Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Von den Haushaltungen Gottes

Autor: Czerwinski, Carl  |  Kategorie(n): Gemeinde, Heilsgeschichte, Lehre  |  648 x gelesen

Vom Kind zum Mann in Christus

In den Briefen des Apostel Paulus, besonders in seinen Gefangenschaftsbriefen (Epheser, Philipper, Kolosser) ist immer wieder die Rede von einem Stand der Vollkommenheit im Sinn der Mündigkeit, der Reife und des Mannesalters in Christo (1. Kor. 2, 6; 3, 1.2; 13, 8 ff; Gal. 4, 1-7; Eph. 4, 11-15; Phil. 3, 15; Kol. 1, 28; 4, 12; 2. Tim. 3, 17). Auch Hebr. 6, 1 und 2 gehört hierher. Das griechische Wort, welches er an diesen Stellen gebraucht für Vollkommenheit (Teleios), bedeutet fertig oder zur Reife gebracht.

Was hat der Apostel in diesen Stellen wohl im Auge; meint er die sittliche Vollkommenheit im Leben und Wandel des einzelnen Gläubigen im Sinn von makel- und fehlerfrei, sittlich vollkommen ohne Lüge und Mangel? Sicher arbeitete er mit allem Ernst auf dieses Ziel hin, dass die Glieder Christi in der Siegeskraft der ihnen geschenkten Gnade und des Lebens aus Gott im Heiligen Geist auch im praktischen Leben sich als Gottesmenschen in einem Lichtwandel makellos erweisen möchten (Eph. 5 und Phil. 2, 14-16 u. a.). Aber in den oben angeführten Schriftstellen von der Vollkommenheit oder Reife in Christo hat er doch etwas anderes im Auge.

Was er damit meint, das wird uns erst klar, wenn wir durch seine Briefe seinen Auftrag, seine “Verwaltung” des ihm von dem erhöhten, verherrlichten Herrn Christus Jesus (dieses ist in seinen Briefen immer die Herrlichkeitsbezeichnung für den Herrn im Unterschied zu Jesus Christus, der Benennung des Herrn in Israel im Stande der Niedrigkeit und für die Offenbarungslinie des verheißenen messianischen Königreichs) anvertrauten Haushalts erkennen und diesen mit den bis dahin laufenden Haushaltungen der Königreichslinie mit der jüdischen Nation im Mittelpunkt vergleichen.

Wir wollen deshalb zunächst einen Rückblick in jene früheren Haushaltungen tun.

Der ganze Heilsplan oder Liebesratschluss Gottes wird nicht nur in den großen Zeiträumen der Äonen, die nach Hebr. 1, 2 durch den Sohn Gottes gemacht sind, durchgeführt, sondern auch in einer Reihe von göttlich geordneten “Verwaltungen” oder “Haushaltungen”, welche alle als kleinere Zeitabschnitte innerhalb der Äonen liegen und öfter als jene wechseln. So redet z. B. Paulus in Eph. 3, 9 und Kol. 1, 25 von einer Verwaltung (oikonomia) die er vom Herrn bekommen hat, und wenn wir genau hinsehen, erkennen wir deutlich aus seinem Zeugnis, dass sich diese “Verwaltung” (oder Haushalt) sehr von den vorherigen Haushaltungen unterscheidet.

Gehen wir jetzt einmal bis auf den Haushalt des Gesetzes, dessen “Verwalter” Moses war, zurück!

Hier sehen wir, wie eigentümlich der Verkehr Gottes mit seinem auserwählten Volk und umgekehrt war. Alles wurde bis ins Kleinste hinein durch das Gesetz geregelt. Ein Wohnen Gottes in den Menschen auf Grund der vollbrachten Erlösung durch Gottes Opferlamm war damals nicht möglich. Alles war Vorbereitung, schrittweises Hindeuten und Hinführen zu Christus und seinem Heil im Wesen. Es war Elementarunterricht mit “schwachen und armseligen Anfangsgründen” (Gal. 1, 9), das ABC der Offenbarungen Gottes (Hebr. 5, 12), Fibelunterricht mit Typen, Schatten (Kol. 2, 17; Hebr. 10, 1), äußeren Formen und Bestimmungen für den nur dem Volke Israel übertragenen Gottesdienst (Röm. 9, 4) in einem vergänglichen, irdischen Heiligtum. Gott redete in diesem Elementarunterricht durch sinnlich wahrnehmbare Dinge und Einrichtungen und deutete durch diese immer hin auf geistliche Wirklichkeiten, die später den Heiligen Gottes durch Christus geschenkt werden sollten.

Da waren z. B. die im Gesetz verordneten Waschungen, die in jenem Haushalt eine große Rolle spielten und zur “Reinigung des Fleisches” dienten. Diese bekamen später im Haushalt der Menschwerdung Jesu Christi durch das Taufen Johannes des Täufers, das Taufen Jesu und dann durch das Taufen im Pfingsthaushalt nach Sp. 2, 38 einen immer mehr gefüllten, tieferen Inhalt, bis sie schließlich in der Taufe und dem Getränktwerden durch den Heiligen Geist (1. Kor. 12, 13; Eph. 1, 13) ihre geistliche Vollendung bekamen, und zwar nach Eph. 4, 5 (”eine Taufe”) ohne äußeres, materielles Hilfsmittel.

