Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
Beitrag per E-Mail weiterempfehlen   Beitrag drucken    0

Die Erkenntnis Jesu Christi

Autor: Borngräber, Walter M.  |  Kategorie(n): Erkenntnis & Wesen Gottes, Gemeinde, Tod & Auferstehung  |  770 x gelesen

Wenn wir Philipper 3, 8-10 lesen, so finden wir im zehnten Vers einen dreifachen Wunsch des Apostels Paulus:

  1. Ihn zu erkennen,
  2. die Kraft seiner Auferstehung,
  3. die Gemeinschaft seiner Leiden.

Die Erkenntnis ist etwas Offenbarungsmäßiges. Sie bedeutet nicht nur ein Wissen und wird nicht mit Hilfe einer Reihe von Schlüssen restlos klar. Man kann sie haben oder nicht (Eph. 1, 17). Nach Philipper 1, 9-11 ist Erkenntnis und Einsicht auch die Grundlage für einen unanstößigen Wandel.

Einsicht, griechisch aisthesis, unser deutsches Wort Ästhetik, heißt: das im einzelnen Erkannte und praktisch im Gebrauch Verwendete, zu einem harmonischen Ganzen Zusammengefügte, also etwas, was in seinem Zusammenhang eine Harmonie darstellt.

Erkenntnis heißt griechisch epignosis; gnosis heißt Wissen. Wir finden das Wort noch heute im Englischen als to know; gnosis hängt zusammen mit dem Wort gnâ (Sanskrit) und bedeutet so viel wie: etwas in seinen Wesenstiefen klar bekommen haben; etwas, was ich innerlich angeschaut habe, um mich mit dem Angeschauten zu verbinden, was mir also licht und klar und zum Besitz geworden ist. Das ist nicht etwas Angeeignetes, Übernommenes. Im Zusammenhang mit gnosis finden wir gnus, nus, gnomen, Namen — das ist etwas, was die Wesenstiefe in Erscheinung treten lässt. Der Nus ist die Stätte, wo etwas Wesenhaftes klar wird; da ist der Ort göttlicher Offenbarungen. Und was uns in unserem Sinn = nusmäßig vermittelt wurde, das ist zur Kenntnis, zur Klarheit gekommen. (Das Wort Nus finden wir heute in der Schrift z. B. in Kolosser 2, 18 als “Sinn” oder “Gesinnung”, oder in Offenbarung 13, 18 als “Verständnis”.) Was also bisher im Dunkel war, ist nun hell und klar geworden, und alles, was licht und klar geworden ist, das gibt mir das Bewusstsein des Dankens. Aus dem Dunkel heraus wird etwas licht und führt mich ins Danken hinein: dunkel — dünken — denken — danken; so führt jedes Denken zum Danken.

Auf dem Boden dieses Wissens erhebt sich die Epignosis. Sie besteht in der Fähigkeit, dieses Wissen praktisch zu gebrauchen. Auf dem Boden des mir innerlich klar gewordenen Grundes wird ein Weg beschritten, der zu einem mir innerlich klar gewordenen Ziele führt.

Das Erkennen finden wir schon bei Adam. In 1. Mose 3, 22 wird uns berichtet, dass der Mensch Gutes und Böses erkennen konnte. Der bisherige Zustand war, dass der Mensch von dem Bösen wusste, weil ein Gebot bestand. Das vorhandene Böse, das Satanische, gebrauchte aber bisher in der rechten Weise nur Gott. Er gebrauchte das Böse als einen wohlberechneten Faktor in seinem Heilsplan (Amos 3, 6; Jes. 45, 6.7). Jetzt maßte sich der Mensch an, das Böse auch zweckmäßig gebrauchen zu können, und damit stellte er sich auf einen Boden, den Gott ihm nicht angewiesen hatte; das war der Fluch. Diesen Boden hatte Gott ihm nicht gegeben; ihm war anvertraut worden, zu erkennen das Gute, d. h. es zweckmäßig zu gebrauchen. Er sollte 1. den Garten bewahren, 2. bebauen, 3. essen. Aber der Mensch wollte nicht nur das Gute gebrauchen, sondern auch das Böse, obwohl es gar nicht in seinem Aufgabenbereich lag. Das ist auch ein wichtiger Fingerzeig für alles praktische Heiligungsleben: Wenn wir alles, was uns anvertraut ist, tun, 1. bewahren, 2. bebauen, 3. essen, so bekommt das Böse gar keine Macht. Erfüllen wir die uns anvertrauten Aufgaben nicht, so kommt das Böse. Weil der Mensch sich anmaßte, Gutes und Böses zweckmäßig gebrauchen zu wollen, stellte er sich auf den Boden des Hochmuts, und deshalb musste er aus dem Paradies.

