Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Die Herrlichkeit der Leiden Christi

Autor: Böhmerle, Theodor  |  Kategorie(n): Gemeinde, Glaubensleben & Wandel, Heiligung  |  610 x gelesen

Text: 2. Timotheus 2, 8-13

Die Leiden Christi, welche wir meinen, sind die um des Namens Christi willen auf uns fallenden und von uns übernommenen Leiden. Der Name Christi geht in der Welt immer noch unter dem Kreuz. Eine äußere Herrlichkeit gibt es noch nicht. Wo man sie aufzurichten versucht, geht es nur mit starker Weltmischung und mit Einschlag des Todesgesetzes. Die äußere Herrlichkeit Christi beginnt erst nach Seiner Wiederkunft. Alles Glaubenswesen geht durchs Kreuz. Aber das Kreuz Christi und die Leiden im HErrn haben eine solche innere Herrlichkeit, daß ihre verborgene Schöne und Größe herrlicher ist als aller Welt Lustherrlichkeit. Von dieser wahrhaftigen Herrlichkeit der Leiden Christi möchte Paulus seinem schüchternen Timotheus, der es manchmal auch mit der Furcht zu tun kriegte, einen Begriff geben, und damit auch uns.

Die Leiden Christi sind herrlich, weil sie um des großen, wunderbaren HErrn willen gelitten werden. Wie haben sich schon im Irdischen oft Tausende mit Leib und Leben in Leiden und Tod begeben um eines großen Führers willen. Wie viele hat ein Alexander, ein Cäsar, ein Napoleon in Leiden und Tod geführt, und sie sind ihnen willig gefolgt. Wie viele haben schon ihr irdisches Leben nicht liebgehabt um großer wissenschaftlicher Errungenschaften willen, und ein großer Erfinderführer hat sie durch Not und Elend hindurch an sich ketten können. Wer Christus gehört, der gehört aber dem Allergrößten an, dem König aller Könige. Er gehört dem, von welchem Gerok singt: “Viel Namen glänzten in der Welt, sie funkelten am Sternenzelt, doch keiner ist geblieben! Erst prangten sie im Heldenbuch, dann sanken sie ins Leichentuch, und keiner ist geblieben. Keiner? Einer glänzet unverdunkelt durch die Zeiten, ja durch tiefe Ewigkeiten: Jesus.” Um Seinetwillen Schmach zu tragen war schon einem Mose größer als alle Ergötzlichkeit der Welt und Sünde am ägyptischen Hof.

Darum sagt auch Paulus zu Timotheus, um ihn aufzumuntern: “Gedenke an Jesus Christus, an den aus den Toten Erweckten; gedenke an den Samen Davids, welchen ich in meiner Evangeliumspredigt verkündige.” Als auferweckter Heiland ist Er der Durchbrecher von Sünde, Tod und Gericht, der wahrhaftige Retter und Seligmacher, das Haupt der herrlichen Leibes-Gemeine. Als auferweckter Christus vom Samen Davids ist Er der wahrhaftige, verheißene König der Juden, der zu Seiner Zeit die Königsherrschaft antreten und von Zion aus die Nationen unter Seine seligen Reichsgesetze bringen wird. Der auferweckte Jesus Christus vom Samen Davids ist der wahrhaftige Retter und Neuschöpfer der Erde und der Nationen in Gemeine und Königreich. Er ist das alleinige Heil der Welt. Ihm anzugehören, heißt dem Leben angehören; Ihm eigen sein, heißt dem Wahrhaftigen und Unvergänglichen dienen. Einen Größeren gibt es nirgends und nimmer als Jesus, der die Schlüssel der Hölle und des Todes hat. In Seiner Gemeinschaft leiden ist die höchste Ehre. Mit Ihm werden wir nie zu­schanden, wenn Sein Weg auch durch Tiefen geht.