Bei Johannes dem Täufer war eine Taufe, die Wassertaufe. Er wies aber hin auf die Geistestaufe Christi (Matth. 3, 11). Der Heiland selbst wies auch auf die kommende Taufe mit dem Heiligen Geist hin (Apg. 1, 5). Von Pfingsten bis zum Schluss der Apostelgeschichte (etwas mehr als 30 Jahre), als Paulus von Rom aus das Geheimnis Christi und seiner Leibesgemeinde völlig enthüllte und zur Fülle brachte in seinen Gefangenschaftsbriefen, waren 2 Taufen vorhanden: Die mit Wasser und die mit dem Geist. Erstere bekam mehr und mehr eine Bedeutung zweiten Grades (1. Kor. 1, 14-17), entsprechend dem erneuten Aufschub des verheißenen Königreichs Christi; während das Hineingetauftwerden in Christi Tod und Auferstehung und Herrlichkeitslebensgemeinschaft durch den Heiligen Geist “im Glauben an die Kraftwirkung Gottes, der ihn von den Toten auferweckte” (Kol. 2, 12), allen Gliedern Christi zuteil wurde.

In der Schule des Gesetzes, oder besser gesagt, in der Unterstufe der göttlichen Schulung seiner Heiligen, behandelte Gott durch die Bestimmungen bezüglich der Opfer, Speisen, Waschungen, Kleidung und dergl. das Fleisch des Menschen; darum heißt das Gesetz in Hebr. 9, 10 “Bestimmungen, die das Fleisch betreffen”. Durch den Fall war ja die ganze Menschheit fleischlich geworden. Das Sichtbare, Irdische, Körperliche, Vergängliche, das mit Verderben und Tod Durchsetzte, ist das Lebensgebiet des Menschen. Durch seine Sinne und sein Gemüt, die die Organe seiner Sinne sind, lebt er im Sichtbaren und Vergänglichen, im Fleisch (Röm. 8, 8), anstatt in der Welt des Lichts, der Liebe und der Wahrheit Gottes durch den Heiligen Geist.

Auf diesem Boden des Sichtbaren, Vergänglichen und Fleischlichen fängt Gott — welche Herablassung! — nun seine Rettungs- und Wiederherstellungsarbeit an durch gesetzliche Bestimmungen, in die er seine Rettungsgedanken und Verheißungen seiner geistlichen Segnungen, die später nach den notwendigen und erfüllten Voraussetzungen durch Christus Wirklichkeit in seinen Heiligen werden sollten, hineintat, gleichsam hineinwickelte.

Gott fängt die Rettung im Fleisch an und vollendet sie im Geist, bis alles “in den Geist erhöht” ist. Das ist das Wunderwerk seiner Weisheit, Liebe und Macht, welches ihm, wenn es vollendet ist, nie endende Ehre und Herrlichkeit eintragen wird.

Gehen wir nun von dieser Unterstufe des Gesetzes einen Schritt weiter!

Als die Zeit reif war, kam das Wort des Vaters selbst ins Fleisch, “geboren von einem Weibe und unter das Gesetz getan, auf dass er die, so unter dem Gesetz waren (hier müssen wir nach der Ordnung des göttlichen Heilsrats an die Juden denken, “der Jude zuerst”) loskaufte, damit sie die ihnen zugesicherte Sohnesstellung (2. Mose 4, 22; Röm. 9, 4) im Königsreichshaushalt Gottes bekämen. Es ist auffällig, wieviel der Heiland in seinen Erdentagen im Volk Israel vom Vater redete. Es jammerte ihn des Volkes; denn war nicht weitaus der größte Teil dieses Volkes “Der verlorene Sohn”, “verlorene Schafe vom Hause Israel”, die nicht unter der Führung und Versorgung des guten Vater-Hirten-Geistes standen? Und galt nicht sein Buß- und Lockruf dem ganzen Volke für die ihm verheißene königlich-priesterliche Segensstellung in dem Königreich vom Himmel, dessen König er war, und das war er nun, “damit die Schrift erfüllt würde”, herbeiführen wollte? (Matt. 4, 17 und 23; Mark. 1, 14 u. 15).

In Matth. 5, 17 sagt er dem um ihn versammelten Volk, dass er nicht gekommen sei, um das Gesetz aufzulösen, sondern es zur Fülle, d. h. zur Ziel- und Vollendungsdarstellung, zu bringen und versichert sie in Vers 18, dass dieses noch geschehen wird, ehe Himmel und Erde vergehen werden; und im Verlauf dieser großen Bergrede schaut er mit prophetischem Geist in die kommende Königreichszeit und die Seligkeit dieses Reiches und erklärt seinem unter dem Gesetz Moses stehenden Volk, wie es sein wird, wenn es durch seine ihm eingeprägte Gesinnung (Vers 3-11) das Gesetz christusmäßig, geistesmäßig (nicht nur buchstabenmäßig) halten werde in der Füllezeit des Königreichs, wie es auch dem Volk Israel in Jer. 31, 31-34 und Hes. 36, 25-28 verheißen wurde. Dann, in dieser kommenden Königreichszeit, wird dieses Volk seine ihm zugesicherte Erstgeburtsstellung unter den Nationen haben (5. Mose 28, 13) und als erstgeborener Sohn unter den Völkern von ganzem Herzen beten: “Unser Vater, der du bist in den Himmeln!” Dann wird es in seine ehrenvolle Oberstufe der Gottesschule versetzt sein.

Gehen wir noch einen Schritt weiter und folgen wir unserm Gott auf seinem wunderbaren Wege der Verwirklichung seiner Rettergedanken nach seinem Heilsrat, dann kommen wir zu dem eigenartigen

Pfingsthaushalt.

Es ist nicht die Aufgabe dieser Schrift, die einzelnen göttlichen Haushaltungen ausführlich zu behandeln, sondern es soll nur das Wesentliche aus ihnen hervorgehoben werden, um den Weg zu kennzeichnen, auf dem Gott schrittweise voranging.