Gott will uns nun wieder in seine Gemeinschaft zurückführen. Ihn, der allein alles zweckmäßig gebrauchen kann, sollen wir erkennen. Er hat sich deshalb geoffenbart im Sohn und wird durch die Erkenntnis des Sohnes selbst erkannt. Deshalb hat der Apostel alles für Dreck geachtet, um ihn zu erkennen wegen der Vortrefflichkeit der Erkenntnis Jesu Christi (Phil. 3).

Anhand der anfangs gegebenen Dreiteilung wollen wir nun den zehnten Vers des dritten Kapitels des Philipperbriefes betrachten.

1. Um überhaupt einmal aus der Welt herauszukommen, müssen wir ihn erkennen (1. Joh. 2, 12.13). Nach 2. Petrus 2, 20 vermittelt uns die Erkenntnis Jesu Christi eine Fähigkeit, den Befleckungen der Welt zu entfliehen.

Nicht durch Erschütterungen und Gefühle komme ich zu einem neuen Leben. Die Angst vor der Hölle schafft noch kein neues Leben: Paulus gebraucht das Wort “Hölle” nie. Auf diesem Gebiet sind viele Evangeliumsverkündigungen seelisch eingestellt und erzeugen oft Gemütsbewegungen, welche aber bald wieder abflauen.

Für Paulus ist das Übertreffende die Erkenntnis Jesu Christi. Betrachten wir einmal in diesem Licht Johannes 3, 17: Da ist einem innerlich klar geworden: ich habe innerlich Licht, Wissen über den Vater und den Sohn, habe den Vater kennengelernt als den heiligen Gott, der zu rein ist, um die Sünde zu billigen. Ich kann mich nicht mit Gott verbinden. Es gibt keinen Weg vom Menschen zu Gott, keine Brücke. Das Bemühen, einen Weg zu Gott zu finden, ist der Weg aller Religionen. Sie suchen mit Gott in Verbindung zu kommen. Das ist aber nicht möglich. Der Mensch ist ein Gebundener Satans und hat keinen freien Willen. Er hat nur Wahlfreiheit. Da gibt es nun im Leben des Menschen Stunden, in denen der Vater zieht, wo er in seinem Sinn (Nus) eine Klarheit schafft, die ihm zeigt, wo er steht: ich sehe meine Schuld, die Gebundenheit und den Fluch in meinem Leben, ich bin getrennt von Gott, seinem Gericht verfallen, ohne Entschuldigung. Da hilft kein Bemühen und keine Anstrengung; da geht es hinein in die Not (Röm. 3, 9). In solchen Stunden neutralisiert Gott den Menschen vom Satan und stellt ihn vor die Entscheidung. Die Erkenntnis des Vaters führt nun hin zur Erkenntnis des Sohnes, der das Recht des Gesetzes erfüllt hat. Das Gesetz lautet: “Wer sündigt, muss sterben” und: “Der Lohn der Sünde ist der Tod.” Nun steht Jesus als das Lamm da. Das kann man vielleicht begreifen, aber man hat es noch nicht. Die Fähigkeit, das praktisch nehmen zu können, dass ein Weg in der Person Jesu da ist, dass das Heil in dem Erlösungswerk des Sohnes liegt, dies als inneren Besitz zu haben: in ihm haben wir Weg, Wahrheit und Leben, das ist die Erkenntnis, und die gibt Gott, d. h. es entsteht neues Leben. Dies aber nur in der Verbindung von dem lebendigen Gott zum Menschen. Dann kommt der Mensch zum Schweigen, zum Anbeten. (Anbeten bedeutet 1. die Hand an den Mund legen = Schweigen, und 2. sie mit einer Kussbewegung nach dem Anzubetenden führen = Lieben — Loben.) Und Gott sucht Anbeter.

