Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Das Christusbild des Paulus im Philipperbrief (Phil. 2, 5-11)

Autor: Heinisch, Herbert  |  Kategorie(n): Erkenntnis & Wesen Gottes, Lehre, Paulus, Paulusbriefe  |  1,078 x gelesen

Denn dies sinnet in euch, was auch in Christus Jesus, welcher in Gestalt Gottes war, das Gleichsein mit Gott nicht als einen Raub ansah, sondern Sich Selbst entäußerte, Sklavengestalt annahm, in Gleichheit der Menschen wurde und in Seiner leiblichen Beschaffenheit als Mensch erfunden wurde. Er erniedrigte Sich Selbst und wurde gehorsam bis zum Tode, zum Tode aber des Kreuzes. Darum hat Ihn Gott auch über die Maßen erhöht und Ihn mit dem Namen begnadet, der über jeden Namen ist, auf dass in dem Namen Jesu jedes Knie sich beuge all derer, die im Himmel, auf der Erde und unter der Erde sind und jede Zunge herausbekenne: »Herr Jesus Christus« — zur Herrlichkeit Gottes des Vaters. (Philipper 2, 5-11)

Die kürzeste und zugleich umfassendste biblische Darstellung dessen, wer Jesus in Wahrheit ist, hat der Apostel Paulus geschrieben. In dem Christusbild, welches er im Brief an die Christen von Philippi vor seine Leser stellt, hat man in der Theologie den großen Text gesehen, der die Person, das Wesen, das Werk und den Weg Jesu beschreibt. Zugleich hat man in diesen sieben Versen des Philipperbriefes (2, 5-11) das Leitbild erkannt, aus welchem echtes Christsein seine unverwechselbare Prägung emp­fängt.

1. Die Zuverlässigkeit der Darstellung des Christusbildes (2, 5-11)

Wenn mir daran gelegen ist, aus einer Schrift die Wahrheit über jemand zu erfahren, wird mich vorab dreierlei interessieren. Erstens die Quellen, die für die Zuverlässigkeit der Darstellung Gewähr bieten. Zweitens der Verfasser der Darstellung und drittens, welchem Zweck die Darstellung dienen soll.

In der Theologie der Neuzeit nimmt die Christusfrage den breitesten Raum ein, sodass die Auseinandersetzungen um deren Lösung einem »Kampf um Christus« gleichkommen. Der Ansatz dazu reicht bis in die Anfänge der Aufklärungszeit zurück, als, ausgelöst durch das posthum veröffentlichte Manuskript einer Schmähschrift, die ein Hamburger Professor verfasste (Reimarus), eine Bewegung in Gang kam, welche als die sogenannte »Leben Jesu Forschung« theologiegeschichtliche Bedeutung erlangte und die es sich zur Aufgabe machte, ein geschichtliches Bild Jesu zu entwerfen. Was wollte man damit? Man war bewegt von der Frage, wer Jesus wirklich gewesen sei, aber man ging dabei von einem vorgefassten Gesichtspunkt aus, dem der herrschenden Meinung der damaligen Zeit. Man sagte sich, Geschichtsforschung dürfe zu keiner Gestalt führen, die übernatürliche Züge an sich trage, weshalb man die Gottnatur Jesu, wie sie in den vier Evangelien bezeugt wird, als störend empfinden musste. Man arbeitete mit großem Fleiß und staunenswerter Zähigkeit, natürlich stets darauf bedacht, alles aus dem Leben Jesu auszuscheiden, was Seine Übernatur — Seine ewige Gottheit — dokumentiert: Seine jungfräuliche Empfängnis und Geburt, Seine Wunder, den Heilswert Seines Todes, Seine Auferstehung, Seine Himmelfahrt usw.

Welche Ergebnisse zeitigte dieses Unterfangen? Einer der profiliertesten Vertreter dieses Unternehmens, Professor Adolf von Harnack, bekannte schließlich: »Wir sind gespalten, so viele Köpfe, so viele Sinne.« — In seinem Buch »Geschichte der Leben Jesu Forschung« schrieb Albert Schweitzer (damals als Theologe): »Es gibt nichts Negativeres als das Ergebnis der Leben Jesu Forschung«, und er kommt schließlich zu dem zusammenfassenden Urteil: »Der Jesus, wie ihn der Rationalismus entworfen, der Liberalismus belebt und die moderne Theologie mit geschichtlicher Wissenschaft überkleidet hat, diese Gestalt hat nie existiert.« Anzumerken bleibt, dass noch vor dem ersten Weltkrieg die »Leben Jesu Forschung« zusammengebrochen ist. So lehrt ihr Beispiel, dass das Unterfangen, einen bloßen historischen Jesus konstruieren zu wollen — einen Jesus, bei dem Seine Gottnatur ausgeklammert wird —, je und je zum Scheitern verurteilt ist. Dies, weil die geschichtliche Persönlichkeit Jesu nur auf dem übergeschichtlichen Hintergrund als Der, der Er in Wirklichkeit ist, zur Geltung kommen kann. Zum andern, weil die Norm der Erkenntnis dessen, wer Er wirklich ist, sich in Seiner gottmenschlichen Doppelnatur bekundet. Um diese Gestalt des Gottmenschen geht es im Christusbild des Paulus im Philipperbrief.

Das Bild, welches Paulus im Philipperbrief von Christus Jesus entwirft, ist im Eigentlichen die Schilderung des Weges, den Er gegangen ist. Jenes Weges, der in der vorweltlichen Ewigkeit seinen Ursprung hat und der Ihn aus der höchsten Höhe der Gottesherrlichkeit in die tiefste Tiefe menschlicher Erniedrigung führte. So schildert Philipper 2, 6-8 Seinen Weg bis zum leidvollen Tod am Kreuz, während 2, 9-11 die Beschreibung Seiner Erhöhung zur höchsten Würde ist, die Ihm als gottgeschenkter Lohn für Seinen Demuts- und Gehorsamsweg zuteil wurde. Diese Erhöhung gipfelt darin, dass Er die Huldigung der ganzen Schöpfung empfängt. Zuletzt gibt Er diese Ehre, die Ihm von allen erschaffenen Wesen zuteil wird, an Gott den Vater zurück, an Ihn, von dem Er zum Heil aller ausgegangen war.

Der Verfasser des Philipperbriefes, und damit auch des Christusabschnittes 2, 5-11, ist Paulus. Erwägungen über eine etwaige vorpaulinische Verfasserschaft des Christusabschnittes bewegen sich im Bereich der Mutmaßungen; sie entbehren jedenfalls der überzeugenden Stütze durch den Text selbst. Alle Wesenszüge der Lehre des Apostels Paulus finden sich hier in gedrängter Zusammenfassung vereinigt. Auch die Art, wie der Abschnitt das Briefganze als dessen geistige Mitte bestimmt, erweckt jedenfalls nicht den Eindruck eines Zitates aus fremder Quelle.

Doch nun zum Verfasser selbst. Paulus ist aus der Geistesgeschichte nicht wegzudenken. Zumal von seiner Person ein so stark prägender Einfluss ausgegangen ist, der bis heute seine nachhaltige Wirkung bewahrt hat. Man ist sich darüber einig, dass Paulus einer der bedeutendsten Menschen gewesen ist, die je gelebt haben. So ungewöhnlich sich das geistige Erbe, welches die Gemeinde von ihm überkommen hat, darstellt, so ungewöhnlich ist auch sein Leben, wie es sich in der Apostelgeschichte und in seinen Briefen widerspiegelt. Von Haus aus ein Jude aus Tarsus in der kleinasiatischen Diaspora, wurde er in Jerusalem zum Theologen pharisäischer Prägung ausgebildet, und wie damals üblich, erlernte er einen bürgerlichen Beruf, den eines Zeltmachers. Mit der Hände Arbeit verdiente er seinen Lebensunterhalt (Apg. 20, 34). Das alles ist nichts Außergewöhnliches. Wodurch er aus der Masse seiner Altersgenossen heraustrat, war einmal sein Eifer für das väterliche Gesetz, worin er sie weit übertraf, zum anderen war es sein glühender Hass gegen die Anhänger Jesu, die auf das Erbittertste zu verfolgen er als seine Aufgabe ansah und auch mit ganzem Ehrgeiz betrieb. Da geschah nun das Entscheidende in seinem Leben. Gerade als er sich mit Vollmachten der Tempelbehörde in Jerusalem versehen Damaskus näherte, um dort sein Unwesen zu treiben, tritt ihm der aufer­standene Christus selbst in den Weg, um ihn auf seine Verfolgertätigkeit hin anzureden. Geblendet von dem Glanz überirdischen Lichtes fällt der Angeredete zu Boden …

Das Erlebnis seiner Christusbegegnung sollte sich bestimmend für sein weiteres Leben auswirken. Er trat als von Christus überwunden in Seinen Dienst und kannte fortan nur einen Lebensinhalt, Christus zur Verfügung zu sein, um Ihm zu dienen. Er scheute weder Entbehrung noch Mühe, weder Lebensgefahr noch Verfolgung bis hin zur Gefangenschaft und zum Märtyrertod. Paulus hat im Mittelmeerraum der alten Welt Christus und Sein Heil bekannt gemacht. Doch ohne sein Christuserlebnis vor Damaskus gäbe es keinen Paulus — wäre kein einziger Brief, den uns das Neue Testament bewahrt, jemals geschrieben worden. Das Geheimnis seines Wirkens war seine Gemeinschaft mit Christus; aus ihr schöpfte er seine Kraft. An die Philipper schreibt er aus der Gefangenschaft: »Ich vermag alles durch den, der mich kräftigt« (Phil. 4, 13). Aus seiner Gemeinschaft mit Christus resultiert die tiefe Einsicht in den Heilsplan Gottes, welche ihn befähigte, den großartigen Christustext Philipper 2, 5-11 zu schreiben.