Das müssen wir uns in den Kämpfen und Nöten dieser Tage immer wieder sagen: Wir stehen beim HErrn des Lebens und der Ewigkeiten, beim wahrhaf­tigen König aller Welt. Wir stehen bei dem, der den Sieg schon errungen hat, denn Er hat den Tod durchbrochen. Wir stehen bei dem, des Königtum kein Ende hat, denn Er ist der ewige Davidssproß. Wer in Christo ist durch Glauben, hat das Höchste erlangt, was es gibt: sein eigenes Heil und den Heiland der Welt. Gedenke immer, durch was hindurch auch dein Glaubensleben dich führt, an den vom Tod erstandenen HErrn, an den Samen Davids. Es ist eine Ehre ohnegleichen, auch durch Leiden hindurch eintreten zu dürfen für den, der selbst die tiefsten Leiden um meinetwillen trug. Ach, um wessentwillen leiden die Menschen auf Erden! Um ihrer und anderer Sünden willen tragen sie Schmach. Sie leiden und sterben um der Kinder willen, um großen Gewinns, um Ehre unter den Menschen willen. Und das alles verzehrt sich doch. Wie ist es doch anders, um des ewigen Gottes und Seines Rates willen, um Christi Erlösungs-Durchführung willen im Kreuz zu stehen.

Freilich ja, der Name Jesu und der Glaube an Ihn bringt Leiden: “In welchem ich übles leide bis zu den Banden hin als Übeltäter”, sagt Paulus. Ja, gerade diese Botschaft, daß ein Jude vom Samen Davids sollte der Weltenretter sein, paßte den Heiden nicht, denn sie haßten die Juden. Und daß der Auferstandene, der am Kreuz Gehangene, der von ihnen, den Juden, Getötete, sollte der wahrhaftige Messias-König sein, das paßte den Juden nicht! Mit einem gekreuzigten und auferstandenen, im Judengewand erschienenen Gottessohn stieß man überall an. Auch heute stoßen sich die Nationen am Juden, und sie wollen nicht unter einen gekreuzigten und erstandenen Juden sich beugen und noch weniger die Nationenglückseligkeit von Zion aus nehmen. Und die Juden stoßen sich am Gekreuzigten und wollen nicht wahrhaben, daß Er der erstandene, wahrhaftige Messias und HErr sei. Wie Übeltäter werden die behandelt, welche Jesus allein für den einzelnen wie für das Ganze als Heiland wollen gelten lassen und welche alles andere und alle anderen als dem Gericht verfallen erklären. Wenn auch körperliche Bande bei uns in Deutschland zur Zeit nicht auf dem Glauben stehen, Leiden genug in jeder Lebensbeziehung bringt er mit sich. Aber darinnen, daß wir’s tragen und Jesus gleich werden, liegt die hohe Ehre. Des Christen Schmuck und Ordensband, das ist das Kreuz des HErrn, und wer erst seinen Wert erkannt, der trägt es froh und gern. Man nimmt’s mit Demut, trägt’s mit Lust und achtet’s für Gewinn; doch trägt man es nicht auf der Brust; o nein, man trägt es drin!

Ja, man trägt’s mit Gewinn. Es ist etwas Wunderbares, wie die Gläubigen unter den Heilands-Trübsalen auf allerlei Art reich werden. Paulus sagt: Bin ich auch gebunden, das Wort Gottes ist nicht gebunden. Des Paulus Fesseln waren überaus fruchtbar, denken wir an Cäsarea oder an Rom. Das Blut der Märtyrer war stets der Same der Kirche. Die größten Zeiten der Christenheit sind ihre Verfolgungszeiten. Gerade durch seine Verfolgungen ist Paulus immer recht geführt worden von Ort zu Ort. Durch seine Leiden hindurch, die er ertrug, hat er die Auserwählten herausrufen dürfen und in seiner Trübsal hat er ihnen als ein Vorgänger den Weg zeigen dürfen zur ewigen Herrlichkeit in Christo. Leidende Zeugen können immer am besten die Gemeinen der Erwählten herausrufen und sie auf ihren Weg stellen. Darum haben wir auch einen leidenden Heiland als Herzog der Seligkeiten. Daß wir heutzutage oft so viele religiöse Menschen noch unter den Gläubigen haben, kommt aus der Leidenslosigkeit vieler Prediger und aus der Leidenslosigkeit des Weges, der heutzutage vielfach für christlich gehalten wird. Der wahre Weg hat seine Leiden, nur der religiöse Durchschnittsweg hat sie nicht.