In der Erkenntnis des Vaters und des Sohnes liegt also das Leben. Ewiges Leben ist das richtige Erkennen und Gebrauchen von Jesus als den, in dem das alte Leben abgetan ist. Als Paulus diese Erkenntnis hatte, achtete er alles für Dreck (Phil. 3, 8).

2. Auf dem Boden der grundlegenden Erkenntnis, dass Jesus der Weg, die Wahr­heit und das Leben ist, erhebt sich nun das andere: das Hineinwachsen in die Erkenntnis des Vaters und des Sohnes, damit das Leben umgestaltet werde. Die Erkenntnis ist die Voraussetzung für geistliches Leben und Wachsen. Es wird nie ein Wachsen in der Erkenntnis geben, wenn man seine Erfahrungen als Maßstab an die göttlichen Wahrheiten legt. Wir sollten unsere Erfahrungen vielmehr mit der Erkenntnis und Einsicht seiner selbst und den göttlichen Verheißungen kontrollieren.

So gibt uns sein Wort die Verheißung, dass seine göttliche Kraft uns alles betreffs des Lebens und der Gottseligkeit geschenkt hat durch die Erkenntnis dessen, der uns berufen hat durch Herrlichkeit und Tugend (2. Petr. 1, 3).

Auf dieser Erkenntnis baut sich der neue Weg auf, der zu gehen ist. Die Erkennt­nis ist nicht nur die Wurzel, sondern die Grundlage für alle Heiligung. Die Grundlage zur Heiligung sind nicht besondere Weihestunden. Bei solchen Grundlagen steht man auf, fällt, steht wieder auf, und nach zehn Jahren ist man derselbe wie vorher. Man schiebt dann die Schuld auf Beruf und Geschäft, aber die sind gar nicht schuld, sondern das ungeordnete Geschehen inneren, geistigen Lebens. Man macht keinen geistlichen Fortschritt. Wir brauchen die Erkenntnis Jesu Christi, damit wir auf eine gesunde Heiligungsgrundlage kommen; damit hängt dann das Wachstum zusammen. Wachsen in Erkenntnis heißt: die Geheimnisse göttlicher Gedanken werden zur inneren Klarheit, und auf dem Boden des inneren Klargewordenseins sind wir befähigt, praktische Einstellung zu gewinnen.

Deshalb bittet Paulus um den Geist der Weisheit und Offenbarung in der Erkenntnis seiner selbst, damit wir wissen, welches die überschwengliche Größe seiner Kraft in bezug auf uns, die Glaubenden, ist, nach der Wirksamkeit der Macht seiner Stärke (in derselben Stärke und Kraft), in welcher er gewirkt hat in dem Christus, indem er ihn aus den Toten auferweckte (Eph. 1, 19.20). Da wurde die Kraft seiner Auferstehung offenbar.

Um diese Kraft kennenzulernen, in der er den Tod besiegte, wollen wir uns einmal mit dem Tode Jesu beschäftigen und dazu einige Stellen aufschlagen (Matth. 27, 50; Mark. 15, 37; Luk. 23, 46; Joh. 19, 30).

Wir finden hier nichts von einem triumphierenden Hingang zum Vater, eher das Gegenteil. Das Sterben Jesu war nicht Triumph, sondern Leiden, war nicht Eingang in die Herrlichkeit, sondern in den Tod. Die landläufige Ansicht, dass der Herr seinen Geist aufgab und ins Paradies ging, ist nicht erwiesen. Lukas 23, 40-43 kann auch gelesen werden: Ich sage dir heute, du wirst … (denn im Urtext fehlt die Interpunktion), d. h. nicht erst, wenn ich in meinem Reich komme (wie der Schächer gebeten hatte), sondern heute schon sage ich dir: Du wirst mit mir im Paradiese sein. Der Schächer konnte ja nur einen Messias kennen, der sein Reich aufrichtet.