Immer wieder ist man mit der Frage umgegangen, ob die Worte des Apostels Paulus für so verbindlich zu nehmen sind wie die Worte Jesu in den Evangelien? Damit ist nach dem Offenbarungscharakter der dreizehn Paulusbriefe, die uns das Neue Testament überliefert, gefragt. Dazu hat er sich im Brief an die Galater einmal derart geäußert: »Ich tue euch aber kund, Brüder, dass das von mir verkündigte Evangelium nicht von menschlicher Art ist. Denn ich habe es von keinem Menschen empfangen noch erlernt, sondern durch Offenbarung Jesu Christi« (Gal. 1, 11.12). Das Christusbild des Philipperbriefes wird in seiner umfassenden Schau nur von daher begreiflich, weist es doch in Dimensionen des Denkens, die menschlicher Einsicht verschlossen bleiben. Die uns überlieferten Dokumente haben zum Merkmal eine überzeugende Nüchternheit der Gedanken, verbunden mit der Unmittelbarkeit des Ergriffenseins von der Wirklichkeit des auferweckten und erhöhten Christus. Demzufolge hat Paulus die tiefsten Wahrheiten, die je einem Menschen geoffenbart worden sind, aussprechen dürfen. Er wusste sich zu diesem Dienst ausgesondert und gerufen als »Diener der Gemeinde nach der Verwaltung Gottes« und damit betraut, das Wort Gottes auf sein Vollmaß zu bringen (Kol. 1, 25).

Aus alledem begreift sich die unnachahmliche Großartigkeit und auch absolute Zuverlässigkeit der Christusdarstellung des Philipperbriefes. Für ihre einzigartige Bedeutung für die Theologie sprechen bereits die Bezeichnungen »der große christologische Text« oder »der Christuspsalm«. — Wir halten fest, dass die Tiefe und Kraft des Christusbildes in der unmittelbaren Christuserfahrung des Apostels gründet, wodurch dessen Verbindlichkeit für Glaube und Leben gegeben ist.

Welchem Zweck dient nun die Darstellung des Christusbildes im Philipperbrief? Wenn man in Betracht zieht, dass dieser Brief der herzlichste ist unter den Paulusbriefen, die wir kennen, mutet es ungewöhnlich an, dass Paulus in einem derart persönlichen Schreiben an Freunde auf einmal derart eindringlich, feierlich und lehrhaft von Christus Jesus redet. Man darf annehmen, dass die Philipper wohl alle wussten, was es mit Seiner Person auf sich hat. Sie bekannten sich in aller Entschiedenheit zu Ihm, und wenn es darum ging, Leiden und Entbehrungen um Seines Namens willen zu ertragen, zeigten sie sich dazu bereit (vgl. Phil. 4, 3). Doch was will der Apostel dieser seiner ihm derart innig verbundenen Gemeinde (Phil. 1, 8) sagen, wenn er ihr mit solchem Nachdruck den Weg Christi Jesu, den Er in Demut und Gehorsam gegangen ist, vor Augen führt? Um Paulus darin zu verstehen, ist der Textzusammenhang, in welchem sich der Abschnitt 2, 5-11 im Philipperbrief findet, aufschlussreich. Dieser vermittelt nicht zuletzt einen Einblick in die Situation der Philippergemeinde. Wie die Umgebung unserer Stelle deutlich macht, hatte Paulus Mahnungen zu äußerer Geschlossenheit (1, 27-30) und zu innerer Einigkeit (2, 1-4) ausgesprochen. Dies also, bevor er von dem Demuts- und Gehorsamsvorbild Christi Jesu redet. Daraus wird ersichtlich, dass unter den Christen von Philippi eine Not entstanden war, die der Uneinigkeit (Phil. 4, 2.3).

Paulus hatte in seiner Gefangenschaft von diesem Mangel erfahren und er hat ihn sehr ernst genommen. Welche Absicht könnte nun dem Apostel in seinem Brief an die Gemeinde in Philippi näher gelegen haben als die, dieser notvollen Sache zu begegnen?

2. Die Einleitung des Christusabschnittes (2, 5)

Wenden wir uns nun dem Text selbst zu. — Es ist beachtenswert, in welcher Weise der Apostel sein Christuszeugnis einleitet, um die Gedankenrichtung des Abschnittes festzulegen. Eine dreifache Beobachtung ist hierbei wesentlich:

  1. spricht Paulus die Gesinnung seiner Leser an.
  2. gebraucht er als Bezeichnung für die Person des Sohnes Gottes die Formulierung Christus Jesus.
  3. geht der Apostel, wenn er von Christus Jesus redet, von dessen Beziehung zu den Glaubenden aus.

Denn dies sinnet in euch — die Einstellung derer, die Christus angehören

Paulus spricht die Gesinnung der Leser an. Er tut es, indem er die Gesinnung Christi Jesu ihnen zum Vorbild gibt. — Gesinnung hat es mit dem zu tun, was ich wirklich bin. Das heißt, Gesinnung hat es mit meinem Innersten zu tun, mit den intimsten Beweggründen meines Herzens, mit der letzten Ehrlichkeit meines Empfindungsvermögens, mit dem also, was ich wirklich will und wonach ich im Eigentlichen trachte. — Der Apostel hat, wie bemerkt, seinem Anliegen nach Einigkeit Ausdruck gegeben (2, 1-4), und er hat zuletzt jeden Einzelnen aufgefordert, nicht nur auf das von sich zu sehen, sondern auch auf das der anderen (wörtlich: andersartigen).

Aus dieser Mahnung ist die Lehre zu ziehen, dass Einheit nur auf dem Weg der Drangabe des Eigenwillens, des Verzichts und der Demut möglich ist. Dies zu praktizieren ist sicher das Schwerste im Leben eines Christen. Das weiß Paulus so gut wie wir. — Hier wird der ganz persönliche, ureigenste Bereich meines Denkens, Wollens und Empfindens berührt. Soll also Gemeinschaft im Sinne der Bibel zustande kommen, muss sich in meinem Innersten eine Umwandlung vollziehen. Das heißt, meine Gesinnung muss anders werden, sie muss Christus gemäß werden. Damit solches möglich wird, brauche ich das Leitbild der Gesinnung Christi Jesu. Dieses Sein Beispiel muss ich ernst nehmen.

Wenn Paulus also in Philipper 2, 5-11 von Christus redet, tut er es in der Absicht, dass Sein Gesinnungsvorbild das Innerste derer umwandelt, die seine Christusbotschaft vernehmen.

Christus Jesus — das Zeugnis vom Tiefenweg des Sohnes Gottes

Paulus gebraucht als Bezeichnung für die Person des Sohnes Gottes die Formulierung CHRISTUS JESUS. Zunächst wird man feststellen dürfen, dass sich Paulus nicht nur an dieser Stelle, sondern überhaupt in seinen Briefen gerne so ausdrückt. Jedenfalls findet sich die Bezeichnung CHRISTUS JESUS dort weitaus häufiger, als die uns geläufigere Form JESUS CHRISTUS. Die Frage ist nun, welche Absicht der Aussage der Apostel mit der Voranstellung des Titels Christus vor dem Namen Jesus verbindet? CHRISTUS heißt wörtlich übersetzt DER GESALBTE, wodurch der Sohn Gottes in Seiner göttlichen Hoheit verstanden wird. JESUS dagegen ist der Name des fleischgewordenen Sohnes Gottes. Jesus ist also der Name, den Er als Mensch getragen hat.

