Der verkürzte Blick
Autor: Czerwinski, Carl | Kategorie(n): Allversöhnung, Erkenntnis & Wesen Gottes | 748 x gelesenIm Sommer vorigen Jahres war ich in den Berner Alpen. Da machte ich mit einigen Gästen des Erholungsheimes, in dem ich auch Gast war, an einem schönen Julitag eine mehrstündige Tour von unserem Heim aus durch das Aaretal nach dem schönen breiten Roselauigletscher, der so majestätisch zwischen den himmelanstrebenden Wetterhörnern liegt. Dort unten im Aaretal war es in der Mittagssonne fast glühend heiß, und wie engbegrenzt war die Aussicht und der Rundblick! Schier erdrückend wirkten die steilen Felswände der nahen Berge auf Auge und Gemüt; und wie frei und wunderbar, wie wohltuend und erhebend war die Aussicht und der Weit- und Rundblick dort oben auf der Höhe, und wie kostbar war die staubfreie, kühle Luft dort oben!
Genau so ist’s in bezug auf das Schauen und Erkennen Gottes und Seiner Liebesabsichten.
Es gibt Gläubige — im Verhältnis sind sie immer in der Mehrzahl — die haben in bezug auf die Gotteserkenntnis immer den Stand “unten im Tal” mit dem verkürzten Blick.
Fing das nicht schon gleich nach dem Sündenfall an? Warum versteckten sich Adam und Eva im Garten? Wir wollen sie deswegen nicht tadeln; aber ihr Verstecken war die Folge des nun getrübten und verkürzten Blickes. Sie sahen Gott und Sein Verhalten jetzt von ihrem Standpunkt aus an.
Und so ging es dann weiter. Warum sagt Kain später: “Meine Sünde ist größer, als daß sie mir vergeben werden könnte”? Antwort: der verkürzte Blick veranlaßte ihn dazu.
Aller Unglaube, wo immer er sich in der Geschichte der Menschen zeigte und festsetzte, ist im Grunde nichts anderes als der “verkürzte Blick”. Wie ist doch die Geschichte des Volkes Israel hierfür so reich an Beispielen! Nehmen wir aus ihrer Fülle nur eine typische heraus.
Da ist uns in 2. Mose 14 berichtet, wie Pharao mit seinem Heer den Kindern Israels nachjagt, um sie aufzuhalten, und, wenn möglich, wieder zurückzuholen. Darob nun große Furcht und Schreien bei dem Volke Gottes: “Sind etwa keine Gräber in Ägypten, daß du uns genommen hast, damit wir in der Wüste stürben? Warum hast du uns das getan, daß du uns aus Ägypten ausgeführt hast? Laß ab von uns, usw.” Der verkürzte Blick! Und wenn dann nachher neue Situationen mit neuen Übungen kamen, war es wieder so trotz der wunderbaren jedesmaligen Hilfe durch die Macht Gottes.
In 4. Mose 13 steht die Geschichte der Kundschafter. Siehe, was für einen verkürzten Blick sie haben beim Auskundschaften des Landes! Die Enakskinder sind in ihrem Blick viel größer als Gott selbst, darum sagen sie nachher: “Wir können nicht hinaufziehen gegen dieses Volk; denn es ist uns zu stark.” Diese Geschichte erinnert mich immer an ein Bild, das ich einmal in einem Kindergeschichtenbüchlein sah. Da sitzt ein Frosch im hohen Gras und schaut von seinem Sitzpunkt aus in die Welt. Weit im Hintergrund der Landschaft ist ein Kirchdorf mit dem schönen Kirchturm. Aber die hohen Grashalme in der näheren Umgebung des Frosches sind natürlich für seinen Blick viel höher als der weit entfernte hohe Kirchturm.
So ist’s bei dem verkürzten Blick: das, was das Auge zunächst sieht, selbst wenn es recht klein ist, erscheint ihm viel größer als das wirklich Große, welches der Blick nicht zunächst sieht.
Als später Israel einen König begehrte, wie die anderen Völker Könige hatten, hatte es den verkürzten Blick.