Der Akt des Todes war für den Herrn nicht Eingang in das Paradies, sondern Eingang in den Zustand “starker Schmerzen”. In Apostelgeschichte 2, 23.24 lesen wir, dass er diese Wehen des Todes = den Zustand starker Schmerzen, aufgelöst hat und aus diesem Zustand von Gott nach drei Tagen auferweckt wurde. (Dasselbe Wort steht in Galater 4, 27 und Matthäus 24, 8 und Galater 4, 19 = Geburtswehen.) (1. Kor. 15, 4; Apg. 2, 27.30.32.) Der Herr ist nicht aus dem Paradies befreit worden, sondern aus dem Zustand starker Schmerzen (Hebr. 5, 7). Gott hat Jesus nicht durch den Tod errettet, sondern aus dem Tod. Das Todesleiden Jesu war das Entscheidende des Erlösungswerkes (Kol. 2, 15). Wie das geschehen ist, entzieht sich jeder menschlichen Vorstellung. Die Schrift sagt nichts Weiteres über das Ausziehen der Finsternisgewalten. Wir wissen es nur und dürfen es nur genießen. Aus Paulus’ Schriften geht überall hervor, dass die Tage im Hades ein besonderes Stück der Erlösung gewesen sind. Am Kreuz sind viele andere Menschen gehangen. Beim Herrn spricht die Schrift nichts von den Schmerzen danach, denn wir können uns doch keine Vorstellung davon machen.

Nur ein Teil des Erlösungswerkes wurde am Kreuz vollbracht; das ist die sichtbare Seite des Kreuzes. Dort ist das große Werk der Sühnung geschehen. Als der Herr rief: “Es ist vollbracht!”, da war die Sünde abgetan, die Sühnung war vollendet, das Opfer für die Sünde war gebracht, Vergebung der Vergehungen, Erlösung durch sein Blut. Das Kreuz war das Mittel für das Sühnopfer. In Gethsemane wollte der Teufel dem Herrn den Leib nehmen, um zu verhindern, dass der Herr in den gött­lichen Linien seinen Lauf vollende (ähnlich wie bei der Versuchung).

Das wesentlichste Stück der Erlösung liegt, wie alles Göttliche, jenseits der menschlichen Vorstellungswelt. Ehe der Herr stirbt, legt er noch einmal seinen Geist in die Hände des Vaters. Das Wesentliche der Erlösung ist doch, dass die Finsternisgewalten ihrer Macht und Herrlichkeit entkleidet wurden; sie wurden überwunden, völlig besiegt (Hebr. 2, 14). Das ist die unsichtbare Seite des Kreuzes. Der Teufel wurde zunichte gemacht durch den Tod Jesu. Satan ist gerichtet und nicht hinweggetan. Alles, was aus dem Widergöttlichen herausgewachsen ist, wird hinweggetan, aber das Widergöttliche selbst wird gerichtet. Das Fürchterlichste dieser Erlösung spielte sich nicht im Schauensmäßigen am Kreuz ab. Das war nur die Darbringung seines Leibes zur Sühne. Jesus ist das, was er gestorben ist, der Sünde gestorben. Sein Sterben bedeutete das Hineingehen in den Lohn der Sünde (Hebr. 2, 9; Röm. 6, 10). Wenn Jesus nach dem Kreuz ins Paradies gegangen wäre, so wäre der Lohn der Sünde das Paradies gewesen.

Wollen wir aufschlagen und lesen: Hebräer 5, 7; 2. Timotheus 1, 10; Epheser 1, 19.20! Die wunderbare Größe und Kraft Gottes besteht darin, dass er den Sohn aus den Toten auferweckt hat (Röm. 1, 4; 1. Kor. 15, 20). Gott ist der Wiederbringer aus den Toten, das ist die Grundlehre apostolischen Evangeliums. Das Wesentliche ist also der Tod. Das Kreuz ist selbstverständlich auch eine Seite des Todes. Gott schafft neues Leben (Eph. 1, 17-19). Aber es geht durchs Sterben, ehe es zum Leben kommt. Es ist nicht möglich, zum Leben zu kommen, ehe man nicht gestorben ist. Jesus musste sterben, er musste in das Todesprinzip hineingebracht werden. Das Charakteristische des Sterbens und des Todes Jesu nach den Mitteilungen der Schrift ist, dass das Triumphierende fehlt.