CHRISTUS JESUS meint so den ewigen Gottessohn, der Mensch wurde, womit Sein Herabstieg aus der Herrlichkeit, die Er beim Vater hatte, bedeutet ist. JESUS CHRISTUS aber besagt, dass der Mensch Jesus der Christus ist. Im Grunde ist JESUS CHRISTUS ein Bekenntnis. Darin wird man ausgedrückt finden, dass Er wahrer Mensch und wahrer Gott ist. JESUS CHRISTUS ist der Herr in Seiner Eigenschaft als der Erlöser und Vollender Seiner Gottesschöpfung.

Man könnte also in der Formulierung JESUS CHRISTUS so etwas wie eine »aufsteigende Linie« erkennen, während CHRISTUS JESUS die »absteigende Linie« vertritt: den Weg der Selbstentäußerung und Selbsterniedrigung, den Er gegangen ist. Von diesem Seinem Weg zu uns spricht Paulus in Philipper 2, 5-11.

In Christus Jesus — die Seinsform der Glaubenden

Paulus versteht die Bezeichnung CHRISTUS JESUS nicht allein in Beziehung auf den Sohn Gottes, sondern auch in Beziehung zu den Glau­benden in Christus Jesus. Genauer übersetzt heißt der Vers 5: »Denn dies sinnet in euch, was auch in Christus Jesus.«

Bei Paulus ist alles erlebte Wirklichkeit. Der Apostel ist kein Dogmatiker, auch wenn er sich, wie wir sahen, vielfach formelhaft ausdrückt. Zu den einprägsamsten Wendungen der Paulusbriefe gehört insbesondere jene, die sich dort nicht weniger als 164-mal findet: IN CHRISTUS. Die Frage, was der Apostel meint, wenn er derart häufig diese Wendung gebraucht, ist immer wieder gestellt worden. Man wird, um die zutreffende Deutung zu finden, davon ausgehen dürfen, dass IN als Verhältniswort lokale Bedeutung hat, also den Ort anzeigt. IN CHRISTUS sagt demnach aus, dass Christus der Lebensraum dessen ist, der Ihm angehört. Wie das Element des Fisches das Wasser ist, in welchem er nur leben kann, so ist Christus das Lebenselement des Christen. Diese Überzeugung steht hinter allen Aussagen der Paulusbriefe, die sich auf das Verhältnis des Christus zu den Glaubenden beziehen. Christus als Haupt und die Seinen als Glieder Seines Leibes. Das heißt, Menschen, die in Christus sind, leben wohl auf der Erde, doch ihr eigentliches Leben ist CHRISTUS. »Christus, unser Leben« (Kol. 3, 4) ist die tiefste und gewaltigste Aussage über die Christusgemeinschaft in den Paulusbriefen. Sie verdeutlicht das IN CHRISTUS in seiner letzten Konsequenz, als das organische Einssein mit Ihm.

Mit dieser Einsicht steht der von Leiden und Nöten bezeichnete Weg, den der Glaubende jetzt in Niedrigkeit geht, nicht im Widerspruch. Noch ist sein Leben MIT CHRISTUS verborgen in Gott (Kol. 3, 3). Noch harrt es der Offenbarung in Herrlichkeit. Doch weil Er durch Erniedrigung und Leidensnot hindurch an das Ziel Seiner Herrlichkeit gelangt ist (Luk. 24, 26), steht dasselbe Ziel auch denen in Aussicht, die jetzt Sein Leben in sich tragen. Von dem IN CHRISTUS her gewinnt so das Sein der Glaubenden die entscheidende Prägung.

Darin, dies zu vermitteln, wird man die eigentliche Absicht des Christusbildes, welches Paulus in Phil. 2, 5-11 zeichnet, erkennen dürfen.

3. Die Christusbotschaft des Philipperbriefes (2, 6-11)

Was Paulus einleitend (2, 5) angedeutet hatte, entfaltet er nun in den folgenden Versen 2, 6-11, indem er ausführt, was es um die Gesinnung Christi Jesu ist. Der Apostel bringt nun, um dies deutlich zu machen, eine Darstellung des Lebensbildes Christi unter dem Aspekt Seiner vorweltlichen, Seiner innerweltlichen und Seiner überweltlichen Existenz.

Stets aber steht die Absicht im Hintergrund, über die Hindernisse der Einheit hinwegzuhelfen. Bereits schon im Zusammenhang mit dem Heilsratschluss des Vaters offenbart sich die Gesinnung der Selbstentäußerung des Sohnes Gottes. Diese setzt sich in dem Gehorsams­ und Demutsweg in der Gleichgestalt der Menschen bis hin zum Tode am Kreuz fort. Schon darin ist der Ansporn für jeden Christen gegeben, dem Beispiel Christi Jesu zu folgen. Umso mehr freilich im Blick auf den gottgeschenkten Lohn, der Ihm in Seiner Erhöhung zuteil geworden ist. Den Passus abschließend, beschreibt Paulus in nicht zu überbietender Großartigkeit die Konsequenz Seines Heilswerkes: Alle Wesen, die durch Ihn ins Dasein getreten sind, huldigen Ihm und bekennen Ihn als Herrn. Er aber gibt die Ehre, die Ihm zuteil wird, an den Vater weiter, zu Dessen Verherrlichung.

In Gottes Gestalt — das Wesen Seiner vorweltlichen Herrlichkeit

Über keinen Menschen, der je über diese Erde ging, ist mehr geschrieben worden als über Jesus. Wer ist Er? Was ist das Geheimnis Seiner Person? Und was ist es um jenen Anspruch ohnegleichen, mit welchem Er bis heute vor die Menschen tritt? — Darauf antwortet unser Wort aus dem Philipperbrief. Üblicherweise beginnt eine Lebensbeschreibung mit Daten über Geburt und Kindheit. Wenn Paulus über Christus Jesus schreibt, geht er anders vor. Er setzt ein, indem er zuerst unseren Blick auf den Ursprung Seiner Persönlichkeit lenkt, und zwar in die vorweltliche Existenz Seines Daseins »in Gottes Gestalt«. Die Wurzeln Seines Ichs, als des Einziggezeugten des Vaters (Joh. 1, 18, vgl. Psalm 2, 7), liegen in Gott selbst, in einer alle menschliche Vorstellung übersteigenden Herrlichkeit des Lichtes. »In Gottes Gestalt« umschreibt so jene Majestät, in welcher nur Gott in Erscheinung treten kann. Wenn Paulus diesen Seinen Seinszustand vor aller Welt beschreibt, gebraucht er ein eigentümliches Wort. Es besagt, dass Er über die Herrlichkeit, die Sein Dasein in Gottes Art kennzeichnete, frei verfügen konnte, weil sie Ihm wesensmäßig und zuständlich als Sein Besitz eigen war.

Er sah Seine Gottgleichheit nicht für einen Raub an — Seine innere Bereitschaft zum Verzicht

Dieser überaus kostbare Blick, wie ihn uns Paulus eröffnet, führt uns an den Ursprung der Heilsgeschichte vor Grundlegung der Welt. Wenn man etwa Joh. 17, 5 aus dem Hohepriesterlichen Gebet, welches der Herr am Vorabend Seines Leidens und Sterbens sprach, nachliest, findet man einen weiteren Aufschluss über Seine vorweltliche Christusherrlichkeit. Dort ist von dem Urverhältnis zwischen Vater und Sohn die Rede. »Nun verherrliche Du, Vater, mich bei Dir selbst mit der Herrlichkeit, die ich bei Dir hatte, ehe die Welt war.« Nach Kol. 1, 13 ist Er »der Sohn Seiner Liebe«. Nur von diesem Urbild der Liebe her erschließt sich das Zeugnis der Bibel und somit auch das unseres Philipperwortes: »Er sah Sein Gleichsein mit Gott nicht als einen (gewaltsam festzuhaltenden) Raub an.« Was der Apostel mit dieser so geheimnisvoll anmutenden Wendung ausdrücken will, muss unverständlich bleiben, wenn man nicht voraussetzt, dass damals, vor aller Zeit, ein Gespräch zwischen Vater und Sohn stattgefunden hat — eine Unterredung, welche mit einer Vereinbarung oder einem Beschluss endete. Wie der weitere Verlauf unseres Textes zeigt, kann es nur so gewesen sein — um mit menschlichen Worten von diesem großen Gottesgeheimnis (Kol. 2, 2.3) zu reden — dass Gott der Vater Seinem Sohn einen Plan, sich wesensmäßig einer Vielheit von Wesen mitzuteilen, vorstellte, deren Verhältnis zu Ihm, dem Vater, dem des Sohnes entsprechen würde. Aber wie sollte dies zu verwirklichen möglich sein? Gott kann wohl Wesen erschaffen, die Ihm willenlos ergeben dienen, aber Kinder, die in Liebe ihr Denken, Fühlen und Wollen Ihm weihen, müssen die Möglichkeit haben, eine Entscheidung des Herzens treffen zu können. So muss diese vorweltliche Vereinbarung zwischen Vater und Sohn im Blick auf eine Welt, die durch den Sohn ins Dasein treten sollte, getroffen worden sein (Kol. 1, 16), — eine Welt, die die Möglichkeit des Falles, der Sünde und des Todes in sich schließt, die aber der Sohn aus den Fesseln der Vergänglichkeit zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes befreien sollte (Röm. 8, 19-22). Um diese Befreiung zu vollbringen, müsse Er, der Sohn, Mensch werden, und diese Erlösung würde Ihn das Leben kosten. So ist der Sohn als das »Lamm Gottes« zuvor erkannt bereits vor ihrer Grundlegung, um alle Sünde der Welt zu sühnen (Joh. 1, 29; 1. Petr. 1, 20; 1. Joh. 2, 2). Um aber Mensch werden zu können, müsse Er Seine Gottesherrlichkeit preisgeben, das heißt, auf die dem Wesen Gottes entsprechende Existenzform verzichten und größten Demütigungen zustimmen. — Wie der Sohn auf diesen Heilsplan des Vaters reagierte, veranschaulicht nun unser Philipperwort: »Er sah Seine Gottgleichheit nicht für einen Raub an.« Das heißt, Er bejahte den Plan des Vaters, indem Er sich bereit erklärte, ihn in allen seinen Konsequenzen zu erfüllen. Er hielt Seine Gottgleichheit nicht fest, wie man ein Beutestück festhält, vielmehr stellte Er sich selbst dem Vater anheim in allem.

