Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Wahrhaftig gestorben und wahrhaftig auferstanden

Autor: Böhmerle, Theodor  |  Kategorie(n): Tod & Auferstehung  |  678 x gelesen

Text: Markus 16, 1-8

Beides bezeugt uns unser Text: daß der Herr Jesus Christus wahrhaftig gestorben und daß Er wahrhaftig auferstanden sei. Beides ist für uns von gleicher Wichtigkeit. Beides ist auch ein gleich großes Wunder. Es wird sehr oft nur das Auferstandensein als ein Wunder betrachtet. Aber wahrlich, für den menschgewordenen Sohn Gottes war das Sterben noch ein größeres Wunder als das Auferstehen, und das Sterben war auch ein größeres Werk als das Auferstehen.

Für den Sohn Gottes war das Sterben nicht das Natürliche, sondern ein durch und durch Widernatürliches. Der Sohn Gottes hat das Leben in sich selber. “In Ihm war das Leben.” Göttliches, ewiges Leben ist Seine Natur. In Ihm ist durchaus gar keine Finsternis, darum auch kein Sterben und kein Tod. Von Ihm ist von allen Äonen her nur Leben und Licht ausgegangen. Darum konnte Er auch alle Dinge tragen mit Seinem kräftigen Wort.

Nun hatte Er ja wohl in Seiner Menschwerdung den Sündenleib angezogen, und dieser Sündenleib war dem Tod unterworfen. Der Heiland ist mit Seiner Menschwerdung in das Sünden- und Todeswesen eingetreten. Aber indem der Sohn Gottes in das sündliche Fleisch eintrat, wurde in diesem auch das Sündenprinzip aufgehoben. Das Lebensprinzip wartete in Ihm im Sündenfleisch. Und dieses Lebensprinzip durchwaltete während des Erdenlebens des Herrn den Sündenleib von Tag zu Tag mehr. Je mehr der Herr, von allen Seiten versucht, jegliche Versuchung abwies, um so mehr wurde der angenommene Sündenleib wahrhaft verklärungsreif und verklärt.

Bei Jesus konnte das Licht und die Klarheit jeden Augenblick durchbrechen. Wir sehen das auf dem Verklärungsberg; wir sehen das, wenn Er je und je mitten durch Seine Verfolger hinwegging. An Jesus hatte der Feind, der des Todes Gewalt hat, kein Recht und kein Teil. Wenn Jesus starb, war es ganze, volle und freie Hingabe. Wie wesensfremd Ihm, dem Heiland, der Tod war, sehen wir eben in Gethsemane, wo Er mit dem Tode rang. Daß Er aber dennoch frei sich in diesen hineingab, sehen wir wieder in Gethsemane, wo Er Seinem Lebenswillen starb und nach bitterem Kampf sich dem Tod und seiner Macht übergab.

Das Sterben war für den Herrn eine freie Gehorsamstat. Als Er einmal gehorsamsentschlossen war zu sterben, stellte Er alle Seine Lebensmacht und Lebensherrlichkeit zurück. Er entäußerte sich derselben und gab in freier Selbsthingabe den Todesmächten an sich und gegen sich Raum. Dadurch eben konnte Sein Sterben stellvertretend sein. Dadurch wohnt ihm die große versöhnende Macht und Kraft inne. Darum konnte der Vater diese freie Sterbenshingabe des Sohnes als vollkommenes und gültiges Sühnopfer annehmen. Und es konnte für alle gelten; denn der Lebensquell aller, von welchem sie schöpfungsmäßig und erhaltungsmäßig alles Leben und alles Licht empfingen, sprang hier für alle frei ein, sich hingebend in den Tod. Im Sohn Gottes ist alles ursprungsmäßig und zielmäßig zusammengefaßt; Er kann darum als der Eine alle umfassen. Ist darum dieser Eine frei gestorben, so sind sie alle gestorben.

Darum ist es aber nun auch so wichtig, daß Er wahrhaftig und wirklich gestorben ist. Die Schrift muß uns das aufs genaueste bezeugen, und sie tut es auch. Nicht umsonst, sondern mit heiligem Vorbedacht ist darum auch ins Glaubensbekenntnis das “gestorben und begraben” als Mittelpunkt und Hauptpunkt aufgenommen.

