Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Prophetisches Licht für das Dunkel unserer Tage

Autor: Czerwinski, Carl  |  Kategorie(n): Das prophetische Wort  |  573 x gelesen

Das ist der große Vorzug, den die Gemeinde Jesu hat, dass sie eine Lichtsgemeinde ist. Wohl ist sie jetzt nicht “das Licht der Welt” und “die Stadt auf dem Berge”, wie dies später das errettete und gesegnete Volk Israel für die Welt sein wird, denn sie ist ja eine Gemeine in Niedrigkeit und Leiden ohne Fleischesruhm (1. Kor. 1, 26-28). Von ihren Gliedern heißt es: Es glänzet der Christen inwendiges Leben”. Und nach der göttliche Bestimmung und Berufung nach oben (Phil. 3, 14) hat diese Gemeine ihr Bürgertum in den Himmeln. Aber eine Lichtsgemeinde ist die dennoch. Paulus verknüpft sie viel mit dem Licht Gottes, denn ihre Glieder sind errettet von der Obrigkeit der Finsternis, ihren Herzen leuchtet der Lichtglanz der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Christi. Da sie Kinder des Tages und nicht der Nacht sind, werden sie auch ermahnt, allezeit als Kinder des Lichts zu wandeln, bei denen die Frucht des Lichtes vorhanden ist. Das ist ihr großer Vorzug in Bezug auf ihr Wesen im Gegensatz zu denen, die jetzt noch unter der Obrigkeit der Finsternis (Kol. 1, 13) sind.

Aber diese Gemeine hat noch einen andern Vorzug, den, Gottes Licht aus seinem Wort über den Charakter des gegenwärtigen Äons zu haben. Dieses Licht ist ihr eine sehr große Hilfe. Wie könnte sie sonst den rechten Weg finden, das rechte Urteil und das richtige Verständnis dafür bekommen, was ihre Aufgabe ist? Wie sollte sie bewahrt werden in den tausend Gefahren, die ihr auf ihrem Gang auf Schritt und Tritt drohen?

Ich möchte nun zuerst hinweisen auf das, was das prophetische Wort uns sagt in Bezug auf das Dunkel unserer Zeit.

Nach der Schrift ist Licht das Wesen Gottes. Sein Charakter, sein Weg, sein Tun, sein Wort sind Licht. Darum werden auch die Menschen, die durch seine Gnade mit ihm in Lebensgemeinschaft kommen, Lichtesmenschen. Das Finsterniswesen des Unglaubens, der Unwissenheit (Eph. 4, 18), des Hochmuts und der bösen Werke legen sie ab und ziehen göttlichen Lichtscharakter an. Aber solche Gottesmenschen sind im gegenwärtigen Äon eine Ausnahme in den Massen der Menschen. Die große Mehrheit der Menschheit — auch in den christlichen Völkern — wird jetzt nicht eine neue Schöpfung, sie behält ihr herkömmliches Wesen, und dies ist Finsternis. So bezeugt es das Wort Gottes, und dies Zeugnis ist für uns bindend. Wegen der Unwissenheit und der Verfinsterung am Verstand (Eph. 4, 18) weiß das die große Masse der Menschheit nicht, und wenn wir es ihr sagen würden, so würde sie das wohl als schweren Vorwurf auffassen. Aber es ist weder unsere Aufgabe, sie deswegen zu richten, noch uns über sie zu erheben, sondern es gilt lediglich, uns an Hand des Schriftzeugnisses zu orientieren, damit wir nicht als Unweise, sondern als von Gott Erleuchtete unsern gottwohlgefälligen Weg finden.

Nach der göttlichen Ordnung bedarf unser großer, herrlicher Rettergott der Finsternis für den Sieg seines Lichts. Sie gehört nicht zu seinem Wesen, denn in ihm ist keine Finsternis (1. Joh. 1, 5); aber er selbst bezeugt Jes. 45, 7, dass er die Finsternis schafft. Wie merkwürdig! Gott schafft die Finsternis? Ja, weil er ihrer bedarf. Als Gott sprach: Es werde Licht!, da entstand in der Finsternis und aus der Finsternis das Licht. Es steht nicht geschrieben, dass er von sich aus Licht in die Finsternis hineinfluten ließ, damit diese verdrängt würde, sondern vielmehr steht geschrieben: Gott, der da spricht: Aus der Finsternis soll das Licht scheinen, der hat in unsre Herzen geleuchtet (2. Kor. 4, 6).