Aber für Gläubige gibt es ein triumphierendes Sterben. Sie genießen in ihrem Heimgang die Frucht dessen, was der Herr gewirkt hat in seinem Sterben und seiner Auferstehung. Im Alten Testament finden wir in bezug auf Sterben nur Todesfurcht (Jes. 38; Hiob 14), die große Hoffnungslosigkeit, die Angst, den Schrecken der Gläubigen vor dem Tode.

Der Schrecken des Todes wurde hinweggetan durch das, was der Herr in dem Tode gewirkt hat. Dadurch wurde Satan die Macht genommen (Offb. 1, 18; Hebr. 2, 14); das ist die weit umfassendere Seite des Kreuzes, und das ist nicht Herrlichkeit, sondern Leiden (Apg. 1, 1-3; 2, 24; Matth. 24, 8; 1. Kor. 15; Gal. 4, 19.27). Die Größe der Machtwirkung Gottes besteht darin, dass Gott Christus aus den Toten herausgebracht hat und ihn in die himmlischen Örter hineinversetzte. Diese göttliche Kraft wirkt weit hinaus über alle Versöhnung und ist in uns Gläubigen wirksam (Eph. 1, 20; 2. Tim. 1, 10; Eph. 3, 10). Die fruchtmäßige Folge aus dem, was der Herr getan hat, ist die Bildung der Gemeinde. Die Erkenntnis wird uns vermittelt, indem wir seinem Tode gleichgestaltet werden. Alles das, was nun an uns dem Tod als Beute zugehört ist Fleischeswesen und soll gleichgestaltet werden dem Tode Jesu (Röm. 8, 1-11). In unserem sterblichen Fleisch wohnt der Geist Gottes, der Christus aus den Toten lebendig gemacht hat, und deshalb wohnt Christus selbst in uns. Das geht weit hinaus über alle Versöhnung. Diese ist die Grundlage, und auf ihr soll sich aufbauen das eine: dass in unser sterbliches Fleisch hinein die Geisteskräfte kommen, die Jesus aus dem Tode in das Leben gebracht haben (2. Kor. 4, 11). Derselbe Geist, der gewirkt hat, um Jesus aus dem Tode lebendig zu machen, hat unsere sterblichen Leiber erwählt, um Tempel und Wohnstätte zu sein. Es gibt nur einen Tempel des Heiligen Geistes, der aufgebaut wird aus den sterblichen Leibern der Gotteskinder (1. Kor. 3, 16.17; 1. Kor. 6, 19). Der Leib bleibt eine Beute des Todes. Er bleibt sterblich, aber er ist eine Wohnstätte des Geistes, und dessen Lebenswesen soll das Leben der Gotteskinder durchdringen bis in das sterbliche Fleisch hinein. Da ist dann alles heilig. (Das wird bei Israel auch einmal der Fall sein, wie wir aus Sacharja 14, 20 sehen.) Heilige Personen im neutestamentlichen Sinn bedeuten Personen, die den Heiligen Geist haben; im Alten Testa­ment ist heilig soviel wie: abgesondert für Gott. So gibt es deshalb im Haushalt des Leibes keinen Unterschied zwischen Heiligem und Profanem. Es gibt heute keine besonderen heiligen Orte: die Gemeinde Jesu Christi ist der einzige heilige Ort.

Alle großen Irrungen in der geistlichen Entwicklung sind zurückzuführen auf das Gesetz, dass man etwas, was für einen bestimmten Haushalt noch nicht gegeben war, vorweg nehmen wollte, oder dass man etwas, was man haben konnte, nicht zu nehmen wagte. 4. Mose 16, 1-3, dagegen 1. Petrus 2, 4. 5: “Werdet auch ihr selbst aufgebaut als lebendige Steine, ein geistliches Haus, ein heiliges Priestertum.” Paulus wollte ihn erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden. Die Kraft seiner Auferstehung kann einer nur erkennen, wenn er ins Sterben hineingeht. Das grundlegende Stück der Umgestaltung heißt: durchs Sterben hin­durch! Das gilt für den einzelnen Menschen wie für das ganze All. So ist das Siegel der Gottesgemeinschaft, dass der Vater den Sohn aus den Toten auferweckte. Gott wirkt in dem einzelnen jetzt schon Leben aus dem Tod. Menschliche Art ist immer: aus Licht ins Dunkel; göttliche Art ist: aus Nacht zum Licht!

