Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Was wir werden können in Christus Jesus

Autor: Böhmerle, Theodor  |  Kategorie(n): Gemeinde, Heilsgeschichte  |  576 x gelesen

Text: Epheser 2, 19-22

Die ganze Größe des Evangeliums, das uns verkündigt wird in Christus Jesus, tritt uns in diesen Versen überwältigend entgegen. Der Apostel Paulus redet hier von den Nationen. Er hat in den vorausgehenden Versen von Juden und Heiden gesprochen, wie sie in Christus Jesus, soweit sie zum Glauben kommen, in einem Leib, zu einer Gemeine zusammengefaßt werden. In den uns vorliegenden Versen redet er nun die Heiden, das heißt die Nationen, sonderlich an und zeigt, wie sie durch den Glauben aus einer tiefen Tiefe zu einer hohen Höhe geführt werden. Ja, den Gläubigen aus den Nationen ist in Christus eine ganz besondere Gnade bereitgestellt, weil sie ohne jedes Gesetz oder sonst etwas die frei angebotene Gnade in ihrer ganzen Fülle ergreifen dürfen.

Natürlich hat auch der Jude viel in der Gnade des Herrn. Er ist doch schon, ehe der Herr kam, im Besitz des Wortes Gottes, im Besitz der Verheißungen Gottes, im Besitz des Gesetzes und der Propheten, im Besitz des Bundes Gottes und der Erwählung gewesen. Er war Gott sehr nahe, weil Gott der Herr sich nahe zu ihm getan hatte. Dagegen waren die Nationen mit ihren verkehrten Eigenreligionen und Eigenphilosophien doch sehr ferne. Freilich mußte auch der Jude versöhnt und erlöst und neugeschaffen werden; denn als Übertreter des Gesetzes stand er unter der Verdammnis. Aber trotzdem war er doch näher und durch die Offenbarung auf dem Wahrheitsboden, wenn er es sein und annehmen wollte.

Durch das Kommen des Heilandes war aber nun ein neues Ewigkeitszeitalter heraufgekommen — das Zeitalter der gläubigen Gemeine. Und in sie konnten, durften und sollten auch Glieder aus den Nationen eintreten und mit den gläubig gewordenen Juden zusammen die in den Tempel gebrachte Erstlingsschar für die kommende große Ernte darstellen. Das war natürlich nun ein gewaltiger Sprung, den die Heiden tun durften und heute noch tun dürfen, aus der Fremdlingschaft und Gäste- und Beisassen-Stellung heraus bis hinan zur Behausung Gottes im Geist, wie unser Text sagt. Zwischen diesen beiden Stellungen, zwischen der Fremdlings- und Beisassen-Stellung einerseits und der Behausungs-Stellung Gottes im Geist andererseits, liegt der ganze Reichtum dessen, was gläubige Glieder der Nationen im Heiland anziehen und sich aneignen dürfen. Was können wir Armen doch werden in Christus, wenn wir Ihn annehmen und in uns wirken lassen!

Sehen wir zunächst, was wir sind ohne Heiland: Fremde und Beisassen (Luther übersetzt: Gäste und Fremdlinge). Alle Nationen der Welt und ihre Glieder sind Gott gegenüber und der unsichtbaren Gotteswelt gegenüber Fremdlinge von Natur. Der Jude nicht — der ist Bundesglied im Rahmen der Gesetzes-Offenbarung. Die Nationen alle, also Deutsche, Engländer, Franzosen, Russen und wie sie heißen, sind Fremdlinge. Von der Zeit des babylonischen Turmes an hat Gott die Nationen, wie der Römerbrief in Kapitel 1 sagt, dahingegeben.

Ohne direkte Offenbarung von seiten Gottes, nur mit dem Besitz und den Gaben, welche sie als Geschöpfe haben, sind sie dahingegangen und haben ihre Kräfte ausgelebt und ausgewirkt. Da sind nun religiöse, sittliche, geistige, seelische und leibliche Kräfte. Und alle haben die Nationen in ihrem Eigenleben entfaltet und äußerlich Großes und Hervorragendes, wunderbare Weltmachtreiche hervorgebracht. Weil aber bei ihnen alles aus dem Eigenen ging, ist alles immer wieder in Tod und Gericht zusammengesunken.