Finsternis ist auch der Charakter des jetzigen Äons, denn er ist ein böser Äon (Gal. 1, 4), und sein Gott ist nicht Christus, sondern Satan, der selber die Obrigkeit der Finsternis ist und daher auch den Sinn der Ungläubigen blendet, damit ihnen nicht der Lichtglanz des Evangeliums der Herrlichkeit des Christus, der Gottes Ebenbild ist, erstrahle (2. Kor. 4, 4). Genau stimmt damit überein, was Jesaja, der große Prophet des Alten Bundes, aussprechen musste in Bezug auf die Völker vor dem Tag des Herrn: Finsternis bedeckt das Erdreich und tiefes Dunkel die Völker, aber über dir, dem erwählten Israel, geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir, und die Völker werden zu deinem Licht wallen und zu dem Glanz, der über dir erstrahlt (Kap. 60, 2.3). In Eph. 6, 12 sind unter den mächtigen Fürsten der unsichtbaren Welt auch die Weltbeherrscher dieser Finsternis aufgezählt, und in Röm. 13, 12 schreibt Paulus: “Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe. Kann nach dem Sprachgebrauch der Schrift diese Nacht etwas anderes sein als die gegenwärtige Finsterniszeit vor dem Tag des Herrn? Denn am Morgen jenes Tages wird er als das Licht der Welt ihr mächtig und herrlich wie die Sonne am Morgen aufgehen. So bezeugt uns die Schrift immer wieder in vielen eindeutigen Aussprüchen, dass jetzt, ehe der Herr Jesus Christus wiederkommt, die Welt als Inbegriff der Völker und der Massen der Menschheit in der Finsternis ist, unter der Obrigkeit der Finsternis, in der Nacht, auf welche der Tag Christi, der Tag des Herrn, von welchem die Propheten Gottes so viel gezeugt haben, folgen wird.

Sind denn diese Ausdrücke Finsternis, tiefes Dunkel, und Nacht nicht zu stark, zu extrem? Sie mögen es scheinen für den, der für das, was die Schrift unter Licht und Finsternis versteht, noch nicht das rechte Verständnis hat. Diese Ausdrücke wollen nicht so verstanden sein, dass die Menschheit in der jetzigen Zeit überhaupt keine Wissenschaft, keine Erkenntnis, keinen Verstand hat für Recht und Unrecht, für Gut und Böse oder kein Licht des Gewissens hätte. Es ist durch das Wort Gottes und durch das Dasein der Kinder Gottes in allen Jahrhunderten und auch gegenwärtig sogar viel Licht in der Menschheit, zumal in den Ländern der Reformation. Wer schon in einem richtigen Heidenland war, weiß das eben Bezeugte sehr mit dankbarem Herzen zu schätzen. Ist nicht alle Wissenschaft auch Licht? Ganz gewiss! Ist nicht das Verständnis für Gerechtigkeit und für das Unrecht und das mannhafte, unbeugsame Eintreten für die Gerechtigkeit, wie wir es besonders heute in unserm Volke finden, auch Licht? Ganz gewiss! Ist nicht die Überzeugung, Gott irgend wie verantwortlich zu sein für das, was man tut und lebt, auch Licht? Ganz gewiss! Ja, stimmt es denn überhaupt, dass die Welt heute in der Finsternis ist und ihre Zeit “Nacht” genannt wird?

Die Zeugnisse der Schrift über Gottes Wesen als Licht und das Wesen dieser Welt als Finsternis müssen viel tiefer und umfassender verstanden werden, als es sonst mit den Begriffen Licht und Finsternis allgemein oder in Verbindung mit kalendermäßigen Tagen und Nächten geschieht.