Er entäußerte sich — Seine innere Bereitschaft wird zur Tat

Diese Seine Bereitschaft, auf alles zu verzichten, was Er hatte und worüber Er verfügen konnte, setzte Er in der Folge auch wirklich in die Tat um. »Er entäußerte sich selbst« besagt, dass Sein Herabstieg damit begann, dass Er sich Seiner Herrlichkeit »entleerte«, wie es wörtlich heißt, um dafür das Dienstkleid eines Sklaven einzutauschen. Er, dem alles zu Gebote stand, schickte sich an zu dienen. Dafür ist das Alte Testament sprechendes Beispiel. Wie offenbart Er sich doch schon dort! In Begleitung von zwei Engeln besucht Er Abraham im Hain Mamre (1. Mose 18). Oder Er erscheint in der Gestalt des Engels Jahwehs im brennenden Dornbusch (2. Mose 3). Seinem Volk Israel dient Er auf dem Zug durch die Wüste als der wasserspendende Fels (1. Kor. 10, 4).

Wohl ist Er auch im Alten Bund der regierende Gott, doch verbirgt sich Sein Wesen im Verheißungswort und im Zeichen — etwa des Passahlammes, des Sühnopfers oder der ehernen Schlange. Sein Geist redet in den Propheten, und Er verkündet durch sie die Leiden, die Er als Mensch ertragen wird, aber auch Seine Herrlichkeit danach (1. Petr. 1, 11). Als Mittler des Gesetzes, angeordnet durch Engel (Gal. 3, 19), weiß Er, dass eben dieses Gesetz als Ausdruck des Gotteswillens Ihm Seinen schmachvollen Tod verkündet (Gal. 3, 13).

Er wurde in Gleichheit der Menschen — das Geheimnis Seiner Person

Mit dem Zeugnis der Menschwerdung des Sohnes Gottes lag es dem Apostel fern, etwa eine Sage von einem in menschlicher Tarnung herabsteigenden Gottwesen zu erzählen. Vielmehr müht sich seine Darstellung darum, deutlich zu machen, dass Er wirklicher Mensch geworden ist. »Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes« und deshalb auch das Urbild des Menschen von Ewigkeit her. »In Gleichheit der Menschen« meint doch, dass Er ganz in menschliches Wesen einging und wirklicher Mensch, einer der Unseren, wurde. Das heißt aber auch, dass Er sich allen fluchbeladenen Ordnungen, unter denen die Menschen seufzen, unterstellte und sich damit zu allen Gesetzmäßigkeiten, Beschränkungen, Bedürfnissen und Nöten unseres natürlichen Menschseins bekannte, bis hin zu der Fähigkeit zu leiden und unseren Tod zu sterben. Doch die Ausdrucksweise, dass Er »in Gleichheit der Menschen wurde« gemahnt an das Geheimnis Seiner Person: Er, der durch Seine Geburt und Entwicklung wahrer Mensch wurde, war dennoch nie bloßer Mensch. Er blieb auch als Mensch zugleich Der, der Er von Ewigkeit her ist: wahrer Gott.

Seine Selbsterniedrigung — der Weg, den Er als Mensch ging

Nicht genug, dass Er sich Seiner Gottesgestalt entäußerte, in Seiner Menschheit »erniedrigte Er sich selbst«.

Wenn Er bereits in Seiner Geburt die Armut der Ärmsten teilte, wenn Er als Kind mit der Bitterkeit des Flüchtlingsloses vertraut wurde, und wenn Er als erwachsener Mann nichts hatte, wo Er Sein Haupt hinlegte, so liegt darin doch die eindeutige Erklärung Seiner Sendung zu den Niedrigen, den Elenden und den Geplagten, um gerade ihnen in der ganzen Wirklichkeit der Botschaft, dass Gott sie liebt, nahe zu sein. War Er nicht in Seiner Vaterstadt Nazareth »der Zimmermann« (Mark. 6, 3)? Drückt dies nicht bereits mit aller Deutlichkeit aus, dass Er im Urteil Seiner Umgebung im Blick auf »Seine leibliche Beschaffenheit«, Sein Gebaren und Seine Lebensweise »als ein Mensch erfunden wurde«? Welch ein Abstand zu der Herrlichkeit, die Er verlassen hat­te, wird bereits hier offenbar. Doch nicht genug: Menschlich gesehen noch viel unbegreiflicher erscheint Sein Weg der Selbsterniedrigung darin, dass Er ihn bis zur letztmöglichen Konsequenz zu Ende ging: »bis zum Tode, zum Tode aber des Kreuzes«.

Er ward gehorsam bis zum Tode — das Wesen Seiner Selbsterniedrigung

Man könnte fragen, was Ihn zu diesem Abstieg bis in den denkbar tiefsten Abgrund menschlichen Elends bewogen hat? War es Idealismus oder Heldenmut? — Unser Text weiß nichts davon; es heißt dort nur, dass Er »gehorsam ward«. Damit ist ausgesagt, dass Er sich von der Gesinnung schlichten Gehorsams Gott dem Vater gegenüber — bewusstem Hören auf Seine Weisung, der Er sich willig unterordnete — leiten ließ. Eine Aussage wie die des Hebräerbriefes, dass »obwohl Er der Sohn war, Er an dem, was Er litt, Gehorsam lernte« (Hebr. 5, 8), vermittelt nicht nur Aufschluss darüber, woher dem Sterben Jesu Wert und Kraft eignet, sie lehrt auch, dass Gehorsam für alle und jeden der einzige Weg ist, Gott wohlzugefallen. — Man möchte weiterfragen, warum Ihm, dem Gehorchenden, dieses alle menschliche Fassungskraft übersteigende Maß an Verzicht und Leid zuteil wurde? Erneut würde man sich auf das Zeugnis gewiesen sehen, dass Er »gehorsam ward«. Ist nicht durch Ungehorsam und Überhebung das Grundübel, die Trennung von Gott, in die Welt gekommen? Brachte nicht der Ungehorsam des Einen (Röm. 5, 19) den Fluch, der als Macht der Sünde dann in allen fortwirkte? Liegt nicht hierin die Ursache aller Not und alles Seufzens der Schöpfung? Hätte aber der Fluch des Ungehorsams wirksamer getroffen werden können als durch den Gehorsam des Einen? Hier wird uns der tiefste Grund Seiner Menschwerdung einsichtig: Der ewige Sohn Gottes wurde als Mensch sterblich, um unsere Sünde auf sich nehmen und für uns sterben zu können. Er übernahm nach Gottes Willen alle Sünde der Welt, um ihre todbringende Wirkung durch Seinen Tod zu töten.

Zum Tode aber des Kreuzes — die tiefste Tiefe Seiner Erniedrigung

Nicht nur, dass Er es auf sich nahm, den Tod zu sterben, wie ihn die Menschen gemeinhin sterben, Er wählte die »grausamste und schändlichste« Todesart. Daran, dass Er sich bis zum Tode des Kreuzes erniedrigte, tritt zutage, was Sünde vor dem heiligen und gerechten Gott wert ist.