Hier im Pfingsthaushalt haben wir nun einen außerordentlichen Schritt, den Gott machte, um seinem auserwählten Volke seinen Verheißungen gemäß den Heiligen Geist, Gnade und Kräfte für seine Königreichsstellung und -aufgabe zu geben.

Nach vollbrachter Sühnung der Sünden seines Volkes (Jes. 53, 6; 1. Joh. 2, 2), nach seiner Auferstehung und seinem Hingang zum Vater (Joh. 16, 7) geschah die machtvolle Ausgießung des durch die Propheten in Israel verheißenen Heiligen Geistes zur Verwirklichung des diesem Volke verheißenen neuen Bundes. Alles drängt auf die Herbeiführung des verheißenen Königreichs Christi hin. Machtvoll war am Pfingstfest die Heimsuchung Jerusalems und Israels, gnädig das Angebot der Vergebung des erhöhten Herrn durch Petrus (Apg. 2, 28; 3, 19; 5, 31), herrlich und tröstlich der Ausblick in die nun so nahe gerückten “Zeiten der Erquickung” (3, 19), die sofort ihren Lauf beginnen würden; wenn Gott den durch die Propheten dem jüdischen Volke so oft verheißenen Jesus Christus wieder vom Himmel her zu ihnen senden würde (3, 20). Ein großes Wiederherstellungswerk gemäß der Prophetie in Israel während des laufenden Äons (3, 12; nicht: von der Welt an) würde dann geschehen.

Wir müssen, wenn wir den ganzen Ratschluß Gottes und seine Ordnung im Auge haben, in dem Pfingstwerk des Herrn in Jerusalem einen Anbruch, gewissermaßen den Auftakt zu dem den Juden verheißenen Königreich mit der Herrschaft ihres Messias, dem Menschensohne Jesus Christus, erblicken. Von der “Verwaltung des Geheimnisses” (Eph. 3, 9; Kol. 1, 25-27), die später Paulus übertragen wurde, war im Pfingsthaushalt noch keine Rede.

Beachten wir genau die Merkmale des Pfingsthaushalts!

  1. Der den Juden verheißene Heilige Geist (Jes. 44, 3; 32, 15; Hes. 36, 27; Joel 3, 1; Sach. 12, 10) wurde mit Zeichen und Wundern und den Kräften des kommenden (Königreich) Äons (Hebr. 6, 5b; nicht: Welt) in ihrer Mitte ausgegossen.
  2. Petrus ist der “Verwalter” dieses Haushalts, der gemäß der ihm von Christus übertragenen Reichsschlüsselrechte (Matth. 16, 19) die Tür des Königreichs weit aufmachte mit dem Vergebungs- und Geistesangebot an ganz Israel, dabei sich immer auf die Prophetie stützend (bei der Gemeinde, die Christi Leib ist, handelt es sich nie um irgendeine Nation, sondern um Auserwählte aus den Nationen).
  3. Der den Juden durch die Propheten verheißene neue Bund (Jer. 31; Hes. 36 u. a.) fing hier an, Wirklichkeit zu werden. Sein Wesen ist: durch Geisteskraft die Rechte und Satzungen (das Gesetz) treu und gottgewollt zu halten als Mittel zum Gesegnetsein für die anderen Nationen. Aus diesem Grund waren auch die an den Herrn gläubig werdenden Juden so gesetzlich, sogar Eiferer um das Gesetz (Apg. 21, 20). Das Gesetz sollte ja im Königreich zur Fülle (d. h. zur höchsten, vollendeten Darstellung) gebracht werden (Matth. 5, 17). Immer wieder hat Gott durch Moses seinem Volk sagen lassen, dass diese Satzungen und Rechte eine “ewige (genau: äonische, d. h. von ihm mit dem Königreichsäon als Ziel gegebene) Ordnung” für sie sei. In dieser Linie liegt die ganze Wirksamkeit der Apostel der Beschneidung (Gal. 2, 6-10) mit dem ihnen anvertrauten “Evangelium der Beschneidung” und ihren Briefen. So können wir z. B. den Jakobusbrief (Luther: “Die stroherne Epistel”) gut verstehen. Er gehört zum Pfingsthaushalt der gläubigen, geistesmäßigen Gesetzeserfüllungslinie des Königreichs in Israel und ist ja auch an “die zwölf Stämme” gerichtet.
  4. Zum Wesen dieses neuen Bundes mit seiner treuen Gesetzesbeobachtung gehörte auch das Hergeben alles Privatbesitzes. Der Jude durfte nach dem Gesetz keinen eigenen Besitz haben. Alles Land gehörte Jehova; es war gewissermaßen “Kronland” und wurde durchs Los den einzelnen Stämmen zum Nutznießen zugeteilt. (4. Mose 26, 55; Jos. 14, 2). Israel hat das Gesetz Gottes immer wieder gebrochen, und der “Jude” muss, wenn er gehorsam ist, “schachern”, um reich an irdischem Gut zu werden. Kein Wunder, daß der Herr dem Jüngling sagt: “Verkaufe, was du hast, und gib´s den Armen!” Nach dem Gesetz war sein Besitz ungerecht. Das passte nicht zum Streben nach dem “ewigen Leben”, dem von Gott für den Königreichsäon bereiteten und verheißenen äonischen Leben nach Christi Gesinnung und Wesen.
  5. Die Gläubigen waren ein Herz und eine Seele, hatten alles gemeinsam, kamen täglich zusammen, hatten Gunst bei allem Volk, und täglich tat der Herr hinzu (2, 42-47). Lauter köstliche Königreichsmerkmale! Frieden, Harmonie, ständig wachsende Zunahme, Festtagsfreude der Gemeinschaft, sichtbares wundermäßiges Eingreifen Gottes zum Zeugnis nach außen, mächtige Darstellung von Gottes Recht und Wesen unter den Menschen (Gericht über Ananias und Saphira) und ähnliches wird das Königreich in großartiger Weise der armen, leidenden Welt bringen. Hier zu Pfingsten in Jerusalem haben wir von der vollen Königreichsernte, die später kommt, die Darbringung der Erstlingsbrote, was ja auch buchstäblich nach 3. Mose 23, 15-17 die Bedeutung von Pfingsten (der jüngste Tag nach Ostern) war. (Nebenbei noch eine Frage zum Nachdenken. Ist nicht etwa die Tatsache, dass diese Erstlingsbrote “gesäuert” sein mußten, schon ein prophetischer Hinweis auf den “Sauerteig”, der sich so bald bei den gläubigen Juden von Pfingsten zeigt und nachher dem Apostel Paulus soviel Mühe machte? Gal. 5, 9; 1. Kor. 5, 6-8.)