Erkenntnis ist auch die Ursache, um nicht auf ein schiefes Gleis zu kommen und träge und fruchtleer zu sein (2. Petr. 1, 8). Bei der Erkenntnis gibt es auch eine fruchtleere und träge Art, so dass nicht zur Ausreifung kommt, was ausreifen soll.

Alle wirkliche Erkenntnis führt zur Frucht, welche ist: unanstößig und lauter zu sein auf den Tag Jesu Christi. Biblische Erkenntnis ist niemals totes Kapital. Auf dem Weg des innerlich Klarwerdens und der bewussten Stellungnahme dazu gibt es wohl Lösungen, aber auch ein Sich-Auswachsen in die wunderbare Geschlossenheit der göttlichen Pläne und Gedanken. Dadurch kommen wir zur wirklichen Gottesfreiheit, gelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis (Eph. 4, 13). Wenn wir nicht wachsen, ist das bedenklich. Wir sollen hinanwachsen zur Einheit des Glaubens; wir haben im heutigen Zeitalter keine Verheißung für eine Herde und einen Hirten; das ist israelitische Verheißung.

Wie geschieht nun dieses Heranwachsen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis? Das ist abhängig von Diensten, welche der Gemeinde gesetzt sind und welche die Aufgabe haben, die Vollendung der Heiligen herbeizuführen (Eph. 2, 19-22; 4, 11-16). Es ist hier von dem heiligen Tempel die Rede, welcher aus lauter Bausteinen besteht. Man kann nun ein solch herausgebrochener, aber noch kein eingebauter Baustein sein. Die Gemeinde Gottes, der Tempel, ist etwas Überhimmlisches; in die himmlischen Örter hinein wird sie gestellt und dort geschaut; jede irdische Darstellung der Gemeinde zieht sie von diesem himmlischen Platz herunter. Das ist die Gemeinde, die Versammlung. (Der Ausdruck “Versammlung” kommt übrigens noch öfter vor, z. B. die “Versammlung der Stillen im Lande”; das ist alttestamentlich.) Den Blick für diesen Tempel in den Überhimmlischen hat nur Paulus. Petrus spricht von einem jüdischen Tempel.

Was wir hier auf der Erde nun an mancherlei Versammlungen, Kirchen usw. sehen, kann man mit einer Bauhütte vergleichen. In jeder Bauhütte gibt es lebendige Steine. Alle die sichtbaren Darstellungen sind Bauhütten, der geheimnisvolle Tempel niemals. Wir haben auch nicht die Aufgabe, die Einheit hier darzustellen; die wird nur in den Überhimmlischen geschaut. Von all diesen lebendigen Steinen braucht aber noch kein einziger in den Tempel eingebaut sein; Baumaterial sind sie alle, aber nicht alle sind eingebaut. Wie geschieht denn das heute?

Da sind die Dienste, die in Epheser 4 genannt sind:

Apostel und Propheten

Es gibt eine gewisse Anschauung, welche sagt, dass es heute keine Apostel und Propheten mehr gäbe. Das stimmt nicht; diese Dienste sind in Epheser 4 in gleicher Linie mit allen anderen Diensten genannt. Die Apostel der Ekklesia sind etwas ganz anderes als die zwölf Apostel. Wir lesen die Bezeichnung “Apostel” öfters: Römer 16, 7; 2. Korinther 8, 23 (Gesandte = Apostel); Apostelgeschichte 14, 14; Philipper 2, 25. Es gab also auch Apostel der Versammlungen (1. Kor. 12, 28; 2. Kor. 5, 20; 12, 12). Nicht nur Paulus war Apostel. Die Apostel brachten das eine große Zeugnis: was aus dem Baumaterial gemacht werden soll. Viele entschiedene Gotteskinder haben noch nie ein apostolisches Zeugnis gehört von dem, was Gott jetzt mit den Bausteinen machen will. Der Prophetendienst öffnet einem die Augen für diesen Aposteldienst; er führt hinein in die richtige Einstellung zu Zeit- und Weltverhältnissen. Überall, wo Gemeinden sind, gibt es auch Prophetendienst (1. Kor. 12, 28; Apg. 13, 1; 15, 32; 21, 10). Unsere ganze Heiligung ist abhängig von dem Umfang des prophetischen Blicks für alles, was Gott mit seiner Gemeinde vorhat. Wo Apostel- und Prophetendienste fehlen, gibt es nie ein Eingebautwerden.