Es wird nach dem Rat Gottes in den kommenden Äonen dahin kommen, dass Gottes Lichtswesen alle Sünden- und Verderbensfinsternis auflösen wird, damit die Menschen nicht mehr ferne von Gott bleiben, denn er selbst wird wieder unter den Menschen wohnen, — und schließlich wird er alles in allen sein. Dahin wird es kommen. Das ist unsre gewisse, freudige und herrliche Hoffnung, die uns sein untrügliches Wort gibt. Doch kommt dies nicht mit einem Schlag zustande, sondern Gott geht zu diesem herrlichen Ziel einen, nach unserm Ermessen, sehr langsamen Weg. Zu diesem Weg, der durch die Jahrtausende der Weltgeschichte geht, gehört auch das Dunkel, von dem Jesaja redet, und die Nacht, von der Paulus schreibt. So lange der Gott dieses Äons 2. Kor. 4,4 und die Weltbeherrscher der Finsternis (Eph. 6, 12) in der Weltgeschichte nach göttlicher Ordnung (denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; Röm. 13, 1) die Oberherrschaft haben, brechen die Lichtssegnungen, die der kommende König der Könige in seinem Gerechtigkeits- und Friedensreich den Völkern geben wird, und die noch größeren Lichtsfluten der Gegenwart Gottes auf der neuen Erde nicht herein. Es muss so sein nach der göttlichen Ordnung. Alles Bestreben in der Christenheit, jetzt schon die Welt zum Reich Gottes zu machen oder dieses Gottesreich jetzt schon so stark und groß in die Welt hineinzubauen, dass es das Böse in ihr verdrängt oder auflöst, war nicht mit Erfolg gekrönt. Wer sieht denn das nicht? Überall in der Welt, ob sie christlich oder heidnisch ist, herrschen die Selbstsucht, die Unwahrhaftigkeit, die Geldsucht, die Genusssucht, der Hochmut, die Lieblosigkeit, der Ehrgeiz, die Selbstgerechtigkeit, die Unwissenheit über Gottes Gedanken, Pläne und Ziele und ebenfalls die Unwissenheit über Satans gegenwärtigen Charakter (2. Kor. 11, 14), Strategie und Ziele. Wie groß ist doch auch die Unwissenheit in ausgesprochen christlichen Kreisen in bezug auf die beiden oben genannten Punkte! Sind denn alle diese aufgezählten Dinge, die ja nur einige wenige von vielen sind, nicht Kennzeichen der Finsternis, die Gottes Lichtscharakter entgegengesetzt sind? Die Menschheit, auch die zivilisierte und kultivierte, ist ein in Adam gefallenes Geschlecht, welches entfremdet ist dem Leben Gottes (Eph. 4, 18). Es fehlt ihr Gottes Leben und Gottes Herrlichkeit. Man lese in dieser Hinsicht einmal die ersten Kapitel des Römerbriefes und beachte besonders Kap. 3, 9-18! Wer dieses Urteil des Heiligen Geistes über die gefallene Menschheit ablehnt, der sage nicht, dass er gläubig und ein Christ sei.

Und zeigt nicht die ganze politische und wirtschaftliche Entwicklung der Nationen in unsern Tagen in besonderer Weise, wie treffend und wahr das Wort Gottes den Sündenweg des ganzen Adamsgeschlechtes kennzeichnet? Dieser Weg geht, aufs Ganze gesehen, nicht hinauf in immer lichtere Höhen, sondern hinab, hinab in immer größere Krisen, Nöte und Leiden. Noch nie war die wirtschaftliche Not in der Welt so groß wie heute. Noch nie wurde soviel vergeblich geredet wie heute (Ps. 2, 1).

Stände die Welt und ständen ihre Völker heute von Gottes Licht überstrahlt da, dann würden Gerechtigkeit und Frieden Hand in Hand gehen, dann würde die Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes die Menschheit erfüllen, wie Wasser den Meeresboden bedeckt (Hab. 2, 14). Dann würden die Nationen das Unrechttun verlernen und sich schämen und sich beugen unter das Zepter der Gerechtigkeit Gottes. Dann würden sie ein Garten Gottes werden, in welchem man nicht so viel von den guten Früchten Wohlwollen, Menschlichkeit, Nächstenliebe, Freiheit, Frieden und dergleichen reden müsste, sondern wo jedermann die reichlich haben dürfte.

