Der Tod ist verschlungen in den Sieg
Autor: Böhmerle, Theodor | Kategorie(n): Heilsgeschichte | 576 x gelesenText: 1. Korinther 15, 12-28
Der Tod ist aufgehoben; der Tod hat keine Herrschaft mehr! Das ist die gewaltige Osterbotschaft unseres Textes. Höret, ihr Himmel, horche auf, totverfallene Erde. Der Tod ist aufgefressen vom Leben; die furchtbare Todesniederlage der Menschheit ist hinausgeführt zu einem Lebenssieg! Und Jesus Christus, der Auferstandene, ist der Sieger. Warum strömst du nicht in hellen Haufen dem Todesüberwinder zu, o Menschheit? Willst du denn sterben und im Tod bleiben? Nein, du willst leben, heiß schlägt dein ganzes Herz darnach. So komm und nimm! Oder zweifelst du? Ist dir die Botschaft zu unglaublich, zu groß, sie zu fassen? Du darfst sie fassen! Oder bist du schon so Gewohnheitssklave des Todes geworden, daß du sein Elend nicht mehr spürst? Ich denke doch nicht! Oder traust du es Jesus nicht zu, daß Er wahrhaftig dem Tod ein Ende gemacht hat? Du sagst, schon die ersten Christen in Korinth haben ja gezweifelt, wie unser Text zeigt, wieviel mehr müssen wir nach zweitausend Jahren stutzig werden, wo wir doch sehen, wie trotz Jesus Christus der Tod noch herrscht. Wohlan, hast du den Zweifel unseres Textes aufgefaßt, so fasse auch die herrliche Auflösung des Zweifels durch Paulus. Siegesgewaltig und gottmächtig zeigt er uns, wie in der Tat dem Tod die Macht genommen ist in Christo Jesu, unserm HErrn.
Zuerst aber lerne die Zweifel der Korinther richtig verstehen. Das sind keine modernen Unglaubenszweifel, aus religiöser Hohlheit und Eigenüberhebung geboren, das sind tief innerliche Glaubenszweifel, das sind Anfechtungen, welche aus tiefstem Glaubensgrund stammen. Es ist ein großer Unterschied zwischen Zweifel und Zweifel. Die einen sind aus der selbstherrlichen Vernunft oder gar aus dem Sünde und Welt liebenden Willen geboren; die anderen sind tiefe Beugungen gläubiger Seelen, die etwas nicht fassen, vor allen Dingen für sich nicht fassen können. Die ersteren können nur durch Bekehrung des Gesamtmenschen, der sie hat, gelöst werden, die letzteren durch Zeugnis der Wahrheit von seiten der Gläubigen.
Die Korinther-Zweifel waren geradezu das Gegenteil von dem, was heute bezweifelt wird vom selbstgroßen Diesseitsmenschen. Den Korinthern stand die wahrhaftige Auferstehung des Heilandes, Seine Rückkehr in diese Welt felsenfest. Der aus dem Tod wiedergekommene Gottessohn war ihnen nicht wankend. Ebensowenig zweifelten die Korinther an dem sogenannten Fortleben nach dem Tod. Das war ihnen als Heiden schon klar, dazu brauchten sie gar kein Christentum, daß der Mensch nach dem sichtbaren Sterben weiterlebe. Das haben überhaupt alle Heiden, die ganze Menschheit, ausgenommen gewisse Scharen religiös völlig verlotterter Antichristen. Aber das war die ernste Gewissensfrage, ob der Mensch drüben sein Weiterleben noch unter dem Druck der Todesmächte führen müsse, wie er sein Leben hienieden geführt hatte, oder ob er frei von aller Todes- und Höllen-Macht sei. Da hatten nun die Korinther auf das Zeugnis des Apostels Paulus hin den Glauben angenommen, daß der Heiland wieder zurückgekommen sei auf die Erde, also wahrhaftig auferstanden; daß Er jetzt zwar hingegangen sei zum Vater, daß Er aber von dort wiederkommen werde mit allen Seinen Gläubigen in Herrlichkeit. Über die Gläubigen darf der Tod nicht mehr herrschen, das war ihr Bekenntnis. Daß er über die Welt noch herrsche, war ihnen nicht befremdlich, die glaubte ja nicht und stand nicht in Christus, aber über die Christgläubigen hatte der Tod keine Macht mehr.