Auf dem Boden dieser Dienste sind die anderen Dienste aufgebaut:

Evangelisten

Paulus spricht oft von einem besonderen Evangelium (Eph. 3, 1-6; Röm. 16, 25; Gal. 1, 8). Die Evangelisten stellen die verschiedenen Evangelien heraus. Die einzelnen dieser drei ersten Dienste sind nicht scharf voneinander getrennt. Es ist wohl nie so, dass in einer Person alle Dienste vereinigt sind, denn dann bräuchte diese Person selber keine Handreichung mehr. Mit dem Evangelistendienst hängt zusammen der Dienst der

Lehrer

Dieser Dienst führt hinein in die einzelnen Lehrfragen; er zeigt einem den Durchblick, so dass man wieder die großen Linien im Plan Gottes sieht.

Hirten

Galater 4, 12-20; Apostelgeschichte 20, 20.31; 1. Thessalonicher 2, 7. Zum Hirtendienst ist ein persönliches Band nötig zwischen dem Hirten und dem, der sich dienen lässt (1. Thess. 2, 17-20; 3, 1-12; Kol. 4, 12). Hier ist das engste geistliche Verhältnis, das zwischen eingebauten Menschen möglich ist, gegeben.

Den Gipfelstein in dieses Haus setzt nur der Baumeister selbst ein.

Wir wollen noch die Stelle 1. Korinther 3, 11-15 lesen. Wo man diesen einen Grund verkündigt, werden lebendige Steine ausgebrochen. In allen Bauhütten, in denen auf diesen einen Grund gebaut wird, kann der Geist wirken. Wo irgendein sichtbarer Zusammenschluss von Gotteskindern ist, ist eine Bauhütte, aber kein Tempel. Alle, welche in diesen Bauhütten heranwachsen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis, sind eine Demonstration für die Engelwelt. Dieser geheimnisvolle Tempel führt ein verborgenes Leben (Kol. 3). Alle Allianzbestrebungen schon hier auf Erden, in denen man das Bild des Leibes darstellen will, sind von vornherein hoffnungslos.

3. Die Gemeinschaft seiner Leiden ist nun aufs engste verknüpft mit der Er­kenntnis dessen, was Gott mit den lebendigen Steinen macht.

Wie wir vorher gesagt haben, gibt es nur den einen Baugrund, der in 1. Korinther 3, 11-15 genannt ist. Aber was auf diesen Grund gebaut wird, ist verschieden. Aus Holz baut man riesige Bauten, nicht aber aus Gold und Edelsteinen. In allen Zeiten gab es Gotteskinder, die alle Zeit in Treue und Kraft dazu verwandten, die Bauhütten auszubauen und auszuschmücken. Wir brauchen nicht an der Bauhütte zu arbeiten; die unmittelbare Folge aber ist, dass wir ins Leiden hineinkommen, wie auch Paulus in die Linie der Isolierung hineinkam. Warum wurde Paulus geschmäht, und was brachte ihn in das Leiden hinein? Wir wollen die Stellen 2. Timotheus 1, 8-12a und 1. Timotheus 4, 9.10 lesen. Unser Haupt wurde auch durch Leiden zur Vollkommenheit gebracht (Hebr. 2). Er ging den Weg des Leidens, Schweigens, Duldens, Sterbens. So wird auch der Christus zubereitet. In dem Augenblick, wo ich aufhöre, mitzuarbeiten an der äußeren Ausgestaltung der Bauhütte, wird man von den meisten Gläubigen verkannt. Der natürliche Mensch ist eingestellt aufs Schauensmäßige, auf das Sich-durchsetzen-Wollen. Das Einbauen aber nimmt alles Schauens- und Machtmäßige weg; deshalb wird man einsam, isoliert; das ist das Leiden um Christi willen. So war Paulus einsam (2. Tim. 4, 16), und von Jesus sind auch alle geflohen.