Das untrügliche und unbestechliche Wort Gottes zeichnet uns den Lauf der heutigen Welt und das Ziel dieses Laufes der ganzen ungeschminkten Wirklichkeit gemäß und schreibt darüber das Wort Finsternis. Das ist die Kennzeichnung des von Gottes Licht und Leben losgelösten Menschentums unter der Leitung, Inspiration und Herrschaft der Kosmokratoren dieser Finsternis (Eph. 6, 12). Wo Gottes Wesen als Licht, Liebe, Frieden, Gerechtigkeit, Heiligkeit und Wahrheit nicht herrscht, da ist es finster, da ist es Nacht.

Aber herrlich und lichtvoll ist der Blick über die Nacht dieser Welt hinweg in die große, gesegnete Zeit des Tages hinein, in welcher Satan und seine Geister gebunden sein werden und der Christus Gottes herrschen und richten wird und die Nationen seine Lehre, sein Regiment und sein Licht begehren und bekommen werden.

Wenden wir uns nach diesem Überblick, den die Prophetie uns über das Dunkel unsrer Zeit gibt, nun zu dem prophetischen Licht, welches wir für unsern Weg haben.

Die alttestamentliche Prophetie und ihre neutestamentliche Vollendung in der Offenbarung, die Johannes bekam, beschreibt uns die Geschichte der Nationen nur insoweit, als diese in irgend einem Zusammenhang mit dem von Gott erwählten aber jetzt unter dem Fluch der Verblendung stehenden Volk Israel stehen. Werden die Nationen durch Israel gesegnet werden, dann rücken sie aus der Finsternis in Gottes Licht hinein (Jes. 60, 3). Was ins Licht hineinkommt, wird sichtbar im vollsten Sinne des Wortes. Allerdings sehen wir die Nationen auch in der Prophetie, wenn Gott sie als Zuchtrute für Israel verwendet, aber auch dann immer nur flüchtig in ihrer vorübergehenden Aufgabe. In der gegenwärtigen Zeit, die der Herr “die Zeit der Nationen nennt” (Luk. 21, 24), da die Juden überall zerstreut unter den Nationen leben als Verderbensträger und die Nationen einstweilen bis zu ihrem Höhepunkt ihren Lauf haben, stehen sie nicht in solcher Beziehung zu dem Volk Israel, wie es später der Fall sein wird, wenn ihre Zeit erfüllt werden wird. Aus diesem Grund zeichnet uns die biblische Prophetie nirgends ein ganzes Bild mit allen Einzelheiten von unsrer gegenwärtigen Welt, ihren Völkern und ihrer Geschichte. Und doch gibt sie uns überall Lichtstrahlen, die uns in ihrer Gesamtheit ein klares Bild zeichnen, und in deren Licht unser Fuß nicht zu straucheln braucht. Es kommt nur darauf an, dass wir geöffnete Augen haben für dieses Licht und dass wir seine Strahlen viel in unsre Augen hineinfallen lassen. Darum müssen wir Verständnis bekommen für die Geschichte der Nationen und für die Geschichte des Volkes Israel und für Gottes Pläne und Ziele, und wie er alles lenkt und führt nach seinem großen Heilsplan, bis er selbst alles in allem sein wird.

Wo finden wir nun in der Schrift prophetisches Licht für unsere Zeit? Dass sie viel Licht gibt über den zukünftigen Tag des Herrn und über den herrlichen Vollendungsäon, wenn Gott selbst wieder in der Menschheit wohnen wird, ist wohl ohne weiteres jedem Gläubigen klar. Aber wie ist es mit unsrer jetzigen Zeit? Dazu möchte ich folgendes sagen:

1. Ein im Wort geübter und erfahrener gläubiger Leser wird zunächst überall sehr viel Grundsätzliches offenbart finden über den Zustand der Menschen, wie sie als von Gott entfremdet und unter der Sünde stehend sind. Und da jetzt, wie wir schon vorhin sagten, die Massen der Menschen noch nicht in eine wirkliche, lebendige Gemeinschaft mit Gott kommen, so gibt eben dieser Zustand der Masse der Menschen, zumal auch dieser unter dem Gesetz des Wachsens und Reifens steht, unsern Tagen ihr Gepräge. So kann die Welt, prophetisch gesehen, heute nicht anders sein als sie ist, eine arge Welt Gal. 1,4, wörtlich: gegenwärtiger, böser Äon. Aber sie ist dabei genau so, wie Gott sie haben muss, um nach seiner Weisheit und nach seinem Rat mit ihr zu seinem Ziel zu kommen.