Auch etliche Propheten oder “Judengenossen”, wie z. B. Kornelius und der Kämmerer, kamen hinzu; denn sie waren Anbeter des lebendigen Gottes und nicht mehr reine Heiden im Sinn von Eph. 2, 12 “… ohne Gott”. So wuchs das Werk des Herrn, und das Wort vom Königreich und seinem König wurde bis an die Grenzen des Landes Palästina überall den Juden allein verkündigt (Apg. 11, 19).

Aber die jüdische Nation als solche, besonders ihre Führer, hatten auf dieses Gnadenwirken Gottes in ihrer Mitte ihre Antwort, nämlich Ablehnung, Feindschaft und Verfolgung (Sauerteig!) in zunehmendem Maße. Und so kam der Königreichsanbruch in ihrer Mitte nicht zum Durchbruch in der ganzen Nation. Die ganze Verwirklichung des Königreichs bekam erneut einen Aufschub. Das Warten der Apostel auf die Sinnesänderung der ganzen Nation bis zum Schluss der Apostelgeschichte erfüllte sich nicht.

Was nun? Verstieß Gott sein Volk und übertrug er das ihm Zugedachte einer andern Nation? Nein, niemals! Seine Gaben und Berufung für Israel sind nach Röm. 11, 29 unwiderruflich. Diese Nation bleibt das königlich-priesterliche Mittlervolk der Welt fürs Königreich Christi.

Noch einen Schritt weiter, und wir kommen zu Pauli Dienst in der

Übergangszeit.

Wohl im gleichen Verhältnis, wie sich die Verstockung Israels in dem Zeitraum, den die Apostelgeschichte deckt, stufenweise vollendete, führte der erhöhte und verherrlichte Herr, Christus Jesus, einen neuen Haushalt, eine “Verwaltung des Geheimnisses” ein, die er seinem auserwählten Rüstzeug Paulus übertrug.

Durch seinen und des Barnabas Dienst außerhalb des gelobten Landes wurden hin und her, hier weniger und dort mehr, Leute aus den Nationen gläubig, die sich den Versammlungen der Judengläubigen anschlossen. Letztere aber waren infolge ihrer Gesetzestreue wenig zufrieden mit der Tatsache, dass die Nationengläubigen frei vom Gesetz sein sollten gemäß der Verkündigung Pauli von der Rechtfertigung durch Glauben.

Warum frei vom Gesetz? Hatte nicht Gott es gegeben, und sollte es nicht im Königreich, dessen wirklichen Aufschub ja erst in Apg. 28 durch Pauli Ausspruch aus Jes. 6 besiegelt wurde, zur vollkommenen Darstellung kommen? Hatte nicht schon der Heilige Geist in Jerusalem in Israel angefangen, das göttliche Recht herzustellen, und sollte dieses nicht auch den Nationen zuteil werden nach der Prophetie?

In Antiochien in Pysidien kommt es zum Streit wegen dieser Sache in der Gemeinde. Die Folge ist, dass die Apostel in Jerusalem (man sieht, wie zu dieser Zeit die Königreichsgemeinde dort die maßgebende Instanz war für die aufkommenden Fragen und Schwierigkeiten!) entscheiden sollen, was nun zu tun sei. Sehr interessant ist in jeder Hinsicht der Bericht des Lukas Apg. 15 über jene Konferenz. Petrus rät zur völligen Freiheit vom Gesetz für die Nationengläubigen. Paulus steht in bezug auf den Rat, was nun geschehen soll, mehr im Hintergrund und schweigt (Vers 12 und 13), und Jakobus, der ganz königreichs-gesetzmäßig eingestellte Apostel, der damals wohl kaum etwas von der “Verwaltung des Geheimnisses”, die sich erst durch Pauli Dienst unter den Nationen anbahnte und für deren Durchführung als Voraussetzung menschlicherseits das Versagen der jüdischen Nation trotz Pfingsten war, wußte, entschied (Vers 19), dass die Gläubigen aus den Nationen doch etliche Satzungen auferlegt bekämen, also eine gewisse Unterordnung unter die Judengläubigen zu üben hätten (”denn Moses hat …”).