Das war eben der Plan Gottes: Sie sollten sich nur ausleben mit ihren großen, von Gott gegebenen Kräften in der Gottferne und sollten es erleben, wie elend, arm, todverfallen und gerichtsverfallen sie bei diesem Eigenleben wären, und sollten sich in ihrem Elend wieder sehnen lernen nach Gott, Heimat und Vaterhaus. Gottes Gedanke bei diesem Gehenlassen war im letzten Grund ein Liebes- und Friedensgedanke: retten, heimsuchen wollte Er sie.

Während die Heiden in der Fremde und Ferne dahingingen, wollte Er ein Volk, die Juden, sich erziehen, wollte es füllen mit Seiner Offenbarung, wollte es herrlich machen durch Versöhnung und Erlösung im Heiland, und dann von diesem erlösten Volk aus alle zerbrochenen Nationen mit selig machen. Dieser Plan ist noch im Laufen. Das jüdische Volk ist noch nicht eingegangen in die Erlösung, und die Nationen sind noch keine Zerbrochenen, wie gegenwärtig offenbar ist. Trotzdem viele Nationen das Christentum zur Volksreligion bekommen haben, sind sie durchaus nicht zerbrochen. Im Gegenteil: gerade die sogenannten christlichen Nationen sind die selbstaufgerichteten und nehmen sogar die Herrlichkeiten der Offenbarung, um selbst das Heil aufzurichten. So ist die Masse der Nationen heute noch dahingegeben und läuft den Tagen des Zerbruchs entgegen, während das jüdische Volk indessen weiter zubereitet wird zum Gefäß des Heils, jetzt unter dem Fluch des Gesetzes.

In derselben Zeit aber, in der dieses läuft, geschieht nun ein Großes und Ungeheuerliches in der Welt. Die Gemeine Gottes aus Juden und Heiden wird zubereitet zum Leib Christi, zum Geistesgefäß Gottes, um Offenbarungsmittler für die reif gewordenen Juden und Nationen zu werden, wenn die Stunde dazu gekommen ist. Und da dürfen nun aus den Fremdlingen der Nationen alle, die da lebendig glauben, in die großen Gnaden und Güter der vollbrachten Erlösung eintreten.

Wir alle, die wir glauben, wissen es wohl, daß wir Fremdlinge waren. Wir waren in Welt und Erde daheim und im oberen Heimatland fremd und unbekannt. Ja, wir waren so fremd, daß wir die Heimat und alle ihre Herrlichkeit leugneten und verleugneten. Die Masse ist trotz alles Christentums heute noch völlig fremd in der unsichtbaren Gottwelt. Die Unwissenheit und Unbekanntschaft mit göttlichen Dingen und Kräften ist bis weit in fromme Kreise hinein entsetzlich groß. Und solchen fremden und entfremdeten Geistern ist auch Gott fremd. Er kann nicht mit ihnen in Gemeinschaft treten. Sie gehen dahin in Fluch und Gericht und zappeln und strappeln sich darin ab. Ein grausiges Verhängnis! Hin und her irrt man in der Welt, solange man im Himmel Fremdling ist. Unstet und flüchtig ist der Grundcharakter. So waren wir ohne Heiland, und das Ende ist Tod und Warten des Gerichts.

Und Beisassen sind wir alle noch dazu von Natur. Beisassen sind Leute, die dabeisitzen, die irgendwo wohnen, aber kein Bürger- und Heimatrecht daselbst haben. Ja, Beisassen, sie setzen sich alle bei Gott dabei. Es gibt keine Nation, die nicht Religion hätte und Religion wollte. Und etliche Nationen ereifern sich sogar um die christliche Religion. Aber sie sitzen nur dabei, sie haben kein wirkliches und wahrhaftiges Heimatrecht im Himmel. Die Masse der Menschen und Christen, so religiös und fromm sie ist, ist völlig ohne jeden festen, klaren Grund im Himmlischen. Da ist keine Gewißheit, daß man dort hingehört und Recht und Sitz dort hat. Sie trachten alle in irgendeiner Form nach Recht und Sitz im Vergänglichen anstatt im Unvergänglichen. Über ihre Stellung in der kommenden Welt sind sich die meisten Menschen im unklaren und ungewissen. Und sie gehen gar nicht nach Klarheit und Gewißheit. Die meisten wollen auch Religion, aber sie sitzen nur dabei, ohne im Himmlischen gegründet, gewurzelt und daheim zu sein. Sie sind rechtlose Beisassen.