2. Die Schrift offenbart uns, dass die Welt, ehe Christus seine Königsherrschaft über sie antritt, nicht von ihm regiert wird, sondern von geistlichen Mächten in der unsichtbaren Welt. Diese finden wir im Epheser- und Kolosserbrief aufgezählt. Auch Stellen wie Hiob 1, 6; Dan. 10, 13.20.21; 12, 1; 1. Kön. 22, 19-23 geben uns in dieser Hinsicht Licht. Dabei müssen wir das festhalten, dass alle diese Mächte, auch der Gott dieses Äons (2. Kor. 4, 4), nicht frei und unabhängig regieren dürfen, sondern Organe Gottes sind, die nur scheinbar ihren Willen durchführen, in Wirklichkeit aber, ohne dass sie das wollen, Gottes Pläne fördern und alles so tun, dass sie zuletzt zuschanden werden und Gott allein allen Ruhm und alle Herrlichkeit bekommt, wenn er alles in allen sein wird.

3. Wir finden in den Briefen Pauli ganz klare Zeugnisse von dem Charakter unserer Zeit und der heutigen Menschheit. Das Deutlichste ist wohl 2. Tim. 3, 1-7. Auch die Stellen 1. Tim 4, 1-6; 6, 3-10 werfen viel Licht auf unsere heutige Zeit. Sie sind ein Spiegel unserer Tage.

4. Die Zeugnisse des Apostels Paulus über die Gemeine Christi Jesu und ihre Bestimmung für die Himmelswelt werfen auch viel Licht auf unsere Zeit. Da möchte ich vor allem das Zeugnis über die VERSÖHNUNG DER WELT MIT GOTT durch Gott in Christus (2. Kor. 5, 19) hervorheben. Diese Versöhnung ist nicht nur die Ursache der überragenden Gnade Gottes, die er den in Christus vor Grundlegung der Welt erwählten Gliedern seiner Leibesgemeine schenkt, sondern auch der Grund dafür, dass er die Welt mit Gericht verschont und sogar die Frevler gedeihen lässt, solange die Welt durch die Gesandten an Christi statt die Kunde von dieser Versöhnung verkündigt bekommt (2. Kor. 5, 20). Wie oft meinen doch auch Gläubige, dass Gott dann und wann in der Welt mit Gericht eingreifen, und die Sachlage ändern müsste schon deshalb, weil die Welt aufgeschreckt und zur Anerkennung Gottes gebracht werden müsste! Aber Gott greift nicht vor der rechten Zeit ein. Er hat für all sein Tun seine Ordnung, und es muss immer erst die rechte Zeit erfüllt sein. Wenn wir im Licht dieser Tatsache den Lauf der Welt in unsern Tagen ansehen, dann können wir auch im Blick auf das zunehmende Verderben und die zunehmende Finsternis dennoch stille und getrost in Gottes Rat und Willen ruhen.

5. Die vielfach etwas kompliziert und schwer verständlich erscheinenden Kapitel 9-11 des Römerbriefes enthalten auch viel Licht für unsere Tage. Der Grund, warum so viele mit diesen hier verkündigten Wahrheiten so schwer zurechtkommen, ist wohl der, dass sie diese Kapitel in einem zu engen Gesichtswinkel, nämlich im Blick auf einzelne Gläubige oder Ungläubige lesen, statt im Blick auf Israel als Volk und die Nationen als solche.