Als aber eine Anzahl gläubiger Christen in Korinth starb, als kein Heiland wiederkam und als auch die Entschlafenen nicht wiederkamen, da erfaßte viele eine innere Gewissensnot: Werden unsere Entschlafenen auch wirklich nicht mehr im Tode sein; werden sie in ein seliges, herrliches Leben eingerückt sein und werden sie im Vollsinn auferstehen, werden sie in diese Welt herrlich zurückkehren? Es war ein Zweifel, der aus dem Verzug der sichtbaren Erscheinung kam. Es war ein Zweifel, der aus dem starken Glaubensboden kam, daß die Heiligen in Christo herrlich mit Ihm wiederkehren werden zum Zeugnis über die ganze Welt. Als dies nicht geschah, meinten ihrer etliche kleinmütig, die Auferstehung der Toten sei nichts. Uns Christen der Gegenwart sind solche Zweifel fast fremdartig, weil wir vielfach nicht in der lebendigen, kraftvollen Glaubens- und Hoffnungs-Stellung stehen wie jene ersten Christen. Die sieghafte, herrliche Rückkehr aller Gläubigen in Christus mit diesem Haupt in diese Welt ist vielfach nicht mehr Inhalt des hoffenden Christenlebens. Darum verstehen wir auch solche Stellen wie unsere vorliegende oft gar nicht mehr. Auf ein seliges Sterben ist die Christenhoffnung, wo sie überhaupt noch ist, eingeschränkt worden, anstatt daß sie ein herrliches Wiederkunftsleben mit dem wiederkommenden HErrn umfaßt. Der rechten Christenhoffnung kräftigster Wunsch heißt: Komm, HErr Jesu, mit Deiner Herrlichkeitsgemeinde. Der Lebenssieg Jesu ist ein viel größerer, als die meisten ihn nehmen. Der Tod ist tatsächlich für die Gläubigen aufgehoben und zu einem großen Lebenssieg umgestaltet.
Paulus greift nun machtvoll apostolisch hinein in diesen Zweifelsknäuel der Korinther und reißt ihn auseinander. Da wir heute noch auf die herrliche Wiederkunft Christi und auf die Erlösung der ganzen Welt aus dem Tod harren, so sind seine zweifelzerstreuenden Kraftworte auch für uns von großer Bedeutung. Er sagt den Korinthern: Ist die Auferstehung der Toten nichts, so ist auch Christus nicht auferstanden. Er rückt ihnen mächtig zu Leibe und sagt. Ihr zweifelt nur halb! Wollt ihr denn zweifeln, so zweifelt auch ganz und voll! Wenn unsere Toten, wie ihr meint, der Macht des Todes nicht entrückt sind und wenn sie, wie ihr wiederum meint, nicht sichtbar zurückkommen ins Leben, dann werft auch Christus weg, von dem ihr doch glaubt, daß Er sichtbar wiedergekommen sei. Entweder — oder! Wollt ihr’s von den Gläubigen nicht festhalten, daß sie herrliches Leben haben und erscheinen werden, dann laßt’s auch für den Heiland fahren. Warum für den einen glauben, was ihr für die anderen bezweifelt?
Das war für die Korinther eine erschreckende Folgerung, an die hatten sie nicht gedacht. Ja, das ist oft so beim Zweifel, er zieht die Folgerung nicht. Man zieht einen Punkt in Zweifel und läßt andere stehen und merkt nicht, daß es sich bei der göttlichen Offenbarung um einen wunderbaren Organismus handelt, bei dem, wenn man ein Glied amputiert, der ganze Körper verstümmelt ist. Ja, ist die Auferstehung der Toten nichts, dann ist Christi Auferstehung nichts! Weg dann mit allem! Der Apostel merkt der Korinther Entsetzen wohl. Nicht wahr, das könnt ihr nicht, den auferstandenen Heiland mit wegwerfen? Das konnten sie auch nicht, damit hätten sie den Apostel und sich selbst und ihr ganzes Glaubens- und Gemeindeleben mit weggeworfen. Sie sind sturmreif, und Paulus stürmt nun.