Wir haben uns an das Kreuz gewöhnt. Es begegnet uns auf Schritt und Tritt, als Wegverzierung und Friedhofsemblem, als Gegenstand der Kunst, ja sogar als Schmuckstück. Darüber haben wir die Schrecklichkeit seines Inhalts weithin vergessen. Um nur zu ahnen, was Paulus mit »zum Tode aber des Kreuzes« ausdrücken will, müssen wir jede Schöngeistigkeit dahinten lassen, um neu zu lernen, was das Kreuz wirklich ist. Als der Galgen der Antike stellt es den Inbegriff der denkbar größten Schande und Abscheulichkeit dar. Galt doch das Kreuz als die furchtbarste und entehrendste Todesstrafe, die man über Verbrecher und Sklaven, die Verachtetsten der menschlichen Gesellschaft, verhängte. Von Cicero, dem führenden Staatsmann Roms, stammt der Satz: »Alles was Kreuz auch nur heißt, soll fern bleiben nicht nur dem Leib der Bürger Roms, sondern auch schon ihrem Gedanken, ihrem Auge, ihrem Ohr.«

Wer könnte angesichts dieses nicht mehr zu überbietenden Maßes an Demütigung, welches Dem zuteil wurde, »der Sünde nicht kennt«, unberührt bleiben? Hier mag die Frage entstehen, warum Gott Seinen geliebten Sohn diesem grausamen Tod preisgab? Hatte es der Sohn wirklich nötig, so zu sterben? Gehen wir in der Beantwortung dieser Fragen behutsam vor.

Wer die Religionsgeschichte daraufhin befragt, welche Überzeugungen zu allen Zeiten Menschen gemeinsam haben, wird deren drei finden. Einmal die von der Existenz eines göttlichen Wesens, zum anderen die von dem Weiterleben der Seele nach dem Tode und schließlich die von der Belohnung des Guten und der Bestrafung des Bösen. Deshalb suchte zu allen Zeiten im Bewusstsein seiner Unzulänglichkeit der Mensch die Gunst und Gnade der Gottheit. Alle Opferkulte werden aus dem Bedürfnis des Geschöpfes heraus verständlich, Gott etwas an eigener Statt zu geben, um die verdiente Strafe abzuwenden. Denn jeder weiß zutiefst, dass er nicht so ist, wie er sein sollte, und dass ihn diese seine Unvollkommenheit vor einer höheren Instanz verklagt. Das dunkle Wissen darum, dass man seine bösen Taten nicht einfach ungeschehen machen kann, sondern dass diese auch einmal verantwortet und bezahlt werden müssen, ist im Grunde in jedem Menschen vorhanden. Um dieses Problem, wie ein Mensch seine Schuld vor Gott und seine Gebundenheit an die Sünde los wird und ein entlastetes Gewissen bekommt, geht es in der Bibel. Die Bibel lehrt, dass unsere Todverfallenheit die Folge der Sünde ist und dass es keinen Menschen gibt, der nicht von ihrem Gift infiziert wäre. Die Grundbedeutung des Wortes, welches wir mit Sünde übersetzen, ist Zielverfehlung. Sein Ziel als Mensch zu verfehlen aber heißt vor Gott, dass man Ihn beleidigt und so Sein gerechtes Gericht herausfordert. Die Bibel lehrt auch, dass es menschlicherseits keine Gegenleistung gibt und geben kann, die ein sündiger Mensch von sich aus als erforderliche Wiedergutmachung anbieten könnte, um vor dem heiligen und gerechten Gott unverklagbar dazustehen.

Was Menschen unmöglich ist, tat Gott in Seinem Sohn. Er ist in Seinem blutigen Tod an die Stelle des Sünders getreten, um ihn so zu machen, als hätte er niemals gesündigt. Paulus sagt: »Denn Den, der Sünde nicht kennt, macht Er zur Sünde für uns, auf dass wir Gottes Gerechtigkeit würden in Ihm« (2. Kor. 5, 21). So beschreibt das Neue Testament den Heilswert Seines Todes als Erlösung, als Sühne und als Opfer. Als Erlösung, um auszudrücken, dass Sein Blut als Lösegeld vor Gott gültig ist, um eine Menschheit aus der Gewalt des Teufels loszukaufen. Als Sühne, um von der Schuld zu befreien, die der Tod Jesu völlig gesühnt hat. Und schließlich als Opfer. Nirgendwo als am Kreuz Christi wird deutlicher, was in Wahrheit Opfer ist. Was die Opfer von Tieren, wie sie Menschen darbringen, nie vermögen, das bewirkte das allgenugsame und ewig gültige Opfer Jesu in Seinem Tod am Kreuz von Golgatha.

»Was Er starb, starb Er der Sünde« (Röm. 6, 10). Der Sohn Gottes steht in Seinem Opfertode dort, wo eigentlich ich stehen sollte. Dahingegeben an meiner Statt, lässt mich Sein Kreuz ahnen, wie furchtbar meine Sünde vor Gott aussehen muss. Es sagt mir aber auch, wieviel ich in den Augen Gottes wert bin, dass Er Seinen Sohn für mich ans Fluchholz gab (Gal. 3, 13).

Die rettende Kraft, die von dem Tode Jesu ausgeht, wirkt nie automatisch. Sie wird nur dort offenbar, wo jemand sich mit Christus am Kreuz eins macht, indem er Seinen Namen anruft, um in Buße und Glauben Sein Angebot der Vergebung der Sünden anzunehmen.

Darum — der Lohn des Sohnes für Seine Erniedrigung

Wer auch nur ein wenig über den Lauf der Geschichte nachdenkt, wird darauf kommen, dass vor ungefähr zweitausend Jahren etwas Gewaltiges geschehen sein muss. Etwas, das die Welt veränderte. Schon diese Beobachtung zeigt, dass sich alle Geschichtsbetrachtung notwendig auf die Person Jesu Christi gewiesen sieht. Die Nachwelt würde von einem im Orient hingerichteten Mann namens Jesus kaum Notiz genommen haben, und wenn überhaupt, würde Sein Name bestenfalls der Kategorie Gescheiterter zugeordnet geblieben sein, wenn nicht — ja wenn nicht das Unerhörte eingetreten wäre, dies nämlich, dass Gott selbst sich zu Seinem getöteten Sohn bekannt und Ihn durch Seine Macht aus den Toten auferweckt hätte. Dieses zentrale Ereignis der Weltgeschichte stellt den entscheidenden Wendepunkt in jeder Hinsicht dar.

Für den Sohn Gottes selbst ist diese Tat des Vaters der Machterweis Seiner Gottessohnschaft. Als Jesus vor dem Hohepriester Israels stand, fragte Ihn dieser: »Ich beschwöre Dich bei dem lebendigen Gott, dass Du uns sagst, ob Du der Christus bist, der Sohn Gottes. Und Jesus antwortete ihm: Du hast es gesagt. Von nun an werdet ihr den Sohn des Menschen sitzen sehen zur Rechten der Macht und kommen auf den Wolken des Himmels.« Auf dieses Sein Bekenntnis hin, welches man als Gotteslästerung hinstellte, wurde Er des Todes für schuldig befunden und gekreuzigt (Matth. 26, 64-67). — Dadurch nun, dass Gott Ihn aus den Toten auferweckte, ist Er selbst für Seinen Sohn eingetreten, um zu bestätigen, dass Er wirklich der Sohn Gottes ist. Damit aber hat Gott nicht nur die Wahrheit jedes Seiner Worte beglaubigt, Er hat so auch die Gültigkeit Seines Werkes erwiesen und zum Ausdruck gebracht, dass es keinen anderen Weg, der zu Ihm führt, geben kann als nur den in Jesus Christus. So ist die Auferweckung Jesu das Kernstück dessen geworden, was die Apostel predigten. Das heißt, ihre Verkündigung ist eine einzige Entfaltung der Herrlichkeit des auferweckten Herrn.

In unserer Stelle aus dem Philipperbrief enthüllt Paulus den Grund Seiner Erhöhung: »Darum hat Ihn auch Gott über die Maßen erhöht.« »Da­rum« heißt, wegen Seiner Erniedrigung des im Gehorsam erduldeten Todesleidens. Weil Er den Weg der freiwilligen Erniedrigung und des Gehorsams bis zum Äußersten ging, deswegen hat Gott sich zu Ihm bekannt und Ihn zur höchsten Würde erhoben. Doch auch in Seiner Erhöhung ist der Sohn ganz dem Vater anheim gegeben, wirkt Sein Gehorsamsweg fort bis hin zur herrlichen Vollendung des Heils an allen Wesen, die durch Ihn ins Dasein traten.