So ist noch nie ein Tod gestorben worden. Hier war nach keiner Seite hin eine Nötigung zu sterben; hier war alles Leben; hier war das Sterben eine einzige, große Liebesfreiwilligkeit. An Seinem Sterben sehen wir, daß Er wahrhaftig alle Sünde getragen hat — an Seinem Sterben sehen wir, daß Er für uns zur Sünde gemacht ist; denn der Tod ist der Sünde Sold. So haben wir ein heiliges Grund- und Lebensinteresse daran, daß Er wahrhaftig gestorben ist. Und heilsbegierig greifen wir nach den Zeugnissen Seines wahrhaftigen Todes; denn darin liegt unsere Rettung.

Da ist denn nun unser vorliegender Ostertext ein herrliches Todeszeugnis. Die ganze Jüngerschaft wußte genau, daß Er tot war. “Da der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, des Jakobus Mutter, und Salome Spezerei, auf daß sie kämen und salbten Ihn.” Sie wußten also ganz gewiß, daß Er tot war. Hätten die Jünger auch nur im geringsten etwas anderes gewußt oder gedacht — wie sehr hätten sie es doch gewünscht! —, dann wären die Salben nicht gekauft worden. “Und sie kamen zum Grabe am ersten Tage der Woche sehr früh, da die Sonne aufging.”

Also regelrecht begraben war der Heiland, in Tücher gebunden und in eine Höhle gelegt. Und ein großer Stein war davor. “Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?” Das war die Sorge der Frauen.

So war Er also wirklich gestorben. Wir haben ja der Zeugnisse noch genug außer diesen vorliegenden. Aber dieses wirkt in seiner schlichten Natürlichkeit gar eindringlich. So hat also der ewige Sohn Gottes, der sündlose Menschensohn Jesus, den Tod geschmeckt. Er ist in diesen Sündenfluch hineingegangen, Er ist ins Totenreich hinabgestiegen, Er ist in Satans Händen gewesen, und dieser hat eine kurze Spanne über Ihn triumphiert. Es ist dem Teufel der Sündenlohn ausgezahlt worden. Er hat in dem Einen, dem Freien, dem Ewigen, den Lohn für alle empfangen und muß nun in dem Einen alle freigeben.

O schrecklicher Tod, wie bist du in allen deinen Erscheinungen so furchtbar! Was bist du eine Qual, da du uns von Gott reißest! Was bist du eine Qual, da du uns selber zerreißest in inneren Kämpfen, Nöten, Zweifeln und Verzweiflungen! Was bist du eine Qual, da du Menschen von Menschen, Kreatur von Kreatur reißest! Was bist du eine Qual mit deinem friedlosen, heillosen, quälenden und gequälten Dasein! Du bist ein sterbender Wurm, du bist Heulen und Zähneklappen. Und du bist unabänderlich für Sünder. Du bist Fluch und Folge, gerechte Frucht der Sünde. Und ich bin dir verfallen als Sünder. Aber siehe, in Jesus ist Einer frei in dich hineingegangen und hat alle Qual deines Elends getragen, “daß Er befreite die, welche zeit ihres Lebens in Furcht des Todes Knechte sein mußten” (Hebräer 2, 15).

Wir beten diese Liebe unseres Schöpfers zu uns an. Die Hand, die uns schuf, hat uns nicht gelassen; das Herz, das uns ins Dasein rief, bleibt auch im Tode uns verbunden. Der Sohn Gottes trägt alles für uns und mit uns. Was sollte Er nicht tragen, wenn Er doch den Tod für uns trägt! Wahrhaftig bist Du hineingegangen — ein Tod dem Tode!

Ja, nun sind wir frei. Es ist unmöglich, daß Ihn der Tod sollte halten. Mitten in der Hölle brach Seine Herrlichkeit durch. Und anstatt der Todesverhaftung geht es zum Sieg. In ebenso ergreifender wie schlichter Weise versiegelt uns unser Ostertext die wahrhaftige Auferstehung des Herrn.

Schon aus einiger Entfernung sehen die Frauen den Stein vom Grabeingang weggewälzt. Und er war doch sehr groß! Wie köstlich — wie die Wahrheit bestätigend ist dieser kurze Zusatz. Die großen Sorgenaugen der Frauen schauen uns an im sehr großen Stein. Göttliches Eingreifen hatte ihn weggewälzt und zugleich die römischen Soldaten vertrieben. Der Weg ins Grab war frei. Die Frauen gingen hinein. Der Leichnam war nicht mehr da. Restlos hatte der verklärende Geist den Fleischesleib in die höhere Sphäre der Lichtherrlichkeit hineinverklärt. Der Sohn in Seiner völligen Sündlosigkeit war reif für die Durchverklärung des sündeverfluchten Stoffes. Die Erlösung war da — das Sündengift und Todesgift hinausgetan.