Dies war kennzeichnend für den Stand der Gemeinden in der Übergangszeit bis zur Volloffenbarung der “überragenden Reichtümer der Gnade in Güte gegen uns in Christus Jesus” (Eph. 2, 7), wie Paulus sie von Rom aus in seinen letzten Briefen verkündigte, von welchen der Epheser- und Kolosserbrief ohne Frage die bedeutendsten sind in bezug auf die völlige und endgültige Enthüllung über die ihm anvertraute Verwaltung des großen Geheimnisses. Als er diese Briefe schrieb, war die Übergangszeit verstrichen, und darum wurden nun, wie wir z. B. Kol. 2, 16 und 17 und 20-22 sehen, alle bis dahin für die Nationengläubigen aufgestellten Satzungen aufgehoben. Solange die mehr gesetzlich laufende Königreichslinie von Pfingsten her in den Gemeinden noch führend war, ermahnte Paulus, wie wir in Röm. 14 sehen, die Gläubigen in bezug auf die Gewissensreinheit oder Gewissensunreinheit in Verbindung mit dem Gesetz, aufeinander Rücksicht zu nehmen in brüderlicher Liebe.

Das andere Kennzeichen für diese Übergangszeit waren gewisse Geistesgaben (Sprachen, Weissagen, Kenntnis), die infolge des Vorherrschens der Königsreichslinie in den Gemeinden in Übung waren zur Vorbereitung für den kommenden Stand der Mündigkeit in Christus. Als dieser Stand vom Herrn den Seinen gegeben und durch Paulus in dem großen Geheimnis, das der zum Verwalten bekam (Eph. 3!), verkündigt wurde, wurden diese drei Gaben zurückgezogen.

Damit kommen wir nun wieder einen Schritt weiter und zwar zu

Pauli Vollkommenheitslehre oder der Mannesstand in Christus.

Nachdem er im 12. Kapitel des 1. Korintherbriefes die Geistesgaben und ihren Gebrauch ausführlich behandelt hat, sagt er am Schluß dieses Kapitels (und wir wollen das, was er da schreibt, zunächst für diejenigen, an die er schrieb und für die Zeit, in der er es schrieb, gelten lassen!) in Vers 31: “Strebet nach den besten Gaben, und ich zeige euch noch einen weit überragenden (d. h. das Bisherige weit übertreffenden) Weg.” Dieser “weit übertreffende” Weg ist nicht nur die Liebe (Kap. 13, 1-7) schlechthin, sondern vor allem, was sie nach Vers 8-13 als den Stand der Vollkommenheit (oder Mündigkeit) in Christus seiner Gemeinde, die seine Fülle ist, bereitet hat, und was Paulus, als er dieses schrieb, kommen sah mit dem Vollendungswort Christi durch ihn in seinen letzten Briefen an Christi Glieder. (Ich selbst wurde auf diese Erklärung zuerst durch einen Artikel von dem sehr sachlichen und gründlichen, erleuchteten Schriftforscher A. E. Knoch aufmerksam gemacht, und ich möchte auch die lieben Leser freundlich bitten, dieses betend und vor dem Herrn erwägend, sachlich zu prüfen, ob es sich also verhält.)

Gott gibt nie alles auf einmal, ebenso wenig er im natürlichen Leben dem eben geborenen Kinde gleich das Mannesalter und den Manneswuchs gibt; alles wird organisch im lebensmäßigen Wachstum gegeben, oder, um es mit dem Bild von der Schule zu vergleichen: von der Unterstufe (Gesetz vom Sinai) zur Mittelstufe (Pfingsthaushalt) und nach und nach (Übergangszeit) zur Oberstufe der Reife (Mündigkeit, Mannesalter nach den Epheser- und Kolosserbriefen).

Als das Vollkommene (nicht zu verwechseln mit der geistleiblichen Vollendung in Herrlichkeit!) kam, schwand manches, was mit diesem Stand der Mündigkeit nicht mehr im Einklang war. Stückwerk war das Prophezeien, d. h. ein Stück nach dem andern von dem ganzen Vorhaben Gottes wurde nach und nach prophetisch kundgetan. So ist z. B. auch die ganze Prophetie bezüglich des kommenden Königreichs auf dieser Erde vom ganzen Rat Gottes mit seinen Schöpfungen nur ein Teil, und auch dieser Teil wurde “stückweise” behandelt (Hebr. 1, 1: “Durch viele Teile und vielartig redete Gott …”). Beachten wir auch in diesem Zusammenhang das Wort Jesu an seine Jünger: “Ich hätte euch noch viel zu sagen.” Also auch er prophezeite “stückweise”. So stand z. B. auch die Gemeinde, die sein Leib ist, deren “Verwaltung” (oikonomia) Paulus von ihm, als er zum Haupt vom ganzen All zur Rechten des Vaters erhöht war, übertragen bekam, nirgends in seinem Gesichtskreis, in seinen Reden, solange er als Diener der Beschneidung in Niedrigkeit auf dem Gesetzes- und Königreichsboden in Israel wirkt. Damals war das große Geheimnis: der zum Haupt des ganzen Weltalls mit aller Gottesfülle erfüllte und über alle Fürstentümer, Gewalten und Mächte und Namen zur Rechten des Vaters erhöhte Christus Jesus und seine Gemeinde aus Juden- und Nationenerwählten, die seine Fülle sein dürfen und mit ihm in der Himmelswelt ihren Sitz, ihre Segnungen und ihre Aufgabe haben, noch in Gott verborgen. Erst als im Verlauf der Apostelgeschichte Israel sich verstockte und die von den Gesetzeshaushaltungen her über Pfingsten laufende Königreichslinie infolge der Blindheit Israels (Röm. 11, 25) unterbrochen wurde, trat Pauli “Verwaltung” mit ihren einzigartigen Enthüllungen bezüglich der Macht- und Herrlichkeitsstellung Christi Jesu als Vollender des Weltalls und bezüglich der überragenden Reichtümer der Gnade und Herrlichkeit, die seine Gemeinde nun in ihm haben darf, die vorher nicht ausgeteilt wurden, in Kraft.