Über die Maßen erhöht — die Machttat des Vaters

Jemand erhöhen meint, ihn zu etwas machen und ihn in eine erhabene Stellung bringen. Die Aussage, dass Gott Seinen Sohn erhöhte, meint, dass Er Ihn auf den Ehrenplatz zu Seiner Rechten erhoben hat. Das Wort, welches Paulus hier gebraucht, um diese Tat des Vaters auszudrücken, wird man am besten mit »übererhöht« oder »über die Maßen erhöht« wiedergeben. Die Erhöhung des Sohnes übersteigt jede menschliche Vorstellung von einer Erhöhung. Damit, mit der Erhöhung des Sohnes, erfüllt sich die Weissagung der Heiligen Schrift des Alten Bundes: »Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu Meiner Rechten, bis ich Deine Feinde zum Schemel Deiner Füße lege« (Ps. 110, 2).

Um verstehen zu können, was Paulus damit sagen will, dass Gott Seinen Sohn »übererhöht«, wird man nach dem Ort Seiner Erhöhung fragen. Schon die Ungewöhnlichkeit des Ausdrucks legt diese Frage nahe. Es ist nun überaus aufschlussreich zu erfahren, was die Heilige Schrift andernorts hierzu bezeugt. Schon auf ihrem ersten Blatt wird die Schöpfung als »Himmel und Erde« bezeichnet. Daraus kann man schließen, dass die Wohnung Gottes — und damit der Ort der Erhöhung des Sohnes — außerhalb der Schöpfung liegen muss. Im Hebräerbrief finden wir den Ort der Erhöhung am ausführlichsten beschrieben. Dort heißt es in Kapitel 4, Vers 14, »dass der Sohn Gottes, unser großer Hohepriester« (offenbar indem Er erhöht wurde) »durch die Himmel gegangen ist«. Nach Hebräer 7, 26 ist Er »höher als die Himmel« geworden und nach Kapitel 9, 29 ist »Er eingegangen in den Himmel selbst«. So wird der Ort, dahin Gott Seinen Sohn erhöhte, über dem geschaffenen Bereich der Himmel gedacht werden müssen, zumal er auch das »Oben« oder »Droben« (Kol. 3, 1) wie auch »Seine Herrlichkeit« (Luk. 24, 26) genannt wird.

Aber nicht nur der erhabene Ort der Erhöhung des Sohnes ist Gegenstand der Beschreibung des Neuen Testamentes, mehr noch ist es die damit verbundene Würde, die der Erhabenheit dieses Ortes entspricht.

Name, der über jeden Namen ist — die Würde des erhöhten Gottessohnes

Diese höchste Auszeichnung, die Gott zu vergeben hatte, drückt sich nach unserem Philippertext darin aus, dass Ihn der Vater mit dem »Namen begnadet hat, der über jeden Namen ist«. Der Name »Herr«, welcher Gott allein zukommt, entspricht nun der Würde und alles überragenden Herrschaftsstellung des Sohnes. Im Namen bekundet sich nach biblischem Verständnis das Wesen dessen, der ihn trägt, ja, im Namen tritt die Macht in Erscheinung, die sich hinter ihm verbirgt. So kann sich das Neue Testament vor allem in den Apostelbriefen nicht genug darin tun, die Herrlichkeit des erhöhten Herrn und die Universalität Seines Heilswerkes zu beschreiben, wie diese sich in den Titeln, die Seine Würde kennzeichnen, ausdrückt: Anführer zum Heil, Erbe des Alls, ewiger Hohepriester, Haupt des Leibes, Erstling der Entschlafenen, Erstgeborener aus Toten und Haupt jedes Fürstentums und jeder Gewalt, um nur einige zu nen­nen.

Anführer zum Heil (Hebr. 2, 10)

Die ganze Schöpfung durchzieht ein unheilvoller Riss. Ihn zu heilen, bleibt allein der göttlichen Vollmacht des erhöhten Sohnes vorbehalten, denn es ist »in keinem anderen Heil, auch kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, in welchem wir gerettet werden müssen« (Apg. 4, 12). Jesus Christus, der Sohn Gottes, ist das Heil der Welt in Seiner Person, weshalb Er auch der einzige Weg ist, um Heil, Gerechtigkeit und Wiederherstellung zu erlangen.

Erbe des Alls (Hebr. 1, 2)

Im Hebräerbrief wird uns ein weiterer kostbarer Blick auf die endzeitliche Bestimmung des Sohnes Gottes geschenkt, und zwar hinsichtlich Seiner Allschöpfung. Das Neue Testament stellt nicht nur fest, dass Er zu allen ge­schaffenen Wesen in einer ursächlichen Beziehung steht, wie es zum Beispiel aus Kol. 1, 16 hervorgeht, Seine göttliche Bestimmung ist auch, dass Ihn Gott zum »Erben des Alls« eingesetzt hat. »Es war das Wohlgefallen der ganzen Fülle, in Ihm zu wohnen und durch Ihn das All mit Sich zu versöhnen, indem Er Frieden gemacht hat durch das Blut Seines Kreuzes, durch Ihn« (Kol. 1, 19+20).

Ewiger Hohepriester (Hebr. 7, 21)

Zu den Amtsverrichtungen des Hohepriesters Israel gehörte vor allem, dass er am Versöhnungstag das große Sühneopfer für die Sünden des Volkes Gott darbrachte, wobei er alljährlich nur einmal das Allerheiligste betreten durfte. Im Neuen Testament nun wird alle Sühneveranstaltung des Alten Bundes an Wirkung und Kraft durch die Sühne überboten, die Christus durch Sein Blut erwirkt hat. So ist der alttestamentliche Hohepriester ein Hinweis auf den großen Hohepriester über das Haus Gottes, der durch Sein Opfer eine Sühne ein für allemal erwirkt hat, die in Ewigkeit gültig bleibt. Die Heilige Schrift nennt Ihn »Priester in Ewigkeit« (Ps. 110, 4), »großer Hohepriester über das Haus Gottes« (Hebr. 3, 1-6) und »ewiger Priester« (Hebr. 7, 17), weil Er »mit einer Darbringung vollkommen gemacht hat bis zur Durchführung, die geheiligt werden« (Hebr. 10, 14). In Ihm findet alles Priestertum seine letztgültige Erfüllung und Vollendung.

Haupt des Leibes, der Gemeinde (Kol. 1, 18)

Der Sohn Gottes ist in Seiner Erhöhung Haupt des Leibes, der Gemeinde. In den Paulusbriefen geht es um ein Zweifaches: einmal um die Entfaltung der universalen Bedeutung der Heilstatsachen des Todes und der Auferweckung des Herrn, und zum anderen — aufs engste damit verbunden — um das Zeugnis von der Gemeindeberufung im Blick auf die Allvollendung. Wesentlich hierbei ist, dass die Gemeinde des Neuen Testamentes als Leib verstanden wird, der zusammen mit seinem Haupt Christus einen Organismus bildet. Wie der Leib des Menschen eine Vielheit von Gliedern in sich vereinigt, die organisch mit dem Haupt und untereinander verbunden sind, so wird auch der mit dem erhöhten Haupt zu einer Einheit verbundene Leib Christi verstanden. Wenn Paulus vom Leib des Christus redet, ist dies für ihn kein bloßes Bild. Vielmehr soll in dem Einssein der Glieder mit Ihm und ihrer Einigkeit untereinander das Einigungswerk des Sohnes Gottes zur Darstellung kommen. — Der vollendete und verherrlichte Leib des Christus ist dazu bestimmt, Gott als Ausführungsorgan aller Seiner Verheißungen zu dienen. Die Bibel enthält eine Vielzahl von Gottesverheißungen. Für deren Erfüllung ist der Sohn Gottes mit Seinem »Ja und Amen« eingetreten. Zu ihrer Verwirklichung aber bedient Er sich der Glieder Seines Leibes, »Gott zur Herrlichkeit, durch uns« (2. Kor. 1, 20). Zu dieser erhabenen Zukunftsaufgabe wird der Christusleib in der Jetztzeit zubereitet, um dem Haupt entsprechend auf das Vollmaß gebracht zu werden. Die Verheißungen Gottes haben nichts Geringeres zum Inhalt als die Verwirklichung des göttlichen Heilsratschlusses für die ganze Schöpfung, wie es aus der Schrift ersichtlich wird (1. Tim. 6, 13; Psalm 150, 6).

Der Erstling der Entschlafenen (1. Kor. 15, 20)

Die Hervorhebung der Erstlingschaft oder der Erstgeburt bezeichnet stets die Vorrangstellung in einer Reihenfolge. Nach biblischem Verständnis ist beispielsweise in der Erstlingsfrucht der Ernte, die Gott dargebracht wird, bereits auch die Masse, der sie entnommen wurde, Gott geweiht. Das Erste ist Angeld für das Ganze, und die Masse, deren Anbruch der »Erstling« darstellt, berechtigt zur Erwartung, dass sie das, was der Erstling ist, werden wird. Anders ausgedrückt, die Veranlagung der Masse wird an dem Erstling deutlich. Dieser Grundsatz stellt sich ebenso in dem folgenden Christusprädikat dar.