Stoffverklärung, Leibesverklärung kommt aus der Geistesverklärung. Soviel verklärten Geist Christi du anziehst und in dir zur Wirkung kommen läßt, soviel Kraft der Leibesverklärung hast du. Von Verwesung war beim Heiland keine Rede — Verklärung ist Sein Weg. Leere Gräber gibt es in Ihm. Ach, daß auch das unsrige einst leer würde!

Die Gemeine der Gläubigen steht ja fortlaufend in der Auferstehung. Wer neugeboren ist, der ist auferstanden, und das läuft von Stufe zu Stufe. Gläubige stehen auch leiblich fortwährend auf. Laß uns, Herr, in Deine Gleiche kommen!

Der Leichnam war nicht mehr im Grabe — aber ein Engel. Nach vollbrachter Versöhnung und Erlösung rücken die Welten einander näher. Ein weiterer Schritt zur Einheit aller Welten ist getan. Engel treten herein. Sie sind mitbeteiligt, nicht nur als dienstbare Geister, sondern auch, weil durch ihre Reihen ja der schärfste Riß geht. Satan hat ein Drittel von ihnen gefällt (Offenbarung 12).

Der Engel verkündet im Jubelton die geschehene Auferstehung des Herrn. Und er gibt den Frauen die Weisung, hinzugeben und den Jüngern zu sagen, der Herr werde ihnen erscheinen in Galiläa. Die Frauen aber sind so bestürzt, daß sie eilends vom Grab fliehen und niemand etwas sagen.

Wie ist für uns dieser große Schrecken der Frauen so selig; er ist ein Siegel der wahrhaftigen Auferstehung. Hier ist etwas geschehen, was die Menschen einfach verstummen macht. Eine Gott-Tatsache greift in die Welt herein. Die große Gott-Tatsache des Lebensdurchbruchs durch den Tod. Geistleiblich verklärt ist der Herr zurückgekehrt in diese Welt. Und das ist Auferstehung nach biblischem Begriff.

Auferstehung ist nichts Jenseitiges, sondern etwas Diesseitiges. Auferstehung ist die Rückkehr auf die Erde in geistleiblicher Verklärung.

So warteten die Gläubigen unter dem Gesetz. Sie warteten alle auf ein Herrlichkeitsreich Christi auf Erden. Darum sind auch viele Heilige direkt nach der Auferstehung des Herrn geistleiblich erneuert hervorgegangen aus dem Totenreich und sind in Jerusalem vielen erschienen. Das war ein Stück Hervorbruch des Königreiches. Es ist nicht ganz durchgebrochen um des Unglaubens der Juden willen, welche das Königreich in seinem Anbruch hinderten. Mit dem Kommen des Königreichs wird eine Auferstehung der gläubigen Juden verbunden sein. Zum Zeugnis dafür hat der Heiland auch den Lazarus auferweckt. Auf die Erde zurück muß der Herr, geistleiblich verklärt — sonst ist alle Hoffnung des Reiches verloren. So war die geistleiblich herrliche Rückkehr des Herrn zunächst ein köstliches Unterpfand für die Erfüllung der Hoffnung des Königreichs, wie sie den Juden gegeben war.

Sie ist aber auch der Anfang der erstandenen Gemeine. Wenn jemand zum lebendigen Glauben, zur neuen Geburt kommt, so ist er nach der Schrift eine neue Kreatur. Die Kinder Gottes sind geistleiblich verklärt Erstandene mitten in dieser Welt. Und sie sind es, wenn sie auch den Todesleib noch an sich tragen. “Seid ihr denn mit Christus auferstanden”, schreibt Paulus von den Gläubigen.

Diese Auferstehung der Gläubigen kommt zur Ausreifung, wenn der Herr Seinen Leib sammelt in Seiner Ankunft zu ihnen. Die Hoffnung der Kinder Gottes ist die geistleiblich verklärte Versammlung aller Gläubigen in Christus auf dieser Erde. Dafür ist die Rückkehr Christi Unterpfand und Siegel — warten wir doch auf das erneute Kommen des Herrn. Die Kinder Gottes werden ihre Verklärungsaufgabe zum Teil noch auf dieser Welt haben im Königreich Christi, zum Teil an dem Ort, wo das jüngste Gericht stattfindet, zum Teil schließlich auf der neuen Erde, aber immer auf der Erde. Auch die Auferstehung der Kinder Gottes ist ein geistleibliches Verklärtsein in dieser Welt wie in der kommenden.