Gott tut alles fein nach seiner Ordnung und nicht in einem Durcheinander, wie viele es in der sogenannten Reichsgottesarbeit in Verbindung mit frommer Politik tun.

Stückweise war auch die Kenntnis, die Paulus hier nennt. Allem Anschein nach war dies unmittelbar für besondere Fälle in den Gemeinden von Gottes Geist gegebene Einsicht; denn es kann sich hier nicht um die Gesamterkenntnis Gottes und Christi handeln. Diese ist und bleibt immer in besonderer Weise das Teil der Glieder Christi (Kol. 2, 2.3). Der ganze Wille Gottes bezüglich der Stellung, Aufgabe, Reichtum, Weg und Herrlichkeit der Gemeinde, die da ist sein Leib, wurde erst mit dem Schreiben der Gefangenschaftsbriefe (wir könnten sie auch die Reisebriefe nennen) kundgetan. Nun wurde das Wort Gottes (nicht zeitlich, aber sachlich in bezug auf die Heilsdarreichung) vollendet. Dieses war ja nach Kol. 1, 25 Zweck und Inhalt von Pauli Verwaltung des Geheimnisses: “Dass ich das Wort Gottes vollende.” Der Kreis der Enthüllung von Gottes Willen für seine Heiligen wurde nun geschlossen, somit konnte das vorherige stückweise Austeilen aufhören.

Die “Sprachen”, ein Kennzeichen der Führung der jüdischen Nation unter den Völkern im Königreich (Offb. 7, 9!), haben für die Gemeinde Christi, die ihre Stellung und Aufgabe jetzt in der Himmelswelt hat (Eph. 1, 3; 2, 6; 3, 10; Phil 3, 20; Kol. 3, 3), keine Bedeutung. Auch dieses “Stück” hörte auf, als das Vollkommene kam.

An dem Wachstum vom Kind, dem Unmündigen, zum Mann, dem Gereiften, zeigt Paulus in Vers 11 die Führung der Glieder Christi, wie sie damals durch seinen Dienst tatsächlich geschah, nämlich vom Stand der Unmündigkeit zum Stand der Mündigkeit, der Vollkommenheit, des Mannesalters (Eph. 4, 11 ff; Kol. 1, 28 und 29; 2, 2 und 3; 4, 12).

In dem Stand der Unmündigkeit war das Sehen und Erkennen Gottes für die Gemeinschaft mit ihm nach Vers 12 noch an gewisse Zwischenmittel aus den Gesetzeshaushaltungen, wozu auch die hier genannten Geistesgaben gehörten, gebunden. Der Unmündige braucht eben noch einen Vormund (Gal. 4, 1-3); er braucht Milch statt fester Speise (1. Kor. 3, 2) und das gleichnis- und spiegelmäßige Sehen (alle gesetzlichen Einrichtungen waren solche Spiegel), anstatt der freien, unmittelbaren geistes- und lebensmäßigen Gemeinschaft mit dem Vater von Angesicht zu Angesicht (Vers 12 und Eph. 2, 18; 3, 12!).

Nach Vers 13 bleiben (im Unterschied zu dem vorher genannten Aufhörenden) für den Stand der Mündigkeit (der nun für die Gemeinde Christi längst da ist und nicht erst kommen muß!)

Glaube, Liebe, Hoffnung.

“Ach, wie wenig!” könnten nun am Ende einige ausrufen. Wirklich? —

Nehmen wir uns nur einmal Zeit zum Nachdenken über den Inhalt dieser wunderbaren gottgefüllten Dreiheit, und mit Staunen sinken wir anbetend nieder vor dem Herrn, der seiner Gemeinde diesen, alles Denken übersteigenden Reichtum gegeben hat.

Wahrlich, diesen Reichtum unverkürzt den Kindern Gottes zu verkündigen, wäre eine dankbarere und mehr fruchtbringende Aufgabe, als ihnen immer ihr Zukurzkommen und was sie werden und tun müssen, zu verkündigen! Sind nicht heute tatsächlich die meisten Ansprachen in den Zusammenkünften der Gläubigen “Moralpredigten”? Welch breiten Raum nimmt immer dabei die Behandlung des Zuhörers ein in bezug auf das, was er ist in sich und wie er werden soll, und was er alles tun soll, um Gott zu gefallen! Das ist ein Beweis dafür, dass man heute im großen und ganzen das herrliche Haupt fürs ganze Weltall, welches in dieser Eigenschaft nach Eph. 1, 23 das Haupt ist für die Gemeinde, die sein Leib und seine Fülle ist, und “die überragenden Reichtümer seiner Gnade in Güte gegen uns” (Eph. 2, 7) in den Kreisen der Gläubigen viel zu wenig kennt.

Wir waren gewöhnt, das “Stückwerk” dieses Abschnitts in 1. Kor. 13 als kennzeichnend für unsere jetzige Zubereitungszeit, bis wir den Herrn schauen werden, anzusehen, und das “Vollkommene” auf die Ewigkeit zu verschieben. Die bleibende Dreiheit, Glaube, Liebe, Hoffnung, bliebe dann auch für die Ewigkeit. Haben wir hier wirklich richtig gesehen?

Die Schrift unterscheidet klar den Stand des Schauens in der Zukunft von dem Stand im Glauben, der jetzt ist (2. Kor. 5, 7).

Gerade deswegen ehrt doch Gott den Glauben der Seinen so sehr, weil sie durch ihn dem Wort des Unsichtbaren vertrauen und mit ihm auch dann rechnen, wenn alles gegen ihn spricht. So ist´s jetzt und nicht in der herrlichen Zukunft. Ebenso unterscheidet die Schrift ganz klar die jetzige Hoffnungszeit der Gläubigen jener Zeit, in welcher sie sehen und in Herrlichkeit haben werden, was sie jetzt hoffen (Röm. 8, 24 und 25).

