibes von vornherein im innersten Beweggrund des Herzens Gottes lag und deshalb die heilsgeschichtliche Linie, auf der die Gemeinde ihre Existenz gründet, stets die des göttlichen Vorsatzes und Seiner Gnade ist. Daraus ist unschwer zu folgern, dass die Berufung der Gemeinde auf Gottes vorweltliches Handeln, insbesondere auf das Urverhältnis Vater — Sohn zurückgeht.

Nun wird verständlich, warum Paulus im Hinblick auf die Gemeinde jeden Verdienstgedanken so energisch ausschließt.

Der Apostel merkt eigens an, dass die Begabung der Gemeinde, die dem Vorsatz und der Gnade Gottes entspricht, in Christus Jesus vor den äonischen Zeiten liegt. »In Christus Jesus« drückt die Lebenseinheit mit Ihm aus, wobei bereits der Gehorsamsweg, den der Sohn Gottes in Ergebung in den Willen des Vaters gegangen ist, ins Bewusstsein tritt.

Die Voranstellung des Hoheitstitels Christus vor Seinen menschlichen Namen Jesus fällt auf. Diese Ausdrucksweise erinnert an Phil. 2, 5-8, wo der Sohn Gottes in Seinem Abstieg aus der höchsten Höhe der Gemeinschaft mit dem Vater in einer unvorstellbaren Herrlichkeitsfülle bis in die tiefste Tiefe seiner Erniedrigung — bis »zum Tode aber des Kreuzes« — beschrieben wird. Wenn die Gemeinde mit Ihm eins ist, d. h. schicksalhaft mit Ihm verbunden ist, dann ist sie es auch mit Seinem Weg, der Ihn erst tief hinabführte, bevor Er zur höchsten Herrlichkeit der Inthronisierung zur Rechten des Vaters gelangte.

So ist die Verbundenheit mit Seinem Leben und Leiden Voraussetzung, ja bereits Beginn jener Anteilhabe an der Herrlichkeit des erhöhten Christus als Mitherrscher in der künftigen Gottesherrschaft (2. Tim. 2, 11.12).

»Vor äonischen Zeiten«. Diese Formulierung findet sich auch im Eingang des Titusbriefes (1, 2). Die Wendung weist zurück in eine Zeitsituation, die vor dem eigentlichen Zeitablauf zu denken ist. »Zeiten« meint die Gliederung des Zeitablaufs. Dem Zeitablauf unterliegt das Leben des Einzelmenschen — dass Sekunden, Minuten, Stunden, Tage, Wochen, Monate und Jahre vergehen und durch diese dahinschwindende Zeit unsere Lebenszeit ohne unser Zutun verkürzt wird. Zeitablauf meint aber auch den Ablauf der Weltenuhr, der sich in Weltzeiten darstellt.

Für »Weltzeit« hat die griechische Sprache ein eigenes Wort: aioon. »Äon« hat sowohl eine zeitliche als auch räumliche, inhaltliche Bedeutung. Gewöhnlich wird ein Äon als ein von Gott festgelegter Zeitabschnitt verstanden, in dem Er innerhalb des Weltlaufs, den Er planmäßig festlegte, ein bestimmtes Heilsziel erreicht.

Nach dem Zeugnis des Neuen Testaments hat Gott diesen Weltenplan in Seinem Sohn gefasst (Eph. 3, 11). Nach Hebr. 1, 2 hat Er die Äonen durch den Sohn gemacht. Äonen sind sinnverwandt mit dem, was wir unter Heilsgeschichte verstehen. Heilsgeschichte meint die Durchführung des Heilsplanes Gottes im universalen Ausmaß mit dem Ziel, dass »die Schöpfung selber frei gemacht werden wird von der Sklaverei der Verderblichkeit zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes«. Für die Erreichung dieses Zieles ist der Sohn Gottes mit Seinem Ja und Amen eingetreten, damit zuletzt dem Vatergott jene Verherrlichung zuteil wird, die Ihm zukommt (vgl. 2. Kor. 1, 20 und Röm. 8, 21).

»Vor äonischen Zeiten« meint also eine »Ewigkeit«, die vor dem Ablauf der Zeit liegt. Damals also hat Gott bereits in Seinem Sohn an der Gemeinde gehandelt, als Er sie erwählt und zur Sohnschaft für sich selbst ausersehen hat. Das ist die Grundlage ihrer Errettung und Berufung.

2. c) Das heilsgeschichtliche Jetzt der Erscheinung des Retters, Christus Jesus: »… jetzt aber geoffenbart durch die Erscheinung unseres Retters Christus Jesus«

Paulus hat bisher die beiden entscheidenden Gesichtspunkte seiner Botschaft aufgezeigt: das Rettungswerk Gottes und die Berufung der Gemeinde. Dabei hat er diese Berufung auf das vorzeitliche Handeln Gottes an der Gemeinde zurückgeführt und vertieft.