Als David sein Volk zählen ließ (1. Chron. 21), ließ er sich von Satan (V. 1) den verkürzten Blick geben. Als Salomo sein Herz durch seine Weiber fremden Göttern zuneigen ließ, bekam er den verkürzten Blick. Die Götter wurden ihm größer als Gott, dem er solchen schönen Tempel gebaut und dessen Herrlichkeit er gesehen hatte.
Als Israel Gott beraubte und Ihm den Zehnten nicht brachte (Mal. 3), sich getäfelte Häuser baute und das Haus des Herrn nicht baute (Hagg. 1), hatte es immer den verkürzten Blick und wurde vom Herrn dafür gestraft.
Und erst, als sein Messias selbst bei ihm war beim Einzug in Jerusalem, bei der Verurteilung und Kreuzigung Jesu, zu Pfingsten und in den darauffolgenden Jahren bis zu seiner Verstockung und einstweiligen Verwerfung (Apg. 28)! Wie furchtbar kurzsichtig waren sie geworden! Und nicht nur das, sie waren nun verblendet, blind und verstockt (Röm. 11, 25).
Finden wir den verkürzten Blick auch bei den Gläubigen, an die Paulus seine Briefe schrieb?
Ja, gewiß! Warum waren z. B. die Gläubigen in Korinth so parteiisch, daß sie für Knechte Gottes so eingenommen waren und nach ihnen sich nannten, daß Paulus sie deswegen “fleischlich” nennen muß (1. Kor. 3, 4)? Antwort: der verkürzte Blick, der Menschen so groß und Gott so klein sieht.
Warum ließen sich die Galater wieder ins Gesetz, in “die schwachen und armseligen Anfangsgründe” (4, 9) hineintreiben, anstatt in den Stand der Reife (V. 5) der Sohnschaft hineinzugehen? Der verkürzte Blick war’s wieder! Sie sahen die gesetzlich laufende Königreichs-Untertanenlinie, die ihnen erfahrungsgemäß das nächste war, für wichtiger an, als das Neue und Größere im Stand der Mündigkeit, ohne Gesetz, in Christus und Seinem Wesen und Seiner Fülle in Seinen Gliedern.
Selbst die Kolosser, die mit der himmlischen Berufung ihres Versetztseins in die Himmelswelt in Christus (das große, herrliche Gnadenvorrecht für die Gemeinde Christi, die Sein Leib und Seine Fülle ist!) vertraut gemacht worden waren, hatten immer noch “Glieder auf Erden” (3, 5), durch die sie wie von Bleigewichten “unten” gehalten wurden und den Genuß und den Vorteil ihrer Stellung “droben” in Christus nicht haben konnten. Auch hier der verkürzte Blick!
Und heute?
Man muß sich doch oft sehr wundern, wenn man überall sehen und hören muß, wie engbegrenzt und kurz der innere Blick so vieler Kinder Gottes ist in bezug auf Gott, Sein Wesen, Seinen Ratschluß in Christus und überhaupt Seine ganze in Seinem teuren Wort niedergelegte Wahrheit.
Wieviel Wirken, Vielgeschäftigkeit, krampfhaftes, gesetzliches Arbeiten und unnötiges Kämpfen, Reden, Schreiben, Sitzungenhalten so vieler Reichgottesarbeiter! Soviel Einsetzen von Menschenkraft und Anwendung künstlicher Mittel (wie Abzeichen, Fahnen, auf Seele und Sinne wirkende Festveranstaltungen, Organisationen, fromme Politik u. a.)!
Für dieses alles ist der verkürzte Blick die Ursache.
Und erst die Wortverkündigung, wie sie vielfach in den Versammlungen der Gemeinschaften und Vereine ist!
Wir haben heute ein großes Heer von Wort-Gottes-Verkündigern, die den Rat Gottes zur Rettung des Verlorenen und seine Gliederung und seine Durchführung in den verschiedenen Haushaltungen nicht, oder zu wenig, kennen und deswegen das Wort der Wahrheit nicht “richtig teilen” (2. Tim. 2, 15), sondern alles durcheinanderwerfen und dadurch ungewollt aus der Wahrheit Irrtum machen.
Viele handhaben das Wort Gottes beim Austeilen als Moral- und Sittenkodex, anstatt es als 0ffenbarungsmittel Gottes zu benutzen.