Der leidende Paulus ist überall das Werkzeug zur Rettung der Auserwählten Seines HErrn gewesen. Es ist doch verwunderlich, daß der HErr den gebundenen Paulus in die Welthauptstadt schickte und der Gebundene die Auserwählten herauszog und ihnen diente. Im Philipperbrief bezeugt es Paulus hell: Das Evangelium ist durch meine Leiden nicht gehindert. Nein, nur mehr zu seiner Förderung haben sie gedient. Noch nie haben Trübsale der Gemeinde Gottes geschadet, stets aber ihr sehr genützt, innerlich und äußerlich. Zu allen Zeiten sind leidenslose Tage ein Schaden für das Glaubensleben gewesen und vollends gemächliche, weltselige und weltgroße Tage.

Das ist die Herrlichkeit der Leiden Christi: je geringer nach außen die Werkzeuge sind und dementsprechend auch innerlich klein, um so gesegneter sind sie. Durch das Nichtige macht der HErr sich groß und durch das Verachtete sich herrlich. Darum braucht die Gemeine Gottes weder Macht noch Zahl noch Einfluß. Sie braucht nur Leidenstreue, dann geht’s vorwärts bei ihr trotz Ohnmacht und Einflußlosigkeit. Wenige Gläubige haben den Sinn für das Leidendliche in der Gemeine und darum für ihre wahre Herrlichkeit. Äußere Großmannssucht steckt uns allen in den Naturgliedern. Uns erscheint immer nur das Erscheinende etwas zu sein. Der HErr aber hatte und hat keine Gestalt noch Schöne. Er war so verachtet, daß man das Angesicht vor Ihm verbarg, darum haben wir Ihn für nichts geachtet. Das geht mit manchem leidendlichen, geschmähten und zurückgesetzten Gläubigen so. Aber das ist die Herrlichkeit der Leiden Christi, daß aus ihrem Elend die Segensströme fließen. Sie kommen aus der großen Trübsal!

Doch nicht nur in dieser Zeit, noch mehr auf den Tag des HErrn hin offenbart sich die Herrlichkeit der Leiden Christi. “Zuverlässig ist das Wort”, sagt Paulus, “wenn wir mitgestorben sind, so werden wir auch mitleben; und wenn wir Leiden übernehmen, werden wir auch mitherrschen.” Zum Christusbild gehört die Passion. Passionelle Kraft ist die tiefste Sittlichkeit der Gläubigen. Aus den Wunden wachsen die Ehrenmale. Zum Mitleben und zum Mitherrschen sind die Erwählten des HErrn bestimmt. Wir haben hier wieder die Krone des Lebens der herausgerufenen Erstlinge. Die gottgeborenen Glieder des Leibes Christi, die Geistesgemeine gehört, wenn sie vollendet ist, auf Gottes und Christi Seite. Das ist unglaublich groß.

Damit aber solche Hoffnung niemand groß und überheblich mache, führt der Weg zu ihrer Erlangung durch die Trübsale bis hin zum Märtyrertod. Den ersten Christen war auch das leibliche Sterben in der Nachfolge Jesu etwas Selbstverständliches. Davon hat die Menge der heutigen Christen gar keinen Begriff mehr. Wenn Leiden dieser oder jener Art über einzelne oder eine ganze Gemeinschaft hereinbrechen, dann erregt das oft Verwunderung, während es doch das Natürlichste ist. Der Weg des Glaubens ist ein solch anderer als der natürliche Weg und besonders auch als der religiös-natürliche Weg, daß er immer Feindschaft auslöst. Feindschaft ist aber Todeswurzel. Wenn wir nun sie auf uns nehmend eingehen in die Sterbenswege Christi und unter ihnen verharren bei ihm, so wird Er uns zieren mit sonderlicher Herrlichkeit des Lebens und des Herrschens. Das wird offenbar werden schon bei der Erstauferstehung der Seinen, noch mehr aber im Königreich Christi. Es wird eine herrliche Stufe erreicht, wenn wir mitrichten dürfen am jüngsten Tage und wenn wir bei Ihm im Allerheiligsten sind auf der neuen Erde. Die Herrlichkeitsstellung der Gläubigen in der vollendeten Gemeine geht nach der Übernahme und Überwindung in dem einem jeden verordneten Leiden. Ohne Leiden Christi kann man in der Gemeine Christi nicht in Herrlichkeit erscheinen. Wie freudig sollten wir angesichts all dieser Herrlichkeiten im Übernehmen von Trübsalen sein, welche aus unserer Glaubensstellung und aus unserem Glaubensweg kommen.