Ist Christus nicht auferstanden, sagt er, dann ist unsere Predigt vergeblich. Das ist sie aber nicht, denn sie hat sich an dem Gewissen der Korinther bezeugt, und diese haben sie angenommen. Die Predigt des Paulus hat sich an ihnen als innere Wahrheit bewiesen, darum sind sie ihr zugefallen. Gerade die Botschaft von dem nach Kreuz und Tod auferstandenen Gottessohn hat sie gewonnen. So sind sie denn Zeugen für den auferstandenen Christus. Sie fallen mit Ihm, wenn sie Ihn fallen lassen.
Und auch ihr Glaube fiele. Ist Christus nicht auferstanden, dann ist auch euer Glaube vergeblich oder eitel und leer. Das ist er aber nicht, sondern er ist voll göttlichen Lebens. Er hat sie doch aus dem heidnischen Sünden- und Eigenleben herausgenommen und ins göttliche Leben versetzt; ja, ihr Glaube ist in ihnen ein herrliches, neues Leben. Er ist nichts anderes als Christus in ihnen durch den Heiligen Geist. So ist ihr Glaube Zeugnis für den erstandenen und wahrhaftig lebenden Christus. Sie selber sind Zeugen: Christus ist wahrhaftig auferstanden.
Was würde doch auch mit dem Apostel selber werden, wenn Christus nicht wahrhaftig auferstanden wäre? Er wäre ja ein falscher Zeuge Gottes. Er würde Gott etwas andichten und den Korinthern ein Märlein aufbinden, wenn er sagte, Gott habe Christus auferweckt, wenn in Wirklichkeit Gott das nicht getan hätte. Paulus aber ein Märlein-Erfinder, ihr teurer Glaubensvater, das ist er nicht!
Und immer gewaltiger rückt ihnen Paulus zu Leibe. Ja, ihr lieben Korinther, nur einmal nachgedacht: Wenn die Toten nicht auferstehen, ist auch Christus nicht auferstanden, dann purzelt alles zusammen. Damit ist euer Glaube eitel, und ihr seid noch in euren Sünden. Der Tod ist der Sünde Sold; wo nun der Tod nicht aufgehoben ist, ist auch die Sünde nicht aufgehoben. Die Korinther sind aber doch so selig geworden in der Vergebung der Sünden im Blut Christi. Haben sie aber diese, so ist auch der Tod aufgehoben, denn wo keine Sünde ist, da ist auch kein Tod. Also ist der Tod für Christus weg und für Seine Gläubigen weg. Wer Vergebung der Sünden hat, der hat auch Leben und Herrlichkeit.
Aber nicht bloß die Lebenden wären fertig, wenn die Auferstehung nicht wäre, sondern auch die Toten. Die schon entschlafenen Korinther wären alle im Gerichtsverderben infolge der unvergebenen Sünden. Das aber können die Korinther von ihren heimgegangenen Geschwistern nun und nimmermehr glauben. Wie selig sind sie gestorben, und drüben sollten sie nun Getäuschte sein? Ausgeschlossen! Christus lebt in Herrlichkeit, und sie mit Ihm.
Dann aber, um aufs Höchste zu kommen: Der ganze Christenstand wäre ohne wahrhaftige Auferstehung das Elendeste, was es gäbe im Himmel und auf Erden, nicht mehr wert, als weggeworfen zu werden. Was haben wir denn in diesem Leben von Christus? Wohl viel: Friede und Freude im Heiligen Geist, aber doch auch der Leiden Christi viel. Was hatte allein der Apostel um Christi willen schon durchgemacht, auch die Korinther hatten schon ihr gut Teil Christenkreuz zu tragen gehabt. Und nun drüben neues Elend? Da wären fürwahr die Christen mit ihrem Verleugnungs- und Sterbensweg die elendesten unter allen Menschen. Die Gerechtigkeit verlangt es, daß sie auf dieser Erde, wo sie mit Christus gekreuzigt sind, auch herrlich gemacht werden. Es ist nicht anders möglich, Christus ist auferstanden, und die Seinen sind herrlich in Ihm und kommen herrlich mit Ihm. Alles, alles zeugt dafür. Ja, es steht so, entweder ist es wahr, Christus ist wiedergekommen und kommt wieder und die Seinen mit Ihm, oder das Christentum ist eine große Lüge und Täuschung. Weil es das aber gewißlich nicht ist, so bleibt’s: Die Auferstehung Christi und die der Seinen ist herrliche Wahrheit. Der Tod ist verschlungen in den Sieg!