Die rechte Hilfe zur Errettung und Zurechtbringung der Erwählten Gottes ist nicht das einseitige Verkündigen ihres Elends, ihrer Sünden und alles dessen, was sie tun sollten, um besser zu werden und Gott zu gefallen, sondern wer Gott ist und was Er getan und bereitet hat in Christus Jesus, ihrem Retter und Haupt.
Ihn recht sehen und erkennen und vom Heiligen Gelst in alle Weisheit Gottes in Christus hineingeleitet sein, und dann Ihn verkündigen, das ist es, um was es sich handelt!
Hat nicht Paulus, der in besonderer Weise nach 1. Kor. 4, 1 und 2. Kor. 12, 1 ein “Verwalter göttlicher Geheimnisse” war, der Gemeinde Christi einen viel größeren Christus Gottes und einen viel größeren Reichtum Seiner Gnade, Seiner Machtvollkommenheit und Fülle verkündigt, als wie es heute mit wenigen Ausnahmen der Fall ist?
Wahrlich, er stand nicht in einem eng begrenzten Tal mit dem kleinen Gesichtsfeld und dem Blick, der fast ausschließlich beim Menschen, was er ist und was er tun soll, stehenbleibt!
Er mußte nach Kol. 1, 25 das Wort Gottes, welches Johannes in seinem Evangelium als ins Fleisch gekommen beschreibt, vollenden, d.h. es in Seiner Fülle und Herrlichkeit als Haupt vom ganzen Weltall verkündigen. So darf, nein, muß Seine “Gemeinde, die da ist Sein Leib”, Ihn haben (Eph. 1, 19-23; Kol. 1, 15-20; 1. Kor. 15, 22-28). Ist sie doch jetzt schon mit Ihm in der Himmelswelt ansässig und gesegnet (Eph. 1, 3; 2, 6; 3, 10; Phil. 3, 21; Kol. 3, 1-4).
So viele Austeiler des Wortes sehen nicht die herrlichen Ziele des ganzen Gottesrates in Christo. Man redet wohl viel von der “zukünftigen Herrlichkeit”, aber beschränkt sie fast ausschließlich auf das himmlische Jerusalem als Wohnstätte aller Seligen und auf die dort wohnenden Seligen selbst. Daß jedoch der Vater dem Sohne alles gegeben hat im Himmel und auf Erden (Joh. 3, 35; Hebr. 1, 2; Offb. 5, 13), und daß alles, was der Vater Ihm gibt, auch zu Ihm kommt, und wer zu Ihm kommt, nicht hinausgestoßen wird (Joh. 6, 37), und daß Er nichts verlieren wird von allem, was der Vater Ihm gegeben hat (6, 39), das sehen und glauben sie nicht. In ihrem verkürzten Blick steht der Sohn Gottes wohl als “Heiland der Welt”, der sich für alles, was verloren ist, dahingegeben hat; aber Er kann es nicht hinausführen, was Er in Joh. 3, 17 sagt, nämlich, daß der Vater Ihn gesandt habe, damit Er die Welt rette; denn der die Rettung nicht wollende Wille des gefallenen Menschen (wo ist hier der freie Wille?) ist nun einmal stärker als Gottes Retterwille. Dieses ist dem für Gott verkürzten und in bezug auf den Menschen ungebührlich “verlängerten” Blick eine “ausgemachte Tatsache”!
Man predigt wohl, daß der Heiland gekommen ist, das Verlorene zu suchen, und obwohl Er selbst feierlich erklärt hat, daß dieses Sein Suchen und Nachgehen nicht eher aufhören wird, bis Er das Verlorene gefunden hat (Luk. 15, 4; 19, 10), so unterschlägt man bei der Verkündigung dieses Ziel oder verkehrt es sogar in das Gegenteil.