Wir waren’s auch einmal. Wir saßen dabei in Haus, Schule und allerlei Unterricht, aber wir saßen nicht drin. Wenn man ernstlich nachfragte, hätte die übergroße Mehrzahl keinen Berechtigungsschein für den Frieden der Ewigkeit. Fremdlinge und Beisassen, was die unsichtbare Ewigkeitswelt betrifft — das ist ein Jammerstand. Da kommt nun die Botschaft vom Heiland und will uns aus all dem oft glänzenden Natur-Elend herausreißen und uns versetzen in einen gar hohen wunderbaren Ewigkeitsstand.

Der Heiland hat uns zuerst und vor allem durch Sein Kommen, Leiden, Sterben und Auferstehen ein Recht, ein Bürger- und Heimatrecht in der ewigen Heimat erworben. “Mitbürger der Heiligen” dürfen wir in Ihm und durch Ihn werden, wie unser Text sagt. Der Sohn Gottes ist rechtmäßiger, gottgesetzter Herr der Ewigkeiten. Er ist der Universal-Besitzer und Universal-Erbe. Und Er darf austeilen, wem Er will. Er ist Mensch geworden; Er hat den Zorn getragen; Er hat den Sündenfluch versühnt; Er hat den Tod durchbrochen; Er hat das Himmlische eingenommen. Er bietet jedem, der an Ihn glaubt und Ihn annimmt, völlige Aufhebung alles Sündenfluches und Heimatrecht bei Gott an. Und das alles frei umsonst jedem, der nicht mehr Fremdling und Beisasse, sondern daheim und berechtigt sein möchte.

Hast du schon zugegriffen? Das Blut Christi, Sein Tod und Auferstehen schafft Bürgerrecht bei Gott. Eine Gemeine der Heiligen soll herausgerufen werden. Und Heilige, das sind solche Leute, bei welchen die Liebe Christi Sünde und Tod überwinden durfte. Heilige sind solche Leute, bei welchen das sieghafte Gnadenleben Christi das todhafte Eigenleben überwindet. Heilig sein heißt, im Leben Christi stehen durch Buße und Glauben. Die Heiligen sind die mit Christus ihrem Eigenleben Gekreuzigten und die durch den Geist zum Glaubensleben Auferweckten.

In dieser Gemeine der Heiligen werden alle, die sich Christus übergeben, Mitbürger. Christi Blut schafft Rechte. Wer Christus hat, der hat eine Heimat und ein Vaterhaus, an die er ein Recht hat. Und wollten Satan und eigenes Herz mich hundertmal verklagen, Christus ist hie! In Ihm habe ich Freudigkeit und Zugang. Es ist selig für einen elenden, todverfallenen Erdenbürger, im Land des Lebens, des Friedens, der Seligkeit und Herrlichkeit durch Jesus Christus ein Recht zu haben.

Aber noch mehr: wer im Glauben dieses Heimatrecht annimmt und in die himmlische Gemeinschaft eintritt, in dem kommt es zu einer neuen Geburt durch den Geist. Dadurch wird er dann Hausgenosse Gottes, wovon unser Text zum zweiten redet. Ein Hausgenosse Gottes ist nicht bloß ein bei Gott Wohnender, sondern ein Verwandter Gottes. Der Heilige Geist schafft aus denen, welche in Christi Blut das Heimatrecht ergriffen haben, Kinder Gottes. Jetzt ist das Recht innerlich versiegelt. Ein Kind hat Haus- und Erbrecht. So ist ein Gläubiger immer tiefer und seliger droben daheim. Er geht dort aus und ein, er redet dort, er bittet und bettelt dort, er ruht dort, er holt dort Weisung für alles als ein Kind.

Hausgenosse Gottes — freilich, das macht da unten fremd. Waren wir früher für die Ewigkeit Fremdlinge und Beisassen, so werden wir nun — als heimatberechtigte Kinder droben — hier unten Fremdlinge und Beisassen. Ein gesegneter Tausch — glaube es!

Und sieh, die Kinder wachsen in des himmlischen Vaters Haus, und da werden sie Priester. Unser Text sagt, sie wachsen hinan zum heiligen Tempel. Was kann’s in der Gottgemeinschaft anderes geben, und was kann’s in der Gemeinschaft des ewigen Hohenpriesters anderes geben als Priester! Heiliger Tempel ist soviel als heiliges Priestervolk; denn jeder Tempelstein ist ja ein lebendiger Priester. Die Anbetung Gottes im Geist und in der Wahrheit hört in der Gemeine der Kinder Gottes Tag und Nacht nicht auf. Die immer freiere und tiefere Opferhingabe des Wollens und Wesens an den, der sich für uns geopfert, nimmt täglich zu; das Eingehen in den Willen und in die Wege Gottes ist Speise dort in Gottes Haus; das Verständnis und die Teilnahme an der Hinausführung des göttlichen Ratschlusses wird bei den Hausgenossen immer inniger: so sind und werden sie ein heiliger Tempel. Und je mehr sie priesterlich werden, um so mehr werden sie auch königlich.