Der Erstgeborene aus den Toten (Kol. 1, 18)

Wenn der erhöhte Gottessohn, als der durch die Machttat des Vaters Auferweckte, der »Erstgeborene aus Toten« genannt wird, was sollte sonst in der Absicht des Neuen Testamentes damit bezeugt werden, wenn nicht dies, dass das Los aller Toten bereits an dem Ersten, der aus ihnen zum Leben gebracht wurde, sich darstellt? Weil Er als der »Erstgeborene« zum Leben gebracht worden ist (vgl. Apg. 13, 32-34), wird dieselbe Lebendigmachung um Seinetwillen notwendig auch allen Nachgeborenen widerfahren (1. Kor. 15, 20-28). Diese Machttat Gottes an Seinem Sohn ist deshalb berechtigter Grund zur Hoffnung für alle Toten (vgl. Offb. 1, 18), wobei freilich die in der Schrift ebenfalls bezeugten Wege der Zurechtbringung nicht übersehen werden dürfen. Das Prinzip, dass Gott durch Gerichte zurechtbringt, besagt, dass Er durch sie Rettung wirkt. — »Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, auf dass Er sich aller erbarme« (Röm. 11, 32).

Haupt jedes Fürstentums und jeder Gewalt (Kol. 2, 10)

Es gehört zum Wesen des neutestamentlichen Zeugnisses, dass auch die Überwelt der Engel, der guten wie der bösen, in ihrer Beziehung zu Christus und der Gemeinde Seines Leibes gesehen und deshalb in die Darstellung des Heiles einbezogen wird. »Denn durch Ihn ist alles erschaffen, die Sichtbaren und die Unsichtbaren, es seien Throne oder Herrschaften oder Fürstentümer oder Gewalten, alle sind durch Ihn und für Ihn (griech: EIS AUTON = hinein in Ihn) geschaffen« (Kol. 1, 16). Deshalb ist der erhöh­te Sohn Gottes auch »gesetzt über jedes Fürstentum und jede Gewalt und Kraft und Herrschaft und jeden Namen, der genannt wird, nicht allein in diesem Zeitalter, sondern auch in dem zukünftigen« (Eph. 1, 21). So wird im Kolosserbrief noch eigens hervorgehoben, dass Er das Haupt jedes Fürstentums und jeder Gewalt ist, und in Hebr. 2, 5 heißt es, dass die zukünftige Wohnerde nicht mehr Engeln untergeordnet sein wird, sondern dem Sohn selbst, als dem unumschränkten Herrscher.

Die Würdeprädikate, wie sie das Neue Testament dem erhöhten Herrn beilegt, zeigen, dass sie es alle mit der künftigen Bestimmung der Allschöpfung zu tun haben, mit der Verwirklichung der Idee, die Gott im Blick auf das All vor allen Weltzeiten fasste. Denn alles dreht sich in der Bibel darum, dass Sein Programm zur sieghaften Durchführung kommt: dass alles in Christus aus der Entstellung durch die Sünde befreit wird und zur Erneuerung und Schönheit Seiner Gottesbildlichkeit gelangt (vgl. Kol. 1, 16b).

Dass jedes Knie sich beuge — die Siegesmacht des Namen Jesu

Die zukünftige Welt wird der Schauplatz des Triumphes des Namens Jesu sein. Angesichts weltweiter Krisen und Ängste darf der Glaube von Christus her den Durchblick gewinnen auf das Heilsziel, wie es durch Seine Auferweckung und Seine Inthronisierung zur Rechten Gottes garantiert ist. »Der Herr sprach zu Meinem Herrn: Setze Dich zu Meiner Rechten, bis ich Deine Feinde lege zum Schemel Deiner Füße« (Ps. 110, 1). Ergänzend hierzu versteht unser Wort aus dem Philipperbrief die Entmachtung der Feinde Christi verbunden mit dem Zweck Seiner Erhöhung: »Damit in dem Namen Jesu jedes Knie sich beuge.«

Beugen der Knie ist Gebetshaltung, in welcher sich sowohl Unterwürfigkeit als auch Verehrung ausdrückt. Wenn wir in dieser Weise die Geste der Huldigung aller Geschöpfe in unserem Philippertext beschrieben finden, so setzt dies voraus, dass es im ganzen Weltall nichts mehr gibt, was gegen Gott und Seinen erhöhten Sohn streitet, weil jeder Widerstand gebrochen und an die Stelle alles Aufbegehrens Anbetung getreten ist. — Dass das Beugen der Knie im Namen Jesu geschieht, weist auf die sieghafte, umwandelnde und rettende Macht hin, die Seinem Namen innewohnt.

Diese Macht soll sich nun an jedem geschaffenen Wesen auswirken. Der Name Jesu, bereits durch Engelmund vor Seiner Geburt angekündigt, bedeutet Heilbringer. Diesen Namen, dessen Sinn nur Er zur vollen Geltung bringt, hat der menschgewordene Sohn Gottes mit anderen Menschen gemeinsam. Dies zeigt, dass mit dem Namen Jesus Sein Menschsein in der Gesinnung des Gehorsams und der Demut angesprochen ist. So kann mit »in dem Namen Jesu« nur das Einssein mit der inneren Einstellung, wie Er sie als Mensch hatte, gemeint sein. Bei allen also, die ihre Knie in Seinem Namen beugen, muss demzufolge an solche gedacht werden, die aus ihrer Verkehrtheit eine Erneuerung ihrer Gesinnung durch die Siegesmacht des Namens Jesu an sich erfahren haben.

Und alle Zungen herausbekennen — der Lobpreis aller geschaffenen Wesen

Durch die Machttat Gottes an Seinem Sohn hat sich alles verändert. In ihr ist die grundlegende Weichenstellung für alle künftigen Zeiten geschehen. Denn Gott hat dadurch über den Weg der Allgeschichte und damit über das Los jedes Einzelwesens in letztgültiger Weise entschieden. Dass der Sohn lebt, darf Anlass sein für alle zu hoffen. Vor ungefähr zweieinhalb Jahrtausenden lebte in Israel ein großer Prophet. Diesem war es gegeben, Ein­zelheiten des Lebens Jesu mit Treffsicherheit im Voraus zu verkündigen. Seine Prophetie aber gipfelt in der göttlichen Zusicherung, dass die allumfassende Herrschaft Gottes Wirklichkeit werden wird: »Wendet euch zu Mir und werdet gerettet, alle ihr Enden der Erde, denn Ich bin Gott und keiner sonst. Ich habe bei Mir selbst geschworen, aus Meinem Munde ist ein Wort aus Gerechtigkeit hervorgegangen, und es wird nicht rückgängig werden, dass jedes Knie sich vor Mir beugen, jede Zunge Mir schwören wird. Nur im Herrn, wird man von Mir sagen, ist Gerechtigkeit und Stärke. Zu Ihm wird man kommen und es werden beschämt werden alle, die wider Ihn entbrannt waren« (Jes. 45, 22-24).

Was Gott dort feierlich durch einen Eid besiegelt hat, soll sich nun in der Weise erfüllen, »dass in dem Namen Jesu jedes Knie sich beuge und jede Zunge herausbekenne: Herr Jesus Christus«.

Wenn es heißt, dass jede Zunge Jesus Christus als Herrn bekennen wird, versteht es sich, dass dieses Bekenntnis jedes erschaffenen Einzelwesens ein aufrichtiges und von Herzen kommendes Bekenntnis sein wird. Dieser Sinn unserer Stelle ergibt sich zwingend aus der Bedeutung des griechischen Grundtextwortes EXHOMOLOGEOO, welches vorstehend mit »herausbekennen« wiedergegeben ist. Schon die Zusammensetzung des Ausdrucks aus HOMOS (auf ähnliche Weise oder übereinstimmend), LEGOO (sagen, im Sinn einer unverbrüchlichen festen Aussage; vgl. LOGOS = Rechnung, Wort) und dem Präfix EX (aus oder heraus) zeigt, dass das so beschriebene Bekenntnis in Übereinstimmung mit dem, was das Innere meint, geschieht. Wenn man zudem in Betracht zieht, dass sich dieses Wort außer an unserer Stelle nicht weniger als neunmal im Neuen Testament findet, und wenn man auf die Zusammenhänge achtet, in denen es in den betreffenden Stellen vorkommt, wird deutlich, dass damit immer nur ein freiwilliges, in bewusster Herzensabsicht und innerster Zustimmung gegebenes Bekenntnis ausgedrückt wird (vgl. Matth. 3, 6; 11, 25; Mark. 1, 5; Luk. 10, 21; 22, 6; Apg. 19, 18; Röm. 14, 11; 15, 9; Jak. 5, 16).