Nun ist es dem Apostel ein Anliegen auszuführen, dass Gott das, was Er vor äonischen Zeiten in Seinem Vorsatz aus Gnade festlegte, im heilsgeschichtlichen JETZT ins Licht treten lässt. Das heißt, nun hat Sein Retterwille wesenhafte Gestalt angenommen. Er ist »geoffenbart worden durch die Erscheinung unseres Retters Christus Jesus«. Paulus will also das große Neue beschreiben, wie es sich im Aufstrahlen der Christusherrlichkeit darstellt.

Die alttestamentliche Messiasprophetie schließt im 4. Kapitel des Buches Maleachi mit dem Satz: »Euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, wird aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit mit Heilung in ihren Flügeln« (Mal. 4, 2). Nun ist es bezeichnend, dass der Beginn des neutestamentlichen Zeugnisses im Lobgesang des Zacharias, des Vaters des Vorläufers Johannes, dieses Verheißungswort aufnimmt, indem er das Kommen des Messias als »Aufgang aus der Höhe« umschreibt. Dieser »Aufgang« erreicht nun die Vollhöhe der Strahlkraft in der Entfaltung des gnadenhaften Heiles, wie es der Sohn Gottes in Seinem Leben und Werk geoffenbart hat. Zur Kennzeichnung dieser Tatsache bedient sich der Apostel in unserem Wort des 2. Timotheusbriefes des Ausdrucks epiphaneia = Erscheinung.

Dieses bedeutungsvolle Wort epiphaneia will im Gebrauch des Neuen Testaments in seiner Mehrschichtigkeit verstanden werden, wie sich diese aus dem jeweiligen Zusammenhang seines Vorkommens ergibt. Der Ausdruck bezeichnet im Hinblick auf die Person Jesu sowohl Seine Menschwerdung einschließlich Seines ganzen irdischen Wirkens als auch dessen Vollendung in Seiner Wiederkunft und Seinem Offenbarwerden als König des Reiches und Retter der Welt.

So heißt es in jenem bereits erwähnten Lobgesang des Zacharias, dass Sein »Erscheinen« denen gilt, »die in Finsternis und Todesschatten sitzen« (Luk. 1, 79), womit wohl die heilschaffende Erscheinung des Sohnes Gottes zur Aufrichtung der Gottesherrschaft angesprochen ist.

In Seiner Menschwerdung ist »Gottes Güte und Menschenfreundlichkeit« erschienen (Tit. 3, 5), wobei das darin geoffenbarte Heil allen Menschen zukommt (Tit. 2, 11).

2. Thess. 2, 8 bezieht das Erscheinen auf Seine Wiederkunft, in der Er als der Überwinder des Gesetzlosen (des Antichristen) beschrieben wird, den Er mit dem Geist Seines Mundes — Seinem Lebensodem — zunichte machen wird.

Die Stelle Titus 2, 14 lenkt den Blick auf das künftige Hoffnungsgut der Gemeinde, »die Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und Retters Jesus Christus«. Dort erscheint Er, vereinigt mit dem Vater und Seiner »Thronherrlichkeit«, als »der große Gott und Retter«, das heißt, als der Vollender der Welt.

So wird begreiflich, dass gerade »Seine Erscheinung« zum bevorzugten Beweggrund der Ermahnung des Apostels an den Diener der Gemeinde wird: In Anbetracht »Seiner Erscheinung und Seines Reiches« wird Timotheus angewiesen, ganze Treue im Dienst zu beweisen (2. Tim. 4, 1) und »das Gebot unbefleckt und unangreifbar« zu halten (1. Tim. 6, 14). »Sein Erscheinen zu lieben« ist so zuletzt Ansporn zu heiligem Eifer und totalem Einsatz für die Sache des Herrn, um den Siegeskranz »in jenem Tage« vom Ihm, dem gerechten Richter, zu empfangen (2. Tim. 4, 8).

So wird die Erscheinung (epiphaneia) unseres Retters Christus Jesus stets in dem Sieg Seines Lebens über alle Mächte des Verderbens anschaulich, jenem Sieg, den Er auf dem Tiefenweg der Leidens- und Sterbensnot erwirkt hat. Sein Kreuz erhebt sich in der Mitte der Zeiten als das Sühnemal und damit als das Zeichen für die Wendung vom Unheil zum Heil für uns, ja für die ganze Welt (1. Joh. 2, 2).