Also, Glaube und Hoffnung sind nicht für die Zeit der Verherrlichung, sondern für die jetzige Zeit der Zubereitung gegeben. Die Liebe aber höret niemals auf (Vers 8), sie ist nicht wie Glaube und Hoffnung auf einen Zeitabschnitt begrenzt. Sie hört auch dann nicht auf, wenn sie das All wiederhergestellt hat; sie will und wird dann erst recht in der unendlichen Ewigkeit alles durchdringen, erfüllen und beseligen.

So hat der erhöhte Herr, Christus Jesus, dem der Vater alles übergeben hat, dessen Apostel Paulus für die Gemeinde ist, die seine Fülle sein darf — nach dem Abklingen der aus den Gesetzeshaushaltungen über Pfingsten laufenden Königreichslinie (die wir um der deutlichen Unterschiede willen von der Linie des Geheimnisses unterscheiden) — seinen Gliedern in ihm einen Stand der Reife, der Vollkommenheit und des Mannesalters, einen Stand in der Wirklichkeit im Wesen seines gottmenschlichen Geistlebens gegeben.

Dadurch werden die “Schatten” (Kol. 2, 17; Hebr. 10, 1), “die Satzungen der Welt” (Gal. 4; Kol. 2, 20), das sind die grundlegenden Elemente der göttlichen Erziehung für den Teil seines Werkes, der in unserer Welt, im Gebiet des Todes, im Fleischesbereich zur Auswirkung kommt (ähnlich Hebr. 9, 1 “das weltliche Heiligtum”), “die schwachen und dürftigen Anfangsgründe” (Gal. 4, 9), “das Alte” (2. Kor. 5, 17, genau: das an den Anfang gehörende), auch was von der Philosophie und Überlieferung der Menschen (Kol. 2, 8) heute als Großmacht dasteht und die Gläubigen sehr im Bann hält, abgelöst von dem Wirken, Walten und Wohnen des Geistes des erhöhten, verherrlichten und mit aller Gottesfülle (Kol. 1, 19; 2, 9) erfüllten Christus Jesus in ihren Herzen.

Bis dahin war er den Menschen nicht mit dieser ganzen Fülle, wie Paulus ihn in seinen Reisebriefen der Gemeinde enthüllt, verkündigt worden; denn diese Fülle und Würde, hoch über allen anderen Fürstentümern, Gewalten, Mächten und Namen, musste er ja erst haben (Eph. 1, 19-22: Kol. 1, 15-20; 2, 9; Phil. 2, 9-11), und in diesen Füllestand Christi Jesu gehört die Erwählung und Zuvorbestimmung nach seine Gemeinde hinein. Sie ist Christi Fülle (Eph. 1, 23), hat in ihm alle Fülle (Kol. 2, 9 und 10) und ist mit ihm, ihrem Haupte, für die Fülle (Vollendung) des ganzen Weltalls da (Eph. 1, 23; 3, 19, genau: erfüllt in jede (die ganze) Füllung Gottes).

Solange die praktische Durchführung der in der Prophetie verheißenen und angebahnten Königreichslinie vom Pfingsthaushalt her durch die Verstockung der jüdischen Nation nicht abgestellt war, konnte dieses herrliche Geheimnis mit seiner überschwänglichen Gnade nicht verkündigt und verwirklicht werden. Der Fall Israels war nach Röm. 11 menschlicherseits die Ursache dieses überragenden Heils für die Nationen. Nun, nach seinem Fall war das Feld frei für das Größte, was die Liebe Gottes schon vor der Zeit der Äonen (2. Tim. 1, 9) den Auserwählten bereitet hat.

Einheit mit dem herrlichen Haupt des ganzen Alls zum Miterben aller seiner Würden, Reichtümer und Herrlichkeiten, besonders seiner Vollenderherrlichkeit in der Gotteszentrale fürs ganze All, das ist es, und nicht weniger, was seine Gemeinde geschenkt bekommen hat. Vor dieser Hoheit und Würde verblasst sogar alle Herrlichkeit der Engel und ihrer Fürsten.

Wundern wir uns nun noch, dass diesem durch Paulus enthüllten Hoheits- und Würdestand der Gemeinde gemäß auch der Mündigkeits- und Vollkommenheitsstand für ihre Glieder in seinen Briefen verkündigt wurde?

Was sollen für solche Thron- und Kronenteilhaber mit ihrem unermesslichen Reichtum der Gnade (Eph. 1, 7 und 8; 2, 7) noch “dürftige und schwache Satzungen”, und warum sollen sie sich mit dem “Schatten” abgeben, wo sie doch das Wesen in Christus Jesus haben? Warum sollen sie sich mit vorläufigen Formen und sichtbaren Mitteln (gesetzliche Gottesdienste, Beschneidung mit Händen, Taufwasser, Priesteramt und -kleidung, Gelübden, Fahnen, Symbolen und Ähnlichem) befassen, wenn sie in Christus den durch solchen Formen, Satzungen und Zeichen angedeuteten Füllesegen in geistgeschenkter Wirklichkeit überall und allezeit haben? Wer greift denn nach der papierenen Anweisung (Schein) des Geldes, wenn ihm wirkliche Goldmünzen vorgelegt werden? Wer hascht denn zur Zeit der Wohnungsnot nach dem Schatten eines Hauses, wenn ihm ein Wirkliches geschenkt wird? Wer wird denn im Haushalt des Gesetzes als Knecht leben wollen, wenn ihm aus freier Gnade der Sohnesstand beschieden ist? —

Fassen wir das Gesagte nun kurz zusammen!