Im Heiland wachsen die Hausgenossen-Kinder hinan zu einer Behausung Gottes im Geist (Vers 22). Das ist nun das Höchste. Die Gemeine wird zur Trägerin Gottes. Gleichwie Gott nach Seiner ganzen Fülle in Christus Jesus leibhaftig wohnt, so wohnt der Sohn mit Seiner Gottfülle in den Gliedern leibhaftig. Die gläubige Gemeine ist die Fülle dessen, der alles in allen erfüllt. So wie der Vater sich nur im Sohn offenbart, so offenbart sich der Sohn durch Seine Gläubigen jetzt schon und einst in der Fülle. Der Heilige Geist hat die Gemeine, den vollendeten Geistesleib, zum Organ der Offenbarung. So wird also die Gemeine der Gläubigen zur eigentlichen Geistes- und Offenbarungsträgerin in Ewigkeiten. Die Gläubigen in Christus stehen in direkter Beziehung zum Heiland und haben und beziehen alles von Ihm; die Seligwerdenden und einst zur Rechten Gestellten stehen nicht direkt in Beziehung zum Herrn, sondern zu den Gläubigen in Christus, weil diese ja die Behausung Gottes im Geist sind, die Hütte Gottes bei den Menschen. Vom Bürgerrecht kraft des Blutes Christi geht es zur Hausgenossenschaft und Kindschaft; von da zum Priestertum und königlichen Mittlertum. Das ist das volle Evangelium von Seligkeit und Herrlichkeit, das jetzt im Zeitalter der Gemeine verkündigt wird. So hoch können es einfältig Gläubige in Christus Jesus bringen. So groß ist ihr Beruf, zu welchem sie in Christus berufen sind.

“Gleichwie Er ist, so sind auch wir in dieser Welt”, sagt Johannes. Das ist die Freudenbotschaft, welche Apostel und Propheten, diese beiden nach außen gerichteten Grundgaben der Gemeine, ständig verkündigen. Apostel und Propheten gibt es ja fort und fort in den Gemeinen. Sie werden immer wieder gegeben und verkündigen hell und laut, daß Menschen, die glauben, solches Heil ergreifen und auf solchem Grund sich erbauen dürfen. Die Apostel und Propheten selber sind nicht der Grund; sie brauchen ja selbst auch den Grund. Aber sie verkündigen diesen Heilsgrund, damit gläubige Menschen sich darauf bauen können.

Der Grund selbst, der große Eckstein und Schlußspitzenstein, der, in welchem alles zusammengefaßt und hinausgeführt wird, ist Christus selbst. “An welchem Jesus Christus der Eckstein ist, in welchem der ganze Bau zusammengefügt wächst.” Das ist die Eigenart der Gemeine, daß hier jeder an Christus persönlich hängt, in Christus hineingebaut ist. Alle nicht in Ihn Hineingebauten müssen von den Gläubigen leben; die Gläubigen aber leben von Ihm. Er ist der wunderbare Einheitszusammenhalt des ganzen Leibes in der Liebe. Was nicht in Ihm hängt, hält auch nicht zusammen. Darum gilt es, daß wir in Ihm erfunden werden. Alle in Ihm Erbauten bringt Er von Stufe zu Stufe zu solchem Ziel. Denke, du natürlicher Fremdling und Beisasse: Du kannst ein Mitbürger der Heiligen werden, ein Hausgenosse Gottes, ein heiliger Tempelstein, eine Behausung Gottes im Geist, also einer, mit dem das höchste Wesen sich zu einem Geist vertraut. Ist dir solches groß und wert? Wohlan, dann übergib dich dem Herrn! Er ist der Grund- und Eck- und Zielstein. A und O, Anfang und Ende — nimm mein Herz in Deine Hände!

1925

(Quelle: “Der Wunderbau der Geistesgemeine”; Verlag des Evangelischen Vereins für innere Mission Augsburgischen Bekenntnisses e. V.; Karlsruhe)

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