3. Christus Jesus hat eine umfassende Rettung bewirkt, die sich in der Entmachtung des Todes und dem Offenbarwerden Seines Lebenssieges darstellt.

3. a) Die Heilsfrucht der Erlösung — der Sieg über den Tod: »… welcher den Tod zunichte macht«

Über allem geschöpflichen Dasein liegt eine tiefe Tragik, jene, dass alles Geschöpfliche dem Sterben und der Vergänglichkeit unterworfen ist. Die Frage nach dem Warum des Soseins unserer Existenz weist auf dessen Ursache, den Fluch der Sünde, zurück, wie dieser sich aus dem Sündenfall der ersten Menschen im Paradies herleitet.

»Im Schweiße deines Angesichts wirst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zur Erde, denn von ihr bist du genommen. Denn Staub bist du und zum Staube wirst du zurückkehren« (1. Mose 3, 19). So liegt auf allem geschöpflichen Wesen der Fluch der Sünde und — als deren Folge — des Todes.

Paulus stellt im Römerbrief fest, dass »durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und durch die Sünde der Tod und also der Tod zu allen Menschen durchgedrungen ist« (Röm. 5, 12).

Darin drückt sich zudem unsere menschliche Ohnmacht aus, weil an dieser unserer Geworfenheit kein Mensch etwas zu ändern vermag. — Die Kunst ist in der Vielgestalt ihrer Ausdrucksformen so etwas wie die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies und zugleich der vergebliche Versuch, dem Augenblick irdischen Glücks »Dauer zu verleihen«, d. h. letztlich, Vergänglichkeit und Tod entgegenzusteuern.

Diese unsere notvolle Situation wird nun von der frohmachenden Kunde des Neuen Testaments getroffen, dass der Sohn Gottes durch Seine Heilstat die Folge des Sündenfalls ausgelöscht hat.

Es ist das große Anliegen der apostolischen Botschaft, und hier namentlich der Paulusbriefe, den Sieg des Lebens über den Tod zu bezeugen und seine Wirkungen im universalen Ausmaß zu entfalten. In dem Zeugnis von der todesüberwindenden Macht, wie sie sich in den Heilstatsachen des Todes und der Auferweckung des Sohnes Gottes bekundet, drückt sich Absicht und Ziel der Lehrverkündigung des Apostels Paulus aus. Dies insbesondere in unserer Stelle: »Christus Jesus, der den Tod zunichte macht, aber Leben und Unvergänglichkeit (Unverderblichkeit) ans Licht bringt durch das Evangelium.«

Man könnte hier einwenden, dass ja auch nach dem Tod und der Auferweckung Jesu aus den Toten Menschen sterben und die Welt in einem Meer von Blut und Tränen zu versinken scheint. Was ist es nun um das Zunichtemachen des Todes, wovon Paulus redet, in Wahrheit? Es dürfte sich empfehlen, die Aussage unseres Textes im 2. Timotheusbrief mit Bedacht zu lesen. Da ist zunächst festzustellen, dass hier im Grundtext die Aoristform steht, die deutlich werden lässt, dass mit dem Lebenssieg des Sohnes Gottes ein Prozess eingesetzt hat, der von da ab seinen Fortgang nimmt bis zur völligen Aufhebung alles Todeswesens. Dieser Prozess beginnt, wie alle Erneuerung im Sinne des Neuen Testaments, im Innern eines Menschen. So als Sieg über die Sünde (Röm. 6, 10-14) und als Befreiung des geängsteten Menschen von aller Todesfurcht (Hebr. 2, 15).

Der Tod konnte Ihn, den »Fürsten des Lebens« (Apg. 3, 15), nicht halten, denn in der Kraft Seiner Auferstehung hat Er dessen Fesseln gesprengt. Nun wird dieser Prozess, der bereits innerlich in denen wirksam ist, die als Glaubende in Seiner Gemeinschaft leben, seinen Abschluss im Abtun des Todes als des »letzten Feindes« finden (1. Kor. 15, 26).

In diesem Zusammenhang dürfte eine Erörterung über die Bedeutungsvielfalt des Todesbegriffes im Neuen Testament nahe liegen.

Tod meint im biblischen Verständnis nicht das Aufhören einer Existenz, vielmehr hat es der griechische Begriff »thanatos« mit der Aufhebung einer Gemeinschaft zu tun. Tote sind also nach der Bibel immer noch da.

So versteht die Schrift den leiblichen Tod als einen Zustand des Getrenntseins vom natürlichen Leben. Dann aber weiß die Bibel auch von einem geistlichen Tod, der als Folge der Sünde den Menschen in seinem Abgeschnittensein von der Gemeinschaft mit Gott kennzeichnet. Tod ist also im Verständnis des Neuen Testaments der Gegensatz zu dem, was »ewiges (äonisches) Leben« meint.