Paulus hat in “seinem” Evangelium für die Nationen ein Geheimnis (Röm. 16, 25.26). Dies ist etwas, das in äonischen Zeiten verschwiegen wurde. Die Prophetie in Israel hat es nicht kundgetan. Darum war es ein Geheimnis. Was denn? Nun, dass jetzt, in der Zeit der Verwerfung Israels, in der Zeit, in welcher dieses Volk gefallen ist (11, 12), den Nationen Heil, ein sogar überragendes, zuteil wird, so dass ihre Verwerfung (V. 15) die Versöhnung der Welt herbeiführte. Das Wort Versöhnung müssen wir im Licht derjenigen Stellen in den Paulusbriefen sehen und verstehen, die ausführlich von dieser Versöhnung handeln wie Röm. 5; 2. Kor. 5; Eph. 2, 11-22; Kol. 3, 9-11. Da handelt es sich nicht nur um die kostbare Tatsache, dass der einzelne Gläubige mit Gott ausgesöhnt ist und Gottes Liebe in sein Herz hineingegossen bekommen hat (Röm. 5, 5), sondern auch um die herrliche Wahrheit, dass Gott auf Grund des Todes des Sohnes seiner Liebe DEN NATIONEN GEGENÜBER JETZT NICHT MEHR EIN FREMDER UND FÜR SIE UNNAHBARER GOTT ist. Er, der das auserwählte Volk bevorzugt hatte vor den andern Nationen und nur ihm seine Offenbarungen gegeben hatte, der aber durch den Tod seines Sohnes die ganze Welt von Feinden mit sich versöhnt hat (Röm. 5, 10), wie sollte er diese Liebe, die doch die Ursache der Hingabe seines Sohnes für seine Feinde zu ihrer Versöhnung war, jetzt zurückhalten denen gegenüber, die die Botschaft der Liebe glaubten und diese Liebe begehrten, einerlei, ob sie Juden oder Heiden waren. Sein Herz steht jetzt allen offen, auch denen, die einst ferne waren. Ja, denen in ganz besonderer Weise, dürfen wir sagen im Blick auf die noch größere Heilsbotschaft, die Paulus den Nationen bringen musste, als das auserwählte Volk das ihm verkündigte Heil ablehnte. Gottes Liebe hatte nun, nachdem die Juden in ihrer Mehrheit unter der Führung ihrer Obersten sie verwarf, freien Lauf zu den Nationen. So wurde ihr Fall der Anlass für den Gnadenreichtum, den die Welt jetzt zugeleitet bekam (11, 12).

Die figürliche Darstellung dieser Wahrheit, die Paulus in Kap. 11, 16-24 mit dem Ölbaum und den ausgebrochenen und eingepfropften Zweigen gibt, muss sorgfältig beachtet werden, wenn wir den Übergang oder den Wechsel in der Heilsökonomie Gottes verstehen wollen. Hier haben wir klares Licht für unsere Zeit. (Bezüglich der ausgebrochenen Zweige des Ölbaums findet sich in dem Buch von Michael Penny: APPROACHING THE BIBLE, 1. Auflage, erschienen 1992 folgende interessante Ergänzung zur landwirtschaftlichen Olivenerzeugung: “Wenn Ölbäume sehr alt werden und ihr Ertrag abnimmt, zögern die Farmer, sie abzuhauen und neue Bäume anzupflanzen. Es braucht viele, viele Jahre für einen Ölbaum, bis er zur Reife gelangt und Frucht bringt. Die Farmer entwickelten eine Methode, durch welche sie neues Leben in einen alternden Baum bringen konnten. Sie taten das, indem sie einen der natürlichen Zweige des Ölbaums ausschnitten und an die Stelle einen Zweig von einem jungen, wilden Ölbaum einpfropften. Energie und Leben des neuen Astes erneuert dann den alten Ölbaum und veranlasst eine reiche Ernte für viele zukünftige Jahre.”)