So wird’s aber auch für alle Menschen sein. Die Auferstehung am jüngsten Tage wird auch die einen lichtverklärt, die anderen finsternisdurchdrungen auf die neue Erde setzen. Die einen werden an den seligen Orten, die anderen an den unseligen geistleiblich verklärt oder geistleiblich verfinstert sein. Das eine ist die Auferstehung des Lebens, das andere die Auferstehung des Gerichts. So liegt in der geistleiblich verklärten Rückkehr des Herrn auf diese Erde alle Hoffnung und alles Gericht beschlossen. Und wir sind dankbar und anbetend, daß die wahrhaftige Auferstehung des Herrn uns so schlicht und so wahr auch durch unsere heutige Ostergeschichte versiegelt ist.

Wahrhaftig gestorben und wahrhaftig erstanden — beides ist so groß, beides ist so herrlich für uns. Für Kinder Gottes aber ist auch beides so ernst. Sie sind es ja, welche in ihrem Geistesleben in die Gleiche des Herrn hineingeschaffen werden. Darum heißt es auch bei ihnen: wahrhaftig gestorben und wahrhaftig erstanden — und wiederum: wahrhaftig sterbend und wahrhaftig erstehend.

Das Wiedergeburtsleben, welches wir auch Auferstehungsleben nennen können, ruht auf einem Gestorbensein und auf einem Auferstandensein in Christus. Der Gläubige hat Sünde und Tod, hat Eigenwesen und Sterben in ihrer Furchtbarkeit erkannt, und er erkennt sie täglich neu und tief. Darum will ein Gläubiger nicht mehr sich selbst und der Kreatur leben. Christus, so gilt’s bei Gläubigen, ist darum für alle gestorben, damit die, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist. Ein Kind Gottes weiß, daß in allem Selbstleben und Kreaturenleben der Tod ist. Darum ist es dem Selbst- und Kreaturenleben, der ganzen Sünde, gestorben. In diesem Sinn gilt es und ist es wahr: “Wer aus Gott geboren ist, der sündigt nicht.”

Ein Kind Gottes ist aber auch in Christus Jesus, seinem Heiland, zum göttlichen Leben auferstanden. Was es lebt, das lebt es im Glauben des Sohnes Gottes, der es geliebt und sich selbst für es dargegeben hat. Das gehört zum Grundstand der Wiedergeborenen: daß sie der Sünde gestorben sind und Gott leben in Christus Jesus, ihrem Herrn. Das “wahrhaftig gestorben” und “wahrhaftig erstanden” gehört zum Wesensbestand der Gläubigen. Auch zu deinem?

Nun aber lebt die Sünde, wiewohl wir ihr gestorben sind. Ich bin wohl ihr gestorben, aber sie nicht mir. Die Sünde lebt in Satan; sie lebt in der Welt; sie lebt in meinem Fleisch; sie lebt in meiner Seele und in meinem Geist, soweit sie noch im Unvollkommenen stehen. Und darum lebt die Sünde auch unter den Gläubigen. Deshalb gilt auf dem Grund des Gestorben- und Auferstandenseins ein täglich erneutes Sterben und erneutes Auferstehen. Der Geist Gottes zeigt uns, wo es zu sterben und wie es aufzustehen gilt. Hier liegen unsere Kämpfe, unsere Anfechtungen; hier liegen auch Niederlagen und Fehler und Fälle. Aber das Grundwesen bleibt: sterben und aufstehen — ausziehen und anziehen. Unter den Fehlern und Fällen vollzieht sich das tiefste Sterben und das machtvollste Aufstehen. Möchte bei uns allen in der Tat und Wahrheit täglich das jeweils nötige Sterben und das jeweils nötige Aufstehen gefunden werden. In dem gestorbenen und jeweils auferstandenen Heiland liegen zu beidem die Kräfte. Lasset uns laufen durch Geduld in dem Kampf, der uns verordnet ist — in der Kraft dessen, von dem es heißt: Wahrhaftig gestorben und wahrhaftig erstanden!

(1926)

(Quelle: “Wir sehen Seine Herrlichkeit”; Verlag des Evangelischen Vereins für innere Mission Augsburgischen Bekenntnisses e. V.; Karlsruhe)

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