An unserer Stelle des Philipperbriefes bezeichnet EXHOMOLOGEOO das Bekenntnis zu Jesus Christus als Herrn, im Mund aller geschaffenen Wesen, als einen huldigenden Lobpreis, in welchem sich das Ziel der Heilsgeschichte darstellt. In diesem Wort ein erzwungenes, widerwilliges, resignierendes oder unaufrichtiges Gelöbnis ausgedrückt zu finden, stünde dem Sinn unseres Philipperwortes, wie dem der ganzen Heiligen Schrift, entgegen.

Herr Jesus Christus — worauf es ankommt

Ohne Zweifel gehört das Bekenntnis »Herr Jesus Christus«, wie es in Phil. 2, 11 steht, zu den gewaltigsten Aussagen der Bibel. Einmal deshalb, weil der Zusammenhang, in welchem es erscheint, von einer Zeit redet, in welcher alle Zungen Jesus Christus als Herrn bekennen werden, zum andern aber auch, weil dieses Bekenntnis alles darüber aussagt, was es bedeutet, ein Christ zu sein.
Zunächst wird darin das Hauptmerkmal eines Christenlebens gekennzeichnet, nämlich dies, zu glauben, dass Jesus der Christus, der Sohn Gottes ist. Im 1. Johannesbrief 5, 1 wird grundlegend festgestellt: »Wer da glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren.« Der Glaube daran, dass Jesus der Christus ist, verbindet sich stets untrennbar mit den Tatsachen Seines Todes und Seiner Auferweckung. Paulus fasst den Heilswert dieser beiden Ereignisse in den Satz, dass Jesus, unser Herr, »um un­serer Übertretungen willen dahingegeben und um unserer Rechtfertigung willen auferweckt« ist (Röm. 4, 25). Wer immer diesen Tatsachen in seinem Herzen Glauben schenkt, wird vor Gott ein anderer, das heißt, ein neuer, gerechtfertigter Mensch.

»Gerechtfertigte aus Glauben« (Röm. 5, 1) haben eine neue Natur. Durch sie sind sie befähigt, ein Leben zu führen, an welchem Gott Gefallen hat. In seiner alten Natur vermag ein Mensch weder Gott zu gefallen noch Ihm zu dienen. Wenn die Heilige Schrift die innere Umwandlung eines Menschen zu Gott hin meint, redet sie davon, dass »jemand von Gott geboren« oder »von neuem geboren« wird. Dadurch also, dass man glaubt, dass Jesus der Christus ist, wird man von Gott geboren — ein Kind Gottes. Das Bekenntnis »Herr Jesus Christus«, von welchem unser Philipperwort redet, ist deshalb nur im Munde derer denkbar, die diese geistliche Neugeburt erfahren haben.

Für den wiedergeborenen Christen ist die bewusste Beziehung zu Jesus Christus als zu dem Herrn seines Lebens entscheidend. Was damit gesagt ist, wenn Er in unserem Text als Herr bezeichnet wird, ist für uns, die wir jeden erwachsenen männlichen Zeitgenossen mit »Herr« anzureden pflegen, nicht ohne weiteres verstehbar. Die Anrede »Herr Jesus Christus« bezeichnet im Vollsinn der biblischen Bedeutung Seine Hoheitsstellung über alles: »Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden« (Matth. 28, 18). »Herr Jesus Christus« meint so den sich in Jesus Christus offenbarenden Gott, als Schöpfer, Retter, Richter, Wiederhersteller und Vollender des Alls. Seiner Majestät kommt die Haltung liebender Ehrfurcht und dankbaren Gehorsams zu. An Seinem Wort kommt alle geschöpfliche Widerrede zum Schweigen. Jedes Menschenwort wird an Seinem Wort auf dessen Gültigkeit gemessen. Er ist die absolute Wahrheit und vor Ihm versinkt das kleine Ich des Geschöpfes in Beugung und Anbetung.

Im 1. Korintherbrief 12, 3 spricht Paulus die Grundwahrheit aus, dass niemand sagen kann »Herr Jesus«, außer im Heiligen Geist. Der Heilige Geist ist die dritte Person des Dreieinigen Gottes, aber Er ist auch die treibende Kraft im Leben dessen, der an den Herrn Jesus Christus glaubt. Der Heilige Geist ist es, der den Sohn Gottes in den Seinen verklärt, und als der Geist des Vaters und des Sohnes vermag deshalb nur Er das lebendige Bekenntnis zu Jesus Christus als Herrn zu wirken. Schließlich ermisst sich auch an der Kennzeichnung derer, die dieses Bekenntnis aussprechen, die hohe Bedeutung der Aussage für die Lehre der Heiligen Schrift. »Himmlische, Irdische und Unterirdische« bezeichnen alle Bereiche der Allschöpfung, in die jedes geschaffene Wesen einbezogen ist.

Zur Verherrlichung Gottes des Vaters — das Endziel der Allgeschichte

Zur Eigenart der Beschreibung der Endphase des Christusweges, wie sie Paulus gibt, gehört auch, dass er eine gerade Linie von der Erhöhung des Christus bis hin zur Vollendung des Alls zieht. So sagt dieser sein Aufriss nichts darüber aus, durch welche Abfolge von Ereignissen die Allschöpfung an das Ziel ihrer Vollendung gelangt. Wohl aber kennzeichnet der Apostel in unmissverständlicher Deutlichkeit den Lobpreis aller erschaffenen Wesen als Heilsfrucht des Sohnesweges. In unserem Philippertext sucht man vergeblich nach den dazwischenliegenden Ereignissen der Wiederkunft Christi, der Wiederherstellung Israels im Tausendjährigen Reich, nach dem Zeugnis vom Weltbrand und dem des Gerichtes über die Toten, dem über den Feuersee und dem über das neue Jerusalem. Dies alles wird hier übergangen. Nicht etwa, als ob davon etwas an Bedeutung verloren hätte. Die Realität der Gerichte, vermittels derer Gott in Seinem Sohn dieses herrliche Ziel der Rettung aller erreicht, wird dadurch keineswegs an­getastet. Wenn Paulus hier auch nichts im Einzelnen darüber sagt, durch welche Ereignisse Gott Sein Ziel erreicht, so weiß er doch um so großartiger dieses, das Heil der Welt, als Summe Seiner Gerichtswege vor die Leser zu stellen. Der Welt wegen brachte Gott das unbegreifliche Opfer Seiner Vaterliebe, »dass Er Seinen einziggezeugten Sohn dahingab«, um sie aus ihrer Verlorenheit zu retten (Joh. 3, 16).

Paulus sagt zuletzt, dass alle Anbetung des Sohnes »zur Verherrlichung Gottes, des Vaters« gereicht. Verherrlichung heißt volle Wesensentfaltung. So wird man hier unter Verherrlichung Gottes dies verstehen dürfen, dass die Herrlichkeit des glückseligen Gottes (1. Tim. 1, 11) in Seiner universalen Herrschaft zur vollen Geltung kommt und Er alles in allem ist (1. Kor. 15, 28).

Herrlichkeit meint in unserem Sprachverständnis, was eines Herrn würdig ist. Welcher Endzweck der Heilsveranstaltung Gottes in Christus könnte Seiner würdiger sein als der, von dem unser Text sagt, dass »Gott der Vater« — also Gott in Seiner Eigenschaft als Vater aller — die Ihm gebührende Ehre und Verherrlichung von aller Welt empfängt? Gott sehnt sich nach den Werken Seiner Hände (Hiob 14, 15), um schließlich allen Vater sein zu können, wie Er dem Sohn bereits vor allen Weltzeiten Vater gewesen ist.

Vom Ziel her erschließt sich das Verständnis des Weges. So ist auch das Endziel des Weges Gottes die Antwort auf allen Zerbruch dieser Weltzeit. Die Frage nach dem Eigentlichen, wie sie zwangsläufig angesichts irdischer Leidens- und Sterbensnot entsteht, wie sollte sie befriedigend beantwortet werden können? Einzig an dem Weg des Sohnes Gottes, zu dem jedes Menschenleben in einer schicksalhaften Beziehung steht, ist zu lernen, zu welcher Würde ein Mensch gerufen ist. Ohne Jesus müssen wir uns, in einer dem Absturz entgegeneilenden Welt, der Kälte und Ungeborgenheit ewiger Nacht preisgegeben sehen. Wo aber Ihm, als dem erhöhten Herrn, der Eintritt in das Leben eines Menschen gewährt wird, dort bricht der Morgen eines nie endenden Tages an, dessen Sonne niemals mehr untergeht.

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 4 & 5/2001; Paulus-Verlag; Heilbronn)

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