In der Prophetie ist das jüdische Volk hinsichtlich der geistlichen Segnungen, die es einmal nach göttlichem Willen den Nationen vermitteln wird, als Ölbaum dargestellt. Im Pfingsthaushalt bekam dieser Ölbaum neuen Saft und Trieb durch das gnädige Wirken des Heiligen Geistes. Er sah sehr hoffnungsvoll aus. Scharenweise bekehrten sich Menschen zu Gott. Ganz Palästina und die umliegenden Länder waren bewegt. Ein Geistesfrühling zog durch die Lande. Auch die Nationen horchten auf, vernahmen die Heilsbotschaft und kamen unter die Segnungen der Fettigkeit des Ölbaums (V. 17). Das heißt nicht, dass sie als ganze gläubig wurden und unter die Königsherrschaft Christi kamen oder kommen sollten — denn der Glaube ist nicht jedermanns Ding (2. Thess. 3, 2) —, sondern dass sie unter die Wirkungen und Segnungen des Werkes kamen, welches der Heilige Geist nun nach der Erhöhung des Sohnes Gottes zur Rechten des Vaters in der Menschheit tat in Verbindung mit der Heilsbotschaft, die nun die Gesandten an Christi statt (2. Kor. 5, 20) überall, wo sie hinkamen, verkündigten, damit jeder, der irgend den Namen des Herrn anriefe, gerettet würde (10, 13), und “ihr Schall ausging zur ganzen Erde und ihre Reden zu den Grenzen des Erdkreises” (10, 18). In diesem Sinn wurden die Nationen der Fettigkeit des Ölbaums teilhaftig, so wurden sie eingepfropft in den Ölbaum und von dessen Wurzel, die ebenfalls nur im Gnadengrund Gottes stehen konnte, getragen.

Und so war es bis heute, und so ist es heute noch. Aber nun gilt es, die Warnungen, die Paulus den Nationen von Vers 20 an gibt, zu beachten, besonders die in Vers 20 und 22. Im Blick auf die heutigen “christlichen” Nationen (aufs Ganze gesehen!) müssen wir sagen, sie sind im Begriff, nicht mehr an der Güte Gottes zu bleiben, sondern sie richten sich auf in ihrer eigenen Kraft, in ihrem Können und setzen Gott herab zum Helfer und Stützer ihrer Pläne nach ihrem Willen. Ihre irdischen, vergänglichen Belange sind ihnen wichtiger als Gottes erhabene Absichten und Pläne. Somit rückt die Zeit unaufhaltsam näher und näher, wo Gott sie wieder ausbrechen wird aus dem Ölbaum (21), um sie in die schweren Gerichte des Tages seines Zornes hineinnehmen zu müssen (Röm. 2, 5).

Lasst uns zum Schluss noch einen Blick werfen auf den Weg der Gemeine im Licht der Prophetie.

Die Gemeine Christi Jesu, von welcher schon viel geschrieben worden ist, ist die im jetzigen Gnadenhaushalt aus Sündendienst und Finsternis herausgerufene und im Geist mit ihrem verherrlichten Haupt Christus im Himmlischen vereinigte Körperschaft. Ihre Glieder sind einzelne aus der Menschheit. Nicht irgendeine Kirche oder Denomination stellt sie dar. In Röm. 8, 28-39 ist sie kurz zusammengefasst nach ihren Hauptmerkmalen gekennzeichnet. Ihr leidenschaftlicher Charakter muss besonders beachtet werden. Wie könnte es anders sein! Eine aus der Gesamtheit der Menschheit herausgerufene und mit Christus lebensmäßig durch seinen Geist vereinigte Gemeine, die mit dem Verwalter ihres Evangeliums der Gnade und Herrlichkeitserwartung bekennt: “Ich bin mit Christus gekreuzigt”, und “von mir sei es ferne, mich zu rühmen, als nur des Kreuzes unseres Herrn, durch welchen mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt”, passt ihrem Charakter und ihrer Erwartung nach nicht zu dem Wesen der jetzigen Welt und ihrer ichsüchtigen Entwicklung. Deshalb muss sie zu sehr vielen Dingen, Anschauungen, Lehren und Einrichtungen eine leidendliche und vielfach verneinende Stellung einnehmen. Ihre wahren Glieder sind entweder der Welt unbekannt, oder sie hält dieselben für überspannt und untüchtig für weltliche Geschäfte. Die Leiden der Glieder Christi gehören nach Röm. 8, 17 genau so zu ihrem Stand in der Welt wie ihre zukünftige Mitverherrlichung zu ihrer Vollendung.