Dann nimmt der Ausdruck »Tod« in Offb. 20, 13 den Sinn eines örtlichen Bereiches an, aber auch an anderer Stelle den einer Person. So kann Paulus den Tod als den »letzten Feind« bezeichnen (1. Kor. 15, 26), dessen völlige Entmachtung mit dem Ziel der Heilsgeschichte zusammenfällt. — Damit kann nicht nur gemeint sein, dass Menschen fortan weder den leiblichen noch geistlichen Tod zu sterben brauchen, sondern hier wird man an die totale Aufhebung alles Todeswesens und aller Verderblichkeit denken dürfen, in der auch ein »zweiter Tod« (Offb. 21, 8) nicht ausgenommen sein kann. Denn wo »der letzte Feind, der Tod« abgetan sein wird, dort wird auch keine Möglichkeit für den Fortbestand irgendeines Todes mehr übrig bleiben.

Er, der Sohn Gottes, hat als der aus den Toten Auferweckte die Schlüsselgewalt über Tod und Totenreich (Offb. 1, 18). Er ist »der Erstgeborene aus den Toten« (Kol. 1, 18), womit ausgedrückt ist, dass das Totenreich niemals der Ort einer nie endenden Gefangenschaft sein kann.

3. b) Die Heilsfrucht der Erlösung — Leben: »… aber Leben und Unverderblichkeit ans Licht bringt«

Im Eigentlichen liegt die Sinnerfüllung der biblischen Heilsgeschichte darin, dass Gott alles lebendig macht (1. Tim. 6, 13 wörtlich: »das All ins Leben zeugt«). Das heißt, dass Er selbst sich allen Seinen Geschöpfen in Seinem unsterblichen Gotteswesen mitteilt. Leben ist Gottes- und Christuswesen (1. Tim. 3, 15; Joh. 14, 6). Der Sohn Gottes hat Sein Leben hingegeben für das Leben der Welt (Joh. 6, 13). Darin, dass zuletzt als Folge der Überwindung alles Todeswesens die Lebendigmachung aller geschaffenen Wesen als Bestimmung aller Schöpfung ins Licht tritt, darin offenbart sich die Heilsfrucht der Erlösung.

3. c) Die Heilsfrucht der Erlösung — Unverderblichkeit

Dieses Heilsziel, dass die Schöpfung so wird, wie ihr Schöpfer ist, ist als Neuheit des Lebens, als Unverderblichkeit, Unvergänglichkeit und Unverweslichkeit allein Seiner würdig.

So ist zuletzt alles Todeswesen des Fleisches und der Sünde überwunden, weil »verschlungen in den Sieg« (1. Kor. 15, 54), den der Christus Gottes erwirkt hat. Dann ist die Schöpfung aus aller Entstellung befreit zu nie endender Jugendfrische und Freude, damit Gott zuletzt »alles in allen« ist (1. Kor. 15, 28).

Paulus fügt am Ende unseres Textes noch hinzu: »… durch das Evangelium«.

Evangelium heißt frohmachende Kunde, Heilsbotschaft, Siegesbotschaft. Dessen Inhalt hat Paulus in seinem letzten Brief als Vermächtnis an seinen Schüler in knapper Weise formuliert. Dass er damit die Leitlinie und das Korrektiv aller künftigen Verkündigung in der Gemeinde des Neuen Testaments festgelegt hat, versteht sich von selbst.

Wir fassen die Wesenszüge des Zeugnisses des Apostels zusammen:

  1. Seine Verkündigung ist Heilsverkündigung. Dies aus der Erkenntnis heraus, dass alles Heil in der Unumschränktheit und Allwirksamkeit Gottes seinen Ursprung hat.
  2. Paulus hat in seinem Zeugnis stets die Bedeutung der Gemeinde als gegenwärtige Heilshaushaltung im Blick, weil sie in der Durchführung des göttlichen Heilsplanes eine bevorzugte Stellung einnimmt. Diese ihre bevorzugte Stellung ist begründet im Vorsatz Gottes und in ihrer vorzeitlichen Begabung mit Gnade, woraus ihre heilsgeschichtliche Bestimmung deutlich wird.
  3. Schwerpunktmäßig aber konzentriert sich die Lehre des Apostels Paulus auf das heilsgeschichtliche Jetzt der Erscheinung Christi Jesu als Retter. Sein Rettungswerk begreift sich als Überwindung des Todes mit dem Ziel des Offenbarwerdens der Unverderblichkeit, als der Mitteilung des unsterblichen Gotteswesens an Seine Schöpfung.

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 3/2003; Paulus-Verlag; Heilbronn)

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