In der Offenbarung seiner Absichten für seine Heiligen in seiner Gemeinde, die das Vorrecht hat, sein Leib und seine Fülle zu sein, und bei der Hineinführung in diesen Fülle- oder Mündigkeitsstand ging der Herr in den einzelnen Haushaltungen schrittweise vor, entsprechend der Erziehung und dem Wachstum des Menschen. (Doch müssen wir dies unterscheiden von dem persönlichen Wachsen des einzelnen Gläubigen von den “ersten Gnadentagen” zum Erstarken im Herrn.)

In Pauli Vollkommenheitslehre handelt es sich um den Reife- und Mündigkeitszustand der Gemeinde als Gesamtheit, in welchen freilich jeder Einzelne, wie er Kol. 1, 28 sagt, hineingeleitet wurde durch entsprechende Belehrung über Christus und sein Werk in der “Verwaltung des Geheimnisses”.

Aus dem Kind wird ein Jüngling, aus dem Jüngling der ausgewachsene Mann. Die Mittel zur Heranbildung der Heiligen waren zunächst gesetzliche Einrichtungen, “das Fleisch betreffend”. Mit der Ausgießung des zunächst den Juden verheißenen Heiligen Geistes, nachdem Christus durch Leiden, Sterben, Auferstehung und Erhöhung zur Herrlichkeit geführt war, wurde das “Kind” in gewissem Sinn in den Jünglingsstand gebracht; das Gesetz wurde ihm durch den Geist ins Herz geschrieben. Aber der Stand in der Gnade dieses den Juden verheißenen Bundes (Jer. 31, 31) war im Verhältnis zum Mannesalter noch ein Stand der Unmündigkeit. Bestimmte Geistesgaben sollten dazu dienen, die Heiligen auf die noch größere Gnade hinzuweisen, die einstweilen noch in ein Geheimnis gehüllt war, aber schon in ihren Anfängen: Rechtfertigung ohne Gesetzeswerke, Versöhnung der Welt, Zusammenschließen von Juden- und Nationengläubigen zu einem Leib (1. Kor. 12) durch Paulus verkündigt wurde. In dieser Zwischenzeit war der vollkommene Stand des Mannesalters für die ganze Gemeinde noch nicht gegeben. Als die Verstockung Israels (am Schluss der Apostelgeschichte) besiegelt war, verkündigte Paulus uneingeschränkt, unverkürzt das ganze volle Geheimnis Christi, seine Fülle und seiner mit ihm in der Himmelswelt geistlich gesegnete Gemeinde, die nun den Stand der Reife, der Männlichkeit in Christi Jesu Fülle haben darf, die das Wesen von allem im Gesetz Abgeschatteten und die eine höhere Würde, eine reichere Gnade und ein herrlicheres Ziel hat, als den Heiligen der Königreichslinie zu Pfingsten verkündigt und angeboten wurde. Ist doch jetzt schon ein Glied Christi Jesu größerer Gnade und Herrlichkeit gewürdigt, als ein Untertan in seinem Königreich.

So führte der erhöhte Herr seiner nun empfangenen Fülle gemäß seine Glieder vom Gesetz ins Geisteswesen, vom Schatten in die Wirklichkeit, vom Fleisch zum verklärten Christusleben, von der Form zum wirklichen Wesensinhalt, vom Sichtbaren ins Himmlische, von den Zwischenmitteln des Stückwerkes und der Bilder und Gleichnisse zur lebendigen Geistesgemeinschaft wirklicher Gliedschaft in ihm im Wesen, von der Unmündigkeit des Kindesstandes zur Mündigkeit der Sohnschaft im Mannesalter.

Und heute? Wird nicht die große Mehrheit der Gläubigen von ihren Führern fast systematisch im Stand der Unmündigkeit gehalten und mit einer Fülle von Satzungen und gesetzlichen Einrichtungen belastet?

Also nicht zurück ins Gesetz und seine Forderungen und Einrichtungen, nicht zurück zu Pfingsten, so schön es dort auch war, nicht zurück in den Stand der Gemeinden in der Apostelgeschichte, sondern hinein in die himmlische Berufung, in die Fülle der Reichtümer des erhöhten Hauptes der Gemeinde, Christus Jesus, der auch das herrliche Haupt vom ganzen Weltall ist, hinein in die wesentliche Geistesgemeinschaft mit ihm und Gliedschaft in ihm in dem Stand des Mannesalters gemäß der “vollen Größe des vollendeten Christus”, wie Paulus, dieser Fülle- und Vollendungsapostel Christi, ihn in seinen Füllebriefen verkündigt hat!

Um dieses zu erkennen und zu erfassen, braucht’s nach der Fürbitte Pauli für die Gemeinde (Eph. 1, 15; 3, 14; Phil. 1, 9 und 10; Kol. 1, 9; 2, 2 und 3) Erleuchtung des Herzens durch den Geist der Weisheit und der Offenbarung (Hüllenwegnahme) zur klaren Erkenntnis Christi, seiner Fülle und Herrlichkeit und seinem überschwänglichen Gnadenreichtum für seine Gemeinde.

Möge diese Erleuchtung heute für die baldige Vollendung des Leibes Christi wieder in besonderer Weise den Seinen geschenkt werden!

Dich erkennen, das ist Heil und Leben.
Du nur kannst dem Geiste Labung geben,
Wenn dein Licht ihn sanft durchdringt
Und ihm ganz dein Wesen bringt.

(Quelle: Mir unbekannt — Schriften von Johannes Ullmann)

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