Aber diese Gemeine hat Licht, helles Licht. Gottes Weisheits- und Wahrheitslicht leuchtet hell in den Herzen ihrer Glieder und auf ihrem Weg durch die jetzige Zeit der Nacht. Das ist ihr großer Schatz, ihr unvergleichlicher und unantastbarer Reichtum. Die Welt weiß nicht, was ihrer wartet. Die Völker glauben an bessere Zeiten durch eigene Kraft, durch Verträge, durch Höherentwicklung. Die Gemeine lässt sich nicht täuschen und auch nicht blenden. So dankbar sie ist für alle noch vorhandene Gerechtigkeit, gute Gesetze und Ordnungen des Friedens, und obwohl sie von Herzen bereit ist, durch treue Fürbitte und ein ruhiges Leben in Gottseligkeit und Ehrbarkeit nach göttlichem Friedenswillen mitzuhelfen, dass Gottes Licht durch sie leuchte mitten in der Finsternis (1. Tim. 2, 1.2; Phil. 2, 15), so weiß sie — weil sie Gottes Licht hat —, was die Welt, was die Nationen nicht wissen, dass das Ende unseres Weltzeitalters die größte Tragik, die größte Katastrophe der Weltgeschichte bringen wird: den größten Zusammenbruch der so hoch entwickelten Nationen mit ihren so viel gerühmten Kulturen und so fleißig geförderten Religionen.

Pessimismus? Melancholie? — Nein, es ist die Wahrheit durch das Licht dessen, der selber das reine, vollkommene Licht ist: unser Gott, der uns sein Wort zu unserer Erleuchtung gegeben hat.

Wie kostbar ist es, statt in kalter, finsterer Nacht, wo man “keine Hand vor den Augen sieht”, im hellen, warmen Sonnenschein sich aufhalten zu dürfen. Gottes Licht in Christus Jesus für seine in Liebe Erwählten ist das schönste und hellste Licht, das es jetzt gibt. Wie haltlos, hilflos und betrogen müssten wir ohne dasselbe sein! Wie frei, gewiss und freudig dürfen wir in demselben sein auch in der gegenwärtigen Zeit und ihrer zunehmenden Dunkelheit!

Die Gemeine Christi Jesu ist von Paulus auf die höchste Warte der biblischen Prophetie gestellt worden. Hier hat sie den umfassendsten Rundblick, die tiefste Einsicht, den weitesten Fernblick. Hell beleuchtet vom Licht überragender Offenbarungen liegt nun vor ihr der ganze Rat seines Willens Eph. 1, 11. Was von diesem ganzen Rat bisher noch Geheimnisse waren, ist nun offenbart. Er hat uns kundgetan das Geheimnis seines Willens nach seinem Wohlgefallen (Eph. 1, 9). Dafür halte man uns, für Diener Christi und Verwalter göttlicher Geheimnisse (1. Kor. 4, 1).

Täglich wollen wir unsern großen Gott und seinen Christus preisen für das uns gnädig geschenkte Vorrecht, jetzt nicht mehr voll Finsternis und Menschen der Nacht sein zu müssen, sondern dass wir Söhne des Lichts und des Tages sein und immer völliger werden dürfen (1. Thess. 5, 4.5).

Und immer wieder und wieder wollen wir uns mit Fleiß und herzlichem Interesse hineinversenken in das teure und untrügliche Wort der Gottesoffenbarung und Prophetie, da wir wissen, dass keine Weissagung geschehen ist durch menschlichen Willen, sondern dass die heiligen Männer Gottes redeten, getrieben vom Heiligen Geist (2. Petr. 1, 21). Unser Gott, der einst sagte: “Wie könnte ich Abraham verbergen, was ich tun werde?” und: “Siehe, das Frühere ist eingetroffen, und das Neue verkündige ich euch; ehe es eintritt, lasse ich es euch hören”, der hat dafür gesorgt, dass seine in Christus Erwählten und mit seinem Geist Beschenkten eingeweiht sein dürfen in seine Ratschlüsse und Geheimnisse. So ist auch ihr Weg durch unsere jetzige zum Abschluss des gegenwärtigen Äons hineilende Zeit ein Weg, der beschienen ist vom hellen Licht seiner Offenbarung. Deshalb wollen wir uns einerseits nicht den Kopf zerbrechen darüber, was morgen kommen wird, und andererseits uns nicht fürchten vor dem, was kommen muss, sondern wir wollen vielmehr ruhen in der tröstlichen Gewissheit, dass er alles in seinen treuen Händen hat und behält und alles ihm dienen muss zu seinem Preise.

(Quelle: mir unbekannt)

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