Dieses Leiden um Christi willen ist ein Geheimnis, das kann man sich nicht selbst machen (Phil. 1, 29; Kol. 1, 24). Jedes Einsamwerden in diesem Sinn ist eine Ergänzung zu dem, was noch zur Vollendung des Leibes rückständig ist; so ergänzt jeder eingebaute Stein (Kol. 1, 24).

So wird man ausgesondert von der großen, breiten Menge der Gläubigen, sowie man bereit ist, in die Linien des Leibes Christi hineinzukommen. Das ist aber alles offenbarungs- und führungsmäßig: wir sollen nicht Bilderstürmer werden; die Bauhütten können ruhig bleiben. Wir wollen uns herzlich freuen, wenn Steine herausgebrochen werden, aber wir haben nicht die Aufgabe, die Bauhütte möglichst solid zu gestalten. Das nicht eingebaute Material ist nicht verloren. Wir wollen einmal die Stelle Römer 8, 16.17 lesen. Die Frage der Gotteskindschaft ist hier ein für allemal geregelt: wir sind Kinder — Erben —, wenn wir mitleiden. Die Erbschaft ist geknüpft an das Mitleiden. Nicht jedes Gotteskind wird verherrlicht. Abraham und Lot zogen miteinander, beide gemeinsam, aus; sie zogen sogar ein Stück zusammen, bis Lot, die gerechte Seele, nach Sodom sich wandte. Lot hat die Berufung und Erwählung nicht festgemacht. Auf ihn konnte Gott nicht die Haushaltung des Glaubens aufbauen, aber auf Abraham. Das Werk, das er baute, ging im Feuer unter, und er selbst wurde gerettet, doch so wie durchs Feuer. Als der hochgeborene Mann in ein fernes Land zog, sprach er zu seinen Knechten: Handelt, bis ich wiederkomme. So sollen wir die Finsternismächte überwinden, bis unser Herr wiederkommt, durch Leiden, Schweigen, Dulden, Sterben. Aber da wollen einige treue Leute einen Klub gründen, einige wollen sogar mit Gummiknüppeln die Leute zu ihrer Anschauung bekehren. Nun kommt der Herr zurück. Die Gummiknüppelleute kann er in den kommenden Äonen zur Offenbarung seiner Herrlichkeit nicht gebrauchen. Alle laufen in der Rennbahn, aber wie(1. Kor. 9, 24)? Auf diesem Weg werden wir zubereitet.

Nachschrift von Paul Raff & Johannes Heck — Aus Vorträgen in Mannheim und Auerbach im September 1928 und März 1929 — vom Referenten nicht durchgesehen.

(Quelle: Ernst Schlegel, 68 Mannheim-Rheinau, Pfingstbergstraße 27 — 1967)

— Herzlichen Dank an Martin Mohrlok für die Bereitstellung dieses Artikels! —

Sagen Sie uns Ihre Meinung!

Wichtige Hinweise:
1.) Eingereichte Leser-Kommentare geben nicht zwangsweise die geistliche Sicht und Meinung des Betreibers dieser Website wider.
2.) Der Betreiber hält sich vor, dem Wesen und Anliegen dieser Website zuwiderlaufende Kommentare nicht freizugeben resp. zu löschen. Dies geschieht selbstverständlich auf jeden Fall bei Kommentaren mit antichristlichen, beleidigenden, obszönen oder anderweitig gegen die guten Sitten oder den christlichen Geist verstoßenden Inhalten. Eine kritische und/oder kontroverse Haltung zu einem der hier verfügbaren Artikel und Texte ist dagegen keineswegs Grund für eine Nichtfreigabe, solange diese sachlich erfolgt und begründet wird.
3.) Bitte erwarten Sie nicht, dass der Betreiber dieser Website generell auf jeden abgegebenen Leser-Kommentar eingeht.
4.) Gelegentlich landen Kommentare auch ohne Spam-verdächtigem Inhalt im Moderationsordner. Woran das liegt, wissen wir nicht. Erstkommentatoren gehen generell über die Moderation. In diesen Fällen bitten wir um Nachsicht und ein wenig Geduld. Ihr Kommentar wird schnellstmöglich freigeschaltet.
5.) Wenn Sie ggf. einzusetzende Links nicht über das Quicktag/den Button "link" einbinden, bitte die URLs vorher bei short4u.de oder tinyurl.com kürzen!


468 Artikel online •
9 Besucher online