Obwohl Paulus in Phil. 2, 11 sagt, daß alle Zungen Jesus Christus als Herrn bekennen werden (im Grundtext das gleiche Wort wie in Matth. 11, 25: “…preise Dich”), glaubt man hinzufügen zu müssen: “Aber zähneknirschend!” Obwohl er in 1. Tim. 4, 10 sagt, daß Gott ein Retter aller Menschen ist, und daß Ihn als solchen vornehmlich (nicht ausschließlich!) Seine Gläubigen erfahren, verkündigen die meisten Prediger nach wie vor, daß Er nur die, die jetzt an Ihn gläubig werden, rettet, alle anderen aber unendlichen Qualen ausliefert. Der verkürzte Blick sieht Gott so klein und ohnmächtig, daß Er zwar Großes will und verspricht, aber nur wenig kann. Auf alle Fälle ist nach ihrer Evangeliumsverkündigung der Wille der Geschöpfe mächtiger als Gottes Rettungswille in bezug auf sie.
In bezug auf alle Gerichte sagt der Heiland selbst, daß der Vater Ihm alles Gericht übergeben hat (und sicher wird Er von der Gerechtigkeit, Schärfe und Zeitdauer der Gerichte nichts wegtun; darum tun auch wir nichts weg). Aber Er sagt auch, zu welchem Zweck und mit welchem Gewinn. Wie kostbar steht’s da in Joh. 5, 23: “Damit sie alle den Sohn ehren wie auch den Vater.” Das ist genau dasselbe wie in Phil. 2, 11. Wahrlich, wie fruchtbar wird das Richten des Sohnes sein! Ehre, Preis, Ruhm und Anerkennung als Rettet und Allherr (kyrios) von überwundenen, zurechtgeherrschten und zurechtgerichteten Geschöpfen wird Er bekommen.
Wie dankbar dürfen wir von ganzem Herzen sein, daß uns das Licht Gottes in Seinem Wort — und nicht zum wenigsten in Pauli Füllebriefen (Epheser, Kolosser) — so ungetrübt scheint und der erhöhte Herr uns mit Ihm den hohen Platz (Eph. 2, 6) in der Himmelswelt gegeben hat!
Da allein, in der Füllestellung der Gemeinde Christi Jesu in Ihm, dem Haupte über alles (1, 23), gibt es den unverkürzten Blick in Seine Größe, Fülle, Retter- und Vollenderherrlichkeit.
Dort “oben” (Kol. 3, 1) vom Throne Christi Jesu aus lernen wir es, mit dem enthüllten Blick (Eph. 1, 17.18) der erleuchteten Augen des Herzens, dem großen, freien, Gott angemessenen Weit-, Rund-, Tief- und Hochblick (Eph. 3, 18) Gottes Wesen, Pläne, Wege und Ziele anzuschauen. Von dort schauen wir in die Unendlichkeiten vor den Äonen (2. Tim. 1, 9; Tit. 1, 2; 1. Kor. 2, 7) und auch in die Unendlichkeiten nach den Äonen. Von dort her übersehen wir der Äonen Verlauf, und dass in ihm alle Gerichte, alle Widersetzlichkeit und alle Feinde ihr Sein, aber auch ihr Ziel haben. Wir sehen hier das “Ende” zum Anfang zurückkehren, aber in eine noch viel größere Herrlichkeit einmünden; denn am Anfang war Gott allein alles, und dort ist Er dann alles in allen vervielfältigte und vollendete Herrlichkeit! Keine Sünde, keine Finsternis, kein Feind, kein Tod, kein Gericht mehr, nur Harmonie, Licht, Liebe und Leben überall und für immer! Wahrlich, dieser Sieg und dieses Wiederherstellungswerk ist unseres großen Rettergottes würdig! So will’s Sein wunderbarer Rat, und herrlich ist dessen Ausführung!
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 1978; Paulus-Verlag Karl Geyer; Heilbronn)
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Missionar Czerwinski war seinerzeit Mitarbeiter an der Zeitschrift “Das Prophetische Wort”, herausgegeben von Direktor Schaedel. Er wirkte u. a. in Pfalzgrafenweiler/Württ. Ihm war ein tiefer Blick in Gottes Erlösungsplan geschenkt, und es fehlte in seinem Leben auch nicht an Widerstand gegen seine Botschaft. Als begnadeter Liederdichter hat er Christus, das Haupt, den Erhöhten, den Sieger, den Kommenden, gerühmt und besungen. Einige Lieder finden sich in dem Liederbuch des Paulus-Verlags “Lobgesänge der Gemeinde” (z. B. die Nummern 58, 66, 95, 97, 103, 175, 531, 594, 1075).


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