Der Apostel fügt noch einen ernsten Schluß aus dem Gegenteil an, um uns leidensstark zu machen. Er sagt: “Verleugnen wir, so wird Er uns auch verleugnen.” Hier ist verleugnen nicht im allgemeinen Sinn zu nehmen, sondern es ist auf die Leidenslinie zu ziehen, wenn wir, wo es Leiden gäbe, auskneifen. Wie mancher mag in seiner Familie die Leiden nicht haben, welche eine klare Glaubensstellung mit sich brächte. Wie mancher mag im Beruf und unter Kollegen nicht die Nachteile auf sich nehmen, welche ein Gang in Christo verursachte. Wie viele wollen in Kirche oder Staat nicht als die Einspänner oder Einseitigen daste­hen, zu welchen lebendiger Glaube einen macht. Wie manche suchen sogar nach Ehre und Einfluß bei Nicht-Gläubigen, wo wir eigentlich die Hinausgetanen sein sollten. Vor allem aber sucht man oft Unannehmlichkeiten aus dem Wege zu gehen, welche um Christi willen uns eigentlich treffen würden, und macht Kompromisse mit der Welt. Das sind Verleugnungen. Stehen wir in solchen, dann wird Er uns auch verleugnen.

Das heißt nun nicht, wie es oft ausgelegt wird, daß wir im jüngsten Gericht verdammt werden. Davon ist bei den Gläubigen in Christo keine Rede. Der HErr wird uns zunächst verleugnen, indem Er uns Kraft und Einfluß bei Gläubigen und Ungläubigen nimmt. Soviel Leiden du scheust, soviel Kraftherrlichkeit verlierst du. Du wirst für den HErrn nicht mehr sein, was du sein könntest. Du könntest ein Segen sein, aber du bist es nicht, weil du Leiden meidest. Und was hier schon geschieht, geschieht drüben noch mehr. Deine Herrlichkeit wird eine geringe sein, und du wirst tief gedemütigt sein. Möchte dich das beizeiten aufmuntern, nichts und niemand aus dem Weg zu gehen, um Leiden zu vermeiden.

Sieh, die Sache ist ernst: “Wenn wir nicht glauben, so bleibt der HErr treu, Er kann sich selbst nicht verleugnen.” Unsere Vernunft macht uns oft Einwürfe, als ob man dies und das wohl vermeiden dürfte, als ob dieser oder jener Sterbensweg nicht nötig wäre für uns, als ob der Nachteil an Herrlichkeit in der Ewigkeit kein so schmerzlicher wäre. Täusche dich nicht. Der HErr bleibt sich selbst treu. Er macht nur das herrlich, was auch den Bekenner- und Leidensweg ging. Darin gibt es keine Änderung des Gottgrundsatzes. Die göttlichen Wahrheiten und Wege müssen durchgestorben und durchgelitten sein. Der HErr wird mit großer Treue die Niedrigsten und Bewährtesten im Tiegel hervorziehen. Und Er wird zurückstellen, was nicht in die Sterbenslinie einging. Hüte dich! Ist die Herrlichkeit der übernommenen Leiden in Christo groß, so ist der Herrlichkeitsverlust bei nicht übernommenen Leidenswegen noch größer. Wir reden mit Gläubigen. Paulus redet mit einem gläubigen Timotheus. Es wird hier nicht geredet mit solchen, denen ein solcher Herrlichkeitsverlust einerlei wäre, wenn sie nur hier nicht leiden müssen. Gläubige wollen herrlich werden. Gläubige wollen Seinem Bild gleich werden. Dies Gleichsein wächst allermeist aus den Überwindungen. So laß dich warnen! Geh keine Verleugnungs- und Untreuewege! Es ist ein festes und gewisses Wort, es ist ein ewiges Weggesetz der Erwählten: “Sterben wir mit, so werden wir mitleben; übernehmen wir mit, so werden wir mitherrschen.”

Leide dich! Leide dich!
Zion, leide ohne Scheu
Trübsal, Angst mit Spott und Hohne;
Sei bis in den Tod getreu,
Siehe auf die Lebenskrone!

(26. April 1925)

(Quelle: “Zielklarer Glaubenslauf”; Verlag des Evangelischen Vereins für innere Mission Augsburgischen Bekenntnisses e. V.; Karlsruhe)

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