Aber, sagt Paulus, warten müßt ihr. Die Aufhebung des Todes geht nach ganz bestimmten Ordnungen, wie alles in allen göttlichen Reichen. Christus selbst ist jetzt einmal der Erstling der Entschlafenen geworden. Wo aber ein Erstling ist, da ist darnach auch eine Ernte. Am Erstling sollen nun die andern glauben lernen und im Glauben Sein Erstlingsleben anziehen. Es gilt in Christo das große, wunderbare Gottgesetz: Gleichwie durch einen Menschen der Tod, so durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Gleichwie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden. Das sieht doch jedermann, daß in Adam alles stirbt. Wohlan, was zweifelst du, daß im menschgewordenen Sohne Gottes alles wird lebendig gemacht werden? Auf, der Tod ist verschlungen in den Sieg! Aber es geht alles in ewigen Ordnungen. Der Erstling ist Christus. Und Er wird der Einzige und Erste solange bleiben, bis die ganze Erstlingsgemeinde herausgeholt und herangebildet ist. Das geht aber durch der Menschen eigene, mannigfache Schuld viel langsamer, als es gehen könnte und sollte. Welche Umwege haben die Kirchen eingeschlagen, wie widerstanden oft die einzelnen. So sind wir heute mit der nächsten Ordnung noch nicht ganz fertig. Offenbar eilen wir ihrer Vollendung entgegen, aber es braucht immer noch Zeit. Doch so gewiß wie der Erstling Christus herauskam, so kommen darnach heraus in einer Erstauferstehung die, welche Christus angehören. Das wird geschehen in Seiner Wiederkunft.
Dann kann’s erst an die andern gehen. Da wird’s große Schwierigkeiten haben, die viele Äonen dauern. Da müssen erst widerstrebende Herrschaften, Obrigkeiten und Gewalten gebrochen und zerbrochen werden, also gewaltige innere und äußere Widerstände. Da muß zuerst alles zu den Füßen Jesu gelegt werden und alles Ihm untertan sein. Dazu wird gerade die Furchtbarkeit des andern Todes ein mächtiger Helfer sein. Erst nach dem Zerbruch alles Widerwärtigen und Gewalttätigen, wenn es endlich Jesu untertan wird, dann kann endgültig als allerletzter Feind zunichte gemacht werden: der Tod. Dann wird im Besitz aller Kreatur, die nun ins Leben eingegangen ist, der Sohn alles dem Vater übergeben, auf daß Gott sei alles in allem. Dann wird auch voll und ganz der Tod verschlungen sein in den Sieg. Welche Aussichten liegen hier vor uns. Ja, der Lebenssieg Christi ist ein völliger und ganzer, aber er braucht seine Zeiten. Wenn es bis zur Auferstehung Christi Jahrtausende gebraucht hat und bis zur Erscheinung der Gemeine der Gotteskinder und Erben wieder Jahrtausende, was wird’s brauchen, bis der letzte Feind aufgehoben werden kann! Aber geschehen wird’s. Darum rufen wir jetzt schon: Gott sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unsern HErrn Jesus Christus!
Du aber laufe in deiner Ordnung! Komm herein in die Erstlings-Ordnung der Gemeine. Laß allen Tod in dir Schritt für Schritt überwunden werden, daß du erscheinen kannst bei denen, die Christus angehören, welche die nächsten sein werden, die jubilieren: Der Tod ist verschlungen in den Sieg!
(27. März 1921)
(Quelle: “Zielklarer Glaubenslauf”; Verlag des Evangelischen Vereins für innere Mission Augsburgischen Bekenntnisses e. V.; Karlsruhe)


Jeden Sonntag ab 10:00 Uhr von der 